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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wenn die Wahrnehmung gestört ist...

Kay-Uwe Fock


Wahrnehmungsstörungen sind in den letzten Jahren in das öffentliche Interesse getreten. Von "Modekrankheit" und "Erziehungsfehlern" ist ebenso die Rede wie von einer "flächendeckenden Epidemie". Hier ein kleiner Überblick über die Hintergründe der derzeitigen Diskussion. Die Grundlagen des Wahrnehmungsprozesses und der Wahrnehmungsentwicklung finden sich im Beitrag "Sich in der Welt zurechtfinden" im Familienhandbuch.

Wahrnehmungsstörungen im heutigen Gebrauch des Wortes beziehen sich in der Regel auf Störungen im Bereich der zentralen Reizverarbeitung im Gehirn mit dann "unangemessenen" Ergebnissen, Reaktionen und Handlungen.


Wahrnehmungsstörungen - ein Sammelbegriff

"Die Diagnose ´Wahrnehmungsstörung´ findet sich zunehmend auf Überweisungsscheinen oder Heilmittelverordnungen, sie wird auch als Perzeptions- oder sensorische Integrationsstörung bezeichnet. ... Es handelt ... sich um einen derzeit modernen Sammelbegriff für verschiedenartige Störungen im Säuglings-, mehr noch im Kleinkind- und Schulalter. Diese möglichen Funktionsstörungen (von Tastsinn, Gleichgewichtssinn oder Tiefensensibilität) können einzeln oder gemeinsam auftreten. ... Die Wahrnehmungsprobleme bestehen in einer Störung der Verarbeitung von Sinnesreizen. Dabei kann es sich um eine Störung in der Aufnahme, der Weiterleitung oder der Verknüpfung solcher Reize handeln. Das Problem kann im Gehirn oder im peripheren Nervensystem liegen. Die Sinneseindrücke können dabei zu stark auf das menschliche Gehirn einwirken oder auch zu wenig gefiltert sein, um sinnvoll verarbeitet zu werden." (Monika Aly 19991).

Unterhalb des Oberbegriffes der Wahrnehmungsstörungen gibt es weitere Begriffe und Termini, die jeweils einen Aspekt hervorheben oder zeitweilig besonders häufig verwendet wurden. Einige Kostproben:
  • ADS: Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (int.: ADD, Attention Deficit Disorder), derzeit gebräuchlichste Bezeichnung in Angleichung an internationale Standards
    • mit Hyperaktivität (ADHS); "Zappelphilippe"
    • ohne Hyperaktivität; "Träumer".
    ADS ist laut Aust-Claus und Hammer2 "eine Störung mit neurobiologischen Besonderheiten in den Informations-Verarbeitungs-Prozessen unseres Gehirns. Diese Störung lässt sich beschreiben durch leichte Ablenkbarkeit, Unaufmerksamkeit, niedrige Toleranz für Frustrationen, Impulsivität, Aktivitätsüberschuss oder Verträumtsein. Motorische Unruhe kann, muss aber nicht gleichzeitig mit auftreten".
  • AD/HS: Aufmerksamkeitsdefizit-/mit Hyperaktivitätsstörung, meint das Gleiche.
  • HKS: Hyperkinetisches Syndrom, Betonung des Aspekts der Überaktivität, Übererregbarkeit und motorischen Unruhe.
  • SIS: sensorische Integrationsstörung, hebt die gestörte Verknüpfungsleistung von Sinnesreizen hervor.
  • MCD: Minimale cerebrale Dysfunktion, war früher die gebräuchlichste Bezeichnung für die Vielzahl der möglichen Störungen.
  • Teilleistungsstörungen: Keine Störung der Wahrnehmung sondern bestimmter (Schul-) Leistungen, z.B. Rechenstörung (Dyskalkulie), Lese/Rechtschreibstörung (Legasthenie). Tritt häufig in Zusammenhang mit Wahrnehmungsstörungen auf.

Begriffe ändern sich, je nachdem, wie man die Phänomene betrachtet und vor welchem theoretischen Hintergrund man sie versteht. Das Verständnis der Störungen und ihrer Ursachen entwickelt sich ständig weiter. Das Verhalten der betroffenen Kinder hat sich dagegen seit den Zeiten des "Zappelphilipps" und des "Hans-guck-in-die-Luft" nicht verändert. So darf man auf die nächste Generation von Bezeichnungen gespannt sein.

Eine aktuelle Definition liefert der Hamburger Arbeitskreis3 (a.a.O., S. 10): "Von einer Aufmerksamkeits-Defizit-Störung (ADS) spricht man, wenn ein Kind länger als sechs Monate sowohl im Kindergarten, in der Schule (Gruppensituationen) als auch zu Hause durch ausgeprägt unaufmerksames und impulsives Verhalten aufgefallen ist. Kommen motorische Unruhe und übermäßiger Bewegungsdrang (Hyperaktivität) hinzu, dann spricht man von einer ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung). Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität sind die Leitsymptome der Erkrankung.

Typisch ist, dass die Verhaltensweisen weder dem Alter noch dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechen und sich nicht von allein wieder bessern. Das auffallende Verhalten tritt also nicht phasenweise auf, sondern ist zeitlich stabil." So bündig diese Definition auch klingt, die Beurteilung, was "ausgeprägt" heißt und was "übermäßig" ist, lässt sich nicht so einfach festlegen.


