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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Mit einem suchtkranken Partner zusammenleben

Michael Klein


In der Bundesrepublik Deutschland leben etwa 1,4 Millionen Menschen als Partner mit einem suchtkranken Menschen zusammen (Klein, 2002), davon 1,3 Millionen mit einem alkoholabhängigen Partner, der Rest mit einem drogenabhängigen. Eine nicht näher bekannte Zahl hat einen medikamentenabhängigen Partner. Auf jeden Fall sind es mehr Angehörige (Partner und Kinder), die im Umfeld von Suchtkranken leben, als es Suchtkranke selbst gibt. Dieses oft übersehene Faktum unterstreicht die Notwendigkeit einer vertieften Beschäftigung mit der Lebenssituation und den notwendigen Hilfen für diese Personengruppe. Das Zusammenleben mit einem Suchtkranken bedeutet ein hohes Ausmaß an Stress und Belastungen.

Die Partner von Suchtkranken galten lange Zeit als die vernachlässigten Opfer der Sucht. Angehörige von Suchtkranken befinden sich in der Tat in einer besonders schwierigen Lebenssituation: Sie leiden unter den Folgen der Sucht und werden oft noch für das Leiden ihres suchtkranken Partners (mit)verantwortlich gemacht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Angehörige, die meist nicht unter der bewusstseinsverändernden Wirkung von Drogen (Alkohol, Psychopharmaka, illegale Drogen) stehen, stärker und bewusster in der Familie leiden als die betroffenen Suchtkranken selbst. Entsprechende Studien zeigen eine verstärkte psychosoziale Belastung bei Angehörigen von Suchtkranken im Verhältnis zu Angehörigen Nicht-Suchtkranker (z.B. Moos et al., 1982).


Bedeutung des Begriffes "Sucht"

Unter Suchtstörungen werden alle Phänomene verstanden, die mit der unkontrollierten, selbst schädigenden Einnahme psychotroper Substanzen und/oder dem ebenso unkontrollierten, selbst schädigenden Ausführen bestimmter Verhaltensweisen zusammenhängen. Im engeren Sinne, wie in der Psychiatrie und Klinischen Psychologie üblich, sind nur die substanzbezogenen Störungen gemeint. Diese umfassen den Missbrauch psychotroper Substanzen, wie z.B. von Alkohol, Opiaten, Kokain usw., oder die Abhängigkeit von diesen Substanzen.

Obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahre 1964 den Terminus "Sucht" wegen vielerlei negativer Konnotationen und begrifflicher Unklarheiten durch den der "Abhängigkeit" ersetzte, ist der Suchtbegriff nach wie vor weit verbreitet. Deshalb findet er auch in diesem Beitrag Verwendung. Die Vertreter der Suchthilfepraxis subsumieren unter dem Suchtbegriff in der Regel auch die nicht stoffgebundenen Süchte, die hinsichtlich ihrer Symptomatik oft deutliche Analogien zu den substanzgebundenen Suchtformen aufweisen. Während viele Praktiker die beiden Begriffe "Sucht" und "Abhängigkeit" synonym verwenden, empfiehlt es sich aus wissenschaftlicher Sicht, Sucht im Unterschied zu Abhängigkeiten, die nicht generell negativ sein müssen, sondern teilweise sogar lebensnotwendig sind (z.B. die Abhängigkeit des Kleinkindes von seiner Mutter), als einen negativen Prozess der Selbstzerstörung auf der Basis mangelnder Selbstkontrolle zu begreifen.


