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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Der Einfluss der Herkunftsfamilien auf die Partnerschaft

Peter Kaiser


Paarbeziehungen stehen weit stärker unter dem Einfluss der Herkunftsfamilien der Partner als allgemein angenommen. Ideologien vom freien Willen und von romantischer Liebe dürfen indes nicht darüber hinweg täuschen, dass Partner die Prägung und den Einfluss ihrer Herkunftsfamilie lebenslang nicht abschütteln können. Der Unmut darüber spitzt sich in der verbreiteten Formulierung von der "bösen Schwiegermutter" zu, die gerne zum Sündenbock für generationenübergreifende Fehlentwicklungen eines ganzen Familiensystems gemacht wird.

Die Herkunftsfamilien sind für Partnerwahl und Partnerschaft Erwachsener hoch bedeutsam, weil sie
  1. partnerschaftsrelevantes Erbgut weitergeben.
  2. in Kindheit und Jugend durch Beispiele und Vorbild, durch Belohnung und Bestrafung wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise ausüben, wie "man" kommuniziert und Beziehungen gelebt werden.
  3. meist lebenslang in engem Kontakt mit dem Paar stehen und als Quellen und Empfänger sozialer Unterstützung wie auch Reglementierung einen wesentlichen Bezugsrahmen darstellen. Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern in auf- und absteigender Linie sind lebenslang meist enger als die zum Partner, was viel Konfliktstoff bietet.
  4. auch über den Tod hinaus durch Vermächtnisse, Verfügungen und ihren Nachlass nicht selten erheblicher Vermögenswerte, aber auch durch psychologische Bindungen, für ihre Nachkommen Bedeutung haben können.
Um die Beziehungen zwischen den Generationen zu optimieren, ist genauer zu klären, wie es in den Herkunftsfamilien zugeht, welchen Mechanismen diese unterliegen und was sie ihren Kindern für ihre späteren Partnerschaften mitgeben. Die meisten Aktivitäten des täglichen Lebens finden ja im Rahmen des Familienverbandes statt und werden in ihrer Ausformung dort an die Kinder weitervermittelt.

Erbgut und neuronale "Programmierung"

Erbgut an die nächste Generation weiter. Dies bezieht sich auf viele Anlagen für körperliche Merkmale sowie auf Intelligenz und Persönlichkeitseigenschaften (s.u.). Dabei ist zu bedenken, dass genetische Anlagen nur selten eindeutige Konsequenzen für konkretes Verhalten der Nachkommen in der Partnerschaft und anderswo haben.

Wie wir aus der neuropsychologischen Forschung wissen, führt Veranlagung nicht zwangsweise zu speziellen Festlegungen: Viele Hirnzellen haben Gene, die durch Erfahrungen an- oder abgeschaltet werden. Befriedigende Erlebnisse beschäftigen und stimulieren andere Hirnregionen und Zellen, als dies bei Stress geschieht. Derlei lässt sich mit bildgebenden Verfahren eindrucksvoll darstellen.

Erfahrungen programmieren das Gehirn mittels neuronaler Bahnungen und Verschaltungen auf jeweils spezifische Weise schon vor der Geburt im Mutterleib: Ist die Schwangere familialen oder anderen seelischen Belastungen (Stress) ausgesetzt, erhöhen sich die Risiken für Fehlentwicklungen des Gehirns und der neuronalen Schaltungen beim Ungeborenen, das ja an den Organismus der Mutter "angeschlossen" ist. Steht die Mutter unter Stress, steigt die Gefahr von Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen sowie einer Frühgeburt, was zu langdauernden Befindens- und Entwicklungsstörungen oder sogar Behinderungen des Kindes beizutragen vermag.

Kinder, die früh unangenehme Stress-Erfahrungen machen, entwickeln eine wesentlich höhere Erregungsbereitschaft, indem die Stressgene in den Nervenzellen angeschaltet werden und ein neuronales Alarmsystem arrangiert wird, das sich zunehmend weiter verselbständigt. Dies führt zu immer schnellerer und dauerhafter Erregung und Ängstlichkeit. Solche Menschen neigen bereits bei nichtigen Anlässen zu überschießenden Reaktionen und entwickeln zu ihrem Schutz umfassende Abwehr- und Vermeidungsstrategien, was sich auch auf partnerschaftliches Verhalten und die Konfliktneigung auswirkt. Die neuronalen Strukturen stehen dann positiver Lebensführung und Wohlbefinden im Wege.

