ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜGlücksbedingungen in der PartnerschaftCélia Maria Fatia "Wovon man nicht laut spricht, das ist nicht da" (Friedrich Nietzsche). 1. Die große Bedeutung von BeziehungIn der evolutionären Entwicklung wurde der Mensch - anders als andere Lebewesen - von seinen Instinkten entbunden und stattdessen mit einer verlängerten Kindheit ausgestattet. Wir Menschen sind mit dieser längsten Kindheit zum Erfahrungswesen, das heißt zum Beziehungswesen, geworden. Für uns ist Beziehung also von nicht zu unterschätzender existentieller Bedeutung. Zum Überleben sind wir von Beziehung maximal abhängig.In der Regel wissen allerdings die Wenigsten um die hohe Bedeutung von Beziehung: Es gibt beispielsweise keine Krankheit, in der die Partnerschaft nicht eine Rolle spielt, sei es aktiv oder passiv. Weithin unbekannt ist auch, dass Beziehung Arbeit bedeutet, Arbeit, die wir täglich leisten: Beziehungsarbeit (Blanke et al. 1996, S. 28 ff.). Wir lernen Lesen, Schreiben, Autofahren. Wir lernen alles über den richtigen Umgang mit dem Computer. Und wir bilden uns weiter in Rhetorik, Führungsstil und -kompetenz, in Kunstgeschichte und Entspannungstechniken. Die grundsätzliche Notwendigkeit des Lernens haben wir also erkannt. Wie aber steht es mit unserem Wissen, unserer Kompetenz in Sachen Beziehung? Schon unter normalen Umständen wäre eine Fortbildung in Beziehungskompetenz angezeigt. Kein Betrieb in der freien Wirtschaft kann es sich leisten, seine Führung unausgebildetem Personal zu überlassen. Dem Paar, also der 'Keimzelle der Gemeinschaft', wird das unbefragt zugemutet. Aber auch eine gelingende Partnerschaft braucht Fähigkeiten. Es gibt keine dauerhafte Liebe ohne Beziehungsarbeit. Dem romantischen Ideal folgend, wird Liebe jedoch oft gleichgesetzt mit den intensiven lustvollen Gefühlen, wie sie in Phasen der Verliebtheit gemacht werden. Wird diese Glückserwartung seltener oder verliert sich, weil eine neue Phase, z.B. der Elternschaft, der Berufstätigkeit o. Ä., eingetreten ist, wird das oft als Scheitern der Beziehung erlebt. 2. Gesellschaftliche Belastungen des PaaresErschwerend kommt hinzu, dass seit der Entstehung des intimen Liebespaares vor nunmehr 200 Jahren hohe gesellschaftliche Anforderungen auf dem Paar lasten (Moeller 2001d, S. 48):
3. Was macht eine glückliche Beziehung aus?Eine glückliche Beziehung basiert im Wesentlichen auf drei Grundeigenschaften (Moeller 2001d, S. 52 f., 60 ff., 72 ff.): Entwicklungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und der Fähigkeit zur Versöhnung. Glückliche Paare unterscheiden sich von unglücklichen Paaren in einem wesentlichen Punkt: Die glücklichen Paare reden von Anbeginn mehr miteinander.Glücksbedingung Nr. 1 ist also das wesentliche Miteinanderreden, das Sprechen über unsere Gefühle: Freuden, Ängste, Wünsche und Sehnsüchte. Eine Zeitbudgeterhebung des Bundesministeriums für Familie (1996) ergab jedoch, dass deutsche Paare heute kaum mehr als zwei Minuten pro Tag miteinander über persönliche Dinge sprechen (Blanke et al. 1996, S. 313). Wir reden zu wenig wesentlich miteinander. Das ist ein weltweiter Befund zur aktuellen Situation moderner Paare: Kommunikationskluft (communication gap). Mit der Sprachlosigkeit geht die Lustlosigkeit einher. Die Paare tauschen ihr persönliches Erleben zu wenig aus. Somit können die einfachsten Konflikte nicht geklärt, die einfachsten Empfindungen nicht mehr geteilt werden: "Enttäuschung, Trauer und entsprechende Zornmengen sammeln sich unterschwellig auf dem Boden der Beziehung als Symptome einer unerledigten Aufgabe, eines ungelösten Konfliktes. Wenn nichts mehr besprochen werden kann, wird jede Erotik unter der Last von Unerledigtem, Gereiztem und Resigniertem erstickt. Weltweit ist die Lust am Schwinden" (Moeller 2001d, S. 47). Doch es gibt Möglichkeiten, mit dieser schwierigen Situation umzugehen. Der Sprachlosigkeit kann man entgegenwirken mit wesentlichen Dialogen, den Zwiegesprächen. Sie entwickeln und vertiefen die Beziehung durch eine Fülle von Momenten, vor allem durch die Steigerung der wechselseitigen Einfühlung. Und mit der Sprache, dem Kreislauf einer Beziehung, wird auch die Erotik wieder belebt. 