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Was sind Lernschwierigkeiten?Wer wüsste nicht, dass alle an der Schule beteiligten Personen immer wieder mit den unterschiedlichsten Schwierigkeiten zu kämpfen haben:
Lernschwierigkeiten können prinzipiell in jedem Fach, Lernbereich oder Stoffgebiet auftreten. Am bekanntesten und für die Schullaufbahn des betroffenen Kindes am bedeutendsten sind jedoch extreme Lernschwierigkeiten in folgenden Fächern:
Empirische Ergebnisse zu LernschwierigkeitenDie im folgenden berichteten empirischen Ergebnisse wurden aus Daten berechnet, die im Rahmen der Forschungsprojekte SABA (Schulische Adaptation und Bildungsaspiration) und SABA Plus unter der Leitung von Valtin und Würscher erhoben wurden. Mit SABA wurde eine 1994 begonnene Längsschnittuntersuchung im 5. und 6. Schuljahr fortgesetzt. Untersucht wurden 41 Grundschulklassen aus verschiedenen Berliner Bezirken u.a. mit der Zielstellung, die schulische Entwicklung von Schülerinnen und Schülern in bezug auf Schulleistung und schulbezogene Persönlichkeitsmerkmale zu beschreiben (Valtin 1999, S. 112). Die Aussagen beziehen sich auf eine Stichprobe von etwa 300 Schülerinnen und Schülern aus Berlin, die im Frühjahr 1999 die sechste Klasse besuchten.Da die oben genannte Definition von Lernschwierigkeiten für eine empirische Untersuchung ungeeignet ist, betrachte ich im folgenden vereinfachend solche Kinder, deren Note in Deutsch, Englisch oder Mathematik 1,5 Standardabweichungen unter dem Mittelwert ihrer Klasse liegt. Nach dieser Definition haben insgesamt 12 % der Kinder Lernschwierigkeiten, jeweils ca. 6 % in Deutsch, in Englisch bzw. in Mathematik. Diese Zahl (6 %) geben z.B. auch Lorenz und Radatz (1993, S. 15) für die Rechenschwäche an. Dass sich Lernschwierigkeiten nicht nur in schlechten Zensuren äußern, sondern auch zu schlechteren Ergebnissen in Schulleistungstests führen, erwartet man. Sie haben aber auch negative Auswirkungen auf die Lernfreude, die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und die empfundene Schwierigkeit der Aufgaben. Und natürlich wirken sie sich auch auf die weitere Schullaufbahn der betroffenen Kinder aus: Die befragten Kinder mit Lernschwierigkeiten streben häufiger als andere einen Haupt- oder Realschulabschluss an und bekommen deutlich häufiger nur eine Empfehlung für die Hauptschule. Ihre schulischen Misserfolge führen die Kinder mit Lernschwierigkeiten häufiger als andere darauf zurück, dass sie unkonzentriert sind, ein schlechtes Gedächtnis haben und nicht so begabt sind. Da das vor allem Gründe sind, die sich vom Kind selbst kaum beeinflussen lassen, hat dies negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl der Betroffenen. Die befragten Kinder mit Lernschwierigkeiten geben demzufolge in der Untersuchung auch häufiger als andere an, oft unglücklich zu sein, nichts zu taugen, bei den Klassenkameraden nicht anzukommen, ein Außenseiter und ein Versager zu sein und ein anderer sein zu wollen. Außerdem sind sie häufiger der Meinung, von den Lehrerinnen und Lehrern nicht gerecht behandelt zu werden. Sie geben häufiger an, dass nur wenige Lehrkräfte Spaß verstehen, dass viele sie wie kleine Kinder behandeln und alle ihre Lehrerinnen und Lehrer glauben, Pünktlichkeit und Ordnung sei das Wichtigste. Sie sehen aber auch, dass viele Lehrkräfte Verständnis für ihre persönlichen Probleme haben. Wenn es um die Einschätzung der eigenen Klasse geht, geben die Kinder mit Lernschwierigkeiten der untersuchten Stichprobe häufiger als andere an, dass in ihrer Klasse jeder nur auf seinen eigenen Vorteil sieht, wenn es um die Noten geht. Trotzdem schätzen sie den Zusammenhalt der Klasse positiver ein. Sie geben auch häufiger an, dass die anderen Kinder helfen, wenn jemand aus