Wer sich aufgrund belastender Erfahrungen in Kindheit und Jugend wenig aktiv und offensiv verhält, produziert (unabhängig vom Geschlecht) weniger männliche Hormone (Androgene). Selbstsicheres Verhalten dagegen regt die Androgenproduktion an. Weniger Androgene scheinen zu geringerer Pheromonproduktion und zu geringerer erotischer Aktivität und "Ausstrahlung" zu führen. Wer sich aufgrund seiner familialen Situation hilflos-depressiv fühlt, entwickelt und präsentiert sich auch körperlich anders (z.B. Haltung, Physiognomie, Gestik, Outfit). Dies beeinflusst den erotischen "Marktwert" und die Erfüllung eigener Erwartungen im Rahmen von Partnerwahl und Partnerschaft. Solche Erlebnisse prägen das Selbstwertgefühl und die künftige Reaktionsbereitschaft.

So kann sich auch ein erwachsenes Gehirn unter dem Eindruck spezieller Erfahrungen in ganz erheblichem Maße neuronal verändern: Ein gedeihliches Familienklima z.B. kann trotz einer Erbanlage für Schizophrenie verhindern, dass die Krankheit ausbricht, und eine gesunde Entwicklung fördern. Erfahrungen von Geborgenheit und Unterstützung sorgen in diesem Falle für eine auf positive Bedürfnisbefriedigung und Nähe ausgerichtete prosoziale Motivation. Die Stressgene werden/ bleiben abgeschaltet und eine erhöhte Erregungsbereitschaft wird vermieden. Umgekehrt führt Dauerstress zu hirnorganischen Schaltungen, die den Organismus und das Immunsystem schädigen sowie erhöhter Krankheitsanfälligkeit und sogar verringerter Lebenserwartung Vorschub leisten (z.B. Bauer, 2002; Kaiser, 2003; Grawe, 2004).

Anlagen und Erfahrungen in der Herkunftsfamilie formen also das Gehirn und damit auch die Persönlichkeit, die später das Partnerverhalten prägt.

Einflüsse auf Persönlichkeit und Selbstbild

Eltern mit günstigen Werten bei den über die Lebensspanne stabilen Persönlichkeitsmerkmalen Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, emotionale Irritierbarkeit (Neurotizismus) und Ressourcenreichtum/ Offenheit für neue Erfahrungen (die so genannten "Big Five") haben befriedigendere Paarbeziehungen und verhalten sich ihren Kindern gegenüber konstruktiver. Damit fördern sie einen sicheren Bindungsstil und eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder.

Emotional irritierbare Eltern dagegen neigen zu starker Behütung und geben ihren Kindern weniger positive Anregungen. Sind Eltern wenig verträglich, neigen sie zu mehr negativen Emotionen und Disziplinierungsmaßnahmen, was Kinder zu Trotz, Wut und unsicherem Bindungsstil neigen lässt.

Werden Kinder von ihren Eltern abgelehnt, weil sie z.B. unerwünscht waren oder unerwünschte Merkmale haben (Geschlecht, Aussehen etc.), werden sie meistens weniger verlässlich betreut sowie öfter und länger allein gelassen bzw. in fremde Hände gegeben. Dies macht einen unsicheren Bindungsstil vor allem dann wahrscheinlicher, wenn dies in den ersten drei Lebensjahren geschieht. Die Betroffenen sind anfälliger für Selbstwertprobleme, emotionale Irritierbarkeit, Depressivität, körperliche Beschwerden, Aggressivität und Kontaktschwierigkeiten sowie für unbewusste Aufträge und Wiedergutmachungswünsche an den Partner.

Auch Frühgeborene unterliegen in höherem Maße solchen Risiken. Ebenso können kritische Lebenssituationen, wie z.B. Todesfälle in der Familie, die Geburt eines Kindes überschatten und zu Ablehnung oder Vernachlässigung führen.

