ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWenn Mama durcheinander ist...Beate Lisofsky In Deutschland begeben sich im Verlauf eines Jahres etwa 1,6 Millionen psychisch kranke erwachsene Menschen in psychiatrische Behandlung (Deger-Erlenmaier u.a., 1997). Das entspricht etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung über 21 Jahre. Eine psychische Erkrankung hat immer Auswirkungen auf die gesamte Familie; die Angehörigen - Eltern, Partner - sind stets mitbetroffen. Mittlerweile haben sich die Angehörigen selbst organisiert und nicht zuletzt dadurch auf ihre leidvolle Lebenssituation aufmerksam gemacht. Die Erfahrung, dass Angehörige nicht Täter, sondern Opfer einer oft alle Beteiligten krankmachenden Dynamik sind und dass psychische Krankheit oft Verhältnisse schafft, die zu Extrembelastungen der Umgebung führen, hat in der Psychiatrie zu einem neuen Umgang mit den Angehörigen geführt. Damit verbunden ist auch der Anspruch auf ganz individuelle Hilfestellung für die Familien. Davon profitieren bisher die Kinder psychisch Kranker nicht. Sie werden in die Angehörigenarbeit nicht einbezogen, sondern geradezu bewusst ausgegrenzt. Damit wird von der Psychiatrie ein sowohl gesellschaftlicher wie auch innerfamiliärer Mechanismus, nämlich die Tabuisierung der psychischen Krankheit eines Elternteils, erneut in Szene gesetzt. Nach konservativen Schätzungen haben ca. 500.000 minderjährige Kinder und Jugendliche mindestens einen psychisch kranken Elternteil. Sie haben ein erhöhtes Risiko, selbst psychische Probleme zu bekommen; dies ist durch Studien (High-Risk-Forschung, genetische Studien) belegt. Sowohl bei schizophrenen wie auch bei affektiven Psychosen konnte eine genetische Komponente nachgewiesen werden: Während das Lebenszeitrisiko, an einer Schizophrenie zu erkranken, bei einem Prozent liegt, ist die Wahrscheinlichkeit für Kinder mit einem schizophrenen Elternteil mehr als verzehnfacht. Sind beide Eltern schizophren erkrankt, liegt die Wahrscheinlichkeit sogar bei 40 Prozent. Dies bedeutet aber auch, dass mehr als die Hälfte der betroffenen Kinder keine entsprechenden Symptome entwickeln - sicher ein Ansatzpunkt für weiteren Forschungsbedarf hinsichtlich der protektiven Faktoren der Entwicklung. Dazu kommen häufig psychosoziale Belastungen, d.h. die Kinder psychisch kranker Eltern wachsen oft unter Lebensbedingungen auf, die in mancherlei Hinsicht schwieriger sind als bei vielen anderen Kindern. Welche Probleme haben die betroffenen Familien?Bei den meisten Familien steht obenan, was sich in folgenden Satz fassen ließe: "Wir müssen es alleine schaffen, denn wird erst einmal klar, dass wir Hilfe brauchen, wird man uns nur auseinanderreißen." Diese Angst ist auch nicht ganz unberechtigt, denn die Zeit, als man psychisch kranken Menschen das Recht absprach, Kinder zu bekommen und groß zu ziehen, liegt noch nicht lange zurück. Mögliche Folgen: Die Eltern gehen nicht oder nicht rechtzeitig zum Arzt oder ins Krankenhaus - und sie holen sich auch nicht rechtzeitig Unterstützung bei Problemen mit den Kindern oder im Alltag.Die Kinder wenden sich mit ihren Sorgen nicht an Außenstehende; sie vertrauen sich niemand an, aus Angst, die Familie und ihr Geheimnis zu verraten. Auch wenn die Kinder an ihrer Verantwortung wachsen, so entsteht doch ein großes Gefühl der Einsamkeit, von dem alle inzwischen erwachsenen Kinder berichten. Eine länger bestehende seelische Krankheit eines Elternteils führt üblicherweise zu einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen für die gesamte Familie. Stichworte dazu sind: Arbeitslosigkeit, finanzielle Probleme, schlechtere Wohnverhältnisse, Isolation, belastete Beziehungen innerhalb der Familien. Außerdem ist der Anteil der Ein-Eltern-Familien hoch. Forschungsergebnisse haben deutlich gemacht, dass dieses Problembündel die psychische Entwicklung der Kinder in der Regel mehr beeinträchtigt als die seelische Erkrankung selbst. Zu den Auswirkungen der elterlichen Erkrankung auf die seelische Entwicklung der KinderDie Kinder erleben ihre Eltern über einen längeren Zeitraum oder immer wiederkehrend in für sie unverständlichen, extremen Gefühlszuständen. Sie empfinden das Gefangensein der Mutter in einer oft bedrohlichen inneren Welt, aus der sie ausgeschlossen sind oder aber eng mit einbezogen werden sollen. Sie können einem häufig unvernünftigen Umgang mit Zeit, Geld, Ernährung usw. ausgesetzt sein. Sie erleben Trennungen durch Krankenhausaufenthalte und oft wechselnde Betreuungen. Sie sind ihren Eltern loyal verbunden und befinden sich im Zwiespalt zwischen der "familiären" und der "äußeren" Welt, den Bedürfnissen ihrer Eltern und ihren eigenen.Kinder sind oft die ersten, die mit einer psychischen Krise konfrontiert sind und Hilfe organisieren sollen. Sie sind es, die die meiste Zeit z.B. mit einer kranken Mutter verbringen, und sie müssen allzu oft Aufgaben und Verantwortung von und für diese übernehmen. Diese Lebenssituation erzeugt bei kleinen Kindern Angst, bei größeren auch häufig Wut und diese dann ihrerseits wieder Schuldgefühle. Die Wut hat ihre Wurzel auch in