der Klasse Hilfe braucht, und dass sich viele aus der Klasse darum kümmern, wenn andere Probleme haben. Diese Einschätzung kann daher kommen, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten sowohl von ihren Lehrkräften als auch von ihren Mitschülern vor allem Verständnis für ihre persönlichen Probleme und mitfühlende Anteilnahme erfahren, was jedoch ihre Rolle als "Problemkind" eher verstärkt. Wichtiger wäre eine kompetente fachliche Förderung, die dem betroffenen Kind hilft, seine Schwierigkeiten zu überwinden. Exemplarische Darstellung eines EinzelfallsOliver, der Junge, von dem ich im folgenden berichten möchte (vgl. Thiel 2001, S. 17), war neun Jahre alt und besuchte die dritte Klasse, als er beim PAETEC Institut für Lerntherapie in Berlin-Treptow vorgestellt wurde. Er war körperlich und geistig normal entwickelt, hatte jedoch extreme Lernschwierigkeiten im Mathematikunterricht. Bei einer Diagnose wurde festgestellt, dass ihm wichtige Lernvoraussetzungen fehlten:
So lange das Auswendiglernen noch half, ging es in der Schule noch recht gut. Und wenn ihm zu Hause geholfen wurde, hatte Oliver auch die Hausaufgaben richtig. Deshalb hatte die Lehrerin manchmal den Eindruck, Oliver wolle sie ärgern und sage absichtlich ein falsches Ergebnis, obwohl er es verstanden hatte. Die Lehrerin gab sich trotzdem große Mühe. Oliver brauchte offenbar besondere Förderung. Also wurde er besonders oft aufgerufen, musste den Förderunterricht besuchen und bekam spezielle Übungsaufgaben für zu Hause. Oliver fasste diese gut gemeinten Maßnahmen als Bestrafung auf. Er dachte sicherlich: "Die weiß doch genau, dass ich das nicht kann. Die will mich bloß quälen." Damit war Oliver in einen pädagogischen Teufelskreis (Breuninger 1999, S. 64) geraten: Mangelnde Beachtung von Lernvoraussetzungen, Fehleinschätzung von Defiziten und in manchen Fällen auch ungenügende fachdidaktische Sachkompetenz führen zu falscher Förderung, Leistungsabfall und immer wiederkehrenden Misserfolgen, die gegenseitiges Misstrauen und Vorurteile hervorrufen. In der Grundschule vergeht in der Regel kaum ein Tag ohne Rechenübungen. So war Oliver immer wieder Misserfolgserlebnissen ausgesetzt. Er reagierte mit Provokationen und versuchte als Klassenkasper die Anerkennung zu bekommen, die ihm im Leistungsbereich versagt blieb. Andere Kinder reagieren mit Rückzug und Hemmungen. Beide Verhaltensweisen stellen für das betroffene Kind Kompensationen seiner Misserfolge dar. Das verständliche Verhalten wiederum, das Lehrer, Eltern und Mitschüler dann als Reaktion darauf zeigen, wird vom betroffenen Kind als Druck oder Strafe interpretiert und löst neue Kompensationen auf Seiten des Kindes und neue Repressionen auf Seiten der Erwachsenen aus. Es entsteht ein sozialer Teufelskreis (Breuninger 1999, S. 64). Oliver hätte am liebsten alles gemieden, was mit Rechnen zu tun hat. Aber er wusste genau, dass das nicht ging. Sogar zu Hause drohten Streit und Strafen (bis hin zu Schlägen). Oliver war in einem Konflikt, aus dem es irgendwie zu fliehen galt. Einige Kinder laufen in einer solchen Situation tatsächlich weg, andere werden krank oder flüchten sich in Tagträume. Aber dies sind nur vermeintliche Lösungen, da sie im Schulalltag weitere Probleme nach sich ziehen. Es gibt einen Stoffplan, der bewältigt werden muss. Wenn ein Kind den Umgang mit Zahlen meidet, bleibt es zwangsläufig hinter den anderen zurück. Weil in der Mathematik eines auf das andere aufbaut, entstehen Lücken, die mit der Zeit immer größer werden (vgl. Betz/Breuninger 1982, S. 15f). Zu dem pädagogischen und dem sozialen ist ein innerpsychischer Teufelskreis (Breuninger 1999, S. 65) hinzugekommen: Mangelnde Motivation, schlechtes Arbeitsverhalten, Angst, Stress und Blockierung hindern