ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜBindung in PartnerschaftenHans-Werner Bierhoff und Elke Rohmann 1. EinleitungMenschen leben in Familien, sozialen Gruppen und sozialen Institutionen. Sie sind durch die Evolution nicht darauf angelegt, als Einzelgänger zu existieren, sondern sie folgen einem Gesellungsstreben, das dazu führt, dass die Nähe anderer Menschen gesucht wird. Oft sind es wichtige Bezugspersonen, denen gegenüber eine starke emotionale Bindung besteht, die auch das Denken und Verhalten beeinflusst. Bezugspersonen sind z.B. die eigenen Eltern, die eigenen Kinder, Beziehungs- bzw. Ehepartner und Freunde. Oft merkt man die emotionale Bindung erst, wenn die Bezugsperson abwesend ist, z.B. weil sie längere Zeit verreist ist oder weil sie in eine andere Stadt gezogen ist. Dann denkt man an die Zeit gemeinsamer Aktivitäten zurück und leidet unter der Trennung.2. Von der frühen Bindung des Kleinkindes zur Bindung als ErwachsenerHinter dem Gesellungsstreben, das sich unmittelbar im Verhalten zeigt, liegt das Bindungsmotiv, das die menschliche Bindungsorganisation bestimmt. Seine Entstehung lässt sich auf dem Hintergrund biologischer Bedürfnisse verstehen, da das neugeborene Kind besonders in den ersten Lebensjahren, aber auch bis in die Jugendjahre, Schutz, Sicherheit und Unterstützung braucht, um seine Möglichkeiten entwickeln zu können - zumindest aber, um im Angesicht von Gefahren, die von der Umwelt ausgehen, zu überleben.An dieser Stelle setzt die Erklärung der Bindung durch den englischen Tiefenpsychologen John Bowlby an, der die Bindungsorganisation als biologisches System ansieht, das sich in der Evolution entwickelt hat und das dem Ziel dient, die Nähe des Kleinkinds zu seinen Bezugspersonen, meist den Eltern, zu erreichen. Obwohl Bowlby aus der psychoanalytischen Tradition kommt, hat er mit vielen Vorstellungen Sigmund Freuds gebrochen, was für ein Verständnis seiner Bindungstheorie von großer Bedeutung ist. Während Freud annahm, dass die frühkindliche Prägung das ganze weitere Leben schicksalhaft überschattet, hat Bowlby diese Sichtweise relativiert, da er die Bedeutung einer lebenslangen Entwicklung erkannt hatte. Zwar werden in der frühen Kindheit Weichen gestellt, die in eine bestimmte Richtung weisen, es besteht aber die Möglichkeit, durch neue Erfahrungen von dem eingeschlagenen Weg abzubiegen und in sich in eine neue Richtung zu bewegen. Wichtig ist auch, dass sich die Bindungsorganisation mit dem Alter verändert. Während sie ursprünglich auf der körperlichen Nähe und emotionaler Entlastung beruht, nimmt bei älteren Kindern und Jugendlichen die Bedeutung der sprachliche Repräsentation und Kommunikation für die Bewertung der Bindung zu. Es entstehen Bindungsrepräsentationen, die als innere Arbeitsmodelle bezeichnet werden können. Diese aus der konkreten Erfahrung abgeleiteten Schemata darüber, wie Beziehungen zu anderen Menschen zu bewerten sind, bestimmen die Einschätzung von neuen Beziehungserfahrungen und tragen zur Emotionsregulation in Belastungssituationen bei. Grundsätzlich lassen sich zwei Grundtypen von Bindungsrepräsentationen unterscheiden, die auch schon im Verhalten von Kleinkindern nachweisbar sind: Sichere und unsichere Bindung. Sichere Kleinkinder sind dadurch gekennzeichnet, dass sie weniger weinen, die Mutter nach ihrer Abwesenheit positiv begrüßen und häufiger positive als negative Reaktionen zeigen, wenn sie auf den Arm