ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDer Einfluss der Herkunftsfamilien auf die PartnerschaftPeter Kaiser Paarbeziehungen stehen weit stärker unter dem Einfluss der Herkunftsfamilien der Partner als allgemein angenommen. Ideologien vom freien Willen und von romantischer Liebe dürfen indes nicht darüber hinweg täuschen, dass Partner die Prägung und den Einfluss ihrer Herkunftsfamilie lebenslang nicht abschütteln können. Der Unmut darüber spitzt sich in der verbreiteten Formulierung von der "bösen Schwiegermutter" zu, die gerne zum Sündenbock für generationenübergreifende Fehlentwicklungen eines ganzen Familiensystems gemacht wird. Die Herkunftsfamilien sind für Partnerwahl und Partnerschaft Erwachsener hoch bedeutsam, weil sie
Erbgut und neuronale "Programmierung"Erbgut an die nächste Generation weiter. Dies bezieht sich auf viele Anlagen für körperliche Merkmale sowie auf Intelligenz und Persönlichkeitseigenschaften (s.u.). Dabei ist zu bedenken, dass genetische Anlagen nur selten eindeutige Konsequenzen für konkretes Verhalten der Nachkommen in der Partnerschaft und anderswo haben.Wie wir aus der neuropsychologischen Forschung wissen, führt Veranlagung nicht zwangsweise zu speziellen Festlegungen: Viele Hirnzellen haben Gene, die durch Erfahrungen an- oder abgeschaltet werden. Befriedigende Erlebnisse beschäftigen und stimulieren andere Hirnregionen und Zellen, als dies bei Stress geschieht. Derlei lässt sich mit bildgebenden Verfahren eindrucksvoll darstellen. Erfahrungen programmieren das Gehirn mittels neuronaler Bahnungen und Verschaltungen auf jeweils spezifische Weise schon vor der Geburt im Mutterleib: Ist die Schwangere familialen oder anderen seelischen Belastungen (Stress) ausgesetzt, erhöhen sich die Risiken für Fehlentwicklungen des Gehirns und der neuronalen Schaltungen beim Ungeborenen, das ja an den Organismus der Mutter "angeschlossen" ist. Steht die Mutter unter Stress, steigt die Gefahr von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sowie einer Frühgeburt, was zu langdauernden Befindens- und Entwicklungsstörungen oder sogar Behinderungen des Kindes beizutragen vermag. Kinder, die früh unangenehme Stress-Erfahrungen machen, entwickeln eine wesentlich höhere Erregungsbereitschaft, indem die Stressgene in den Nervenzellen angeschaltet werden und ein neuronales Alarmsystem arrangiert wird, das sich zunehmend weiter verselbständigt. Dies führt zu immer schnellerer und dauerhafter Erregung und Ängstlichkeit. Solche Menschen neigen bereits bei nichtigen Anlässen zu überschießenden Reaktionen und entwickeln zu ihrem Schutz umfassende Abwehr- und Vermeidungsstrategien, was sich auch auf partnerschaftliches Verhalten und die Konfliktneigung auswirkt. Die neuronalen Strukturen stehen dann positiver Lebensführung und Wohlbefinden im Wege. Wer sich aufgrund belastender Erfahrungen in Kindheit und Jugend wenig aktiv und offensiv verhält, produziert (unabhängig vom Geschlecht) weniger männliche Hormone (Androgene). Selbstsicheres Verhalten dagegen regt die Androgenproduktion an. Weniger Androgene scheinen zu geringerer Pheromonproduktion und zu geringerer erotischer Aktivität und "Ausstrahlung" zu führen. Wer sich aufgrund seiner familialen Situation hilflos-depressiv fühlt, entwickelt und präsentiert sich auch körperlich anders (z.B. Haltung, Physiognomie, Gestik, Outfit). Dies beeinflusst den erotischen "Marktwert" und die Erfüllung eigener Erwartungen im Rahmen von Partnerwahl und Partnerschaft. Solche Erlebnisse prägen das Selbstwertgefühl und die künftige Reaktionsbereitschaft. So kann sich auch ein erwachsenes Gehirn