ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜMit einem suchtkranken Partner zusammenlebenMichael Klein In der Bundesrepublik Deutschland leben etwa 1,4 Millionen Menschen als Partner mit einem suchtkranken Menschen zusammen (Klein, 2002), davon 1,3 Millionen mit einem alkoholabhängigen Partner, der Rest mit einem drogenabhängigen. Eine nicht näher bekannte Zahl hat einen medikamentenabhängigen Partner. Auf jeden Fall sind es mehr Angehörige (Partner und Kinder), die im Umfeld von Suchtkranken leben, als es Suchtkranke selbst gibt. Dieses oft übersehene Faktum unterstreicht die Notwendigkeit einer vertieften Beschäftigung mit der Lebenssituation und den notwendigen Hilfen für diese Personengruppe. Das Zusammenleben mit einem Suchtkranken bedeutet ein hohes Ausmaß an Stress und Belastungen. Die Partner von Suchtkranken galten lange Zeit als die vernachlässigten Opfer der Sucht. Angehörige von Suchtkranken befinden sich in der Tat in einer besonders schwierigen Lebenssituation: Sie leiden unter den Folgen der Sucht und werden oft noch für das Leiden ihres suchtkranken Partners (mit)verantwortlich gemacht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Angehörige, die meist nicht unter der bewusstseinsverändernden Wirkung von Drogen (Alkohol, Psychopharmaka, illegale Drogen) stehen, stärker und bewusster in der Familie leiden als die betroffenen Suchtkranken selbst. Entsprechende Studien zeigen eine verstärkte psychosoziale Belastung bei Angehörigen von Suchtkranken im Verhältnis zu Angehörigen Nicht-Suchtkranker (z.B. Moos et al., 1982). Bedeutung des Begriffes "Sucht"Unter Suchtstörungen werden alle Phänomene verstanden, die mit der unkontrollierten, selbst schädigenden Einnahme psychotroper Substanzen und/oder dem ebenso unkontrollierten, selbst schädigenden Ausführen bestimmter Verhaltensweisen zusammenhängen. Im engeren Sinne, wie in der Psychiatrie und Klinischen Psychologie üblich, sind nur die substanzbezogenen Störungen gemeint. Diese umfassen den Missbrauch psychotroper Substanzen, wie z.B. von Alkohol, Opiaten, Kokain usw., oder die Abhängigkeit von diesen Substanzen.Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahre 1964 den Terminus "Sucht" wegen vielerlei negativer Konnotationen und begrifflicher Unklarheiten durch den der "Abhängigkeit" ersetzte, ist der Suchtbegriff nach wie vor weit verbreitet. Deshalb findet er auch in diesem Beitrag Verwendung. Die Vertreter der Suchthilfepraxis subsumieren unter dem Suchtbegriff in der Regel auch die nicht stoffgebundenen Süchte, die hinsichtlich ihrer Symptomatik oft deutliche Analogien zu den substanzgebundenen Suchtformen aufweisen. Während viele Praktiker die beiden Begriffe "Sucht" und "Abhängigkeit" synonym verwenden, empfiehlt es sich aus wissenschaftlicher Sicht, Sucht im Unterschied zu Abhängigkeiten, die nicht generell negativ sein müssen, sondern teilweise sogar lebensnotwendig sind (z.B. die Abhängigkeit des Kleinkindes von seiner Mutter), als einen negativen Prozess der Selbstzerstörung auf der Basis mangelnder Selbstkontrolle zu begreifen. Haupterfahrungen der Partner von SuchtkrankenObwohl Partner von Suchtkranken unter sehr verschiedenartigen Problemen leiden und ihre Lebenssituation oft nicht vergleichbar ist, gibt es doch eine Reihe von Erfahrungen, die viele erleben. Diese Auffälligkeiten und Besonderheiten sind im Folgenden aufgelistet:
Co-AbhängigkeitCo-Abhängigkeit bezeichnet nach Fengler (1994) Haltungen und Verhaltensweisen von Personen, die durch Tun und Unterlassen dazu beitragen, dass der süchtige oder suchtgefährdete Mensch süchtig oder suchtgefährdet bleiben kann. Andere Autoren sehen Co-Abhängigkeit als eine Persönlichkeitsstörung, die durch die pathologische Abhängigkeit von einer anderen Person gekennzeichnet ist (McGovern & Dupont, 1992). In vielen Fällen kann diese Abhängigkeit von der anderen Person, also vom suchtkranken Partner, zu selbst schädigenden und selbst erniedrigenden Verhaltensweisen führen. Allerdings sind diese Annahmen