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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Vom Säugling zur Persönlichkeit - Die ersten drei Jahre

Der folgende Beitrag ist entnommen aus dem Buch: Eltern sein - Die ersten Jahre.
Ideen, Informationen und Gesundheitstipps für die junge Familie.
Das Buch ist für 5 Euro erhältlich bei Mehr Zeit für Kinder e. V. Die Bestelladresse finden Sie am Ende des Artikels.

Der kritische Umgang mit sich selbst
Beziehungsgeflecht Familie
Was Kinder brauchen
      - Sicherheit und Beständigkeit
      - Anerkennung und Bestätigung
      - Freiraum und Grenzen
      - Vorbilder
      - Träume
Das Baby und seine Familie in den ersten sechs Monaten
      - Kommunikation zwischen Eltern und Baby
      - "Verwöhnen" oder schreien lassen?
Der 6. bis 12. Monat
      - Fremdeln
Das zweite Lebensjahr - aus dem Baby wird ein Kleinkind
      - Mit eineinhalb Jahren verändert sich vieles
      - Zeitgefühl
      - Die "psychische Geburt"
      - Grenzen setzen durch Strafe?
      - Sauberkeitserziehung
      - Kinder unter sich
Das dritte Lebensjahr - "Nein" und "Doch"
      - Kindersexualität
      - Denken durch Sprache
      - Die "Warum-Phase"
      - Ambivalenzen - sich hin- und hergerissen fühlen
      - Gewissen und moralische Grundsätze
      - Trotzphase - die "kleine Pubertät"
      - Neues Spielen: Rollenspiele
      - Mädchen und Jungen

Wenn Sie in der heutigen Zeit ein Kind bekommen, wurden Sie wahrscheinlich nur wenig auf die kommende Elternschaft vorbereitet. Denn allgemein herrscht die Meinung: Ein Kind erziehen - das kann doch jeder - oder? Dennoch beschäftigen sich viele Fachleute mit der kindlichen Psyche. Dabei geht es um die Entwicklung und die Bedingungen, die Kinder brauchen, um psychisch und körperlich gesund groß zu werden. Dazu erfahren Sie als Eltern fast täglich aus unterschiedlichen Quellen neue Fakten. Fast immer wird dabei Ihr elterliches Verhalten hinterfragt. Es werden reichlich Ratschläge gegeben, wie Sie mit Ihrem Kind am besten umgehen. Vielleicht stellt sich bei Ihnen angesichts dieser Informationsflut die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit" ein. Damals wuchsen Kinder noch in Großfamilien auf. Die Erziehung fand aus dem Gefühl heraus statt, und man orientierte sich daran, wie es die Oma und die Tante mit den Kindern gemacht hat.

In der heutigen Gesellschaft stehen Sie als Eltern nicht nur mit ihrer Erziehungsverantwortung relativ alleine da. Es gibt zudem unendlich viele Modelle, zwischen denen Sie sich für Ihr Kind entscheiden können. Gleichzeitig steigen die Anforderungen, die unsere Welt an Kinder und Jugendliche stellt. Ihr Bedürfnis nach Information ist daher nicht nur verständlich, es ist auch notwendig. Es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, was Kinder in ihren jeweiligen Altersstufen brauchen. Sie helfen Ihnen, sich zu orientieren und sich Anregungen zu holen für den täglichen Umgang mit Ihrem Kind. Verantwortung wahrnehmen und verantwortlich handeln heißt: Informieren Sie sich und beziehen Sie die neuen Erkenntnisse in Ihr Denken und Ihr alltägliches Handeln ein. Dieses Kapitel möchte Ihnen dabei helfen und kurze Informationen zur psychischen und sozialen Entwicklung von Kindern im Kleinkindalter geben. Solche und alle anderen Informationen können aber das nicht ersetzen, was gerade im Umgang mit sehr kleinen Kindern wichtig ist - Ihr gesundes "Handeln nach dem Gefühl".

Kinder in den ersten drei Lebensjahren brauchen Rückhalt und Sicherheit, damit sie immer selbständiger werden. Dabei spielt Ihre emotionale Sicherheit eine entscheidende Rolle. In vielen Situationen kann es sinnvoller sein, dass Sie "aus dem Bauch heraus" handeln, als dass Sie krampfhaft den neuesten pädagogischen Empfehlungen folgen.

Trotzdem kann es in jeder Familie Situationen geben, in denen weder das eigene Gefühl weiterhilft noch Ratschläge von außen nützen. Scheuen Sie sich dann nicht, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der örtlichen Erziehungsberatungsstellen helfen Ihnen kostenlos und vertraulich. Das Jugendamt informiert Sie über die Beratungsstelle in Ihrer Nähe.

Der kritische Umgang mit sich selbst

Ihr Kind begibt sich vertrauensvoll in Ihre Hände. Es braucht Sicherheit und Schutz, um ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln. Die Beziehung zwischen Kind und Elternteil zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind wirklich Kind sein kann. Das ist möglich, weil die Eltern erwachsen sind und dementsprechend auch kritisch mit sich selbst umgehen.

Bei jedem Konflikt oder Problem sollten Sie sich selbstkritisch folgende Fragen stellen:
Was an dem Verhalten meines Kindes bereitet mir Schwierigkeiten und warum?
Was will mein Kind mir mit seinem Verhalten sagen?
Was ist mein Anteil daran, dass es gerade schwierig ist?
Was kann ich anders machen?
Wo kann ich mir Unterstützung oder Entlastung holen?


Ihr Kind ist von Geburt an eine eigene Persönlichkeit: Behandeln Sie es auch so! Im familiären Alltag müssen immer wieder die unterschiedlichen Bedürfnisse der Familienmitglieder beachtet und verhandelt werden. So kommt keiner zu kurz. Dennoch ist Ihr Kind der schwächere Partner, der sich gegen mögliche Fehler nicht wehren kann. Deswegen betrachten Sie immer wieder Situationen aus der Sicht und Perspektive Ihres Kindes und handeln Sie danach. Das ist eine große und schwierige Aufgabe.

Beziehungsgeflecht Familie

Wenn ein Kind in eine Paarbeziehung hineingeboren wird, fängt nur eines der drei Leben ganz von vorne an. Sie als Eltern bringen bereits eine lange Vergangenheit mit - sowohl gemeinsam Erlebtes, als auch Ihre individuellen Lebenswege vor der Beziehung. Sie beide haben Vorstellungen davon, wie das Leben als Familie aussehen soll. Ihre Erfahrungen aus der eigenen Herkunftsfamilie spielen dabei eine ganz entscheidende Rolle. Vor diesem Hintergrund gibt es ausgesprochene und unausgesprochene Regeln in Ihrer Beziehung. Sie wirken sich auch direkt auf Ihr Kind aus. Selbst Eltern zu werden konfrontiert Sie vielleicht mit den eigenen Kindheitserfahrungen und ihrem Bild von Mutter und Vater. Ihr Kind lernt in den ersten Jahren, wie Beziehungen gelebt und gestaltet werden. Das lernt es am eigenen Leib im direkten Kontakt mit Ihnen als Mutter und Vater. Aber es beobachtet auch: Wie gehen meine Eltern miteinander um? Wie lösen sie Konflikte? Wie sorgen sie füreinander? Ihr Kind lernt täglich und durch ganz kleine Handlungen und Reaktionen. Ebenso sind Sie plötzlich vor neue Aufgaben gestellt, da Sie eine Person zusätzlich in das familiäre Leben einbeziehen müssen. Alle Handlungen und Reaktionen innerhalb einer Familie haben direkt mit den anderen Familienmitgliedern zu tun und wirken auf alle ein.