genommen werden. Unsichere Kleinkinder hingegen suchen zwar auch die Nähe der Mutter, ziehen sich aber entweder immer wieder zurück und vermeiden damit die Nähe aus Angst vor Zurückweisung oder klammern, indem sie in übertriebener Weise die Nähe suchen und sich somit ängstlich-ambivalent verhalten. Diese ängstlich-ambivalente Bindung bedeutet, dass die Kinder eine Diskrepanz zwischen dem, was sie an Nähe anstreben, und dem scheinbar wenigen, was sie bekommen, erleben. Ob es zu der Ausbildung einer sicheren oder unsicheren Bindung bei Kleinkindern kommt, hängt davon ab, wie feinfühlig die Mutter bzw. die Hauptbezugsperson(en) auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen. Größere Feinfühligkeit fördert eine sichere Bindung. Das Konzept der Bindung ist auch unmittelbar für romantische Beziehungen bedeutsam, da sie ähnlich wie die Eltern-Kind-Beziehung organisiert sind - allerdings unter zwei Personen, die prinzipiell gleichberechtigt sind und sich gegenseitig Unterstützung gewähren können. Partnerschaft bedeutet, dass die Partner die Art und Weise, wie das Bindungsstreben verwirklicht wird, gleichberechtigt miteinander aushandeln. Eine solche Partnerschaft kann schon zwischen Eltern und heranwachsendem Kind auftreten. Innere Arbeitsmodelle spiegeln unterschiedliche Bindungsqualitäten (sichere Bindung, unsichere Bindung, die entweder vermeidend oder ängstlich-ambivalent sein kann) wider, wie sie für sicher-gebundene und unsicher-gebundene Personen typisch sind. Sie beinhalten generelle Handlungspläne, die sich auf soziale Beziehungen anwenden lassen. Diese Handlungspläne lassen sich als ein geistiger Orientierungsrahmen deuten, der aus Erfahrungen mit den Bezugspersonen abgeleitet wird. Die je nach den Erfahrungen unterschiedlichen Arbeitsmodelle haben die Tendenz, sich im Laufe der weiteren Entwicklung zu stabilisieren und dienen als Ausgangspunkt für die Zugangsweise zu späteren Beziehungen. Sie generalisieren auf Beziehungen mit anderen Personen, was bedeutet, dass der frühe Bindungsstil auch das Bindungsverhalten in späteren Beziehungen beeinflussen kann. Der Bindungsstil kann sich auch verändern, wenn in späteren Beziehungen mit wichtigen Bezugspersonen (Freundinnen, Partnern usw.) Erfahrungen gemacht werden, die mit den Erfahrungen, die mit den Eltern gemacht wurden, nicht übereinstimmen. Betrachten wir nun den Fall einer Person, die aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen entweder mit frühen Bezugspersonen (z.B. Eltern) oder mit früheren Partnern ein inneres Arbeitsmodell entwickelt hat, das besagt, dass andere Menschen in Partnerschaften nicht verlässlich sind. Wenn diese Person sich nun mit einem Partner verbindet, der zuverlässig und treu ist, werden zu den früheren Bindungsrepräsentationen widersprüchliche Erfahrungen gesammelt, die im Laufe der Zeit dazu führen können, dass das innere Arbeitsmodell geändert wird und dass an die Stelle einer unsicheren Bindung eine sichere Bindung tritt. Die mögliche Veränderung von inneren Arbeitsmodellen über die Lebensspanne wird in Längsschnittuntersuchungen deutlich, in denen die Stabilität der frühkindlichen Bindung über einen Zeitraum von nahezu 20 Jahren untersucht wurde: Bindungsstile sind kein Schicksal. Zwar finden sich in einigen Studien Belege für eine Bindungskontinuität, aber die Hinweise auf Diskontinuität überwiegen. Das Bindungsmuster der Kleinkinder weicht vielfach von der Bindungsrepräsentation