Personen mit ungünstigen Erfahrungen in ihren Herkunftsfamilien gehen also später mit erhöhter Wahrscheinlichkeit weniger akzeptierend und empathisch mit ihren Partnern um. Damit steigt ihr Risiko für eine spätere Scheidung bzw. eine stabil-unglückliche Paarbeziehung.

Weitere Einflussfaktoren der Herkunftsfamilien liegen in den Modellvorstellungen, die sie über Familie und Partnerschaft vermitteln, und in der Art und Weise, wie sie diese praktizieren.

Der Einfluss des Familientyps

Kommen Partner aus Familien unterschiedlichen Typs (z.B. Scheidungs-, Stief-, Pflege- oder Adoptivfamilien), die sich durch spezifische Eigenarten der Struktur, Geschichte und Dynamik unterscheiden, haben sie notwendigerweise auch unterschiedliche Modellvorstellungen über Partnerschaft und Familie. Dies steigert den Verständigungsaufwand und die Konfliktanfälligkeit, weil man von unterschiedlichen Perspektiven und Gewohnheiten ausgeht.

Personen aus Scheidungsfamilien z.B. gaben noch Jahre nach der elterlichen Trennung an, sie fürchteten, bindungsunfähig zu sein und in ihren eigenen Partnerschaften die selben Fehler zu machen wie ihre Eltern. Sie haben ein negativeres Frauen- wie Männerbild, was Konsequenzen für das persönliche Selbstkonzept hat. Das eigene Trennungsrisiko westdeutscher Scheidungskinder lag einer Studie von Hullen zufolge 1998 um 118%, das ostdeutscher um 73% höher als bei Nichtscheidungskindern. Der Autor führt für diese Zusammenhänge drei Erklärungen an:
  1. Je jünger die Kinder, desto jünger sind wahrscheinlich die Eltern bei der Scheidung. Jüngere Mütter aber meistern die Scheidungsfolgen möglicherweise weniger gut als erfahrenere Frauen, sodass die Kinder stärker beeinträchtigt werden.
  2. Je jünger das Kind bei der Trennung war, desto kürzer dauerte die Ehe, und das Kind hatte weniger Gelegenheit, eine positive Paarbeziehung der Eltern mitzuerleben. Seine Modellvorstellungen von Paarbeziehungen sind eher von krisenhaften Auseinandersetzungen geprägt.
  3. Kinder, die früh eine elterliche Trennung miterlebten, halten Trennung für eine mögliche und legitime Form der Konfliktlösung.
Haben Scheidungskinder ein dysfunktionales Partnerschaftsmodell erworben, scheint der gute Wille, es in der eigenen Paarbeziehung besser zu machen als die Eltern, wenig erfolgreich zu sein. Wie sieht aber ein funktionales Partnerschafts- und Familienmodell aus?

