ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜFaires StreitenClaudia Wölfer Streit kommt im Zusammenleben eines Paares immer wieder vor: Streit um herausragende Ereignisse wie Wohnortwechsel, Kinderwunsch oder Fremdgehen - und noch viel häufiger alltägliche Reibereien um Ordnung, Pünktlichkeit und Aufgabenverteilung. Diese letztgenannten, scheinbar kleinen Themen des Alltags wiegen sehr schwer:
"Ein Wort gibt das andere..."Bei vielen Paaren gibt es bestimmte Reizthemen, die immer wieder Anlass zur Auseinandersetzung bieten. Berühmt ist das Beispiel der nicht von hinten ausgepressten Zahnpastatube, über das man im ersten Moment schmunzeln muss. Aber tatsächlich sind es von außen betrachtet scheinbar unwesentliche Streitpunkte, an denen sich heftige Auseinandersetzungen entzünden. In einem solchen Moment zählt nicht nur die aktuelle Situation, sondern es kommen die unzähligen Male hinzu, die in der Vergangenheit genauso verlaufen sind. Es ist so ähnlich, als drücke der Partner den eigenen "roten Knopf", der einen innerlich hoch gehen lässt. Der Ärger bestimmt dann das Handeln, und häufig trifft man daraufhin zielsicher den "roten Knopf" des Partners.Verlauf und Ausgang einer solchen Spirale sind zwischen Paaren verschieden, aber innerhalb eines Paares oft sehr ähnlich: "ein Wort gibt das andere". Oft weiß man schon, was der Partner in etwa sagen wird, und wartet nur auf das entsprechende Stichwort, um dem begegnen zu können. Auch die Streitbeilegung ist fast wie ein Ritual, das sich wiederholt: Schließlich weint sie und er gibt nach, oder er verlässt wütend das Zimmer und setzt sich auf diese Weise durch, oder beide ziehen sich zurück und gehen nach einer Weile in den Alltag über, oder einer entschuldigt sich für seinen wütenden Ausbruch Das Streitthema selbst ist dadurch oft nicht gelöst, vor allem nicht langfristig. Die Auseinandersetzung hat sich verselbständigt und ist wichtiger geworden als der ursprüngliche Anlass. Plötzlich geht es nicht mehr um die Zahnpastatube, sondern um die dahinter liegende Frage, ob der Partner das eigene Engagement im gemeinsamen Alltag überhaupt wahrnimmt und anerkennt, oder um das Gefühl, vom anderen nicht ausreichend unterstützt zu werden, oder um die Befürchtung, als Person nicht akzeptiert zu werden. In der aufgeheizten Streitatmosphäre können diese existentiellen Fragen allerdings meistens nicht beruhigend beantwortet werden, was wiederum den Ärger und die Enttäuschung schürt. Ein Ausweg aus der StreitspiraleDie Paarforschung der letzten Jahre zeigt, dass es um die Qualität und die Dauer einer Partnerschaft nicht gut bestellt ist, wenn solche eskalierenden Streitepisoden häufig auftreten. Und es stellt sich die Frage, wie ein Paar aus diesen fast automatischen Abläufen ausbrechen kann. Um es vorweg zu nehmen: Es ist schwer. Sobald der Ärger die Partner überflutet, ist faires Streiten unmöglich geworden. Eine Lösung auf der Sachebene wird in der Regel nicht mehr gefunden werden. Es geht um existentiellere Fragen, und die sind in dieser aufgebrachten Stimmung nicht gut zu beantworten.Eine Alternative zum üblichen Verlauf ist an dieser Stelle nur noch ein frühzeitiger Abbruch der Auseinandersetzung. Nützlich ist, wenn sich das Paar grundsätzlich darauf einigt, dass jeder sich eine "Auszeit" nehmen kann, wenn er merkt, dass ihn der Ärger überrollt. Dazu sollte ein eindeutiges Zeichen oder Wort abgesprochen sein. Zugleich sollte mit der Ankündigung einer Auszeit verbunden sein, dass das Paar das Streitthema nach einer vereinbarten Spanne, z.B. zwei Stunden, wieder aufnimmt und dann in Ruhe bespricht. Zwei Stunden Ablenkung reichen in der Regel, um die im Körper freigesetzten Stresshormone wieder abzubauen und damit etwas zur Ruhe zu kommen. Wird die Zeit hingegen dafür genutzt, weiter kämpferisch über die Auseinandersetzung nachzudenken und neue Argumente zu überlegen, bleibt der Körper in Anspannung, und innerlich entsteht keine Ruhe. Gelingt dieses Vorgehen, steht das Paar vor der ursprünglichen Konfliktsituation und braucht nun eine alternative Vorgehensweise, um nicht in dieselbe Streitspirale zu geraten wie zuvor. Die Kunst, Konfliktsituationen fruchtbar zu nutzen, liegt darin, sie als Gelegenheit zu sehen, den Partner besser kennen zu lernen: Der Partner will in diesem Moment etwas anderes als ich - warum? Worum geht es ihm? Was ist ihm so wichtig daran, dass die Zahnpastatube von hinten ausgedrückt wird? Ein erster Schritt wäre, den Blick weg von der eigenen Bedrohung ("Ich soll etwas tun oder lassen, was ich nicht will!") hin zum anderen zu lenken und herauszufinden, worum es ihm geht. Dafür ist es wichtig, davon auszugehen, dass ich doch nicht weiß, was er sagen wird. In der Streitspirale kenne ich seine Argumente, aber auf einer tieferen Bedürfnisebene kenne ich sie nicht. Bedürfnisse statt LösungsvorschlägeIn klassischen Streitsituationen versuchen beide Parteien, ihre Lösungsvorschläge