Haupterfahrungen der Partner von Suchtkranken

Obwohl Partner von Suchtkranken unter sehr verschiedenartigen Problemen leiden und ihre Lebenssituation oft nicht vergleichbar ist, gibt es doch eine Reihe von Erfahrungen, die viele erleben. Diese Auffälligkeiten und Besonderheiten sind im Folgenden aufgelistet:
  • Aufgrund der höheren Zahl suchtkranker Männer im Verhältnis zu suchtkranken Frauen sind als Partner mehr Frauen als Männer betroffen. Darüber hinaus trennen sich Frauen seltener von ihrem suchtkranken Partner als dies Männer von ihrer suchtkranken Partnerin tun.
  • Im Bereich der Abhängigkeit von illegalen Drogen sind die Partnerinnen meist von den Folgen der Illegalisierung der Szene mitbetroffen. Dies führt zu permanentem Beschaffungsdruck, Verführung zum Konsum, Kriminalität und Beschaffungsprostitution. In der Tat sind mehr Partnerinnen drogenabhängiger Männer selbst drogenabhängig als dies bei den Partnerinnen von Alkoholabhängigen in Bezug auf Alkohol der Fall ist.
  • In suchtbelasteten Partnerschaften kommt es insgesamt häufiger zu Konflikten, Disharmonien, Trennungen und Scheidungen als in anderen, nicht belasteten Partnerschaften. Aufgrund der Folgen der Sucht, auch im sozialen Bereich (Arbeitslosigkeit, Isolation, Verarmung), kommt es zu einem erhöhten Ausmaß an Belastungen und Stress, die verarbeitet werden müssen. Häufig fehlen hierfür Möglichkeiten, Kompetenzen und Hilfen.
  • In Partnerschaften, die von der Alkoholabhängigkeit eines oder beider Partner belastet sind, wird das Suchtmittel meist zur Regulation von Nähe und Distanz eingesetzt. Dies führt dazu, dass ein ständiger Kreislauf aus Streit und Disharmonie einerseits sowie Versöhnung und Nähe andererseits entsteht, der entsprechend von Trinkexzessen und Phasen geringen Konsums oder Abstinenz begleitet wird. Partnerschaftskonflikte können chronisch werden und alle Beteiligten zusätzlich zu der Sucht belasten.
  • Darüber hinaus sind viele Partnerinnen von Alkohol- und Drogenabhängigen von physischer, sexueller und psychischer Gewalt betroffen (O'Farrell & Murphy, 1995; Klein, 1996).

Co-Abhängigkeit

Co-Abhängigkeit bezeichnet nach Fengler (1994) Haltungen und Verhaltensweisen von Personen, die durch Tun und Unterlassen dazu beitragen, dass der süchtige oder suchtgefährdete Mensch süchtig oder suchtgefährdet bleiben kann. Andere Autoren sehen Co-Abhängigkeit als eine Persönlichkeitsstörung, die durch die pathologische Abhängigkeit von einer anderen Person gekennzeichnet ist (McGovern & Dupont, 1992). In vielen Fällen kann diese Abhängigkeit von der anderen Person, also vom suchtkranken Partner, zu selbst schädigenden und selbst erniedrigenden Verhaltensweisen führen. Allerdings sind diese Annahmen bislang nicht ausreichend empirisch belegt worden und stützen sich ausschließlich auf klinische Beobachtungen und Fallgeschichten.

Cermak (1991) sieht Co-Abhängigkeit als ein Muster von Persönlichkeitseigenschaften an, die sich auf der Basis mangelnden Selbstbezugs gegensätzlich zu Suchtstörungen mit ihrem hohen Ausmaß an selbstbezogenen Symptomen ergänzen.

Andere Autoren sehen Co-Abhängigkeit als eine Erkrankung bzw. ein unangepasstes, problematisches und dysfunktionales Verhalten einer Person, die durch Zusammenleben, Zusammenarbeit oder in anderer Weise in enger Verbindung mit einem Alkoholkranken steht. Kern dieser Definition ist also die spezifische Interaktion, die im Umfeld eines Alkoholabhängigen entsteht. Diese kann für den Angehörigen zu einem Stressfaktor werden, durch den sich eigenständige Erkrankungen (z.B. im psychosomatischen Bereich) entwickeln.

Oft wird im Zusammenhang mit der Co-Abhängigkeit auch behauptet, dass das Verhalten des nicht suchtkranken Partners die Sucht des Abhängigen unbewusst aufrechterhält. Durch ungeeignete Verhaltensweisen vor dem Hintergrund eigener Defizite (Abhängigkeit und Symbiose) verlängere der Co-Abhängige die Sucht des Partners ungewollt weiter. Entsprechende Verhaltensweisen, die das Trinken des Suchtkranken erleichtern ("triggern") oder verstärken können, sind:
  • Mit dem Partner zusammen trinken;
  • über sein süchtiges Trinken hinwegsehen, es ignorieren oder so tun, als verhalte er sich normal;
  • die negatives Konsequenzen seines Trinkens ausbügeln, z.B. in Form von Entschuldigungen beim Arbeitgeber, gegenüber den Kindern und Nachbarn;
  • den süchtigen Partner vor Kritik und Konfrontation schützen, z.B. sich mit der eigenen Kritik zurückhalten oder ihn vor Nachbarn und Kollegen abschirmen.