Familiale Funktionsfähigkeit

Familien und Paare brauchen bestimmte Voraussetzungen, um gut funktionieren zu können. Je besser diese Voraussetzungen in den Herkunftsfamilien erfüllt waren, umso leichter haben es die Kinder später in ihren eigenen Partnerbeziehungen. Die internationale Forschung hat viele Befunde darüber zusammengetragen, was funktionierende Paar- und Familienbeziehungen ausmacht (vgl. zusammenfassend Kaiser, 1989, 2003). Strukturelemente familialer Funktionsfähigkeit sind:
  • eine Wertordnung mit zuträglichen Werten, Normen und Regeln, die untereinander kompatibel und von allen Angehörigen als gerecht anerkannt werden, wie die Rolle der Frau, die familiale Hierarchie oder Loyalitätspflichten. Werden z.B. dem Partner andere Angehörige oder Aktivitäten dauerhaft vorgezogen, wird dies meist übelgenommen und führt zu Problemen, die das Trennungsrisiko erhöhen. Wesentlich für die systemische Funktionsfähigkeit ist auch eine ausgewogene Balance von Geben und Nehmen.
  • Wissen der Mitglieder über einander und relevante Lebensbereiche: Zusammenleben fällt leichter, wenn man Bedürfnisse, Befinden und Erleben seiner Angehörigen sowie wichtige Vorkommnisse in der Familie kennt. Weiterhin erfordern Partnerschaft und Familienleben gute Kenntnisse z.B. über Kommunikation, Bindung und Sexualität, über Gesundheit und Ernährung, Entwicklung und Kindererziehung etc.
  • eine sinnvolle und klare Rollen-, Ressort- und Aufgabenverteilung, die auf die Anforderungen innerhalb und außerhalb der Familie zugeschnitten ist. Dabei dürfen die mit einer Rolle verbundenen Anforderungsprofile den jeweiligen Rollenträger nicht überfordern. So taugen z.B. Kinder nicht als Partnerersatz oder Verbündete in Paarkonflikten.
  • klare Grenzen nach außen und zwischen den Subsystemen, die flexibel und reflektiert gehandhabt werden. Je mehr die Paar- und Generationengrenzen zugunsten von Kindern, Eltern oder anderen Angehörigen relativiert werden, umso geringer sind die Entfaltungsmöglichkeiten für die Paarbeziehung, umso größer ist die Gefahr von Loyalitäts- und Abstimmungsproblemen, Eifersucht und Rivalitäten.
  • konstruktive Kommunikations-, Entscheidungs- und Steuerungsstrukturen, die einen lebendigen, sensiblen und kreativen Umgang ermöglichen. Kommunikation ist umso förderlicher, je vollständiger, verständlicher und korrekter die Informationsübermittlung ausfällt und je günstiger der Zeitpunkt hierfür ist. Form und Inhalt müssen kongruent sein. Dabei spielen Vermögen und Bereitschaft zu akkurater Empathie, Wertschätzung und Authentizität eine besondere Rolle. Wesentlich scheint, dass familiale Kommunikation als Dialog aus einer Haltung der Liebe und familialen Solidarität erfolgt (vgl. auch Gottman & Silver, 2000).
    Entscheidungen haben die besten Erfolgsaussichten, wenn sie gemeinsam vorbereitet werden und die Abfolge von Situationsanalyse - Sammeln möglicher Vorgehensweisen - Reflexion zu erwartender Handlungs(neben)wirkungen - Prozesskontrolle berücksichtigen.
    Zur Steuerung des Zusammenlebens sind gemeinsame im Dialog abgeglichene Lebenskonzepte/ Modellvorstellungen und eine Verständigung über gut abgestimmte Regeln, Symbole/ Signale sowie Traditionen und Rituale von Vorteil.
  • konstruktive Beziehungen und verlässliche Bindungen: Eine intakte Paarbeziehung der Eltern fördert vor allem in den frühen Phasen Selbstwertgefühl und Bindungsfähigkeit des Kindes und damit dessen Fähigkeit, später selbst intakte Paarbeziehungen zu pflegen. So stellten Elder et al. (1984) im Rahmen einer vier Generationen umfassenden Längsschnittstudie fest, dass bevorzugt solche Erwachsene zu belasteten Paarbeziehungen, emotionaler Labilität und Problemen am Arbeitsplatz neigten, die als Kinder in ihren Herkunftsfamilien wenig sensibel und eher feindselig-kontrollierend behandelt worden waren. Sie waren ihren eigenen Kindern gegenüber weniger einfühlsam. Auch diese Kinder hatten wiederum mehr Eheprobleme und Verhaltensauffälligkeiten und waren selbst weniger einfühlsame Eltern.
  • funktionsfähige Subsysteme mit kompetenten Angehörigen: Je besser die Angehörigen miteinander auskommen, desto besser können ihr Zusammenhalt und damit die soziale Unterstützung für den Einzelnen sein. Je besser die Paarbeziehungen der Eltern funktionieren, umso sicherer ist den Kindern optimale elterliche Zuwendung. Weniger erfolgreiche Paare haben mehr Probleme durch Untreue, Kommunikationsprobleme, Unverträglichkeit, törichtes Geldausgeben, Suchtverhalten, Eifersucht, Übellaunigkeit, schlechte Angewohnheiten, häufige Abwesenheit und Konflikte ums Geld, die das Entwicklungsrisiko für die Folgegeneration erhöhen.
  • zuträgliche Modellvorstellungen über familiale Kultur: Diese enthalten Konzepte oder Skripts, die angeben, wie das (Zusammen-) Leben in einzelnen Bereichen und Situationen auszusehen hat. Hier handelt es sich um psychosoziales und kulturelles Gut sowie den zugehörigen Habitus, d.h. wie man sich gibt und in welchem Stil man lebt. Dabei werden gemeinsame Wissensbestände (z.B. über die Vorfahren), Bedeutungen und Leitmotive von einer Generation an die nächste vermittelt, die individuelle Lebenskonzepte, Erlebens- und Handlungsmuster prägen. Auch familiale Rollenauffassungen als Partner, Eltern etc. und Rollenerwartungen an Angehörige fußen auf derartigen Modellvorstellungen.
    Die Bedeutung von Modellvorstellungen besteht darin, dass sie die Grundlage jeglicher Qualitätskriterien zur Beurteilung von Personen und Situationen bilden. Sie entscheiden auch darüber, welche Gefühle ausgelöst werden. Von ihrer Realitätsnähe, Widerspruchsfreiheit und Konsensfähigkeit hängen Erfolg und Wohlbefinden wesentlich ab. Da die Partner aus ihren Herkunftsfamilien und Vorerfahrungen mehr oder minder unterschiedliche Modellvorstellungen mitbringen, ist für ein harmonisches Miteinander ein sorgfältiger Austausch und Abgleich der relevanten Modellvorstellungen wichtig. Schwierig ist dabei, "selbstverständliche" oder "allgemein verbindliche" Modellvorstellungen überhaupt in Worte zu fassen, weil diese so eingefleischt sind, dass sie sich der Verbalisierbarkeit und damit dem bewussten Zugriff entziehen: Unbewusstes kann ja nicht besprochen werden. Dies ist oft der Grund für Missstimmungen, die "nicht klärbar" sind.
    Je mehr sich die Partner mit (bewussten) Modellvorstellungen identifizieren, desto weniger sind sie bereit, diese zur Diskussion zu stellen. Da diese Modellvorstellungen zum Selbstkonzept gehören, fühlen sie sich persönlich angegriffen, wenn gegen wichtige Modellvorstellungen verstoßen wird. Daher sollten Partner versuchen, sich darüber klar werden, was sie an Mitgift in die Beziehung einbringen und wie sie dazu gekommen sind.