unter dem Eindruck spezieller Erfahrungen in ganz erheblichem Maße neuronal verändern: Ein gedeihliches Familienklima z.B. kann trotz einer Erbanlage für Schizophrenie verhindern, dass die Krankheit ausbricht, und eine gesunde Entwicklung fördern. Erfahrungen von Geborgenheit und Unterstützung sorgen in diesem Falle für eine auf positive Bedürfnisbefriedigung und Nähe ausgerichtete prosoziale Motivation. Die Stressgene werden/ bleiben abgeschaltet und eine erhöhte Erregungsbereitschaft wird vermieden. Umgekehrt führt Dauerstress zu hirnorganischen Schaltungen, die den Organismus und das Immunsystem schädigen sowie erhöhter Krankheitsanfälligkeit und sogar verringerter Lebenserwartung Vorschub leisten (z.B. Bauer, 2002; Kaiser, 2003; Grawe, 2004). Anlagen und Erfahrungen in der Herkunftsfamilie formen also das Gehirn und damit auch die Persönlichkeit, die später das Partnerverhalten prägt. Einflüsse auf Persönlichkeit und SelbstbildEltern mit günstigen Werten bei den über die Lebensspanne stabilen Persönlichkeitsmerkmalen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Irritierbarkeit (Neurotizismus) und Ressourcenreichtum/ Offenheit für neue Erfahrungen (die so genannten "Big Five") haben befriedigendere Paarbeziehungen und verhalten sich ihren Kindern gegenüber konstruktiver. Damit fördern sie einen sicheren Bindungsstil und eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder.Emotional irritierbare Eltern dagegen neigen zu starker Behütung und geben ihren Kindern weniger positive Anregungen. Sind Eltern wenig verträglich, neigen sie zu mehr negativen Emotionen und Disziplinierungsmaßnahmen, was Kinder zu Trotz, Wut und unsicherem Bindungsstil neigen lässt. Werden Kinder von ihren Eltern abgelehnt, weil sie z.B. unerwünscht waren oder unerwünschte Merkmale haben (Geschlecht, Aussehen etc.), werden sie meistens weniger verlässlich betreut sowie öfter und länger allein gelassen bzw. in fremde Hände gegeben. Dies macht einen unsicheren Bindungsstil vor allem dann wahrscheinlicher, wenn dies in den ersten drei Lebensjahren geschieht. Die Betroffenen sind anfälliger für Selbstwertprobleme, emotionale Irritierbarkeit, Depressivität, körperliche Beschwerden, Aggressivität und Kontaktschwierigkeiten sowie für unbewusste Aufträge und Wiedergutmachungswünsche an den Partner. Auch Frühgeborene unterliegen in höherem Maße solchen Risiken. Ebenso können kritische Lebenssituationen, wie z.B. Todesfälle in der Familie, die Geburt eines Kindes überschatten und zu Ablehnung oder Vernachlässigung führen. Personen mit ungünstigen Erfahrungen in ihren Herkunftsfamilien gehen also später mit erhöhter Wahrscheinlichkeit weniger akzeptierend und empathisch mit ihren Partnern um. Damit steigt ihr Risiko für eine spätere Scheidung bzw. eine stabil-unglückliche Paarbeziehung. Weitere Einflussfaktoren der Herkunftsfamilien liegen in den Modellvorstellungen, die sie über Familie und Partnerschaft vermitteln, und in der Art und Weise, wie sie diese praktizieren. Der Einfluss des FamilientypsKommen Partner aus Familien unterschiedlichen Typs (z.B. Scheidungs-, Stief-, Pflege- oder Adoptivfamilien), die sich durch spezifische Eigenarten der Struktur, Geschichte und Dynamik unterscheiden, haben sie notwendigerweise auch unterschiedliche Modellvorstellungen über Partnerschaft und Familie. Dies steigert den Verständigungsaufwand und die Konfliktanfälligkeit, weil man von unterschiedlichen Perspektiven und Gewohnheiten ausgeht.Personen aus Scheidungsfamilien z.B. gaben noch Jahre nach der elterlichen Trennung an, sie fürchteten, bindungsunfähig zu sein und in ihren eigenen Partnerschaften die selben Fehler zu machen wie ihre Eltern. Sie haben ein negativeres Frauen- wie Männerbild, was Konsequenzen für das persönliche Selbstkonzept hat. Das eigene Trennungsrisiko westdeutscher Scheidungskinder lag einer Studie von Hullen zufolge 1998 um 118%, das ostdeutscher um 73% höher als bei Nichtscheidungskindern. Der Autor führt für diese Zusammenhänge drei Erklärungen an:
Familiale FunktionsfähigkeitFamilien und Paare brauchen bestimmte Voraussetzungen, um gut funktionieren zu können. Je besser diese Voraussetzungen in den Herkunftsfamilien erfüllt waren, umso leichter haben es die Kinder später in ihren eigenen Partnerbeziehungen. Die internationale Forschung hat viele Befunde darüber zusammengetragen, was funktionierende Paar- und Familienbeziehungen ausmacht (vgl. zusammenfassend Kaiser, 1989, 2003). Strukturelemente familialer Funktionsfähigkeit sind:
Weitergabe familialen ErbesDie Weitergabe des familialen Erbes geschieht eher beiläufig im Rahmen alltäglicher Praxis, in die Kinder selbstverständlich hineinwachsen: Familiale Verständigung muss nicht notwendig sprachlicher Art sein; sie kann über die sehr subtile Art und Weise, wie und worüber (nicht) geredet wird, mehr oder weniger bewusst und implizit verlaufen. Lernprozesse über Modelllernen, Belohnung und Bestrafung sind hier ebenso beteiligt wie Stimmungsansteckung. Im familialen Miteinander werden Werte und Modellvorstellungen in Form von Traditionen, Ritualen und Geschichten, in Tabus und Symbolen gelebt und vermittelt. Familiendynamische Probleme und andere Familienthemen finden auf diesem Wege Eingang in individuelles Denken. Solche Interaktionsprozesse zwischen den Generationen sorgen bei aller Veränderung im Laufe der Zeit zugleich für jene Beständigkeit, die für Familienkultur charakteristisch ist. Am Familienstammbaum (Genogramm; s. Abb. 1) der Familie Roland sind z.B. spezifische Beziehungstraditionen deutlich zu erkennen:![]() Distanzierte Paarbeziehungen gehen einher mit eng verstrickten Beziehungen zwischen Müttern und Kindern sowie konflikthaften Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen, die in Konkurrenz um die Mutter obsiegen. Die Mutterbindung der Söhne ist zum Teil so stark, dass diese sich nicht ablösen können, um frei zu sein für eine eigene Paarbeziehung. Die enge Beziehung zu den Söhnen führt bei den Müttern zur Ablehnung der Schwiegertöchter. Die Paarbeziehungen sind deshalb zu wenig abgegrenzt und störungsanfällig. Sind Erbe und Beziehungen der eigenen Familie oft schon komplex, trifft dies häufig noch mehr auf die Beziehungen zur Schwiegerfamilie zu. Beziehungen zur SchwiegerfamilieDie Beziehungen zur Schwiegerfamilie sind oft schwieriger als zur eigenen Familie, weil sich die Beteiligten nicht freiwillig zusammengefunden haben und daher unvorbereitet mit Andersartigkeiten konfrontiert werden. Zwei Drittel der von uns befragten Paare bezeichneten vor allem die Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter als gestört. Schwiegermütter haben oft weit reichende Besitzansprüche gegenüber ihren Söhnen und Enkelkindern, wodurch sich Schwiegertöchter leicht bedroht fühlen. Die Hintergründe sind vielfältig und lassen sich nach Strukturelementen und Prozessmerkmalen der Beziehung unterscheiden, die im Ergebnis die Qualität der Beziehung ausmachen (vgl. Kaiser, 1989, 2003; s. Abb. 2).![]() Abb. 2: Strukturqualität der Beziehung Zu den Strukturelementen, die die Qualität von Schwiegerbeziehungen beeinflussen, zählen vorliegenden Befunden zufolge vor allem Unterschiede und Unverträglichkeiten bezüglich