der 18-Jährigen ab. Das hängt damit zusammen, dass neben der ursprünglichen Bindungsorganisation des Kleinkindes die aktuellen Lebensbedingungen eine bedeutsame Rolle spielen, also z.B. die Frage, ob die Eltern oder die aktuellen Beziehungspersonen unterstützend und verlässlich oder antagonistisch und chaotisch sind und mit den Bedürfnissen des Kindes/ Jugendlichen nichts anfangen können. Außerdem entsteht aufgrund der fortschreitenden intellektuellen Entwicklung des Kindes und Jugendlichen die Fähigkeit, die eigenen Beziehungserfahrungen zu überdenken und zu bewerten, sodass Schlüsse gezogen werden, welche Art von Beziehung man sich wünscht. Diese Schlussfolgerungen können das zukünftige Beziehungsverhalten beeinflussen. Das gilt gerade auch bei romantischen Beziehungen, bei denen durchaus die Möglichkeit besteht, dass man aus "Fehlern lernen kann". 3. Bindung in PartnerschaftenWie lässt sich die Bindungsrepräsentation in Partnerschaften beschreiben? Dazu liegen klare Ergebnisse aus der Beziehungsforschung vor, die im Folgenden zusammengefasst werden.Vier charakteristische Arbeitsmodelle lassen sich unterscheiden, von denen drei Varianten der unsicheren Bindung zuzuordnen sind. Um diese Arbeitsmodelle besser einordnen zu können, ist es nützlich, zwischen der Art und Weise zu unterscheiden, wie eine Person ihr Selbstbild (Selbsteinschätzung) und ihr Fremdbild (wichtige Bezugspersonen) beurteilt. Eine Person kann sich selbst z.B. positiv bewerten und ihrem Partner misstrauen. Oder sie kann sich selbst negativ bewerten und ihren Partner für verlässlich halten. Darauf aufbauend ergibt sich eine Klassifikation der Bindungsrepräsentationen in Partnerschaften, die vier Bindungsstile umfasst: sicher, ängstlich-ambivalent, ängstlich-vermeidend und gleichgültig vermeidend:
Eine hohe Ausprägung der Bindungsangst beinhaltet eine misstrauische und angespannte Haltung. Darunter fällt, wenn ein Partner meint, dass er weniger von dem anderen bekommt als er verdient. Hingegen bedeutet eine hohe Ausprägung der Bindungsvermeidung, dass eine geringe Bindungsbereitschaft vorliegt und wenig Motivation, sich für die Tragfähigkeit der Beziehung zu engagieren. Vermeidende Bindung heißt aber nicht unbedingt, dass man keinen Partner hat. Vielmehr kann gerade ein vermeidender Bindungsstil des Mannes bei Frauen, die ängstlich-ambivalent eingestellt sind, einen lebenslangen Kampf um Zuneigung auslösen, den sie zwar nicht gewinnen können, der sie aber immer wieder beschäftigt. Ob es empfehlenswert ist, eine solche Partnerschaft einzugehen, kann allerdings bezweifelt werden. Nutzen und Lasten sind zu einseitig verteilt: Der vermeidende Mann bekommt, ohne dass er sich emotional einbringt, ein "warmes Nest" gemacht, während die ängstlich-ambivalente Frau sich für die Beziehung stark engagiert und auch noch darunter leidet, dass sie von Befürchtungen getrieben wird, die Beziehung könnte abbrechen. Durch die vermeidenden Tendenzen des Mannes werden solche Befürchtungen zusätzlich genährt. Die Annahme liegt nahe, dass ein sicherer Bindungsstil mit längerer Beziehungsdauer einhergeht. Diese Annahme wurde empirisch bestätigt: Personen, die sicher gebunden waren, blieben länger zusammen und waren seltener geschieden als Personen, die unsicher gebunden waren. Auf der Grundlage von großen Stichproben kann die Frage beantwortet werden, welche Kombination von Bindungsstilen in Paaren häufig und selten auftreten. An