ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜSind Noten wirklich nötig?Hans Brügelmann Für die Kultusminister scheint die Antwort eindeutig. Jedenfalls engen sie den notenfreien Raum in der Grundschule zunehmend wieder ein. Dies zeigen die Rücknahme der Schulversuche bis Klasse 4 in Nordrhein-Westfalen, der neue Trend zu Kopfnoten, die Beschränkung der Entwicklungsberichte auf Klasse 1 in Hessen... Aber: Als Lernbilanz sind Ziffernnoten durch viele Untersuchungen in Frage gestellt worden. Zahlen garantieren keine Objektivität:
Auch die Sorge, ohne Noten würden sich Kinder nicht anstrengen, hat sich in verschiedenen Untersuchungen erledigt. Verbale Beurteilungen sind nicht objektiver als Noten. Aber sie suggerieren diesen Anspruch auch nicht. Und sie können sichtbar machen, wo die Stärken und Schwächen eines Kindes im bewerteten Bereich liegen, unter welchen Bedingungen sie zustande gekommen sind und welche Fortschritte auch hinter schwächeren Leistungen stecken. Leider nutzen nicht alle Verbalgutachten die Möglichkeiten einer differenzierten Beurteilung. Aber das allein erklärt noch nicht, warum viele "Abnehmer" immer noch Vorbehalte gegen diese Form des Zeugnisses haben. Der Grund liegt tiefer und ist ernst zu nehmen. Eltern beispielsweise wollen nicht nur wissen, was ein Kind geleistet hat, sondern auch, was es leisten wird. Vor allem fehlt ihnen ein klares Prognosekriterium für den Übergang zum Sekundarbereich. Dafür reicht ein nur rückblickender Entwicklungsbericht nicht aus. Sind also in dieser Funktion Noten doch nötig? Ein kleines Gedankenexperiment: Wenn Sie an Ihrer Schule die Auswahl aus den fünfzig eingegangenen Bewerbungen für eine Stelle selbst treffen könnten - wonach würden Sie sich richten: nach der Empfehlung eines befreundeten Seminarleiters, nach der Note des Examens, nach dem persönlichen Eindruck bei einem Vorstellungsgespräch...? Kolleginnen, die ich gefragt habe, fanden eine negative Grobauswahl nach Noten durchaus sinnvoll, aber allein nach dem Rang im Notendurchschnitt wollte niemand die Einstellung vornehmen. Auch für Betriebe sind Schulnoten nur ein Kriterium unter anderen. Überdies zeigen Studien zur Prognosekraft von Noten: Von Schuljahr zu Schuljahr lässt sich die Rangfolge der Schülerinnen und Schüler noch recht gut vorhersagen, schwieriger wird es über mehrere Schuljahre hinweg, von einem Fach zu einem anderen, über verschiedene Schulen oder gar über die Schulzeit hinaus. Ganz schwierig ist die Vorhersage des Ausbildungs- und Berufserfolgs: Bereits nach wenigen Jahren tendieren die Korrelationen zu Examensnoten gegen null. Es ist unser mechanistisches Denken, das uns in die Irre führt. Schon die Gesundheit lässt sich nicht auf physische Prozesse reduzieren, um wieviel geringer ist die Berechenbarkeit oder gar Steuerbarkeit psychischer Entwicklungen. Was aber ist die Alternative? Ein Wettbewerbssystem mit knappen Plätzen kommt ohne Beurteilung des Entwicklungspotentials von Bewerberinnen und Bewerbern nicht aus. Sinnvoll sind solche Einschätzungen aber nur, wenn kenntlich gemacht wird, unter welchen Vorbehalten sie stehen:
Darum brauchen wir auch in prognostischer Perspektive Entwicklungsberichte - und ein Schulsystem, das jungen Menschen Entwicklung zugesteht und deshalb Entscheidungen revidierbar hält. Denn erwartungswidrige Lebenswege sind der Normalfall - nicht die Ausnahme! Literatur
Bartnitzky, H./ Portmann, R. (Hrsg.) (1992): Leistung der Schule -Leistung der Kinder. Beiträge zur Reform der Grundschule Bd. 87. Arbeitskreis Grundschule: Frankfurt. QuelleGrundschulzeitschrift, Jg. 13, Heft 132, 4. Autor Hans Brügelmann ist Professor für Pädagogik an der Universität Siegen. | ||
Letzte Änderung: 22.12.2004 08:39:37 |