für ein Problem durchzusetzen. Ein alternativer Weg aus der Verhandlungsforschung ist, zunächst herauszufinden, welche Bedürfnisse mit diesen Lösungsvorschlägen zufrieden gestellt werden sollen. Ein viel zitiertes Beispiel macht den Unterschied zwischen Lösung und Bedürfnis in Konfliktsituationen deutlich: Zwei Personen streiten sich um eine Apfelsine. Beide sehen als Lösung, die Apfelsine für sich zu bekommen. Fragt man beide, was ihr Bedürfnis ist, aus dem heraus sie die Apfelsine haben wollen, stellt sich heraus, das die eine Person den Saft auspressen möchte und die andere die Schale braucht, um einen Kuchen zu würzen. Wären ihnen die Bedürfnisse klar, könnten sie eine dritte Lösung finden.Sehr häufig scheinen sich die Positionen zweier Streitpartner auf den ersten Blick auszuschließen, und ein Weg daraus könnte sein, die Bedürfnisse hinter den Lösungsvorschlägen zu klären und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, die die Bedürfnisse beider zufrieden stellt. Häufig lassen sich auf diese Weise sehr viel kreativere Vorschläge finden, und die Lösungssuche ist nicht mehr gegnerisch, sondern eine gemeinsame Aufgabe. Beispielsweise hatte sich bei einem Paar eingeschliffen, dass sie ihn regelmäßig auf seine Aufgaben im Haushalt hinwies. Auf der Ebene der gegnerischen Positionen zeigte sich das so, dass sie sagte, er solle abwaschen, und er das nicht tat, sondern Zeitung las. Auf der Ebene der Bedürfnisse wurde deutlich, dass es ihr wichtig war, Platz auf den Ablageflächen in der kleinen Küche zu haben, bevor ihre Eltern zu Besuch kamen, während sein Bedürfnis war, dass sie ihn nicht gängelt, sondern ihm zutraut, seine Aufgaben zu erledigen. Auf ihre Aufforderungen hin schob er das Abwaschen erst recht hinaus. Nach der Aussprache über ihre Bedürfnisse kamen sie zu der gemeinsamen Lösung, dass er noch in Ruhe die Zeitung zu Ende lesen kann und rechtzeitig vor dem Besuch das Geschirr entweder besser stapelt oder abwäscht, so dass die Ablageflächen frei wären. Dieses Vorgehen hat zudem einen weiteren Effekt. Versteht man, aus welchem Bedürfnis heraus der Partner seine Position vertritt, ändert dieses Verständnis manchmal die eigene Haltung. Es kann weniger wichtig werden, die eigene Position durchzusetzen. Häufig vermuten Partner Absichten, die der andere mit seinem Lösungsvorschlag erreichen will, die nicht zutreffen. Im gerade erwähnten Beispiel fühlt sich der Mann von seiner Partnerin gegängelt, was aber nicht ihre Absicht ist. Er hat vielleicht seine ältere Schwester stets in der Rolle der Antreibenden erlebt und reagiert deshalb empfindlich auf die Aufforderungen seiner Partnerin. Erfährt er, worum es ihr in der Sache geht - um freie Ablageflächen, nicht darum, dass er auf ihre Aufforderung hin gehorcht -, fällt es ihm leichter, ihrer Aufforderung nachzukommen. Ebenso hatte sie bisher angenommen, dass er mindestens drei Hinweise bräuchte, um seine Aufgaben zu erledigen. Mit dem Wissen, dass er die Erledigung seiner Aufgaben sehr wohl im Blick hat und ihre Aufforderungen ihn eher bremsen, kann sie abrücken von ihrer Position, er müsse jetzt abwaschen. Das Paar einigte sich generell darauf, dass sie sich mit konkreten Aufforderungen zurück hält und gegebenenfalls ihr Ziel formuliert, so dass sie gemeinsam den Lösungsweg bestimmen können. Gemeinsam eine Lösung suchenZusammenfassend lässt sich sagen, dass sich viele Auseinandersetzungen auflösen lassen, wenn es den Partnern gelingt, von der Ebene der sich ausschließenden Lösungen zur Bedürfnisebene zu wechseln. Wenn geklärt ist, worum es beiden geht, verwandelt sich ein gegnerischer Streit in eine gemeinsame Problembewältigung. Dann suchen beide Partner eine Lösung, die die Bedürfnisse beider zufrieden stellt. Sehr häufig sind die Bedürfnisse, die hinter den Positionen liegen, miteinander vereinbar.Diese Art, Interessenskonflikte miteinander auszuhandeln, funktioniert allerdings wie oben erwähnt nur, wenn der Ärger die Partner nicht schon überrollt hat. Beide müssen einander noch zuhören können und die Bedürfnisse des anderen kennen lernen wollen. So kann Streit Partner sogar einander näher bringen, denn sie lernen sich besser kennen. Fair streiten bedeutet in diesem Sinne: Beide Partner versuchen in Konfliktsituationen, die eigenen Bedürfnisse und die des Partners zu klären und zu verstehen sowie auf dieser Basis eine gemeinsame Lösung zu finden. Paare, die dieses Vorgehen gezielt üben wollen, finden hier einen "Kleinen Leitfaden". AutorinDipl.-Psych. Claudia Wölfer, Psychologiestudium und Zusatzstudiengang Journalistik an der Universität Hamburg; Weiterbildung in Focusing (DAF), Systemischer Paar- und Familientherapie (IGST e.V.) und Mediation (BAFM); derzeit Promotion über "Konflikte in Partnerschaften" an der Universität Heidelberg. Praktisch tätig als Paartherapeutin und Mediatorin Adresse
Dipl.-Psych. Claudia Wölfer | ||
Letzte Änderung: 20.07.2004 12:50:29 |