Wie bei einem Mobile sind alle Familienmitglieder miteinander verbunden. Wenn sich einer bewegt, geraten alle anderen auch in Bewegung.

Mit diesem Bild vor Augen sehen Sie das Verhalten Ihres Kindes vielleicht in einem neuen Licht. Es lohnt immer zu betrachten, wie sich Ihr Kind vor dem Hintergrund der momentanen familiären Situation verhält. Vielleicht hilft es Ihnen, sich diese Frage zu stellen: Was drückt unser Kind gerade durch sein Verhalten aus, was wir nicht aussprechen?

Was Kinder brauchen

Zunächst sollten Sie sich ganz bewusst fragen: Was wollen wir unserem Kind mitgeben? Was halten wir für wichtig im Leben? Auch sollten Sie sich mit sich selbst auseinandersetzen. Sie werden merken, dass Ihre Wünsche für Ihr Kind viel mit Ihren eigenen Wünschen und Ihren bisherigen Erfahrungen zu tun haben. Dessen sollten Sie sich als Eltern klar werden. Das ist ein wichtiger Schritt, damit Sie wirklich bei den Bedürfnissen Ihres Kindes sind, anstatt sich in erster Linie selbst zu verwirklichen. Die folgenden Stichworte helfen Ihnen vielleicht bei der Orientierung.

Sicherheit und Beständigkeit

Ihr Kind ist in eine ihm völlig unbekannte Welt geboren. Es muss die Zusammenhänge erst lernen, was oft verwirrend und anstrengend ist. Von Natur aus sind Babys mit reichlich Neugierde und Wissensdurst ausgestattet. Sie haben Lust auszuprobieren und bringen gute Grundlagen mit, ihr Lernpensum zu schaffen. Dennoch sollten Sie daran denken, dass Ihr Baby auch nach Orientierung in dieser verwirrenden Welt sucht, und das braucht Mut. Den notwendigen Rückhalt können Sie Ihrem Kind unter anderem durch beständige Beziehungen und Lebensbedingungen geben.

Seelische Sicherheit vermitteln Sie Ihrem Kind dann, wenn es sich Ihrer Liebe und Zuwendung immer sicher sein kann. Ihr Kind muss wissen und erleben, dass Sie es auch dann lieben, wenn Sie sich gerade mit ihm streiten.

Ihr Kind entdeckt täglich viele Neuheiten. Deswegen braucht es einen Gegenpol, der ihm die Möglichkeit bietet, sich auszuruhen und auf Bekanntes zurückzugreifen. Vielleicht besteht Ihr Kind manchmal hartnäckig auf einmal gefundenen Ritualen. Sie empfinden das schon als nervende Wiederholung, aber Ihr Kind fühlt sich mit diesem Verhalten sicher. Es muss immer wieder testen, ob einmal Erkanntes auch wirklich Bestand und Gültigkeit hat. Ein Gefühl der Sicherheit ist notwendig, um selbständig den Schritt nach vorne zu wagen - in dem Wissen, jederzeit wieder in den sicheren Hafen zurückkehren zu können.

Anerkennung und Bestätigung

Ihrem Kind das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, ist der erste Schritt, mit dem Sie auch zur Selbstsicherheit des Kindes beitragen. Anerkennung und Bestätigung sind das wichtigste für das Selbstwertgefühl Ihres Sprösslings. Loben Sie Ihr Kind für die Dinge, die es schon beherrscht. Bestätigen Sie es aber auch, wenn es erreichen will, was es noch nicht kann. Erkennen Sie jede noch so kleine Situation ehrlich an und heben Sie besondere Leistungen hervor. Das wird Ihnen leicht fallen, denn auf kaum etwas anderes reagieren Kinder mit soviel stolzer, strahlender Freude. Anerkennung meint auch die Bestätigung der ganzen Person Ihres Kindes und seines Daseins, unabhängig von Leistungen und Bedingungen. Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind, bringen Sie den Mut zu ehrlichen Auseinandersetzungen auf, und suchen Sie ernsthaft den Kontakt zu Ihrem Kind. Damit tragen Sie dazu bei, Ihr Kind in seinem Wesen und seiner Person anzuerkennen.

Freiraum und Grenzen

Die Energie, die Ihr Kind zur Erforschung seiner Umwelt mitbringt, ist sicherlich hin und wieder eine Herausforderung für Sie. Nicht immer können Sie seinem Forscherdrang Rechnung tragen.

Die Schwierigkeiten, die der Alltag mit einem neugierigen und wissensdurstigen Kind mit sich bringen kann, sind anschaulich beschrieben in dem Buch von Barbara Sichtermann "Vorsicht, Kind". Ein Kapitel trägt den Titel: Das Kind als Forscher und die Konflikte des Laborassistenten!

Sie sollten Ihr Kind als Forscher bestätigen und anerkennen. Dennoch ist es an manchen Stellen wichtig, dass Sie den Forscherdrang einschränken, damit Ihr Kind Grenzen erfährt. Es fällt ihm leichter, wenn es innerhalb eines klaren Rahmens Dinge ausprobieren kann. Diese Grenzen muss Ihr Kind natürlich erst ständig austesten und herausfinden. Ganz besonders hier gilt: Betrachten Sie die Situationen immer auch aus der Perspektive Ihres Kindes. Sie können dann die Beschränkung so aussprechen, dass Ihr Kind sie auch versteht. Beispiel: Ihr Kind klettert auf einen wackeligen Klappstuhl. Zeigen Sie ihm, wie gefährlich die Situation ist, indem Sie ihm möglichst anschaulich demonstrieren, wie der Stuhl zusammenklappt. Bieten Sie ihm dann eine andere Klettermöglichkeit. So versteht Ihr Kind die Einschränkung und kann sich sein Erfolgserlebnis ("Ich bin ganz alleine auf einen Stuhl geklettert!") trotzdem holen. Nur so erfüllen Grenzen ihren Sinn: Sie geben Sicherheit durch Orientierung.

