ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWege der HilfeHelmuth Figdor Möchte man die vielen psychologischen, sozialen und juristischen Aspekte elterlicher Scheidung bzw. Trennung in einem Satz zusammenfassen, so könnte man sagen: Die Scheidung/ Trennung ist für alle Beteiligten eine schwere Lebenskrise und zugleich eine große Chance: für die Erwachsenen eine Chance auf mehr Lebenszufriedenheit (alleine oder in einer neuen Partnerschaft) und für die Kinder die Chance auf bessere psychische Entwicklungsbedingungen (als in einem Konfliktmilieu). Von daher stellt sich für Eltern natürlich die Frage, was sie tun können, um diese Chance auch zu nutzen. Die folgenden "Empfehlungen" sind nicht als Handlungsanweisungen zu verstehen, sondern sollen Eltern darauf hinweisen, worauf es ankäme. Dabei muß betont werden, daß einige dieser Empfehlungen ohne professionelle Hilfe kaum umsetzbar sind, weil dafür pädagogisches oder psychologisches Spezialwissen über Kinder erforderlich ist (Erziehungsberatung, sozialpädagogische oder therapeutische Kindergruppen). Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum es Eltern oft schwer fällt, das Richtige für ihre Kinder zu tun: Sie selbst befinden sich in einer so schwierigen emotionalen Situation, daß sie zunächst einmal Hilfe für sich selbst benötigen, bevor sie in die Lage kommen, ihren Kindern die notwendige Unterstützung geben zu können. Im Anschluß an die Empfehlungen sind daher die häufigsten dieser emotionalen "Widerstände" benannt, in welchen sich wohl viele Eltern wieder finden werden. Um sie zu bewältigen, stehen Erziehungsberater/innen, Psychotherapeut/innen, Familien- und Lebensberater/innen, Familientherapeut/innen und Mediator/innen zur Verfügung. 1. Teil: Empfehlungen und HinweiseVor der Scheidung/Trennung1. Die Entscheidung für oder gegen eine Scheidung sollte unabhängig von den Kindern getroffen werden! (Unter "Scheidung" verstehe ich im Folgenden auch die - definitive - Trennung nicht verheirateter Eltern). Weder sollten Eltern nur der Kinder wegen zusammenbleiben, noch sollten sie die Zukunft ihrer Beziehung von den Wünschen der Kinder abhängig machen.
5. Die Haltung der "verantworteten Schuld" einnehmen. Darunter ist eine innere Einstellung zu verstehen, die sich etwa so ausdrücken ließe: "Ich konnte nicht anders bzw. weiß, daß meine/ unsere Entscheidung langfristig auch für dich das Beste ist (s. These 1). Aber ich weiß auch, daß ich dir jetzt großen Schmerz zugefügt habe und du ein Recht darauf hast, daß ich dir helfe. Diese Schuld kann ich ertragen, weil ich weiß, daß ich meine Entscheidung/ mein Einverständnis zur Trennung im Hinblick auf dein künftiges Lebensglück verantworten kann." Dann müssen sich die Eltern vor den Reaktionen der Kinder weniger fürchten und können auf sie eingehen, statt sie zu bekämpfen. Eine solche Haltung läßt sich freilich nicht "verordnen", müssen dazu doch oft von den Eltern große emotionale Widerstände überwunden werden (s. den 2. Teil). Erste Hilfe nach der Scheidung/Trennung6. Den Kindern die Angst, an der Scheidung schuld zu sein, nehmen! Fast alle Scheidungskinder haben Schuldgefühle, daß die Eltern sich ihretwegen trennten: weil sie zu schlimm, zu dumm, zu teuer sind u.v.a.m.7. Die Kinder aktiv in ihren Loyalitätskonflikten entlasten! Es ist wichtig, den Kindern immer wieder zu vermitteln, daß die Probleme, die zur Scheidung führten, aber auch die Auseinandersetzungen danach, Sache der Eltern sind, daß das Kind jedoch nach wie vor beide lieben darf und zu keinem von beiden halten muß (s. auch Empfehlung 16). 8. (Soweit wie möglich) Regression zulassen! Die meisten Kinder fallen aufgrund ihrer Ängste (s. Empfehlung 3) in ihrer Selbständigkeit, Frustrationstoleranz, ihren Bedürfnissen und/oder Leistungen vorübergehend auf eine frühere, schon überwundene Entwicklungsstufe zurück. Sie brauchen das, um psychisch gewissermaßen wieder aufrüsten zu können. 9. Den Kindern die Angst, den Vater (ganz) zu verlieren, nehmen! (Der sprachlichen Einfachheit halber bezeichne ich den "wegscheidenden" Elternteil als "Vater" und den Elternteil, bei dem die Kinder leben, als "Mutter"). Diese Forderung setzt natürlich voraus, daß der Vater den Kontakt zu den Kindern aufrechterhalten will bzw. dieser Kontakt für die Kinder nicht unmittelbar gefährlich ist (Alkoholismus, körperliche Gewalt, sexueller Mißbrauch). Eine fortgesetzte intensive, durch Loyalitätskonflikte möglichst unbelastete Beziehung zum Vater ist die wichtigste (wenn auch nicht einzige) Voraussetzung dafür, daß Kinder das Scheidungserlebnis gut verarbeiten und die Chance der Scheidung langfristig (ohne überwiegend negative Folgen) nutzen können.