FazitMan kann nicht nicht mit seiner Herkunftsfamilie verbunden sein, selbst wenn man diese nicht (mehr) kennt. Da Herkunftsfamilien in den Partnern über ihr genetisches und soziales Erbe zum Teil unbewusst fortwirken und deren Biographie, Persönlichkeit und Lebenskonzepte beeinflussen, kommt der aktiven Erkundung dieser Einflüsse erhöhte Bedeutung zu. Daher empfiehlt es sich,
Dabei legt man am besten auf einem großen Bogen Papier einen psychologischen Familienstammbaum und eine Zeittafel an, in die man nicht nur die Angehörigen der Vorgenerationen mit ihren wichtigen Daten, sondern auch deren Merkmale und Beziehungen zu den anderen Familienmitgliedern einträgt (Genogramm bzw. genographische Mehrebenenanalyse; s. Abb. 1; vgl. McGoldrick & Gerson, 1990; Schmidt, 2003; Kaiser, 2002 b). Der Autor hat hierzu einen Leitfaden veröffentlicht, der zur Selbstanwendung gut geeignet ist (Kaiser, 2002 b). Die genographische Mehrebenenanalyse ist ein ebenso unterhaltsames wie ökonomisches Verfahren, das die vielfältigen Informationen über die Familie, ihre Geschichte und Strukturen, ihre Traditionen und Werte sowie die Schicksale ihrer Mitglieder trotz ihrer Komplexität übersichtlich darzustellen erlaubt. Auf diese Weise können sich die Partner zu einer gemeinsamen Erkundungsreise auf machen, die zu faszinierenden Erkenntnissen nicht nur über die eigene und die Schwiegerfamilie führen, sondern auch die eigene Paarbeziehung bereichern kann. Indem die Partner unbewusst wirksame Familienmuster, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, mit den daraus resultierenden Ressourcen und Anfälligkeiten aufdecken und genauer kennen lernen, können sie sich und ihre Herkunftsfamilien leichter einschätzen und daraus Perspektiven für eine gemeinsame optimierte Zukunftsplanung entwickeln. Nur so lässt sich die Fortschreibung nicht erwünschter Familienmuster in Gegenwart und Zukunft vermeiden. Noch ergiebiger ist professionelle Genogrammarbeit mit einem approbierten Psychotherapeuten mit Spezialisierung auf Familientherapie, der dann Hinweise auf Ansatzpunkte für weitere Klärungs- oder Optimierungsmöglichkeiten geben kann. Meist reicht hier eine Sitzung aus. Wenden Sie sich hierzu an eine Familien- oder psychologischen Beratungsstelle der Kommune, des Landkreises oder eines kirchlichen Trägers. Ergänzend lassen sich Dialogfähigkeit oder Strategien zu besserem Stressmanagement auch im Rahmen von Selbsthilfeprogrammen trainieren (z.B. Gottman & Silver, 2000; Bodenmann, 1997). Wegen unkalkulierbarer Risiken abzuraten ist von wissenschaftlich nicht fundierten Verfahren wie dem Familienstellen "nach Hellinger", womöglich im Rahmen von Großveranstaltungen bei nicht einschlägig ausgewiesenen Leitern. Insgesamt können wir eine systematischere Beschäftigung mit den Herkunftsfamilien als gute Investition in die eigene Lebensqualität und in die Zukunft der Kinder nur empfehlen. Literatur
Bauer, J. (2002). Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Frankfurt: Eichborn AutorPeter Kaiser, Professor Dr. phil. habil., Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Hochschullehrer für Psychologie in Osnabrück und Oldenburg. Leiter des Instituts für Familienpsychologie und der Familientherapeutischen Ambulanz Oldenburg. Gründer und Leiter von Weiterbildungsprogrammen für Familientherapie, Mediation, Supervision und Organisationsberatung. Forschungsschwerpunkte und zahlreiche Publikationen zur Klinischen Paar- und Familienpsychologie, über transgenerationale Muster familialen Zusammenlebens, Strukturen und Aufgabenbewältigung in sozialen Systemen. Adresse
Prof. Dr. Peter Kaiser | ||
Letzte Änderung: 26.01.2006 11:12:34 |