Vorbilder

Kinder üben zu kommunizieren und lernen vor allem, indem sie Personen in ihrer Umgebung nachahmen. Sie als Eltern werden dabei dauernd beobachtet und später auch ständig hinterfragt. Wie alle Kinder möchte auch Ihr Sprössling zunächst genauso werden wie Mama oder Papa. Irgendwann grenzt es sich dann ab, um sich den eigenen Vorstellungen anzunähern. Nur wenn es unterschiedliche (Vor)Bilder davon erhalten hat, wie das Leben aussehen kann, ist es in der Lage, eine eigene stabile Persönlichkeit zu entwickeln. Auch wenn Ihr Kind Sie über längere Zeit bis ins kleinste Detail nachahmt, ist das kein Grund zur Besorgnis. Das spricht für ein Kind, das gerade aktiv dabei ist, sich mit unterschiedlichen Modellen zu identifizieren und sich zu entwickeln. Schon früh sollten Sie deswegen dafür sorgen, dass Ihr Kind auch andere Lebensmodelle kennen lernt. Damit hat es eine Vielfalt an Vorbildern zur Verfügung. Diese Gedanken könnten beispielsweise bei der Auswahl der Paten eine Rolle spielen.

Träume

Unendlich viele Regeln und Realitäten begegnen Ihrem Kind in den ersten Jahren. Um das auszugleichen und seelisch gesund zu bleiben, träumen Kinder. Damit sind nicht nur die nächtlichen Träume im Schlaf gemeint, sondern auch Phantasien und Tagträumereien. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen sind Träume Ventile, um Erlebtes besser zu verarbeiten. Kinder nutzen ihre Tagträume, damit Sie gefahrlos ihren Bedürfnissen nachgehen können, die im Alltag nicht erfüllt werden. Im Traum gibt es keine Grenzen oder Regeln. Jeder kann alles sein und alles tun und die dazugehörigen Gefühle auskosten. Mit Ihrem Kind gemeinsam Träume erleben und gestalten - vielleicht tut es auch Ihnen gut, mal den alltäglichen Begrenzungen zu entfliehen.

Die nachfolgenden Seiten sollen einen kurzen Überblick über die Entwicklungsschritte Ihres Kindes geben. Sie vermitteln ein Basiswissen, das möglicherweise dazu beiträgt, dass Sie das Gefühl bekommen "Ich mache das gut!".


Das Baby und seine Familie in den ersten sechs Monaten

Bereits vor der Geburt hat Ihr Kind eine wichtige Phase seines Lebens absolviert - das Leben im Mutterleib. Alle Sinne sind stimuliert worden und funktionieren. Ihr Kind kann sehen, es kann hören, schmecken, riechen - vor allem aber fühlt Ihr Baby in den ersten Wochen.

Ein Neugeborenes kann auf die Distanz von etwa 20 Zentimetern scharf sehen - ungefähr der Abstand zum Gesicht der Mutter beim Stillen!

Alle Sinnesreize von außen nimmt es als Gefühl wahr und teilt es in angenehm oder unangenehm ein. Noch kann es nicht zwischen sich selbst und seiner Umwelt unterscheiden. Alle Empfindungen sind einfach vorhanden, ohne dass Ihr Kind unterscheiden kann, wodurch sie entstehen. Wenn es beispielsweise Hunger hat, fühlt sich das unangenehm an. Ihr Baby drückt dieses Gefühl aus, indem es schreit. Wenn Sie es dann hochnehmen, fühlt sich das vermutlich angenehm an und es hört zunächst auf zu schreien. Der Hunger ist aber immer noch da, und so wird es dieses unangenehme Gefühl bald wieder ausdrücken. Erst durch Stillen oder Füttern wird dieses Unwohlsein behoben. Dann wird es wieder Sinnesreize fühlen und spüren, ob sie sich gut anfühlen. So lange, bis Unbehaglichkeit wie zum Beispiel Kälte oder Müdigkeit dazukommen.

Kommunikation zwischen Eltern und Baby

In erster Linie teilen Sie als Eltern sich Ihrem Kind mit Ihrer Stimme mit. Ihr Baby reagiert aber auch auf Ihre Mimik und andere Bewegungen aus seiner Umgebung. Natürlich nimmt es auch wahr, wenn Sie es berühren. Der Hautkontakt ist für die Kommunikation ganz wichtig. Streicheln und massieren Sie Ihr Baby und schmusen Sie mit Ihm. Dabei finden Sie heraus, welche Wünsche und Bedürfnisse Ihr Kind hat. Das ist eine Ihrer wichtigsten Aufgaben in den ersten Lebenswochen und nicht immer leicht. Eltern können oft treffend einschätzen, wie es Ihrem Kind gerade geht. Oft können Sie nicht erklären, woher sie nun wissen, was ihr Kind braucht. Wie Sie interpretieren, warum Ihr Kind schreit, hat genauso viel mit Ihnen selbst zu tun wie mit der tatsächlichen Befindlichkeit Ihres Kindes.

Wenn Sie auf der Suche danach sind, was Ihrem Kind gerade unbehaglich ist, sollten Sie sich auch selbst fragen, was in dieser Minute für Sie unangenehm ist.

Oft genug reagiert Ihr Baby auf eine Situation sozusagen Ihren Gefühlen entsprechend. Treffen Sie in der ersten Zeit mit Ihrem Baby Entscheidungen danach, wie Sie selbst sich in der jeweiligen Situation fühlen. Ein Beispiel: Sollen Sie mit Ihrem Neugeborenen der Einladung zu einer Feier folgen? Die Antwort hängt neben harten Fakten (Wird dort viel geraucht?) auch davon ab, ob Sie sich dort mit ihrem Kind wohl fühlen werden. Können Sie abschätzen, dass Sie sich während der Feier nicht wohl fühlen, wird Ihr Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnlich reagieren.

Im Laufe der ersten sechs Monate empfindet Ihr Kind immer differenzierter und teilt sich facettenreicher mit. Mit einem halben Jahr ist es körperlich meistens sehr aktiv und kann sich von der Bauchlage in die Rückenlage drehen und zurück. Es setzt die Stimme nicht mehr nur zum Schreien ein. Ihr Kind lallt, gurrt und gibt schrille Freudentöne von sich. Im Bett plappert und erzählt es vor sich hin. Seine Reaktionen auf die Eltern oder andere Bezugspersonen haben sich im Laufe der Wochen rasant entwickelt. Nach dem ersten deutlichen Lächeln zwischen der sechsten und der zehnten Woche begrüßt es Sie jetzt lachend, strampelnd und mit lauten Freudentönen. Dialoge sind möglich geworden, bei denen Ihr Kind merkt, dass es die Reaktion seines Gegenübers beeinflussen kann.

"Verwöhnen" oder schreien lassen?

Schreien als Ausdruck von Unbehagen sollten Sie in den ersten Lebensmonaten stets ernst nehmen und immer sollten Sie darauf reagieren.

Wenn Sie Ihr Kind in den ersten Monaten schreien lassen, schwächt das das Vertrauen des Kindes in seine Umwelt und in sich selbst.