Weitergabe familialen Erbes

Die Weitergabe des familialen Erbes geschieht eher beiläufig im Rahmen alltäglicher Praxis, in die Kinder selbstverständlich hineinwachsen: Familiale Verständigung muss nicht notwendig sprachlicher Art sein; sie kann über die sehr subtile Art und Weise, wie und worüber (nicht) geredet wird, mehr oder weniger bewusst und implizit verlaufen. Lernprozesse über Modelllernen, Belohnung und Bestrafung sind hier ebenso beteiligt wie Stimmungsansteckung. Im familialen Miteinander werden Werte und Modellvorstellungen in Form von Traditionen, Ritualen und Geschichten, in Tabus und Symbolen gelebt und vermittelt. Familiendynamische Probleme und andere Familienthemen finden auf diesem Wege Eingang in individuelles Denken. Solche Interaktionsprozesse zwischen den Generationen sorgen bei aller Veränderung im Laufe der Zeit zugleich für jene Beständigkeit, die für Familienkultur charakteristisch ist. Am Familienstammbaum (Genogramm; s. Abb. 1) der Familie Roland sind z.B. spezifische Beziehungstraditionen deutlich zu erkennen:

Ausschnitt aus dem Genogramm der Familie Roland

Distanzierte Paarbeziehungen gehen einher mit eng verstrickten Beziehungen zwischen Müttern und Kindern sowie konflikthaften Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen, die in Konkurrenz um die Mutter obsiegen. Die Mutterbindung der Söhne ist zum Teil so stark, dass diese sich nicht ablösen können, um frei zu sein für eine eigene Paarbeziehung. Die enge Beziehung zu den Söhnen führt bei den Müttern zur Ablehnung der Schwiegertöchter. Die Paarbeziehungen sind deshalb zu wenig abgegrenzt und störungsanfällig.