das Kind am Lernen und Leisten. Wenn nicht eingegriffen worden wäre, hätte sich Oliver irgendwann mit seinen dauernden Misserfolgen abgefunden. Er hätte nur noch Misserfolge erwartet. Erfolge hätte er nur noch dem Zufall zugeschrieben. Doch Oliver hatte Glück. Er bekam eine integrative Lerntherapie (vgl. Schulz 2001, S. 34f) beim PAETEC Institut für Lerntherapie. Eine integrative Lerntherapie ist eine ganzheitliche Entwicklungsförderung, bei der Familie und Schule des Kindes mit einbezogen werden. Schwerpunkt einer integrativen Lerntherapie bildet die Arbeit an den fachlichen Inhalten, mit denen das Kind Schwierigkeiten hat. Zuvor und begleitend müssen jedoch auch die fehlenden Lernvoraussetzungen des Kindes entwickelt und Selbstwertgefühl und Motivation wieder aufgebaut werden. Mit dieser Therapie, deren Kosten vom Jugendamt übernommen wurden, konnten die entstandenen Teufelskreise durchbrochen werden. Oliver erfuhr mit fortschreitender Sicherheit im Rechnen, dass die Schwierigkeiten doch nicht an ihm lagen. Dies wirkte sich nicht nur positiv auf seine Leistungen im Mathematikunterricht sondern auch auf sein Selbstwertgefühl aus. So konnte Oliver nicht nur seine Lernschwierigkeiten überwinden, sondern brauchte auch seine Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr zu zeigen. SchlussfolgerungenLernschwierigkeiten entstehen in der Schule, so dass ihnen dort auch als erstes begegnet werden muss. Dabei ist die beste Hilfe eine schulische Prävention. Insbesondere müssen die diagnostischen Fähigkeiten der Lehrkräfte verbessert werden. Dazu gehört z. B. das Wissen um zentrale Hürden im jeweiligen Lernprozess, aber auch das Bewusstsein, dass die Ursachen der Probleme nicht nur beim Kind, sondern durchaus auch im außerschulischen und im schulischen Umfeld liegen - bis hin zum eigenen Unterricht. Hier ist insbesondere die Lehrerausbildung gefordert. Kein Lehramtsanwärter sollte die Universität verlassen dürfen, ohne sich intensiv mit dem Thema "Ursachen und Erscheinungsformen gelingender und misslingender Lernprozesse" (vgl. Schipper 2002, S. 51) in seinem jeweiligen Fach beschäftigt zu haben. Aber auch die Initiative älterer Lehrkräfte ist nötig. Lehrerinnen und Lehrer, die den Eindruck haben, auf den Umgang mit Lernschwierigkeiten nicht richtig vorbereitet zu sein, sollten sich um entsprechende Fortbildungen bemühen. In vielen Fällen könnte durch mehr Rücksichtnahme auf individuelle Lernvoraussetzungen und durch individualisierten Unterricht der Entstehung von extremen Lernschwierigkeiten vorgebeugt werden. Und je früher sich anbahnende Lernschwierigkeiten von kompetenten Lehrkräften erkannt werden, desto einfacher ist es gegenzusteuern und die Entstehung von Teufelskreisen zu verhindern.Trotz aller guten Bemühungen kann jedoch immer einmal eine verfahrene Situation entstehen. Oft lassen die Rahmenbedingungen schulischen Lernens es nicht zu, die Lernvoraussetzungen eines jeden Kindes angemessen zu berücksichtigen. Keine Lehrerin wird einen Schüler bewusst quälen wollen. Aber es gibt immer wieder Schüler, die das so empfinden. Für die Lehrerin ist es dann wichtig, nicht "verletzt" zu sein, sondern zu versuchen, die Hintergründe zu verstehen. Das Teufelskreismodell von Betz und Breuninger (1982) ist sehr hilfreich, um die Mechanismen zu durchschauen, die zu einer solchen Situation führen, ohne jemandem die Schuld hierfür zu geben. In einem solchen Fall sollten weder Lehrkräfte noch Eltern scheuen, Experten von außerhalb einzuschalten. Denn aus eigener Kraft ist es oft nicht möglich, einen einmal entstandenen Teufelskreis wieder zu durchbrechen. Der Schulpsychologische Dienst ist hier der erste Ansprechpartner. Wird bei Lernschwierigkeiten Hilfe außerhalb der Schule gesucht, so ist es wichtig, dass