bislang nicht ausreichend empirisch belegt worden und stützen sich ausschließlich auf klinische Beobachtungen und Fallgeschichten.Cermak (1991) sieht Co-Abhängigkeit als ein Muster von Persönlichkeitseigenschaften an, die sich auf der Basis mangelnden Selbstbezugs gegensätzlich zu Suchtstörungen mit ihrem hohen Ausmaß an selbstbezogenen Symptomen ergänzen. Andere Autoren sehen Co-Abhängigkeit als eine Erkrankung bzw. ein unangepasstes, problematisches und dysfunktionales Verhalten einer Person, die durch Zusammenleben, Zusammenarbeit oder in anderer Weise in enger Verbindung mit einem Alkoholkranken steht. Kern dieser Definition ist also die spezifische Interaktion, die im Umfeld eines Alkoholabhängigen entsteht. Diese kann für den Angehörigen zu einem Stressfaktor werden, durch den sich eigenständige Erkrankungen (z.B. im psychosomatischen Bereich) entwickeln. Oft wird im Zusammenhang mit der Co-Abhängigkeit auch behauptet, dass das Verhalten des nicht suchtkranken Partners die Sucht des Abhängigen unbewusst aufrechterhält. Durch ungeeignete Verhaltensweisen vor dem Hintergrund eigener Defizite (Abhängigkeit und Symbiose) verlängere der Co-Abhängige die Sucht des Partners ungewollt weiter. Entsprechende Verhaltensweisen, die das Trinken des Suchtkranken erleichtern ("triggern") oder verstärken können, sind:
Wichtigste Individual- und PartnerschaftsproblemeDie wichtigsten Probleme, die beim betroffenen Partner oder in der Partnerschaft auftreten können, sind:
Die bisher vorliegenden Modelle berücksichtigen jedoch zu wenig die Möglichkeiten der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit menschlichen Verhaltens als Reaktionen auf chronischen Stress. Daher ist von einer sehr großen Variabilität co-abhängigen Verhaltens auszugehen. Je nach Situationen, Anforderungen, Geschlecht, Persönlichkeit und Phase der Suchtentwicklung können sehr unterschiedliche Verhaltensweisen gezeigt werden. Selbstreflexion co-abhängigen VerhaltensAngehörige von Suchtkranken können zur Selbstüberprüfung ihrer Lebenssituation und ihres Veränderungswunsches folgenden Fragenkatalog bearbeiten (Klein, 2002):
Hilfen für PartnerDas Hilfesystem für Angehörige ist bei weitem nicht so differenziert wie das für Suchtkranke. Dennoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Prävention und Behandlung, die möglichst früh einsetzen bzw. in Anspruch genommen werden sollten. Diese bestehen zunächst in Selbsthilfegruppen, die teilweise speziell für Partner (z.B. Al-Anon) oder mit dem Suchtkranken zusammen (z.B. Kreuzbund, Blaukreuz, Guttempler, Freundeskreise) durchgeführt werden.In manchen Fällen, in denen eine komplexe, behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt, sollte professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie aufgesucht werden. Auch Paartherapien scheinen geeignet, dem belasteten Paar zu helfen, wenn die Suchterkrankung mit in den Therapiekontext eingebaut wird. So konnte mit einer Vielzahl von Studien gezeigt werden (zusammenfassend O´Farrell & Fals-Stewart, 1999), dass mit Hilfe einer verhaltenstherapeutisch orientierten Paartherapie das Ausmaß von Suchtstörungen und ihren begleitenden dysfunktionalen Symptomen (wie z.B. häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch) deutlich erniedrigt wird (vgl. die Beiträge "Psychologische Psychotherapeut/innen" und "Ehe- und Familienberatung"). Zu den einzelnen Behandlungselementen, die für Partner von Alkoholkranken zum Einsatz kommen, zählen Maßnahmen zur Selbstwertsteigerung, zur verbesserten Abgrenzungsfähigkeit, zur Steigerung konsequenten realistischen Verhaltens und schließlich zum so genannten "disenabling", einem Paket zum Abbau typisch co-abhängiger Verhaltensmuster (Thomas & Ager, 1993). Besonders wichtig sind weiterhin Formen der sozialen Unterstützung, der Netzwerkarbeit und der Gruppenangebote, da diese den betroffenen Partnern auch jenseits der zeitlich limitierten Angebote (Therapiestunde, Selbsthilfetreffen) bereitstehen können. In den vorhandenen