Wichtigste Individual- und Partnerschaftsprobleme

Die wichtigsten Probleme, die beim betroffenen Partner oder in der Partnerschaft auftreten können, sind:
  • Verstrickung in Beziehungen, in denen negative Interaktionen überwiegen;
  • übermäßige Verantwortungsübernahme für andere;
  • ausgeprägtes Mitleidsgefühl für andere mit starken Helferimpulsen;
  • Unfähigkeit, Kritik oder Zurückweisung zu ertragen;
  • übermäßig selbstkritische Einstellungen, u.U. selbstschädigende Verhaltensweisen;
  • niedriges Selbstwertgefühl;
  • Abhängigkeit von Anerkennung durch andere;
  • soziale Isolation, Einsamkeit;
  • viele Ängste, insbesondere im sozialen Bereich;
  • viele Verhaltenszwänge, Perfektionismus;
  • Schuld- und Unzulänglichkeitsgefühle;
  • Konfliktvermeidung;
  • Hang zur Verleugnung und Verdrängung unangenehmer Emotionen.
Dies kann in der Partnerschaft mit einem Suchtkranken zu verschiedenen Verhaltensweisen führen, die ein hohes Problem- und Konfliktpotenzial in sich bergen. Folgende Symptome wurden gehäuft beobachtet:
  • Das Verhalten des Abhängigen selbst in Anbetracht offener Widersprüche und Inkonsistenzen entschuldigen und rechtfertigen.
  • Dem Abhängigen Belastungen abnehmen oder ersparen wollen.
  • Das Verhalten des Abhängigen kontrollieren, indem man ständig Verstecke, in denen der Abhängige seine Suchtmittel verbergen könnte, sucht.
  • Den Abhängigen zwanghaft von Alkohol, Kauforten und Trinkanlässen fernhalten.
  • Den Abhängigen beim Lügen ertappen wollen, ihm ständig misstrauen und ihn bekehren wollen.
  • Selber unaufrichtig dem Abhängigen, anderen Personen oder sich selbst gegenüber sein, was Tatsachen und Gefühle bezüglich der Abhängigkeit und der eigenen Rolle betrifft.
Die aufgelisteten Symptome co-abhängigen Verhaltens machen Tendenzen zu krankhaft abhängigem Verhalten vor dem Hintergrund von Stressreaktionen auf eine belastende Partnerinteraktion oder einer bisweilen stark belasteten psychischen und körperlichen Gesundheit deutlich und unterstreichen die Ambivalenz dieser Rolle. Diese besteht in dem Aushalten massiver Spannungen, Frustrationen und gegebenenfalls Demütigungen einerseits und in der Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Kontrolle auszuüben und Veränderungen zu fordern andererseits.

Die bisher vorliegenden Modelle berücksichtigen jedoch zu wenig die Möglichkeiten der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit menschlichen Verhaltens als Reaktionen auf chronischen Stress. Daher ist von einer sehr großen Variabilität co-abhängigen Verhaltens auszugehen. Je nach Situationen, Anforderungen, Geschlecht, Persönlichkeit und Phase der Suchtentwicklung können sehr unterschiedliche Verhaltensweisen gezeigt werden.