10. Den Kindern die Angst nehmen, eventuell noch die Mutter zu verlieren! Die meisten Scheidungskinder sind auch in ihrer Beziehung zur Mutter erschüttert - das nicht zuletzt dadurch, daß die Gefühlsreaktionen der Kinder, vor allem ihre Wut und ihre regressiven Bedürfnisse, unweigerlich zu Streit und Auseinandersetzungen führen. Diese halten sich zwar in Grenzen, wenn die Mutter die Haltung der "verantworteten Schuld" (Empfehlung 5) einzunehmen vermag und Regression zulassen kann (Empfehlung 8), lassen sich dennoch nie ganz verhindern. Dann ist es wichtig,
12. Sich durch Symptome vor/ während/ nach den Besuchen des Kindes beim Vater nicht irritieren lassen! Weigerungen, Gereiztheit und Aggressionen rund um die Besuche sind normal. Das Kind braucht Zeit, um angstfrei und ohne Wut akzeptieren zu lernen, daß die Beziehungsaufnahme bzw. -wiederaufnahme zu einem Elternteil immer eine Trennung vom anderen erfordert. Keineswegs dürfen aufgrund solcher Symptome die Besuche eingeschränkt oder gar eingestellt werden. Vielmehr wären die Empfehlungen 6 (Schuldgefühle) und 7 (Loyalitätskonflikte) zu überprüfen. 13. Falls Kinder den Kontakt zum Vater strikt verweigern: Bis ca. 12 Jahre: Von der Besuchsregelung nicht abgehen! Mit Hilfe von Beratung nach Ursachen forschen (meist Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte, schwere Kränkung durch die Trennung des Vaters und/oder "ritterliche" Parteinahme für die Mutter, wenn diese als Opfer des Vaters erlebt wird). Ab ca. 13 Jahre: Ab der Pubertät sollten Besuchsarrangements nicht mehr ohne Mitbestimmung der Kinder erfolgen! 14. Empfehlung speziell für Mütter: Die Intensität der Beziehung zum Vater ist nicht nur für die langfristige seelische Entwicklung des Kindes wichtig (s. Empfehlung 9), sondern gewährleistet mittelfristig auch die Harmonie der Mutter-Kind-Beziehung. Je intensiver die Beziehung zum Vater, desto geringer werden mittelfristig (nach den ersten Monaten der schwierigen Umstellung) die Alltagsschwierigkeiten zwischen Kind und Mutter ausfallen. Denn je exklusiver eine Zweierbeziehung ist, je geringer die Möglichkeit des Kindes, zwischen zwei Elternteilen zu "pendeln", desto höher wird auf Dauer die emotionale Konfliktbelastung sein! 15. Als Mutter/Vater die eigene Krise anerkennen und sich helfen lassen! Kindern in seelischen Krisen zu helfen, ist schwer genug. Geschweige denn, wenn man sich selbst in einer emotionalen, aber auch (vor allem die Mütter) ökonomischen und sozialen Krise (z.B. Isolation) befindet. In solch einer Situation ist die Annahme, man "müsse es allein schaffen" unangebracht und gefährlich. Erziehungsberatung, Paar- oder Familienberatung, Mediation, Gruppen für die Kinder, eventuell auch therapeutische Unterstützung für sich selbst oder Paar- bzw. Familientherapie, sind angebracht und unbedingt zu empfehlen (Möglicherweise ist die überhaupt die wichtigste Empfehlung!). Empfehlungen für die weitere Zukunft16. Keinesfalls sollte auf neue Partnerschaften der Kinder zuliebe verzichtet werden! Neue Partnerschaften der geschiedenen Eltern gehören (neben der fortdauernden Beziehung zum Vater) zu den größten Chancen für die psychische Entwicklung von Scheidungskindern. Das gilt auch dann, wenn die Kinder neue Partner (zunächst) ablehnen. Wie die Scheidung (s. Empfehlung 1) sollten auch neue Partnerschaften unabhängig von den Kindern beschlossen werden.17. Auch wenn die Mutter (der Vater) eine neue Partnerschaft eingeht, das Kind also einen Stiefvater (Stiefmutter) erhält, darf die Beziehung des Kindes zum leiblichen Vater nicht beendet bzw. vermindert werden! Ein neuer Partner der Mutter - so bedeutsam er für die Kinder sein mag - ändert nichts an der Wichtigkeit der Beziehung des Kindes zu seinem leiblichen Vater. Das gilt auch dann, wenn die Kinder den neuen Partner akzeptiert haben und mögen.