4. Prinzip und Wirkung des ZwiegesprächsDas Zwiegespräch ist ein hochverdichtetes Gesprächskonzept, das Prof. Dr. med. Michael Lukas Moeller aus wesentlichen Einsichten seiner langjährigen psychoanalytischen Arbeit mit Paaren und Paargruppen entwickelte. Es handelt sich um ein regelmäßiges ungestörtes Gespräch zu zweit von 1 ½ Stunden Dauer, einem Jour-fixe einmal in der Woche. Das Fundament der Zwiegespräche ist das Prinzip der Selbsthilfegruppen: "Jeder hilft sich selbst und hilft dadurch dem anderen, sich selbst zu entwickeln".Die Wirkungen des Zwiegesprächs lassen sich am besten am Bild der Windrose verdeutlichen, da es sich nicht um lineare Entwicklungen handelt. Vielmehr eröffnen sich Entwicklungsräume, die miteinander verwoben sind und schließlich - entsprechend den vier Himmelsrichtungen - zu den vier großen Hauptwirkungen führen (Moeller 2001d, Kap. 9):
Die vielfältigen Wirkungen der Zwiegespräche ergeben sich durch zwei Momente:
5. Was tun? - Die Praxis des ZwiegesprächsDer Rahmen für ein gelingendes Zwiegespräch scheint so einfach, dass er oft nicht beachtet wird. Jedoch enthält er die Bedingungen, auf die es ankommt.Kürzeste Anleitung:
Die Regelmäßigkeit der Gespräche ist das Geheimnis ihres Erfolges. So geht der unbewusste rote Faden nicht verloren. Jeder geht der Frage nach: "Was bewegt mich zurzeit am stärksten?" Es gibt kein anderes Thema im Zwiegespräch als das eigene Erleben. Einer erzählt dem anderen, wie er gerade sich, den anderen, die Beziehung und sein Leben erlebt. Die Partner tauschen sozusagen Selbstporträts aus. Benutzen Sie dabei die Bildersprache. Sprechen Sie in kleinen konkret erlebten Szenen. Ein Beispiel: Ein Paar sitzt am Abend zusammen. Die Frau macht Salat. Plötzlich sagt der Mann: "Ich finde dich ganz toll!" Zwiegesprächserfahren, fragt die Frau nach: "Was meinst du mit 'toll'? Welche konkrete Szene geht dir dabei durch den Kopf?" Und der Mann antwortet: "Es war heute früh. Du fuhrst mit dem Fahrrad die Straße hinunter. Die Sonne schien. Dein Rock wehte im Wind. Und ich hatte das Gefühl, du bist eine selbständige und in sich ruhende Frau. Das meinte ich mit 'toll'." Darauf die Frau: "Jetzt erzähle ich dir einmal, was ich mir vorstellte: Ich dachte, du fändest mich toll, weil ich für dich gerade einen schönen Salat mache". Vor unserem inneren Auge haben wir alle ständig eine Art inneren Film ablaufen. Und sehr oft sagen oder tun wir Dinge in Reaktion auf diesen inneren Film. Aber nur sehr selten nehmen wir die dahinter liegenden Bilder und Szenen auch bewusst wahr. Vielmehr sprechen wir nur das Endergebnis aus, das sich in einem Gefühlsbegriff bündelt - ähnlich dem Mann in unserem Beispiel: Wörter wie toll, interessant, blöd, schön, hässlich und ähnliche sind letztlich Gefühlsbegriffe, die einer weiteren Erläuterung bedürfen, um für andere nicht abstrakt zu bleiben. Denn jeder versteht etwas anderes, stellt sich etwas anderes darunter vor. Im Zwiegespräch gehen Sie frei Ihren aufkommenden Einfällen nach. Keiner sollte den anderen unterbrechen. Jeder zentriert sich auf sich und hilft damit auch dem anderen, zu sich zu kommen. Reden und Zuhören sollten möglichst gleich verteilt sein. Das dürfte wohl auch die schwierigste Aufgabe im Zwiegespräch sein, die nicht gleich auf Anhieb zu bewältigen ist. Bei sich zu bleiben und den anderen in seiner Andersartigkeit kennen und annehmen zu lernen, wird durch das "übende Erleben" in den wesentlichen Dialogen immer wieder erprobt. Wir machen uns für den anderen (und für uns selbst!) auf diese Weise zu einem "offenen Buch" statt zu dem viel besagten "Buch mit sieben Siegeln". Wir leben in der Regel in Beziehungen, aber die Beziehungen leben wir nicht. Wir leben, um im Bild des Buches zu bleiben, Kapitel unseres Buches oder Rollen daraus. Aber selten leben wir uns wirklich. Wir sind ein interessantes Buch, rätselhaft und geheimnisvoll, das es aber nicht nur abzulesen, sondern zu schreiben gilt. Es ist nicht schon geschrieben, wir entwickeln es. Wir entwickeln es im Gespräch miteinander. Das Zwiegespräch ist kein Offenbarungszwang, so dass jeder ganz selbstbestimmt nur das sagt, was er will. Dieses Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen gehört zur Ethik der wesentlichen Dialoge. Vielen fällt es schwer, sich daran zu halten. Mit der Zeit entdeckt allerdings jeder, dass Offenheit am weitesten führt. Zwiegespräche sind selbstverständlich nicht nur besonders zur Belebung und Gestaltung Ihrer Liebesbeziehungen geeignet; sehr zu empfehlen sind auch Zwiegespräche zwischen:
Die Paarbeziehung und alle wesentlichen Bindungen - wie Freundschaften - sind also nicht nur für die seelische Lebensqualität und den Lebenssinn, sondern auch für die seelische wie körperliche Gesundheit und für die Zukunft verantwortlich. Die Entwicklung und Förderung dieser Bindungen müssen deshalb an erster Stelle stehen. In diesem Zusammenhang sind die Zwiegespräche von einem nicht zu überschätzenden Wert. Ihre Wirkung reicht weit über uns und der aktuellen Situation hinaus - die große Generationenwirkung: "Jedes Paar, das Kinder hat, ist sich in der Regel seiner großen Generationenwirkung nicht bewusst: Die seelische Struktur der nächsten Generation - somit ihre Chancen und Behinderungen, ihr Erleben, Verhalten und Entscheiden - beruht auf der Verinnerlichung der Mutter-, Vater- und, oft vergessen, Elternbeziehung. Die Bedeutung dieses Moments ist kaum zu überschätzen, ganz abgesehen von der jeweils aktuellen positiven Wirkung der Elterndialoge auf die Familiendynamik" (Moeller 2001e, S. 4). 6. Widerstand gegen das Zwiegespräch - Abwehr gegen die SelbstentwicklungWie in jeder Psychotherapie entwickelt sich auch gegen Zwiegespräche ein mehr oder weniger starker Widerstand. Dieser Gegenwille, wie Freud den Widerstand auch nannte, ist ein Angstphänomen, ein Symptom ungefühlter Angst und zugleich eine Form der Angstdosierung. Angst ist sinnvoll und berechtigt. Wie Schmerz schützt sie uns vor drohenden Gefahren, ist sie eine Art Selbstschutz. Die Angst ist ein Fortschrittszeichen und löst sich ganz einfach auf durch Weitermachen. Das muss man wissen, um angemessen damit umzugehen.Der Widerstand ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen und hat viele Erscheinungsformen. Die Ablehnung des Zwiegesprächs von vornherein dürfte am verbreitetsten sein: "In diese Inquisition gehe ich nicht", deklarierte ein Mann. Sein absoluter Gegenwille entspringt offenkundig unbewussten Schuldgefühlen. Haben Paare erst einmal mit Zwiegesprächen begonnen, wirken die ersten Gespräche häufig euphorisierend durch die Entlastung von unausgesprochenen Dingen. Spätestens nach dem dritten Dialog aber meldet sich die Abwehr gegen den Selbstentwicklungsprozess zu zweit. Sie zeigt sich vielfältig:
7. Das Zwiegespräch ist der gemeinsame Gestaltungsraum der BeziehungEine Zweierbeziehung vollzieht sich nur zu einem Zehntel im bewussten Bereich. Das bleibt meist unbeachtet. Neun Zehntel unseres Paarlebens sind unbewusst, aber deswegen keineswegs unwirksam. Dies gilt natürlich ebenso für die Zwiegespräche. Eine psychoanalytische Einsicht besagt: "Unbewusstes erkennt Unbewusstes irrtumslos" (Scheunert 1960, S. 574-593). Das ist die Grundlage unseres unbewussten Zusammenspiels (Willi 2000, S. 59-60), auf dem das Konzept der Zwiegespräche gründet. Die Revolution des Alltags lautet dementsprechend: Alles ist zu zweit gemacht - weder du noch ich können allein 'schuld' sein.Literatur
Blanke, Karen, Ehling, Manfred, Schwarz, Norbert (1996). Zeit im Blickfeld. Ergebnisse einer repräsentativen Zeitbudgeterhebung (hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Schriftenreihe Bd. 121). Stuttgart (Kohlhammer) Autorin
Célia Maria Fatia, M.A., arbeitet psychotherapeutisch (HPG) sowie als Paar- und Familientherapeutin (BvPPF) und Gruppenanalytikerin (SGAZ/DAAG) in eigener Praxis in Frankfurt/Main. Zwiegesprächseminare
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Célia Maria Fatia | ||
Letzte Änderung: 04.03.2008 11:18:51 |