Selbstreflexion co-abhängigen Verhaltens

Angehörige von Suchtkranken können zur Selbstüberprüfung ihrer Lebenssituation und ihres Veränderungswunsches folgenden Fragenkatalog bearbeiten (Klein, 2002):
  1. Wodurch war Ihre Rolle im Elternhaus bestimmt? Waren Sie derjenige, der Verantwortung für andere übernahm, viel leistete, vermittelte, sich ständig Anerkennung verdiente?
  2. Was gefiel Ihnen an Ihrem Partner, als Sie sich kennen lernten bzw. heirateten? Gehörte dazu, dass er von Ihnen erwartete, umsorgt und gestützt zu werden, dass er sich gehen lassen konnte und Sie für ihn Verantwortung übernahmen?
  3. Was hat Ihrer Meinung nach Ihrem Partner beim Kennlernen bzw. bei der Heirat besonders an Ihnen gefallen? Was hat er sich von Ihnen erhofft? Spielten Eigenschaften Ihrerseits wie Fürsorge, Opferwille, Tüchtigkeit und Bescheidenheit eine starke Rolle?
  4. In welchem Umfang hat Ihr Partner dafür gesorgt, dass sich Ihr Leben entfalten konnte? Hat er Ihnen Unterstützung bei der Verwirklichung Ihrer Lebensträume gegeben? Hat er Ihre Neigungen gefördert, Ihre Bildung, Ihre berufliche Karriere?
  5. Was haben Sie von Ihrem Partner für sich selbst erwartet? Hatten Sie Ansprüche an ihn, oder waren Sie eher zufrieden, dass Sie ihn als Partner gewonnen hatten und dass Sie für ihn da sein konnten?
  6. Aus welchen Quellen bezogen Sie Selbstwert? Sind es vorwiegend die Verantwortung und die Fürsorge für andere? Wie stünde es um Ihren Selbstwert, wenn dies wegfiele?
  7. Was tun Sie für sich persönlich, für die Entfaltung und Pflege Ihrer individuellen Interessen und Neigungen?
  8. Stimmt das Bild, das Sie nach außen abgeben, mit Ihrem persönlichen Selbstbild überein oder spielen Sie anderen gewöhnlich etwas vor?
  9. Haben Sie sich Mühe gegeben, das Alkoholproblem Ihres Partners nicht öffentlich werden zu lassen? Wie haben Sie dies getan?
  10. Welche Bereiche Ihres Lebens sind durch die Alkoholabhängigkeit Ihres Partners verkümmert? In welchen Bereichen haben Sie zurückstecken müssen und sich nicht selbst entfalten können?
  11. Hat es durch das Trinken Ihres Partners auch Vorteile für Sie gegeben? Sind Sie selbstständiger, kompetenter, unabhängiger geworden? Werden Sie von anderen anerkannt, weil Sie so tüchtig sind und bei Ihrem Partner bleiben?
  12. Womit befassen Sie sich gedanklich am meisten? Geht es um Ihren Partner, sein Trinken und die drohenden Konsequenzen oder sind Sie frei für andere Gedanken?
  13. Wer oder was bestimmt vorwiegend Ihr Ehe- und Familienleben?
  14. Leiden Sie unter dem übermäßigen Drang, Ihren Partner zu kontrollieren? Begegnen Sie ihm mit Misstrauen und Hassgefühlen?
In diesem Fragenkatalog sind typische Lebenserfahrungen und -risiken von Partnern von Alkoholikern thematisiert. Wenn der Angehörige viele dieser Fragen mit Antworten auf co-abhängige Tendenzen beantwortet, so ist dies als ein Anreiz für Veränderungen (durch Selbst- oder Fremdhilfe) zu sehen. Die vertiefte Selbstreflexion soll den Angehörigen dabei helfen, seine Situation besser zu erkennen und zu bewerten.


Hilfen für Partner

Das Hilfesystem für Angehörige ist bei weitem nicht so differenziert wie das für Suchtkranke. Dennoch gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Prävention und Behandlung, die möglichst früh einsetzen bzw. in Anspruch genommen werden sollten. Diese bestehen zunächst in Selbsthilfegruppen, die teilweise speziell für Partner (z.B. Al-Anon) oder mit dem Suchtkranken zusammen (z.B. Kreuzbund, Blaukreuz, Guttempler, Freundeskreise) durchgeführt werden.

In manchen Fällen, in denen eine komplexe, behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt, sollte professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie aufgesucht werden. Auch Paartherapien scheinen geeignet, dem belasteten Paar zu helfen, wenn die Suchterkrankung mit in den Therapiekontext eingebaut wird. So konnte mit einer Vielzahl von Studien gezeigt werden (zusammenfassend O´Farrell & Fals-Stewart, 1999), dass mit Hilfe einer verhaltenstherapeutisch orientierten Paartherapie das Ausmaß von Suchtstörungen und ihren begleitenden dysfunktionalen Symptomen (wie z.B. häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch) deutlich erniedrigt wird (vgl. die Beiträge "Psychologische Psychotherapeut/innen" und "Ehe- und Familienberatung").

Zu den einzelnen Behandlungselementen, die für Partner von Alkoholkranken zum Einsatz kommen, zählen Maßnahmen zur Selbstwertsteigerung, zur verbesserten Abgrenzungsfähigkeit, zur Steigerung konsequenten realistischen Verhaltens und schließlich zum so genannten "disenabling", einem Paket zum Abbau typisch co-abhängiger Verhaltensmuster (Thomas & Ager, 1993).

