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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Plötzlich alleinerziehend - wie schaffe ich das?

Veronika Hammer


Bundesweit sind derzeit ungefähr 82% aller Alleinerziehenden Frauen. Alleinerziehende Mütter geraten mit dem Eintreten des Alleinerziehendseins - sei es durch Schwangerschaft ohne Ehe oder ohne feste Partnerschaft, durch Trennung vom Partner, durch Verwitwung oder durch andere Gründe - in einen komplizierten Prozess des Statusübergangs. Um diese Lebenslage meistern zu können, sind vielfältige Aspekte von Bedeutung, welche sich an dieser Stelle freilich nicht in gebührendem Umfang darstellen lassen. Die multidimensionalen Bedingungs- und Bedeutungszusammenhänge werden in der wissenschaftlichen Literatur genauer analysiert (siehe meinen Beitrag "Familienform: 'Alleinerziehend'").

Für alleinerziehende Frauen soll auf dieser Seite ganz bewusst kurz, praxisnah und daher stichpunktartig der Versuch unternommen werden, konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen (Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn Sie noch weitere Anregungen haben, können Sie diese gerne an mich weiterleiten.):
  • Machen Sie sich bewusst, dass die Lebensform "Alleinerziehend" oder "Ein-Eltern-Familie" eine Lebensform von vielen ist. Sie ist nicht schlechter und nicht besser.
  • Sehen Sie die Vorteile Ihrer Situation. Das Leben kann z.B. mehr Unabhängigkeit und Selbständigkeit mit sich bringen, als dies zuvor der Fall war.
  • Gehen Sie in kleinen Schritten vor, aber analysieren Sie Ihre Lebenslage:
    • Haushaltseinkommen und Versorgung,
    • Kinderbetreuungsnetzwerk,
    • Bildungs- und Berufssituation,
    • Kontakte und Kooperationslage,
    • Erholungsmöglichkeiten, Schutz, Geborgenheit, Balance,
    • Beteiligung und Aktivitäten im Leben,
    • Rolle als Hauptversorgerin und Mutter,
    • Sozialbindungen.
  • Nutzen Sie das Angebot der Beratungsstellen in Ihrer Region oder in Ihrer Stadt. Zum Beispiel kann Ihnen ein Gespräch in einer Gleichstellungsstelle einen guten Einstieg verschaffen, das Netzwerk von Beratungsstellen kennen zu lernen. Rufen Sie dort an und machen Sie einen Gesprächstermin aus. Die Telefonnummern erfahren Sie über Ihre Stadtverwaltungen, Landratsämter oder die Telefonauskunft. Auch die Bundes- und Landesverbände Alleinerziehender sind kompetente Ansprechpartner: VAMV (Verband allein erziehender Mütter und Väter) und SHIA (Selbsthilfeinitiative Alleinerziehender).
  • Nehmen Sie Internet-Angebote in Anspruch. Beispielsweise finden Sie unter http://www.AmiKio.de eine Web-Site für Alleinerziehende, über die Sie schnell und unkompliziert Kontakt zu "Gleichgestellten" aufnehmen können. Veranstaltet werden auch Treffs und gemeinsame Urlaube.
  • Wenn Sie zu den allein erziehenden Frauen gehören, die sich in besonderen Risikosituationen befinden, wie z.B. bei Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfebezug, machen Sie sich Ihre Lage bewusst. Betrachten Sie diese Zeit als Phase, aus der Sie wieder herauskommen möchten und können. Mobilisieren Sie Ihre Stärken - dies können Durchsetzungsvermögen und Verhandlungsgeschick sein, aber auch Aussehen, Herzlichkeit, Fröhlichkeit etc. - Finden Sie Ihre Stärken heraus und machen Sie von ihnen Gebrauch. Nutzen Sie Ihre persönlichen Kontakte oder gehen Sie zu Institutionen und Ämtern, die Ihnen weiterhelfen können - auch wenn Sie inzwischen eine Abneigung dagegen entwickelt haben, aus welchen Gründen auch immer. Bewerben Sie sich gezielt und mit einer guten Bewerbungsmappe.
  • Suchen Sie sich eine Arbeitsstelle nach Ihren Bedingungen. Lassen Sie sich auch hier nicht die Butter vom Brot nehmen und suchen Sie in Zeitungen, durch persönliche Gespräche, durch Praktika, via Arbeitsämter etc. Bleiben Sie hartnäckig. Machen Sie gegebenenfalls eine berufliche Weiterbildung, wenn Sie Ihr Berufsprofil und Ihre (Wiedereinstiegs-)Chancen verbessern wollen. Es geht neben befriedigender beruflicher Betätigung um Ihre Absicherung, auch für das Alter.
  • Seien Sie Ihre eigene Expertin, aber lassen Sie sich auch helfen. Sie können viel alleine schaffen und wissen am allerbesten über Ihre Situation Bescheid. Dennoch ist es wichtig, dass Sie auf andere zugehen und sie um Rat bitten. Lernen Sie auch, Hilfen und Angebote anzunehmen.
  • Lassen Sie sich vor allem nicht unterkriegen. Selbst nach einem unbefriedigenden Gespräch ist es gut, neue Kontakte zu planen. Pflegen Sie Freundschaften. Sprechen Sie über Vorurteile. Reden Sie über Ihre Erziehungsprobleme und über die Erziehungsprobleme von Zwei-Eltern-Familien.
  • Nehmen Sie Trauer und Ängste bei sich und bei Ihren Kindern an. Indem Sie diese Gefühle über einen gewissen Zeitraum zulassen, haben Sie die Chance, diese Phase zu durchleben und zu überwinden. Suchen Sie sich hierfür geeignete Ansprechpartner wie Freundinnen oder Freunde und Verwandte, aber durchaus auch Beratungsstellen oder Ärztinnen/ Ärzte Ihres Vertrauens.
  • Fördern Sie die Selbständigkeit Ihrer Kinder. Sorgen Sie für ausreichend Kontaktmöglichkeiten zu weiblichen und männlichen Bezugspersonen. Leiten Sie Kontakte zum leiblichen Vater des Kindes in die Wege, aber lassen Sie die beiden ihre Beziehung selbst regeln. Es wird sich herausstellen, ob die Beziehung zum Vater verlässlich ist oder ob es besser ist, wenn kein Kontakt aufrechterhalten wird.
  • Gönnen Sie sich bewusst Pausen. Finden Sie für sich geeignete Entspannungsübungen heraus. Nutzen Sie die Angebote der Sportvereine, Volkshochschulen oder Krankenkassen zu Yoga, autogenem Training, Muskelentspannung usw. Nehmen Sie z.B. Mütter-Kind-Kuren in Anspruch und beantragen Sie mögliche Zuschüsse. Lassen Sie sich auch in diesem Bereich gut und umfassend beraten.
  • Haben Sie keine Scheu vor Ratgeberliteratur und wissenschaftlichen Studien. Daraus können Sie u.U. sehr viel erfahren. Manchmal reicht schon ein kleiner Hinweis, um neue Impulse zu erhalten. In Buchhandlungen können Sie die im Folgenden aufgeführten Broschüren und Bücher bestellen.