der sozialen Situation der Kinder. Die Tabuisierung einer psychischen Erkrankung ist ja eben nicht nur ein innerfamiliäres, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen. Für eine psychisch kranke Mutter meint man sich als Kind genieren zu müssen und schweigt am besten darüber. Wie kann derart belasteten Kindern und ihren Familien geholfen werden?Als erster Schritt tut Aufklärung not. Dabei stellt sich aber vor allem das Problem, wie diese zumeist eher unauffällig und angepasst lebenden Kinder und Jugendlichen zu erreichen sind. Eine altersgemäße Information von Kindern als Angehörige psychisch Kranker sollte zur Routine jeder psychiatrischen Arbeit werden. Das gilt sowohl für den stationären als auch für den ambulanten Bereich. Voraussetzung dafür aber ist, zunächst ein Problembewusstsein bei den dort tätigen Professionellen zu entwickeln.Darüber hinaus müssen aber auch all jene Personenkreise, die zu Ansprechpartnern für betroffene Kinder werden können - z.B. Lehrer/innen, Erzieher/innen, Haus- und Kinderärzt/innen - mit diesem Anliegen vertraut gemacht werden. Gelingt es dadurch, das Tabu zu brechen, so kann ein neues Gesprächsklima entstehen, das für die Familien große Entlastung bringt. Daneben gibt es gravierende Probleme und Defizite bei Hilfsangeboten für die Kinder und ihre Familien. Eine Ursache dafür ist, dass angesichts der komplexen Problematik den Fachleuten die Kompetenz fehlt, die Familien wirklich als Einheit zu sehen. So neigen z.B. die Erwachsenenpsychiater dazu, die Kinder zu vergessen oder spannen sie als eine Art Hilfstherapeuten ein. In Einrichtungen und Diensten der Jugendhilfe fehlt vielfach die nötige psychiatrische Kompetenz. So beziehen sich vorhandene Hilfsangebote nur auf einen Teil des familiären Systems; die Hilfemöglichkeiten und Finanzierungswege sind zersplittert; und die Verständigung zwischen den verschiedenen Versorgungssystemen ist unzureichend - von Kooperation oder Vernetzung ganz zu schweigen. Was tun?Es sollten in ausreichender Zahl Mutter-Kind-Einheiten in den psychiatrischen Kliniken bzw. auf den psychiatrischen Stationen der Allgemeinkrankenhäuser eingerichtet werden. Legt man Zahlen aus Großbritannien zugrunde, ergibt sich die Notwendigkeit, 9,6 Betten pro 1 Mio. Einwohner vorzuhalten. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl und Geburtenrate in Deutschland ergibt das ca. 750 Betten zur stationären Aufnahme von Müttern mit ihren Kleinkinder. Die Finanzierung der stationären Mitbehandlung des Kindes durch die Krankenkassen und/oder Mitbeteiligung der Sozialämter muss geregelt werden.Auch nachstationäre Betreuungsbereiche für psychisch kranke Mütter/ Eltern mit ihren Kindern gibt es nur sehr selten. Gegenwärtig ist gerade diese Konstellation oftmals ein Ausschlussgrund für die Aufnahme in bestehenden Einrichtungen. Entwicklung gemeindepsychiatrischer BetreuungsmöglichkeitenHierbei geht es nicht in erster Linie um die Schaffung neuer Institutionen, sondern um die sinnvolle Vernetzung vorhandener Angebote aus den Bereichen Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiatrie und Jugendhilfe. Das erfordert verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit, vor allem zwischen Klinik, ambulanten psychiatrischen Einrichtungen und der Jugendhilfe, sowohl bei der konkreten Koordination der Hilfen im Einzelfall als auch bei der Planung künftiger Versorgungsstrukturen. Unbedingt nötig für diese Zusammenarbeit ist, diese Thematik in die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter/innen aufzunehmen bzw. zu intensivieren.Darüber hinaus muss die Öffentlichkeit angemessen informiert werden, um das Thema - und damit auch die betroffenen Familien - von der Last des schamhaften Verschweigens zu befreien. So ist vielleicht der Abbau der Tabuisierung psychischer Krankheit der schwierigste, aber auch der wichtigste Schritt für die Verbesserung der Situation der Kinder psychisch kranker Eltern. Abschließend möchte ich aus dem Brief einer Mutter zitieren: "Kinder und Angehörige sind immer Betroffene, und das ist für die Kranken schlimmer, als Sie denken. Aber ich wehre mich dagegen, sie zu Kranken zu machen. Helfen sollte man denen, die Hilfe wollen. Unterstützen muss man alle." Hinweise für ElternWenn in einer Familie ein Elternteil psychische Probleme hat, ist es zunächst wichtig, Hilfe für die erkrankte Mutter oder den erkrankten Vater zu organisieren. Auswirkungen hat die Erkrankung aber auf die gesamte Familie, und auch die Kinder haben Aufmerksamkeit nötig.Kinder erziehen ist nicht einfach. Alle Eltern fragen sich manchmal, ob sie es richtig machen. Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt ist, wird das Ganze dadurch nicht leichter. Neue Fragen kommen dazu. Wenn Sie sich wegen Ihrer Kinder Sorgen machen, dann sprechen Sie darüber: mit der Familie, mit Freunden, Nachbarn oder Fachleuten! Zehn praktische Tipps
Literatur
Mattejat, Fritz/Lisofsky, Beate: Nicht von schlechten Eltern. Kinder psychisch Kranker. Bonn: Psychiatrieverlag, 3. Aufl. 2001. Autorin
Beate Lisofsly, Dipl. Journalistin, | ||
Letzte Änderung: 13.05.2004 17:24:44 |