dies kompetente Hilfe ist. Einem Kind, das sich wegen andauernder schulischer Misserfolge für einen Versager hält, hilft es nicht dauerhaft, wenn nur sein Selbstwertgefühl gestärkt wird (nach dem Motto: "Ich kann immer noch nicht richtig rechnen, aber ich fühle mich gut dabei."). Lernschwierigkeiten in einem Fach lassen sich nur überwinden, wenn mit dem Kind intensiv an den grundlegenden Inhalten des Faches gearbeitet wird. Eine solche Arbeit hat Erfolg, wenn die individuellen Lernvoraussetzungen des Kindes berücksichtigt und entwickelt werden. Dies leistet eine integrative Lerntherapie, deren Ziel es ist, den Anschluss des Kindes an den Regelunterricht wieder herzustellen und die belastenden emotionalen und sozialen Begleitsymptome zu überwinden (Schulz 2001, S. 34). Hier muss jedoch vor "Schwarzen Schafen" bei den Anbietern solcher Therapien gewarnt werden. Derzeit darf sich in Deutschland noch jeder unabhängig von seinem Ausbildungsstand selbst zum Lerntherapeuten ernennen. Dies ist sicher mit ein Grund dafür, dass die Ursachen für Lernschwierigkeiten oft allein beim Kind gesucht werden und Ursachenzuschreibungen erfolgen, die wissenschaftlich klingen (z.B. "Teilleistungsstörungen", "kortikale Assoziationsdefizite", "linkshirniges Denken"), deren Art der Feststellung aber häufig im Dunklen bleibt, so dass die Diagnose selbst kaum überprüft werden kann (Schipper 2002, S. 51). Hier schließe ich mich der Forderung von Schipper (a.a.O.) nach einem "Therapeuten-TÜV" an, der auch im Sinne seriöser Anbieter von Lerntherapien sein dürfte. Gesetzliche Grundlagen für integrative LerntherapienHaben sich bei einem Kind extreme Lernschwierigkeiten herausgebildet, so braucht das Kind Hilfe. Solche Schwierigkeiten verschwinden nicht von selbst. Auch Nachhilfe ist in vielen Fällen dann nicht mehr ausreichend. Der Umgang mit extremen Lernschwierigkeiten, wie Rechenschwäche oder Lese-Rechtschreib-Schwäche, ist jedoch in den einzelnen Bundesländern verschieden geregelt.Oft müssen die Eltern die Kosten für eine integrative Lerntherapie selbst tragen. Zunehmend gibt es jedoch die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung vom Jugendamt zu erhalten. Die gesetzliche Grundlage hierfür bietet das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG; SGB VIII). Dabei kommen zwei Wege in Frage: Nach § 27 des KJHG haben die Eltern eines Kindes oder Jugendlichen einen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung, wenn "eine dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist" (Absatz (1)). Diese Hilfe umfasst insbesondere "die Gewährung pädagogischer und damit verbundener therapeutischer Leistungen" (Absatz (3)). Eine Kostenübernahme nach § 35a des KJHG ist möglich, wenn das Kind durch seine Lernschwierigkeiten stark psychisch belastet ist und sich dies in deutlichen psychosomatischen Erscheinungen äußert. Dies muss in der Regel von einem Arzt oder Psychologen bescheinigt werden. Ein Rechtsanspruch auf die Übernahme der Kosten einer integrativen Lerntherapie durch das Jugendamt entsteht, wenn festgestellt wird, dass das Kind von einer seelischen Behinderung bedroht ist, falls nichts gegen die Lernschwierigkeiten getan wird. Rat und Hilfe finden Eltern betroffener Kinder bei der Schulberatung, beim Schulpsychologischen Dienst, beim Jugendamt und in vielen Regionen auch bei Vereinen und Elterninitiativen. Immer häufiger gibt es an den Schulen auch speziell ausgebildete Beratungslehrer für Lernschwierigkeiten (insbesondere für Legasthenie und Dyskalkulie). Literatur
Betz, D./Breuninger, H.: Teufelskreis Lernstörungen. Analyse und Therapie einer schulischen Störung. München, Wien, Baltimore 1982 Autor
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Letzte Änderung: 14.02.2005 09:23:41 |