Früher war man der Meinung, Kinder schreien zu lassen stärke zum Beispiel die Lungen. Heute weiß man, dass es in den ersten Monaten kaum möglich ist, Babys zu verwöhnen oder zu verzärteln - im Gegenteil. Wenn Sie in der allerersten Zeit stets antworten, wenn Ihr Kind ruft, wird es später selbständiger und selbstbewusster durch die Welt gehen.


Der 6. bis 12. Monat

Das zweite Lebenshalbjahr ist von wichtigen Veränderungen für Ihr Kind geprägt. In dieser Zeit bewegt es sich zum ersten Mal selbständig fort. Es rollt und robbt und verändert damit seine Perspektive. Dadurch wird angeregt, dass Ihr Kind mehrdimensional wahrnimmt und ein Gefühl von Eigenständigkeit bekommt. Ihr Kind kann jetzt selbst bestimmte Gegenstände erreichen und ist nicht mehr ausschließlich auf die Assistenz anderer Personen angewiesen.

Im zweiten Halbjahr erwirbt Ihr Baby eine Fähigkeit, die Fachleute Objektpermanenz nennen. Bisher waren für Ihr Kind nur die Dinge vorhanden, die es gerade gesehen hat. Nun hat es verstanden, dass Dinge außerhalb seiner Wahrnehmung nicht aufgehört haben zu existieren. Es weiß, dass sie nur vorübergehend verschwinden und wieder auftauchen können. Am deutlichsten ist dieser Entwicklungsschritt zu erkennen, wenn Sie vor den Augen Ihres Kindes etwas verstecken: Es sucht danach. Die Objektpermanenz ist auch wichtig für die sozialen Beziehungen Ihres Kindes. Ihr Kind hat nun - für eine begrenzte Zeit und an einem vertrauten Ort - ein sicheres Gefühl der Existenz seiner Eltern. Dieser Zuwachs an Sicherheit und Mobilität eröffnet gänzlich neue Möglichkeiten. Zunächst wird sich Ihr Kind bei seinen Erkundungen immer wieder durch Blickkontakt rückversichern, ob es das, was es zu tun beabsichtigt, auch ohne Gefahr unternehmen kann. Später wird es dann aus eigenem Antrieb den Raum verlassen, die vertraute Person aus den Augen verlieren und sich trotzdem sicher genug fühlen, um neue und unbekannte Orte und Gegenstände zu untersuchen. Sowohl für Ihr Kind als auch für Sie ist dies eine gravierende Veränderung!

Fremdeln

Um den achten Monat herum zeigen die meisten Kinder ein Verhalten, das Sie auch als Ausdruck dieser neuen Perspektive verstehen können: sie fremdeln. Wenn sie fremde Personen sehen, beginnen sie zu weinen und suchen Schutz - scheinbar ohne Grund. Der Begriff "fremd" schließt dabei oft auch Familienmitglieder oder gute Freunde der Familie ein - manchmal auch Personen außer Mutter und Vater. Für die Gründe dieses Verhaltens gibt es bisher nur Hypothesen. Einer von mehreren Erklärungsansätzen geht davon aus, dass Ihr Kind durch seinen Entwicklungsstand ein ganz spezielles, vorsprachliches Kommunikationsmuster mit den ihm vertrauten Personen entwickelt hat. Eine fremde Person tritt plötzlich in Kontakt mit ihm und beherrscht diese Kommunikationsform nicht. Deswegen stellt sie für Ihr Kind ein Problem dar, das es nicht lösen kann. Es reagiert mit einem "Systemzusammenbruch", weint und sucht Schutz. Oftmals ist es deshalb hilfreich, wenn Fremde zunächst Abstand halten und die Initiative des Kindes abwarten. Diese können sie dann aufgreifen und sensibel fortsetzen. Kinder fremdeln eher gegenüber Erwachsenen. Bei Kindern bleiben sie in der Regel aufgeschlossen und freundlich.

Will eine "fremde" Person in Kontakt mit Ihrem Kind treten, kann es sinnvoll sein, dass diese Person ein Spielzeug zur Hilfe nimmt. Vielleicht rollt Sie zwischen sich und Ihrem Kind einen Ball hin und her. Das wahrt Distanz und trotzdem kann die Person auf Ihr Kind eingehen.

Etwa im Alter von einem Jahr nimmt Ihr Kind bei den großen Entwicklungsaufgaben Spracherwerb und Erwerb des aufrechten Ganges die ersten Hürden - es spricht einzelne Wörter und macht die ersten freien Schritte. Beides sind auch große Etappen auf dem Weg zu mehr Eigenständigkeit und schrittweiser Loslösung von den Eltern.


Das zweite Lebensjahr - aus dem Baby wird ein Kleinkind

Zu Beginn des zweiten Lebensjahres spielen Laufen und Sprechen lernen immer noch eine große Rolle. Die meisten Kinder konzentrieren sich zunächst auf eine der beiden großen Aufgaben und vernachlässigen scheinbar die andere. Dies ist in den meisten Fällen kein Grund zur Sorge. Warum manche Kinder schon früh sprechen, aber spät laufen und umgekehrt, mag daran liegen, dass eben jedes Kind ganz spezifische Anlagen, Vorlieben und Talente mitbringt. Dennoch sollten Sie den Einfluss des sozialen Umfeldes nicht unterschätzen. Welche Vorlieben Ihr Kind entwickelt, hängt immer auch davon ab, wie Sie als Eltern im ersten Jahr mit ihrem Kind kommuniziert haben. Haben Sie es oft verbal angesprochen und viel Zeit damit verbracht, sich mit Ihrem Kind zu "unterhalten" oder lief die Kontaktaufnahme eher über gemeinsames Toben und körperliche Aktivitäten? Auch Ihr Lebensstil und Ihr Umgang miteinander spielt hierbei eine Rolle. Alle Eltern haben innere Bilder und Vorstellungen davon, wie der Umgang mit dem eigenen Kind in den nächsten Jahren aussehen wird. Ihre (nicht immer bewussten) Wünsche kommen im Umgang und bei der Wahl des "Kommunikationskanals" zum Tragen. Deswegen entscheidet sich Ihr Kind sicherlich auch aufgrund der Art, wie Sie mit ihm umgehen, als erstes fürs Laufen oder Sprechen. Dabei kann es bei Geschwistern durchaus gravierende Unterschiede geben, obwohl beide Kinder in der gleichen Familie aufwachsen. Eltern verbinden mit jedem Kind unterschiedliche Erwartungen und behandeln es auch anders. Der Wunsch, mit allen Kindern gleich umzugehen, ist meistens eine Illusion.