Sind Erbe und Beziehungen der eigenen Familie oft schon komplex, trifft dies häufig noch mehr auf die Beziehungen zur Schwiegerfamilie zu.

Beziehungen zur Schwiegerfamilie

Die Beziehungen zur Schwiegerfamilie sind oft schwieriger als zur eigenen Familie, weil sich die Beteiligten nicht freiwillig zusammengefunden haben und daher unvorbereitet mit Andersartigkeiten konfrontiert werden. Zwei Drittel der von uns befragten Paare bezeichneten vor allem die Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter als gestört. Schwiegermütter haben oft weit reichende Besitzansprüche gegenüber ihren Söhnen und Enkelkindern, wodurch sich Schwiegertöchter leicht bedroht fühlen. Die Hintergründe sind vielfältig und lassen sich nach Strukturelementen und Prozessmerkmalen der Beziehung unterscheiden, die im Ergebnis die Qualität der Beziehung ausmachen (vgl. Kaiser, 1989, 2003; s. Abb. 2).

Strukturqualität der Beziehung

Abb. 2: Strukturqualität der Beziehung


Zu den Strukturelementen, die die Qualität von Schwiegerbeziehungen beeinflussen, zählen vorliegenden Befunden zufolge vor allem Unterschiede und Unverträglichkeiten bezüglich
  • Erbe und Systemkontext der Familien,
  • Familienform,
  • familiale Funktionsfähigkeit,
  • Nationalität/ ethnische Zugehörigkeit,
  • Religion,
  • persönliche Merkmale der Beteiligten,
  • Biographie der Beteiligten,
  • chronische Krankheit/ Behinderung,
  • Ausmaß der Ablösung Erwachsener von ihren Eltern,
  • Bindungsstil der Beteiligten,
  • Partnerwahlkriterien/ Partnerwahl,
  • Akzeptanz,
  • Modellvorstellungen über Familie und familiale Beziehungen,
  • soziale Kompetenzen,
  • Schichtzugehörigkeit/ Sozialstatus sowie
  • Eigentumsverhältnisse.
Die Prozessqualität von Schwiegerbeziehungen wird beeinflusst durch Faktoren, die zur Zufriedenheit beitragen wie
  • gemeinsame Modellvorstellungen,
  • klare Grenzen,
  • klare Absprachen,
  • Sympathie,
  • Achtung und Achtsamkeit,
  • soziale Unterstützung auf Anfrage,
  • Loyalität,
  • Ehrlichkeit,
  • Realismus,
  • Flexibilität sowie
  • guter Kontakt zu den Kindern.
Faktoren, die zu Unzufriedenheit beitragen sind
  • unterschiedliche Modellvorstellungen, die den Umgang erschweren,
  • Grenzverletzungen, Einmischung in innere Angelegenheiten,
  • Abhängigkeiten,
  • Konflikte wegen der Kinder,
  • Konflikte über Rechte und Pflichten,
  • Illoyalität,
  • Überempfindlichkeit,
  • Eifersucht,
  • dominantes Verhalten,
  • Provokationen,
  • Nörgelei, Streitereien,
  • kritische Lebenssituationen,
  • Eigentumsverhältnisse,
  • Wohnverhältnisse sowie
  • Pflegebedürftigkeit.
Struktur- und Prozessqualität der Beziehungen zur Schwiegerfamilie werden immer wieder bilanziert; je nach Umständen und Einstellungen der Angehörigen fallen Kontaktdichte und Stabilität des Umgangs unterschiedlich aus. Dies wirkt sich vor allem auf den Kontakt mit noch kleineren Enkelkindern und die Beziehung zwischen einem Partner und seinen Eltern aus. Da die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern lebenslang häufig am engsten sind, rangiert der Partner erst an zweiter Stelle; die Paar- und Generationenbeziehung sind dann wenig abgegrenzt. Dies führt zu vielfältigen Problemen, die sich vermeiden lassen, wenn Partner in offenem Dialog über die Gestaltung ihrer Beziehungen zu den Herkunftsfamilien gemeinsame Modellvorstellungen und Umgangsregeln entwickeln.