Besonders wichtig sind weiterhin Formen der sozialen Unterstützung, der Netzwerkarbeit und der Gruppenangebote, da diese den betroffenen Partnern auch jenseits der zeitlich limitierten Angebote (Therapiestunde, Selbsthilfetreffen) bereitstehen können.

In den vorhandenen Versorgungssystemen (z.B. medizinische Primärversorgung, Psychiatrie, psychosomatische Fachkliniken, Mütter-Kind-Kurheime usw.) sollte stärker auf einen möglichen Belastungshintergrund durch Suchtstörungen in Partnerschaft und Familie geachtet werden, so dass Therapieprogramme klarer indiziert auf einzelne Problemsituationen zugeschnitten werden können. In einem achtwöchigen gruppentherapeutischen Behandlungsprogramm für Ehefrauen nicht therapiewilliger Alkoholiker zeigte sich (Dittrich, 1993), dass die Teilnehmerinnen ihre co-abhängigen Verhaltenstendenzen deutlich reduzieren konnten, weniger Angst- und Depressionssymptome zeigten und in ihrem Selbstwertgefühl zunahmen. Bei einer Nachuntersuchung ein Jahr später ergab sich eine Trennungsquote von knapp 50%. Die Ergebnisse werden dahingehend interpretiert, dass die spezifisch auf ihre Situation zugeschnittene therapeutische Arbeit mit Partnerinnen von Alkoholikern positive Einflüsse auf deren psychische Gesundheit und ihre Partnersituation hat. Sie kann daher als eigenständiges sinnvolles Angebot angesehen werden, insbesondere wenn die suchtkranken Partner nicht behandlungswillig sind.

Neben diesen Hilfen, die erst einsetzen, wenn die Abhängigkeit beim Lebenspartner manifest ist, sind früher wirksame Hilfen besonders wichtig. Diese präventiven Ansätze zielen darauf ab, dass Partnerinnen entweder seltener eine Beziehung mit einem bereits Alkohol missbrauchenden Partner eingehen oder sie sich in der Frühphase besser gegen die Suchtentwicklung in Partnerschaft und Familie abgrenzen können. Da sehr viele Co-Abhängige in einer suchtbelasteten Familie groß geworden sind, wäre hier eine Prävention für die Kinder in suchtbelasteten Familien in zukunftsorientiertem Sinne auch eine Prävention gegenüber ungünstigen Partnerschaftskonstellationen.

Die vorpartnerschaftlichen Präventionsansätze (Primärprävention) sollten die Fähigkeiten zur realistischen Personenwahrnehmung, zur Überwindung von sozialem Abhängigkeitsverhalten, zur Geschlechtsrollenidentität stärken. Orte diesbezüglicher Präventionsansätze sind in Kindergarten, Schule und Ausbildung zu sehen. Aber auch die Reflexion der ersten Erfahrungen mit Partnern könnte in der Jugendarbeit einen größeren Stellenwert einnehmen. Wichtige Themen solche Maßnahmen in Schule und Jugendarbeit wären z.B. Autonomiefähigkeit, Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Partnerwahlmuster und Abgrenzungsfähigkeit. Ein Großteil dieser Maßnahmen sollte geschlechtsspezifisch, d.h. in Rahmen von Mädchen- bzw. Jungenarbeit durchgeführt werden, um Offenheit, Reflexionsbereitschaft und Selbstexploration zu fördern. Schließlich wären auch obligatorische Ehevorbereitungsseminare mit psychologischem Hintergrund denkbar.

Als zweites wichtiges Präventionsfeld kommen die partnerschaftsbegleitenden Präventionsansätze (eher Sekundärprävention) in Betracht. Bei diesen geht es darum, in einer frühen Phase der Suchtentwicklung in Partnerschaft und Familie eine salutogene Lösung zu finden, um eine dauerhafte Verstrickung in abhängige Beziehungsmuster zu verhindern. Dies kann durch Partner- und Familientherapie, Beratung oder Selbstmanagement erreicht werden. Besonders wichtig sind auch hier Frühinterventionen, solange also noch keine Alkoholabhängigkeit besteht. Die Methode der "Motivierenden Gesprächsführung" (MGF; Miller & Rollnick, 1999) scheint besonders geeignet, hier adäquate Resultate zu erzielen. Bislang sind partnerorientierte Frühinterventionen bei Alkoholmissbrauch in Deutschland kaum bekannt bzw. verbreitet, so dass hier ein starker Nachholbedarf besteht.