Mit eineinhalb Jahren verändert sich vieles

Im Alter zwischen 18 und 24 Monaten können Sie bei Ihrem Kind gravierende Veränderungen beobachten. Entwicklungspsychologen sehen diese Zeit als wichtige Umbruchzeit an. Bei den meisten Kindern ist die Sprache jetzt so weit entwickelt, dass sie sich verbal verständlich machen können. Die so genannte vorsprachliche Phase mit ganz unterschiedlichen Kommunikationsformen wird langsam abgelöst durch echte Dialoge und sprachliche Verständigung. Ganz aktuell und wichtig in diesem Alter: Ihr Kind spielt mit fiktiven Gegenständen oder Handlungen. Die Situation, dass Ihr Kind Ihnen einen nicht vorhandenen Gegenstand reicht oder zum Schein aus der Kaffeetasse trinkt, wird immer häufiger. Das Vorstellungsvermögen ist so weit vorangeschritten, dass Ihr Kind sich einen Handlungsablauf in der Theorie vorstellen kann, die eigenen Handlungen entsprechend plant und dann das Ergebnis mit der Vorstellung vergleicht. Im Alltag besteht Ihr Kind bei routinemäßig wiederkehrenden Handlungen immer häufiger darauf, sie selbst zu machen.

Zeitgefühl

Die zunehmende Selbständigkeit stützt sich auch auf das stärker ausgeprägte Zeitgefühl Ihres Kindes. Es weiß bereits so viel über die zeitlichen Zusammenhänge der Dinge, dass es auf die unmittelbare Zukunft schließen kann. Es weiß beispielsweise, dass bald jemand zum Telefon gehen wird, wenn es klingelt. Es weiß, was "jetzt" und "bald" bedeuten und hat ein Gefühl für Vergangenheit. An manche Dinge, die am Tag zuvor geschehen sind, kann es sich gut erinnern. Dadurch fühlt es sich nicht mehr so sehr bedroht, wenn Sie seine Wünsche nicht sofort erfüllen - Ihr Kind lernt ganz allmählich zu warten.

Die "psychische Geburt"

Ein ganz wichtiger Entwicklungsschritt ist die so genannte "psychische Geburt". Ihr Kind beginnt, sich der eigenen Person bewusst zu werden. Bisher hat es sich beim Blick in den Spiegel über das "andere" Kind gefreut. Es hat nicht wahrgenommen, dass es sich dabei um die eigene Person handelt. Auch wenn Ihr Kind bisher seinen eigenen Körper beobachtet und betastet hat, schloss es nicht daraus, dass sein Erleben und Fühlen innerhalb dieses Körpers stattfindet und es damit den anderen Menschen ähnlich ist. Dieses Bewusstsein ist die Voraussetzung für Empathie, für echtes Mitgefühl. Ihr Kind reagiert jetzt auf Missgeschicke anderer Personen nicht mehr nur, indem es sich von dem Gefühl anstecken lässt und möglicherweise mitweint. Es bemüht sich, dem anderen hilfreich zu sein und ihn zu trösten.

Putzen Sie Ihrem Kind die Nase, wenn Sie mit ihm vor dem Spiegel stehen. Dabei tupfen Sie ihm unauffällig mit Creme einen Punkt auf die Nase. Ein Kind, das verstanden hat, dass das Kind im Spiegel mit der eigenen Person identisch ist, wird die eigene Nase betasten oder versuchen, den Klecks wegzuwischen. Dadurch sehen Sie, ob Ihr Kind sich bereits seiner selbst und seines Körpers bewusst ist.

Grenzen setzen durch Strafe?

Ihr Kind wird zunehmend mobil, seine intellektuellen Fähigkeiten wachsen und es stellt Beziehungen auf die Probe. Das verändert Ihre Rolle als Eltern stark. Ihnen stellt sich insbesondere die Frage, wie Sie mit den Grenzen umgehen sollen. Nicht immer ist die Antwort ganz eindeutig. Wenn sich Kinder durch ihren Entdeckungsdrang in Gefahr bringen, lassen sich Verbote einfach nicht vermeiden. Themen wie Ordnung, Essen, Sauberkeit und Umgang mit anderen lassen da schon mehr Spielraum zu - und erfordern wieder einmal eine Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Werten. Grundsätzlich ist es hilfreich, wenn Sie sich vor einem jeweiligen Verbot klarmachen, wie wichtig es Ihnen tatsächlich ist, dass Ihr Kind diese Regel tatsächlich einhält. Erst wenn Sie sich in wiederkehrenden Situationen konsequent gleich verhalten, machen Sie eine Regel wirklich zur Regel. Dennoch sollte Ihr Kind erleben, dass Regeln durchlässig sein können und dass Sie als Eltern keine unbeugsamen Macht-Haber sind. Es sollte erfahren, dass seine Meinung und seine Bedürfnisse wichtig sind. Das kann unter Umständen auch dazu führen, dass Regeln geändert werden. Nur so fühlt sich Ihr Kind ernst genommen. In solchen Situationen sollten Sie wiederum berücksichtigen, dass die Erwachsenen die Mächtigen sind, aber Ihre Macht nicht ausnutzen dürfen. Wenn der Stärkere seine Macht ausübt, bedeutet das für den Schwächeren fast immer mehr Widerstand und Angst. Dementsprechend sind Strafen nur selten ein Mittel, mit dem Sie ein erwünschtes Verhalten erzielen. Sollte Ihr Kind dann tatsächlich wunschgemäß reagieren, können Sie das meistens nur auf Angst vor der Strafe zurückführen.

Die bessere Methode (statt Strafe) ist, was Psychologen "Verstärkung" nennen: Wer ein bestimmtes Verhalten erreichen möchte, braucht sein Kind nur an der richtigen Stelle zu loben!

Sauberkeitserziehung

Eigentlich ist das Sauberwerden ein Thema, das sich auch ohne Ihr Zutun ganz von selbst erledigen würde. Trotzdem legen viele Eltern gerade hier großen Ehrgeiz an den Tag. Vergleiche mit anderen Kindern werden ganz wichtig. Nirgends wird so viel geflunkert wie bei der Frage, wann das Kind erfolgreich die Toilette benutzt. Sinnvoll ist eine systematische Sauberkeitserziehung ohnehin erst gegen Ende des zweiten Lebensjahres - erst dann kann Ihr Kind seine Schließmuskeln bewusst kontrollieren. Notwendig ist sie aber auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Geben Sie Ihrem Kind mit innerer Ruhe Zeit, bis es drei Jahre alt ist. Dann werden Sie höchstwahrscheinlich erleben, dass es diesen Teil der Erziehung quasi selbst erledigt. Jeglicher Druck beim Gang zur Toilette erhöht nur die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Thema zum Machtkampf wird. Was seine Ausscheidungen betrifft, sitzt Ihr Kind immer am längeren Hebel. Den wird es bei einem Machtkampf auch einsetzen. Der bessere Weg ist hier, auf die Fähigkeiten Ihres Kindes zu vertrauen und abzuwarten.