Fazit

Man kann nicht nicht mit seiner Herkunftsfamilie verbunden sein, selbst wenn man diese nicht (mehr) kennt. Da Herkunftsfamilien in den Partnern über ihr genetisches und soziales Erbe zum Teil unbewusst fortwirken und deren Biographie, Persönlichkeit und Lebenskonzepte beeinflussen, kommt der aktiven Erkundung dieser Einflüsse erhöhte Bedeutung zu. Daher empfiehlt es sich,
  • ein Bewusstsein für transgenerationale Muster zu entwickeln und Strategien zur Klärung eigener Ressourcen und Anfälligkeiten zu erwerben,
  • entwicklungshinderliche Familienstrukturen, Modellvorstellungen und Traditionen aufzuspüren und dialogisch zu optimieren,
  • kritischen Lebenssituationen oder Entwicklungen (z.B. Konflikte mit den Schwiegereltern oder Erbschaftsauseinandersetzungen) abzuhelfen, vorzubeugen oder deren Effekte für die Beteiligten abzumildern sowie
  • Kindern und Jugendlichen frühzeitig partnerschafts- und familienrelevante Kompetenzen zu vermitteln und ihr Bewusstsein für die langfristige Bedeutung und Komplexität von Partnerwahl und Beziehungsgestaltung zu schärfen.
Zur Klärung der meist (zu) wenig bewussten Ressourcen und Anfälligkeiten aus der Vorgeschichte der Partner empfiehlt sich eine gemeinsame Beschäftigung beider Partner mit ihrer Familiengeschichten. Informationen erhält man in Gesprächen mit möglichst vielen Angehörigen sowie aus Familienchroniken und Fotoalben, aber auch aus zeitgeschichtlichen Dokumenten wie alten Zeitungen, Filmen etc. Viele Zusammenhänge erschließen sich erst, wenn sie im Kontext historisch-politischer Ereignisse wie Kaiserzeit, Weltwirtschaftskrise oder Nationalsozialismus gewürdigt werden.

Dabei legt man am besten auf einem großen Bogen Papier einen psychologischen Familienstammbaum und eine Zeittafel an, in die man nicht nur die Angehörigen der Vorgenerationen mit ihren wichtigen Daten, sondern auch deren Merkmale und Beziehungen zu den anderen Familienmitgliedern einträgt (Genogramm bzw. genographische Mehrebenenanalyse; s. Abb. 1; vgl. McGoldrick & Gerson, 1990; Schmidt, 2003; Kaiser, 2002 b). Der Autor hat hierzu einen Leitfaden veröffentlicht, der zur Selbstanwendung gut geeignet ist (Kaiser, 2002 b).

Die genographische Mehrebenenanalyse ist ein ebenso unterhaltsames wie ökonomisches Verfahren, das die vielfältigen Informationen über die Familie, ihre Geschichte und Strukturen, ihre Traditionen und Werte sowie die Schicksale ihrer Mitglieder trotz ihrer Komplexität übersichtlich darzustellen erlaubt. Auf diese Weise können sich die Partner zu einer gemeinsamen Erkundungsreise auf machen, die zu faszinierenden Erkenntnissen nicht nur über die eigene und die Schwiegerfamilie führen, sondern auch die eigene Paarbeziehung bereichern kann. Indem die Partner unbewusst wirksame Familienmuster, die von Generation zu Generation weitergegeben werden, mit den daraus resultierenden Ressourcen und Anfälligkeiten aufdecken und genauer kennen lernen, können sie sich und ihre Herkunftsfamilien leichter einschätzen und daraus Perspektiven für eine gemeinsame optimierte Zukunftsplanung entwickeln. Nur so lässt sich die Fortschreibung nicht erwünschter Familienmuster in Gegenwart und Zukunft vermeiden.

Noch ergiebiger ist professionelle Genogrammarbeit mit einem approbierten Psychotherapeuten mit Spezialisierung auf Familientherapie, der dann Hinweise auf Ansatzpunkte für weitere Klärungs- oder Optimierungsmöglichkeiten geben kann. Meist reicht hier eine Sitzung aus. Wenden Sie sich hierzu an eine Familien- oder psychologischen Beratungsstelle der Kommune, des Landkreises oder eines kirchlichen Trägers.