2. Teil: Emotionale Widerstände bzw. Probleme von Eltern und deren BewältigungDas größte Problem besteht darin, daß die vorgenannten Empfehlungen nicht nur eine Sache des Wissens oder Wollens geschiedener Eltern sind, sondern daß ihrer Befolgung zumeist gravierende emotionale Probleme der Eltern entgegenstehen. Die häufigsten Widerstände und deren Bewältigung seien nachstehend (in Thesenform) genannt:1. Die Schuldgefühle angesichts des Leids der Kinder auszuhalten (Vgl. auch 1. Teil, Empfehlungen 1, 3 und vor allem 5). 2. Die Wut auf den Ex-Partner insofern aushalten, als man nicht versucht, das Kind auf die eigene Seite zu ziehen. Wird der Ex-Partner abgewertet und schwer beschuldigt, fällt es dem Kind nicht nur schwer, beide weiter zu lieben (s. 1. Teil, Empfehlung 7); da das Selbstgefühl des Kindes zu einem großen Teil aus unbewußt verinnerlichten Anteilen beider Eltern besteht, wird auf diese Weise auch das Selbst- und Identitätsgefühl des Kindes zerstückelt. Eine Hilfe gegen die (natürliche) Tendenz, das Kind für sich einzunehmen, ist, wenn die Eltern sich sozial nicht abkapseln und somit psychisch weniger auf die Kinder (bzw. deren einseitige Loyalität) angewiesen sind. 3. Die Enttäuschung und Wut aushalten, daß die Kinder den Partner, der mir so viel Leid angetan hat, dennoch weiter lieben und bewundern. Dabei kann helfen, sich zu vergegenwärtigen, daß die Kinder jene Erfahrungen, die mein Bild vom Partner so veränderten, nicht machten. Vor allem aber hilft es, sich der Geschichte der Beziehung zu erinnern - nicht zu verleugnen, daß man diesen Menschen auch einmal liebte und dass er/sie nicht nur aus seinen/ihren schlechten Eigenschaften besteht. 4. Für Väter: Die (reale und unvermeidliche) Einbuße an Macht und Einfluß auf die Kinder (aber auch auf die Ex-Frau) hinzunehmen! 5. Für Mütter: Sich von der Idee verabschieden, den Ex-Mann aus dem eigenen Leben für immer verbannen zu können! Sei es, daß diese Hoffnung an der finanziellen Abhängigkeit scheitert, sei es, daß der Ex-Mann für immer in der Gestalt der eigenen Kinder präsent bleiben wird - und zwar körperlich als auch durch das Bedürfnis bzw. den Anspruch der Kinder auf die Weiterführung der Beziehung zu ihm. 6. Auf die fortwährende Bedeutung, die ich (als Vater oder Mutter) für das Kind habe und auf dessen fortwährende Liebe zu mir vertrauen zu können.
In diesem Paradoxon liegt die eigentliche Gefahr der Scheidung/ Trennung für die Kinder. Und in einer solchen Situation ist den Kindern für ihren künftigen Lebensweg am meisten geholfen, wenn Eltern professionelle Hilfe (in Form von Erziehungsberatung oder Familienberatung) in Anspruch nehmen. Weiterführende Literatur
Figdor, H. (1991): Kinder aus geschiedenen Ehen. Zwischen Trauma und Hoffnung. Mainz: Grünewald, 7. Aufl. 2001 (derzeit vergriffen. Eine Neuauflage erscheint 2004 im Psychosozial-Verlag) Autor
Dr. phil. Helmuth Figdor ist Universitätsdozent am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Wien, Psychoanalytiker, Kinderpsychotherapeut und Erziehungsberater in freier Praxis, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (APP) (http://www.app-wien.at) sowie Lehrbeauftragter für Pädagogik an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien. Adresse
Univ. Doz. Dr. Helmuth Figdor | ||
Letzte Änderung: 09.07.2003 16:41:48 |