Kinder unter sich

Kontakte zu etwa Gleichaltrigen sind in jedem Alter wichtig. Gerade im zweiten Lebensjahr werden diese Kontakte noch bedeutender. Auf dem Spielplatz oder wenn Sie andere Kinder besuchen, stellen Sie fest, dass die Kinder jetzt nicht mehr nur nebeneinander herspielen. Sie beziehen sich in Ihren Handlungen und mit Worten immer öfter aufeinander. Besonders auffällig sind dabei die häufigen Auseinandersetzungen. Zunächst sind diese Zusammenstöße eher zufällig: Die Kinder untersuchen oder betasten sich allzu ungestüm, rempeln sich an und kommen sich beim Spielen in die Quere, weil sie die Folgen ihres Handelns noch nicht einschätzen können. Mit der Zeit haben solche Streitereien aber System und werden häufiger. Oft manifestieren sich Auseinandersetzungen als Streit ums Spielzeug. Die Kinder nehmen sich gegenseitig Gegenstände weg, um Reaktionen zu testen, Überlegenheit zu empfinden - häufig allerdings auch, weil sie auf diese Art reichlich Aufmerksamkeit von den anwesenden Eltern bekommen. Nicht selten hören solche Handlungen fast völlig auf, wenn die Kinder außer Sichtweite spielen.

Wahrscheinlich kennen Sie die Situation: Ihr Kind kann es offenbar nicht ertragen, wenn andere Kinder mit seinem Spielzeug spielen. Kaum interessiert sich ein anderes Kind für den Ball, will es sofort selbst damit spielen. Das ist unter anderem damit zu erklären, dass Ihr Kind in dieser Phase seiner Entwicklung Gegenstände, die ihm gehören oder mit denen es gespielt hat, noch wie ein Teil des eigenen Körpers wahrnimmt und deshalb nicht hergeben kann.

Für alle Beteiligten sind die Auseinandersetzungen anstrengend. Trotzdem erhält Ihr Kind durch den Kontakt zu Gleichaltrigen einen wichtigen Raum. Darin kann es sich und seine Fähigkeit einschätzen und messen.


Das dritte Lebensjahr - "Nein" und "Doch"

Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag lernt Ihr Kind alle Fähigkeiten, um mit drei Jahren das so genannte Kleinstkindalter zu beenden. Es geht ins Vorschulalter über. Die Begriffe machen es deutlich: Ab drei Jahren steht das kognitive, also verstandesmäßige Lernen immer mehr im Vordergrund. Bis dahin hat das Kind einen inneren Plan von seiner Welt erworben und teilt die meisten Dinge und Ereignisse des Alltags in Kategorien ein. Es orientiert sich in der Welt, und neue Informationen werfen es nicht mehr so leicht aus der Bahn.

Kindersexualität

Sexualität wird bei Kindern nicht erst mit der Pubertät aktuell. Von Anfang an ist Ihr Kind ein sexuelles Wesen, das auch "kindliche Orgasmen" erleben kann. Im ersten Lebensjahr beginnen viele Babys, mit ihren Geschlechtsteilen zu spielen und lernen, sich aktiv Lust zu verschaffen. Immer gezielter reiben oder streicheln sie ihre Geschlechtsorgane bis zur entspannten Erschöpfung. Diese Erlebnisse sind für Kinder völlig selbstverständlich und tabulos.

Selbstbefriedigung bei Kleinkindern ist ein Zeichen gesunder und unbefangener Entwicklung.

Neben dem eigenen Körper interessiert sich Ihr Kind im dritten Lebensjahr für die Körper der anderen - Erwachsene wie Kinder. Sie sollten ihm oft Gelegenheit geben, seine Eltern nackt zu sehen. Darüber kann ein Gespräch entstehen. Beantworten Sie nicht nur die Fragen Ihres Kindes, sondern fragen Sie auch nach, welche Vorstellungen sich Ihr Kind macht. Mit Gleichaltrigen spielt Ihr Kind allmählich "Doktor" . Bei den so genannten Doktorspielen erforschen sich die Kinder gegenseitig sehr genau. Dafür sollen sie sich ungestört zurückziehen können. Keine Angst: Gleichaltrige zwingen sich in der Regel nicht zu sexuellen Handlungen. Um später Sexualität lustvoll erleben zu können, ist es wichtig, dass Kinder reichlich Gelegenheit erhalten, den eigenen Körper und den Körper anderer auf vielfältige Weise kennen zu lernen.

Schränken Sie Ihr Kind nicht durch Verbote, Unsicherheit, Schamgefühle oder abwertende Äußerungen beim Ausleben seiner sexuellen Gefühle ein. Je mehr Freiheiten Ihr Kind hier erlebt, umso positiver wird es seinen Körper und seine Sexualität empfinden.

Denken durch Sprache

Die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes ist gerade im zweiten und dritten Lebensjahr die auffälligste Veränderung. An ihr können Sie die Fortschritte Ihres Kindes im Denken erkennen. Ihr Kind benennt sich im Laufe des dritten Lebensjahres nicht mehr mit dem Vornamen, sondern lernt die Bedeutung des Wortes "ich" kennen. Das ist einer der wichtigsten Schritte. Er lässt den Rückschluss zu, dass Ihr Kind jetzt die inneren Prozesse als einen Teil seiner selbst erlebt. Doch die Sprache ist nicht nur Indikator für die Denkprozesse - sie beeinflusst sie auch! Der fortschreitende Spracherwerb regt die Denkfähigkeit an und hilft Ihrem Kind, Kategorien zu bilden und sich Ordnungen zu schaffen. Wenn zwei Gegenstände im Namen eine Gemeinsamkeit haben, sucht Ihr Kind auch nach anderen Gemeinsamkeiten, die es vorher möglicherweise übersehen hat. Ebenso achtet es besonders auf Unterschiede, wenn sich Dinge im Namen stark unterscheiden. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu beachten hilft Ihrem Kind, etwas Neues einzuordnen, es kennen zu lernen und sich später daran zu erinnern. Im dritten und vierten Lebensjahr entwickelt sich, eng an die Sprachentwicklung geknüpft, seine Fähigkeit, Erinnerungen zu speichern.

Die meisten Erwachsenen haben erste Kindheitserinnerungen aus dem dritten oder vierten Lebensjahr. Um Erinnerungen abrufbar speichern zu können, ist ein bestimmtes Sprachniveau notwendig. Erinnerungen aus der vorsprachlichen Zeit sind zwar in der Regel auch vorhanden, aber (zumindest sprachlich) nicht abrufbar.

