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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Nach der Geburt - ab wann ist Geschlechtsverkehr wieder möglich?

Andrea Przyklenk


Theoretisch ist Geschlechtsverkehr möglich, sobald der Wochenfluss versiegt ist, also nach etwa sechs Wochen. Ärzte empfehlen, während des Wochenflusses wegen der Infektionsgefahr auf Geschlechtsverkehr zu verzichten oder auf jeden Fall ein Kondom zu benutzen. Bei vielen Paaren dauert es jedoch Monate, bis sie wieder miteinander schlafen. Oft findet zwar nach etwa sechs bis acht Wochen ein erster Versuch statt, der aber meistens so gründlich schief geht, dass zunächst einmal wieder für ein paar Wochen Schluss ist.

Die meisten Paare sind sich darin einig, dass das erste sexuelle Beisammensein nach der Geburt ein "erstes Mal" ist. Und wenn Sie sich an Ihr allererstes Mal zurück erinnern, werden Sie zugeben müssen, dass das vermutlich auch nicht ganz so toll war. Ein Paar drückte es so aus: "Man hat ganz ausgeprägt dieses Gefühl: 'Es ist das erste Mal'. Man ist ein bisschen unsicher, ein bisschen schüchtern, und es fühlt sich anders an". Doch keine Angst, das Wiedererkennen setzt schnell ein!

Vor allem die Frauen sind in Bezug auf das erste sexuelle Beisammensein nach der Geburt sehr unsicher. Die Gründe dafür sind vielfältig:
  • Durch die Geburt sind die Geschlechtsorgane emotional mit Schmerz besetzt.
  • Die Frauen haben Angst vor Schmerz, falls zum Beispiel die Dammschnittnaht noch nicht vollständig abgeheilt ist.
  • Keine Frau sieht nach der Geburt sofort wieder aus wie zuvor. Eventuell hat sie Schwangerschaftsstreifen, der Bauch ist noch nicht vollständig zurück gebildet etc.
  • Die meisten Frauen sind erschöpft, weil sie schließlich einen Säugling versorgen müssen - den es nicht interessiert, ob seine Mutter genug Schlaf bekommt oder nicht.
  • Das Baby beansprucht manche Frauen emotional völlig. Sie haben einfach keine Lust auf Sex.
Die meisten Männer hingegen sind enttäuscht, wenn es nach der Geburt mehrere Monate dauert, bis sexuell wieder etwas läuft. Hebamme Lilo Edelmann kennt dieses Problem: "Ich habe in meiner Praxis immer wieder erlebt, dass Männer ihre Frauen kurz nach der Geburt bedrängen. Viele junge Mütter brauchen jedoch eine Phase der Ruhe, in der sie sich an ihren veränderten Körper gewöhnen möchten. Darüber hinaus haben Frauen häufig Angst vor Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Die Geburtswege sind noch gereizt, die Dammnaht noch nicht verheilt". Andererseits gibt es auch Männer, die nach der Geburt selbst nicht gleich wieder zu Sex bereit sind. Viele Männer kommen zum Beispiel schlecht damit klar, dass das Baby im Schlafzimmer ist, oder sie haben Angst, ihrer Frau weh zu tun.

Übrigens haben Umfragen gezeigt, dass die meisten Männer mit den körperlichen Veränderungen ihrer Partnerinnen durch Schwangerschaft und Geburt viel besser zurecht kommen als die Frauen selbst. Zahlreiche Veränderungen, die den Frauen auffallen, bemerken die meisten Männer gar nicht bzw. bewerten sie nicht als negativ. Viele Männer finden ihre Partnerin während der Schwangerschaft und nach der Geburt eines Kindes erotischer als davor.

Viele Frauen empfinden das "erste Mal" nach der Geburt tatsächlich als schmerzhaft. Das liegt meistens daran, dass die Scheide nicht ausreichend feucht wird und sich der Penis an der zarten Haut der Scheide und der Genitalien sozusagen trocken rubbelt. Das tut weh. Passieren kann das auch, wenn frau richtig Lust auf Sex hat, denn nach der Geburt ist der Hormonhaushalt etwas durcheinander. Meistens fehlt es an Östrogen. Es wird nicht genug Sekret produziert. In solchen Fällen hilft ein Gleitmittel aus der Apotheke, das man allerdings nicht verwenden sollte, um fehlende Lust zu ersetzen.


Geduld und Verständnis gefragt

Ähnlich wie während der Schwangerschaft ist Sex nach der Geburt ein sensibles Thema. Von Mann und Frau, besonders aber vom Mann, wird Rücksichtnahme und Gesprächsbereitschaft erwartet. Jede Frau und jeder Mann reagiert unterschiedlich auf die Veränderungen, die Schwangerschaft und Elternsein mit sich bringen. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es eine Weile dauert, bis sie ihr sexuelles Zusammenleben wieder aufnehmen, oder wenn es anfangs nicht so gut läuft. Hüten Sie sich davor, etwas zu erzwingen.

Bei den meisten Paaren lösen sich die Schwierigkeiten spätestens, wenn die Stillzeit vorüber ist. Die Frau kann dann wieder unabhängiger von ihrem Baby leben. Je älter das Baby wird, desto sicherer werden auch die Eltern in ihrer neuen Rolle.

Und nicht vergessen: Bei fast der Hälfte aller Paare ist die sexuelle Beziehung nach der Geburt eines Kindes dieselbe wie davor, bei manchen wird sie sogar besser.


Autorin

Andrea Przyklenk ist freie Journalistin und Autorin und lebt in der Nähe von Stuttgart. Sie hat mehrere Bücher zu Familienthemen veröffentlicht - z.B. im Kösel Verlag: "Liebe und Sex junger Eltern. Ein Ratgeber für die Schwangerschaft und die Zeit danach", "Mit Lebenslust durch die besten Jahre. Genießen, handeln, Neues wagen" (mit Gisela Schnäbele) und "Ich mach mir nichts aus Mädchen. Wenn Jungs schwul sind" (mit Maximilian Geißler). Die Autorin ist erreichbar per Email unter: apmail@t-online.de


Letzte Änderung: 20.07.2004 13:00:32Zum Seitenanfang