Ergänzend lassen sich Dialogfähigkeit oder Strategien zu besserem Stressmanagement auch im Rahmen von Selbsthilfeprogrammen trainieren (z.B. Gottman & Silver, 2000; Bodenmann, 1997). Wegen unkalkulierbarer Risiken abzuraten ist von wissenschaftlich nicht fundierten Verfahren wie dem Familienstellen "nach Hellinger", womöglich im Rahmen von Großveranstaltungen bei nicht einschlägig ausgewiesenen Leitern.

Insgesamt können wir eine systematischere Beschäftigung mit den Herkunftsfamilien als gute Investition in die eigene Lebensqualität und in die Zukunft der Kinder nur empfehlen.

Literatur

Bauer, J. (2002). Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern. Frankfurt: Eichborn

Bodenmann, G. (1997). Stress und Partnerschaft. Gemeinsam den Alltag bewältigen. Bern: Huber

Elder, G.H. jr., Liker, J.K. & Cross, E. (1984). Parent-child behavior in the Great Depression: Life course and intergenerational differences. In: Baltes, P.B. & Brim. O.G. jr. (Eds.). Life-span development and behavior (Vol. 6). New York: Academic Press, S. 109-158

Gerris, R.M., Semon Dubas, J., Jannsens, J.M.A.M.; Vermulst, A.A. (2000). Dynamische Beziehungen zwischen der Persönlichkeit von Eltern und Jugendlichen und ihren Familiensubsystemen. In: Schneewind, K.A. (Hrsg.). Familienpsychologie im Aufwind. Göttingen: Hogrefe, S. 151-176

Gottman, J.M. & Silver, N. (2000). Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe. München: Schröder

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe

Hahlweg, K., Baucom, D.H., Markman, H.J. & Bastine, R. (Hrsg.) (1998). Prävention von Trennung und Scheidung. Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Stuttgart: Kohlhammer

Hullen, G. (1998). Scheidungskinder - oder: Die Transmission des Scheidungsrisikos. Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, 23, 1, S. 19-38

Kaiser, P. (1989). Familienerinnerungen. Zur Psychologie der Mehrgenerationenfamilie. Heidelberg: Asanger

Kaiser, P. (2002 a) Einführung in die Paar- und Familienpsychologie. In: Sulz, S.K.D. & Heekerens, H.-P. (Hrsg.). Familien in Therapie. München: CIP-Medien, S. 5-38

Kaiser, P. (2002 b). Systemische Mehrebenenanalyse der familialen Lebensqualität - Hinweise und Kriterien zur praktischen Arbeit mit Familien. In: Sulz, S.K.D. & Heekerens, H.-P. (Hrsg.). Familien in Therapie. München: CIP-Medien, S. 51-76

Kaiser, P. (2003). Transgenerationale Einflüsse auf Partnerschaften. In: Grau, I. & Bierhoff, H.-W. (Hrsg.). Sozialpsychologie der Partnerschaft. Heidelberg: Springer, S. 111-136

McGoldrick, M. & Gerson, R. (1990). Genogramme in der Familienberatung. Stuttgart: Huber

Schmidt, M. (2003). Systemische Familienrekonstruktion. Göttingen: Hogrefe


Autor

Peter Kaiser, Professor Dr. phil. habil., Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Hochschullehrer für Psychologie in Osnabrück und Oldenburg. Leiter des Instituts für Familienpsychologie und der Familientherapeutischen Ambulanz Oldenburg. Gründer und Leiter von Weiterbildungsprogrammen für Familientherapie, Mediation, Supervision und Organisationsberatung. Forschungsschwerpunkte und zahlreiche Publikationen zur Klinischen Paar- und Familienpsychologie, über transgenerationale Muster familialen Zusammenlebens, Strukturen und Aufgabenbewältigung in sozialen Systemen.


Adresse

Prof. Dr. Peter Kaiser
Arbeitseinheit Psychologie, IfE
Hochschule Vechta
Postfach 1553 D-49364 Vechta
Tel. +494441/15-252
Fax +494441/15-453
E-Mail: peter.kaiser@uni-vechta.de
Internet: www.uni-vechta.de


Letzte Änderung: 26.01.2006 11:12:34Zum Seitenanfang