Ratgeberliteratur

Schewe, Carola (1999): Alleinerziehend - na und? Rat und Hilfe für den Alltag, Erziehung und seelische Krisen. Ratgeber Leben - Familie. München: Gräfe und Unzer Verlag.

VAMV (2001): Allein erziehend. Tipps und Informationen. Hrsg. Vom Verband allein erziehender Mütter und Väter e.V. Ulm: Ebner. Email: kontakt@vamv-bundesverband.de


Wissenschaftliche Literatur

Ergänzend zur Literaturliste am Ende meines Beitrags "Familienform: 'Alleinerziehend'":

Brand, Dagmar (2002): Weibliche Lebenslagen und Biographien: Alleinerziehende. In: Hammer, Veronika/ Lutz, Ronald (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt, S. 173-191

Czock, Heidrun/ Thünte, Petra (2000): Hilfen für allein erziehende Frauen in Problemsituationen. Band 144. Schriftenreihe des BMFSFJ. Stuttgart

Drauschke, Petra/ Stolzenburg, M. (1995): Alleinerziehen, eine Lust? Chancen und Risiken für Ostberliner Frauen nach der Wende. Pfaffenweiler

Enders-Dragässer, Uta (2002): "Allein erziehen" als weibliche Lebenslage. In: Hammer, Veronika (Hrsg.): Alleinerziehende - Stärken und Probleme. Impulse für eine handlungsorientierte Forschung. Münster, S. 108-122

Gutschmidt, Gunhild (1986): Kind und Beruf. Alltag allein erziehender Mütter. Weinheim

Hammer, Veronika (2002): Eingeschränkte Möglichkeitsräume allein erziehender Frauen - Inspirationen gegen eine Kultur der Ausgrenzung. In: Hammer, Veronika/ Lutz, Ronald (Hrsg.): Weibliche Lebenslagen und soziale Benachteiligung. Theoretische Ansätze und empirische Beispiele. Frankfurt, S. 150-172

Hammer, Veronika (2001): Qualifizierung allein erziehender Frauen für den Ersten Arbeitsmarkt. Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit, Heft 9/2001, S. 336-340

Heiliger, Anita (1993): Alleinerziehen als Befreiung. Mutter-Kind-Familien als positive Sozialisationsform und als gesellschaftliche Chance. Pfaffenweiler

Jesse, Anja (2000): Wohlbefinden von Frauen in alternativen Familienformen. Ein Vergleich von alleinerziehenden Frauen, Müttern aus Zweielternfamilien und Frauen aus Stieffamilien. Landau

Mädje, E./ Neusüß, C. (1996): Frauen im Sozialstaat: Zur Lebenssituation alleinerziehender Sozialhilfeempfängerinnen. Frankfurt

Napp-Peters, Anneke (1987): Ein-Elternteil-Familien. Soziale Randgruppe oder neues familiales Selbstverständnis? Weinheim

Schöningh, Insa/ Aslanidis, Monika/ Faubel-Diekmann, Silke (1991): Alleinerziehende Frauen. Zwischen Lebenskrise und neuem Selbstverständnis. Opladen


Autorin

Prof. Dr. Veronika Hammer, Dipl.-Sozialpädagogin, Dipl.-Soziologin
Hochschule für angewandte Wissenschaften - Fachhochschule Coburg
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Friedrich-Streib-Str. 2
D-96450 Coburg
Internet: http://www.hs-coburg.de/hammerve
Email: veronika.hammer@hs-coburg.de


Letzte Änderung: 26.02.2009 11:27:35Zum Seitenanfang