Literatur

Cermak, T. (1991) Co-addiction as a disease. Psychiatry Annals 21, 266-272.

Dittrich, J.E. (1993). Group program for wives of treatment-resistent alcoholics. In: O'Farrell, T.J. (Ed.). Treating alcohol problems: Marital and family interventions (pp. 78-113). New York: Guilford.

Fengler, J. (1994). Süchtige und Tüchtige. München: Pfeiffer.

Klein, M. (1996). Alkohol und Gewalt - Zwei archaische Begleiter des Menschen auf dem Weg durch die Postmoderne. In: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.): Alkohol - Konsum und Missbrauch, Alkoholismus-Therapie und Hilfe (S. 86-103). Freiburg: Lambertus (= Schriftenreihe zum Problem der Suchtgefahren; 38).

Klein, M. (2002). Partner von Abhängigen. In: Fengler, J. (Hrsg.). Handbuch der Suchtbehandlung: Beratung - Therapie - Prävention (S. 377-385). Landsberg: ecomed.

McGovern, J.P. & DuPont, R.L. (1992). Co-dependence: The other half of addiction. Houston Medicine 8, 5-11.

Miller, W.R. & Rollnick, S. (1999). Motivierende Gesprächsführung. Ein Konzept zur Beratung von Menschen mit Suchtproblemen. Freiburg: Lambertus [Deutsche Ausgabe der amerikanischen Originalausgabe "Motivational Interviewing" von 1991, herausgegeben von Kremer, G., Schroer, B.].

Moos, R.H., Finney, J.W. & Gamble, W. (1982). The process of recovery from alcoholism. II. Comparing spouses of alcoholic patients and matched community controls. Journal of Studies on Alcohol 43, 888-909.

O'Farrell, T.J. & Fals-Stewart, W. (1999). Treatment models and methods: Family models. In: McCrady, B.S. & Epstein, E.E. (Eds.). Addictions. A comprehensive textbook. (pp. 287-305). New York: Oxford University Press.

O'Farrell, T.J. & Murphy, C.M. (1995). Marital violence before and after alcoholism treatment. Journal of Consulting and Clinical Psychology 63, 256-262.

Thomas, E.J. & Ager, R.D. (1993). Unilateral family therapy with spouses of uncooperative alcohol abusers. In: O'Farrell, T.J. (Ed.). Treating alcohol problems: Marital and family interventions. (pp. 3-33). New York: Guilford.


Weiterführende Literatur

Arenz-Greiving, I. (1998). Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und Angehörige. Ein Handbuch für Leiterinnen und Leiter. Freiburg: Lambertus.

Klein, M. (2001). Das personale Umfeld von Suchtkranken. In: Tretter, F. & Müller, A. (Hrsg.). Psychologische Therapie der Sucht. Grundlagen, Diagnostik, Therapie (S. 201-229). Göttingen: Hogrefe.

Kolitzus, H. (2001). Ich befreie mich von deiner Sucht. Hilfen für Angehörige von Suchtkranken. München: Kösel.

Rennert, M. (1989). Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet. Freiburg: Lambertus.


Autor

Prof. Dr. Michael Klein, Jahrgang 1954; verh., drei Kinder.

Leiter des Forschungsschwerpunkts Sucht an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen; Lehrgebiete: Klinische Psychologie, insbesondere Suchtstörungen; Sozialpsychologie. Forschungsgebiete: Familie und Sucht; Entstehung und Diagnostik von Suchtstörungen; Gewaltverhalten und -störungen, insbesondere unter Alkohol- und Drogeneinfluss.

Verhaltens- und Familientherapeut. Langjährige praktische Tätigkeit in stationären Einrichtungen (Sucht, Psychosomatik) als Psychotherapeut, Supervisor und Leitender Psychologe.


Adresse

Prof. Dr. Michael Klein
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen
Forschungsschwerpunkt Sucht
Wörthstraße 10
50668 Köln
Tel.: 0221/7757-156
Email: Mikle@t-online.de
Website: http://www.addiction.de


Letzte Änderung: 11.06.2002 10:29:28Zum Seitenanfang