erster Stelle lässt sich festhalten, dass Paare, in denen beide Partner sicher gebunden sind, sehr häufig auftreten. Außerdem ergab sich, dass Paare, in denen beide Partner vermeidend oder ängstlich-ambivalent eingestellt sind, sehr selten zusammen sind. Stattdessen sind Paare häufig anzutreffen, in denen ein Partner vermeidend orientiert ist (oft der Mann) und der andere Partner ängstlich-ambivalent (oft die Frau). Das entspricht genau der Konstellation, deren Probleme weiter oben schon angesprochen wurden. Darüber hinaus lassen sich noch weitere Geschlechtsunterschiede konstatieren:
Andere Geschlechtsunterschiede hängen mit der Zufriedenheit zusammen: So korreliert die Zufriedenheit der Männer negativ mit dem ängstlich-ambivalenten Bindungsstil ihrer Partnerinnen: Je ängstlich-ambivalenter ihre Partnerin ist, desto unzufriedener sind sie. Hingegen korreliert die Zufriedenheit der Frauen positiv mit dem sicheren Bindungsstil des Mannes und negativ mit seinem vermeidenden Bindungsstil: Je sicherer und weniger vermeidend der Mann ist, desto zufriedener die Frau. 4. AnwendungWelche Schlussfolgerungen lassen sich aufgrund dieser Ergebnisse für die Praxis von Beziehungen ziehen? Zum einen lässt sich vermuten, dass partnerschaftliches Glück und Beständigkeit der Beziehung am ehesten durch sichere Bindung erreicht werden. Erfreulicherweise sind mehr als 50% der Partner durch einen solchen Bindungsstil gekennzeichnet. Das entspricht auch der Alltagserfahrung, dass viele Partnerschaften als tragfähig und gegenseitig unterstützend erscheinen.Eine unsichere Bindung hängt eher mit geringerer partnerschaftlicher Zufriedenheit und mit größerer Instabilität der Beziehung zusammen. Mit Konflikten wird eher destruktiv statt konstruktiv umgegangen; es kommt zu Konflikteskalationen, und Streitigkeiten sind relativ häufig. Daher liegt es nahe, möglichst eine sichere Bindung in der Partnerschaft anzustreben. Wie wir gesehen haben, ist der Bindungsstil kein Schicksal, das sich im ersten Lebensjahr entscheidet, sondern hängt auch von der Verlässlichkeit und der Unterstützung durch den Partner ab. Daher liegt die Vermutung nahe, dass es sinnvoll ist, bei der Partnerwahl nach verlässlichen und unterstützenden Personen zu suchen. 5. ZusammenfassungGenauso wie Kleinkinder eine sichere oder unsichere Bindung gegenüber ihren Eltern entwickeln, besteht auch eine Bindung an den Partner in romantischen Beziehungen. Die Qualität der Bindung lässt sich entsprechend der Ausprägung von Bindungsangst und Bindungsvermeidung beschreiben: Jemand, der wenig ängstlich und wenig vermeidend ist, ist sicher an den Partner gebunden. Jemand, der hoch ängstlich und wenig vermeidend ist, weist einen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil auf. Jemand, der sowohl hoch ängstlich als auch hoch vermeidend ist, ist ängstlich-vermeidend und jemand, der niedrig ängstlich und hoch vermeidend ist, wird als gleichgültig-vermeidend gekennzeichnet. Untersuchungen zeigen, dass es für den Erfolg einer Partnerschaft (Zufriedenheit, Stabilität etc.) günstig ist, sich an den Partner sicher gebunden zu fühlen, und es zudem vorteilhaft ist, wenn der Partner einen sicheren Bindungsstil aufweist.6. Literatur
Bierhoff, H.W. & Grau, I. (1999). Der Einfluss der frühen Kindheit: Bindungstheorie (S. 22-45). In dies., Romantische Beziehungen. Bern: Huber. 7. Autoren
Prof. Dr. Hans Werner Bierhoff | ||
Letzte Änderung: 28.03.2003 14:10:15 |