Versorgungssystemen (z.B. medizinische Primärversorgung, Psychiatrie, psychosomatische Fachkliniken, Mütter-Kind-Kurheime usw.) sollte stärker auf einen möglichen Belastungshintergrund durch Suchtstörungen in Partnerschaft und Familie geachtet werden, so dass Therapieprogramme klarer indiziert auf einzelne Problemsituationen zugeschnitten werden können. In einem achtwöchigen gruppentherapeutischen Behandlungsprogramm für Ehefrauen nicht therapiewilliger Alkoholiker zeigte sich (Dittrich, 1993), dass die Teilnehmerinnen ihre co-abhängigen Verhaltenstendenzen deutlich reduzieren konnten, weniger Angst- und Depressionssymptome zeigten und in ihrem Selbstwertgefühl zunahmen. Bei einer Nachuntersuchung ein Jahr später ergab sich eine Trennungsquote von knapp 50%. Die Ergebnisse werden dahingehend interpretiert, dass die spezifisch auf ihre Situation zugeschnittene therapeutische Arbeit mit Partnerinnen von Alkoholikern positive Einflüsse auf deren psychische Gesundheit und ihre Partnersituation hat. Sie kann daher als eigenständiges sinnvolles Angebot angesehen werden, insbesondere wenn die suchtkranken Partner nicht behandlungswillig sind. Neben diesen Hilfen, die erst einsetzen, wenn die Abhängigkeit beim Lebenspartner manifest ist, sind früher wirksame Hilfen besonders wichtig. Diese präventiven Ansätze zielen darauf ab, dass Partnerinnen entweder seltener eine Beziehung mit einem bereits Alkohol missbrauchenden Partner eingehen oder sie sich in der Frühphase besser gegen die Suchtentwicklung in Partnerschaft und Familie abgrenzen können. Da sehr viele Co-Abhängige in einer suchtbelasteten Familie groß geworden sind, wäre hier eine Prävention für die Kinder in suchtbelasteten Familien in zukunftsorientiertem Sinne auch eine Prävention gegenüber ungünstigen Partnerschaftskonstellationen. Die vorpartnerschaftlichen Präventionsansätze (Primärprävention) sollten die Fähigkeiten zur realistischen Personenwahrnehmung, zur Überwindung von sozialem Abhängigkeitsverhalten, zur Geschlechtsrollenidentität stärken. Orte diesbezüglicher Präventionsansätze sind in Kindergarten, Schule und Ausbildung zu sehen. Aber auch die Reflexion der ersten Erfahrungen mit Partnern könnte in der Jugendarbeit einen größeren Stellenwert einnehmen. Wichtige Themen solche Maßnahmen in Schule und Jugendarbeit wären z.B. Autonomiefähigkeit, Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Partnerwahlmuster und Abgrenzungsfähigkeit. Ein Großteil dieser Maßnahmen sollte geschlechtsspezifisch, d.h. in Rahmen von Mädchen- bzw. Jungenarbeit durchgeführt werden, um Offenheit, Reflexionsbereitschaft und Selbstexploration zu fördern. Schließlich wären auch obligatorische Ehevorbereitungsseminare mit psychologischem Hintergrund denkbar. Als zweites wichtiges Präventionsfeld kommen die partnerschaftsbegleitenden Präventionsansätze (eher Sekundärprävention) in Betracht. Bei diesen geht es darum, in einer frühen Phase der Suchtentwicklung in Partnerschaft und Familie eine salutogene Lösung zu finden, um eine dauerhafte Verstrickung in abhängige Beziehungsmuster zu verhindern. Dies kann durch Partner- und Familientherapie, Beratung oder Selbstmanagement erreicht werden. Besonders wichtig sind auch hier Frühinterventionen, solange also noch keine Alkoholabhängigkeit besteht. Die Methode der "Motivierenden Gesprächsführung" (MGF; Miller & Rollnick, 1999) scheint besonders geeignet, hier adäquate Resultate zu erzielen. Bislang sind partnerorientierte Frühinterventionen bei Alkoholmissbrauch in Deutschland kaum bekannt bzw. verbreitet, so dass hier ein starker Nachholbedarf besteht. Literatur
Cermak, T. (1991) Co-addiction as a disease. Psychiatry Annals 21, 266-272. Weiterführende Literatur
Arenz-Greiving, I. (1998). Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und Angehörige. Ein Handbuch für Leiterinnen und Leiter. Freiburg: Lambertus. Autor
Prof. Dr. Michael Klein, Jahrgang 1954; verh., drei Kinder. Adresse
Prof. Dr. Michael Klein | ||
Letzte Änderung: 11.06.2002 10:29:28 |