Die "Warum-Phase"

Erwachsene konstruieren eine innere Ordnung, um mit der täglichen Fülle an Information umzugehen. Mit dieser Methode orientieren sie sich. Ohne dass es ihnen bewusst ist, fassen Erwachsene die Informationen zu kleineren, thematischen oder handlungsgebundenen Gruppen zusammen. Damit können sie leichter auf diese Informationen zugreifen. Hätten sie noch das unbefangene Wesen eines Kleinkindes, würden sie sich diese Aufgabe durch permanentes Nachfragen erleichtern. Ein Kind, das seine Eltern mit der ständigen Frage "Warum?" löchert, ist auf der Suche nach Orientierung. Oft kann man erleben, dass jede Antwort ein erneutes "Warum?" nach sich zieht. Das zeigt, dass die bisherigen Antworten noch nicht ausreichend waren, um den Auslöser der Frage-Serie in eine bereits vorhandene Kategorie einzuordnen. Manchmal kann das ständige "Warum?" aber auch ein "Spiel mit den Grenzen" sein. Um das zu unterscheiden, versetzen Sie sich auch hier in die Situation Ihres Kindes. Es fällt Ihnen so möglicherweise leichter, die Fragen zu beantworten und die Antwort zu finden, die in das System Ihres Kindes passt.

Ambivalenzen - sich hin- und hergerissen fühlen

Je mehr sich Ihr Kind sein eigenes Bild von der Welt macht, umso stärker spürt es, wie es in Konflikt kommt mit sich selbst oder den Bildern und Wünschen anderer. Es ist daher typisch für Kinder in diesem Alter, dass sie unter der "Qual der Wahl" leiden. Sie erfahren, dass sie als eigenständige Persönlichkeit Entscheidungen treffen können. Oft können sie aber noch nicht überblicken, dass diese Entscheidungen auch Folgen haben. Der Entschluss, jetzt Dreirad zu fahren, schließt die Möglichkeit aus, gleichzeitig Ball zu spielen. Solche Situationen erlebt Ihr Kind nun oft und ist daher fast ständig angespannt, unruhig und unsicher. Diese Gefühle drückt Ihr Kind aus, indem es sich, von außen betrachtet, destruktiv und planlos verhält. Damit zeigt es jedoch nur, wie es mit der Entscheidung kämpft. Gefühlsmäßig fährt Ihr Kind in dieser Zeit Achterbahn: Es schwankt in seinen Empfindungen zwischen den Extremen. Mal fühlt es sich groß und mächtig, dann wieder klein und schwach. Durch all diese Turbulenzen ist das Kind in dieser Entwicklungsphase alles andere als flexibel. Es besteht mit fast zwanghafter Pedanz darauf, dass im Alltag alles seinen bestimmten Platz behält und bestimmte Reihenfolgen eingehalten werden. Es hat außerdem Schwierigkeiten, von einer Beschäftigung umzuschalten auf eine andere. Das führt vielleicht dazu, dass sich einfache Anforderungen, wie zum Beispiel der Aufbruch zum Einkaufen, durch zeitraubende Verzögerungstaktiken Ihres Kindes unendlich in die Länge ziehen. Deshalb ist es häufig ein Kampf, wenn Ihr Kind ins Bett gehen soll. Ihr Kind steht zwischen zwei Wünschen: Es möchte sowohl an der Welt der Erwachsenen teilnehmen als auch seinem Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf nachgeben. Also verzögert es den Zeitpunkt der Entscheidung durch alle möglichen Ablenkungsmanöver.

Gewissen und moralische Grundsätze

Die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können, ist die Voraussetzung für das Entstehen der "psychischen Instanz" Gewissen. Viele Eltern sind unsicher, wie stark sie regelnd eingreifen sollen, wenn Ihr Kind mit anderen Menschen umgeht. Gerade unter Gleichaltrigen herrschen oft Umgangsformen, die Sie als Erwachsener mit Ihren moralischen Grundsätzen nicht gutheißen können und wollen. Mutwillig zerstört ein Kind die Bauwerke des anderen und wendet alle Formen der körperlichen Gewalt an. Kratzen, Beißen und Schlagen sind (bis zu einer gewissen Grenze) altersgemäße Verhaltensweisen, mit denen Ihr Kind ausprobiert, wie sein Gegenüber reagiert. Wie fühlt sich der andere, wenn der gebaute Turm zerstört wird oder wie fühlt sich das Kind, wenn der eigene Turm umgestoßen wird? Diese Frage stellen sich Kinder in diesem Alter erst, wenn sie das Bauwerk bereits umgeworfen haben. Kleine Auseinandersetzungen nutzen allen beteiligten Kindern. Das eine lernt nach und nach, mit dem anderen mitzufühlen und ihn nicht mehr mutwillig zu ärgern. Das andere erfährt, wie man Frustrationen erträgt. Sie dürfen solche Situationen bis zu einer gewissen Grenze ruhig zulassen. Wenn Sie Ihr Kind für sein unsoziales Verhalten sofort bestrafen, unterlässt es in Zukunft dieses Verhalten nur aus Angst vor der Strafe. Es erhält nicht die Gelegenheit, ein auf ehrliches Mitgefühl begründetes Gewissen zu entwickeln. Natürlich sollten Sie körperliche Auseinandersetzungen im Auge behalten, damit sich die Kinder nicht verletzen. Auch wenn Ihr Kind pausenlos auf diese Art Kontakt aufnimmt, sollten Sie einschreiten.

Werden Sie oder die anderen Eltern bei einem Konflikt von den Kindern um Hilfe gerufen, sollten Sie auch Stellung dazu beziehen. Dann ist es wichtig, den Kindern zu sagen: Türme zu zerstören ist nicht in Ordnung!

Außerdem sollten Sie - gemeinsam mit anderen Eltern - darauf achten, dass Ihre Kinder nicht die "Gesetze des Dschungels" etablieren. Nur der setzt sich durch, der stärker draufhaut - zu dieser Erkenntnis dürfen Kinder nicht kommen.

Trotzphase - die "kleine Pubertät"

Irgendwann im dritten Lebensjahr sind viele Eltern der Verzweiflung nahe und erkennen ihr Kind nicht wieder. Vielleicht weigert sich auch Ihr Kind, den einfachsten Aufforderungen und Wünschen nachzukommen, reagiert nicht mehr auf Rufen und gerät aus geringstem Anlass in ausufernde und zerstörerische Wut. Es ist dann in seinen Handlungen nicht mehr berechenbar, da es innerhalb kurzer Zeit völlig gegensätzliches Verhalten zeigt. Es will beispielsweise getröstet werden, gerät dann aber in Wut, wenn Sie sich seiner annehmen. An diesen Stellen wird der innere Konflikt Ihres Kindes sichtbar. Diese entwicklungspsychologische Übergangsphase ähnelt in gewisser Weise der Pubertät im Jugendlichenalter - es geht um Abgrenzung von den Eltern und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Bisher hat sich Ihr Kind in seinen Handlungen und Einstellungen an seinen Eltern orientiert. Es hat sie sogar für einen Teil seiner eigenen Person gehalten. Plötzlich wird ihm klar, dass es eine eigenständige Persönlichkeit ist und sein Handeln selbst verursacht. Es beginnt daher, mit dieser neu gewonnenen Erkenntnis zu experimentieren. Dadurch lernt Ihr Kind, die Folgen des eigenen Handelns einzuschätzen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg - jetzt fühlt es sich noch an vielen Stellen überfordert.

Widerstände und trotzige Reaktionen beinhalten in diesem Alter immer die Botschaft: "Ich bin ich, und du bist du, deshalb will ich etwas anderes als du!"

Ihr Kind verweigert trotzig fast alles und bestimmt damit zunehmend den Alltag. Immer öfter gipfelt sein Verhalten in Wutausbrüchen, in denen Sie Ihr Kind nicht mehr erreichen - so sehr hat es sich in seine Wut "eingehüllt". Zu diesen Szenen führt, dass Ihr Kind nicht flexibel ist und Situationen nicht planen kann. Ihr Kind ist mit etwas beschäftigt und versucht, ein gedachtes Ziel zu erreichen. Wird es durch die Umstände oder durch Ihr Einschreiten daran gehindert, dann ist es nicht in der Lage, sich einen anderen Weg als den gedachten vorzustellen. Es kann auch keine Alternativvorschläge annehmen. Der Wutanfall ist, wie bereits beim "Fremdeln" beschrieben, ein Systemzusammenbruch - Ihr Kind weiß absolut nicht mehr, wie es sich jetzt verhalten könnte. Je mehr es sich in seiner neuen Situation ausprobiert hat, umso unwichtiger wird das Trotzen. Auch die Sprachentwicklung trägt zu einem stabileren Gleichgewicht Ihres Kindes bei: Je besser es sich ausdrücken kann, desto genauer kann es seine Bedürfnisse vermitteln. Gleichzeitig bedeutet ein höheres Sprachniveau, dass das Denken Ihres Kindes differenzierter wird. Das ermöglicht ihm mehr Flexibilität.

Neues Spielen: Rollenspiele

Indem es entdeckt, dass es eine eigene Person ist, wird Ihrem Kind bewusst, dass andere Menschen ihm ähnlich sind. Bisher hat es nur bestimmte Handlungen des anderen wahrgenommen und eventuell imitiert. Jetzt erlebt es andere Menschen - ebenso wie sich selbst - als ganze Personen. Dadurch wird als neue Form des Spielens das Rollenspiel möglich. Erst jetzt, da Ihrem Kind der Unterschied zwischen "ich" und "du" deutlich ist, kann es in die Rollen anderer Personen schlüpfen und sich mit ihnen identifizieren. Insbesondere Personen, die Ihr Kind im Alltag erlebt, spielt es im Rollenspiel nach. Dabei betrachtet Ihr Kind das Verhalten dieser Personen aus einem anderen Blickwinkel. In seiner Rolle als Vater, Mutter oder Kind begreift es Regeln ganz neu. Außerdem nimmt Ihr Kind sich selbst gegenüber verschiedene Betrachtungspositionen ein und beschäftigt sich so mit der eigenen Person.

Wenn Sie Ihr Kind in seinen Rollenspielen genau beobachten, erhalten Sie wichtige Informationen darüber, wie es sich im Zusammenleben mit anderen Menschen erlebt. So, wie es im Rollenspiel seine Puppe behandelt, sieht es das Verhalten seiner Eltern ihm gegenüber.

Mädchen und Jungen

Vielleicht nehmen Sie sich vor, Ihr Kind nicht durch Erziehung in die entsprechende Geschlechtsrolle zu drängen. Bereits in den ersten Monaten merken Sie, dass das in manchen Situationen nicht leicht ist. Studien zeigen zum Beispiel, dass Jungen häufiger auf den Arm genommen werden und dass sie länger die Brust bekommen als Mädchen. Oft erhält auch der Penis bei sexuellen Entdeckungsreisen kleiner Kinder größere Aufmerksamkeit als die Scheide. Beobachten Sie sich selbst: Wie ist Ihr Erziehungsverhalten? Verfolgen Sie einen geschlechtsspezifischen Erziehungsstil? Schon im Babyalter haben fast alle Eltern bestimmte Vorstellungen davon, wie Jungen und Mädchen sich voneinander unterscheiden sollen. Sie möchten gerne, dass ein Mädchen im Kinderwagen auch als ein solches erkannt wird. Sicherlich werden Sie merken, dass es in einer Umwelt, die durch männliche und weibliche Zuschreibungen geprägt ist, keine geschlechtsneutrale Erziehung geben kann. Über die Teilnahme am öffentlichen und privaten Leben orientiert sich Ihr Kind an den gängigen Normen und übernimmt sie. Es erlebt, dass Hausarbeit meistens von Frauen erledigt wird und dass die Männer in der Regel aus dem Haus gehen, um zu arbeiten. Das sieht Ihr Kind, auch wenn das in Ihrer Familie vielleicht nicht so ist. Sobald sich Ihr Kind über die eigene Geschlechtszugehörigkeit im Klaren ist, verhält es sich dem Vorbild entsprechend und orientiert sich dabei an der Mehrheit.

Wundern Sie sich nicht, wenn Ihre Tochter plötzlich nur noch Kleider tragen und mit Puppen spielen will oder Ihr Sohn alle Automarken kennt und am liebsten mit Werkzeug hantiert. In diesem Alter glauben Kinder noch, ein Mädchen sei deshalb ein Mädchen, weil es Kleider trägt und lange Haare hat. Es gibt ihnen Sicherheit bezüglich des eigenen Platzes im sozialen Gefüge, wenn sie sich hier anpassen. Erst im Laufe der Jahre lernen sie, die Begriffe Weiblichkeit und Männlichkeit auch anders zu füllen.

In den ersten drei Jahren erwirbt Ihr Kind die wichtigsten Fähigkeiten seines Lebens. Damit ist zunächst der Alltag zu Hause gemeint: Ihr Kind isst völlig allein, es kann sich aus- und (mit etwas Hilfe) anziehen, es kann sich waschen und kämmen und hilft bei kleineren Aufgaben im Haushalt. Darüber hinaus hat das Kind die Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens verstanden. Es weiß, wie es sich verhalten muss, wenn es eine bestimmte Reaktion erreichen will. Damit kann es aktiv Beziehungen gestalten. Mit dem Eintritt in den Kindergarten setzt es diese Fähigkeit immer mehr außerhalb der Familie ein und lernt ständig dazu. Auch in dieser kommenden Phase braucht es den Rückhalt und die Sicherheit seiner Familie, um sich mit Kraft und Mut den neuen Aufgaben zu stellen.

Quelle

Eltern sein - Die ersten Jahre.
Ideen, Informationen und Gesundheitstipps für die junge Familie.
Hrsg. von Barmer und Mehr Zeit für Kinder e. V. 2. Auflage 2002.
Euro 5,00. ISBN 3-614-53332-8


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Letzte Änderung: 17.12.2007 13:23:14Zum Seitenanfang