Störungen der Reizverarbeitung

Forschungen gehen davon aus, dass die Reizverarbeitung im Gehirn bei Aufmerksamkeitsstörungen gestört ist. Durch Anomalien im Hirnstoffwechsel werden Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) nicht genügend produziert oder zu rasch wieder absorbiert, um eine geordnete Informationsverarbeitung zu gewährleisten. Dadurch können die Verbindungen vom Stamm- und Zwischenhirn zum Großhirn und die Regulation der Aufmerksamkeit in der Formation Reticularis (im Stammhirn) beeinträchtigt sein.

Bei der zentralen Wahrnehmungsverarbeitung beschreibt Skrodzki4 im Einzelnen folgende Probleme:
  • Verminderte Erfassungsspanne: Nicht alle Informationen werden aufgenommen.
  • Verminderte Kanalkapazität: "Alles, was man gleichzeitig hören, sehen, riechen, schmecken, tasten und fühlen kann, fließt wie in einem Sammelkanal auf uns zu und wird registriert. Dieser Kanal hat ein bestimmtes Fassungsvermögen". Reizüberflutung tritt ein, wenn mehr Reize aufgenommen werden, als verarbeitet werden können. Die unverarbeiteten Reize können zu Überaktivität, Zappeligkeit oder zum Abschalten führen.
  • Verminderte Diskriminationsfähigkeit: Die Fähigkeit, Unterschiede zwischen Reizeindrücken wahrzunehmen, ist eingeschränkt. Wichtiges und Unwichtiges werden gleich behandelt.
  • Veränderte Reizschwelle: Unter- und Überempfindlichkeiten in den verschiedenen Modalitäten, z.B. Schmerzunempfindlichkeit, Geruchsüberempfindlichkeit etc..
  • Verlangsamte Umstellungsfähigkeit: Alles muss "wie gewohnt" ablaufen, sonst ist die Person überfordert.
  • Intermodale Störung: Informationen aus verschiedenen Sinnesmodalitäten (Tasten, Sehen, Hören) werden nicht angemessen zusammengefügt.
  • Seriale Störung: Zeitlich nacheinander folgende Abläufe werden schlecht erkannt und können nur schwer reproduziert werden. Daraus ergeben sich Schwierigkeiten, Handlungsabläufe zu durchschauen und zu planen.
  • Mangelhafte Codierung und Optimierung erlernter Abläufe: Komplexe Bewegungen (z.B. Schuhe binden) werden anfangs als einzelne Elemente gelernt, ehe sie durch Üben zu einem flüssigen und kaum noch beachteten Ablauf verschmelzen. Wenn diese Automatisierung unterbleibt, muss die Bewegung immer wieder mit voller Aufmerksamkeit und Stück für Stück durchgeführt werden, was zum Beispiel beim Schreiben viel Kraft und Zeit kostet.
  • Fehlerhafte Suchstrategien: Um gespeicherte Erinnerungen abzurufen, muss man sie finden. Systematische oder assoziative Suchstrategien (z.B. Gliederungen oder Eselsbrücken) helfen dabei. "Fehlt eine Suchstrategie, wird eine Lösung bestenfalls zufällig gefunden " Skrodzki (a.a.O.).

Ursachen

Als Ursachen für Wahrnehmungsstörungen werden laut Holowenko5 angenommen:
  • biologische (neurologische bzw. biochemische) Faktoren,
  • Interaktion von Biologie eines Individuums und einem irgendwie gearteten Umweltreiz (Allergie, Phosphate, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Giftstoffe, aber auch Reizarmut, Bewegungsmangel, Geburtsschädigungen),
  • Soziale Umwelt: gestörtes Familiensystem, frühkindlicher Stress, Traumata und andauernde psychische Belastungen.
In jüngster Zeit deuten Forschungen auf eine genetische Disposition hin, die eine Verwundbarkeit (Vulnerabilität) für Wahrnehmungsstörungen verursacht6. Zum tatsächlichen Auftreten des Krankheitsbildes tragen Umgebungsfaktoren jedoch in erheblichem Maße bei.

"Es gibt für das weite Spektrum des hyperkinetischen Syndroms keinen spezifischen und allgemein akzeptierten Erklärungsansatz. Man geht von einer multifaktoriellen Ätiologie (Krankheitsentstehung) aus, wobei über die Wertigkeit der einzelnen Faktoren unterschiedliche Meinungen bestehen. Es wird vermutet, dass auf dem Boden einer biologischen Vulnerabilität psychologische Faktoren den Verlauf der Störung wesentlich beeinflussen. Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung sozialer Faktoren ist darin zu sehen, dass sich die hyperkinetische Symptomatik in wechselnden Situationen drastisch ändern kann. Diese psychosozialen Faktoren werden in der Diagnostik häufig unterschätzt"7.

"Die wichtigsten psychosozialen Faktoren, die mit der Entstehung von ADS/ADHS in Verbindung gebracht werden, sind ungünstige Familienverhältnisse bzw. Umgebungsbedingungen. ... Darunter versteht man unklare, unzuverlässige und/oder schnell wechselnde Beziehungsbedingungen, ungeordnete Tagesabläufe sowie Vernachlässigung bis hin zur Misshandlung. Alle Umgebungsbedingungen, die unüberschaubar, unstrukturiert, chaotisch und/oder unzuverlässig sind, können bei entsprechend anfälligen (vulnerablen) Kindern auslösend bzw. verstärkend bezüglich ADS/ADHS wirken" schreibt der Hamburger Arbeitskreis ADS/ADHS8.

Eine Behandlungsstrategie richtet sich nach den vermuteten Ursachen. Daher ist hier die besondere Aufmerksamkeit der Eltern gefordert, die einzelnen Faktoren zu beachten und für sich selbst zu gewichten.


Diagnose als Grundlage eines Behandlungsplanes

Wenn ein Kind "nicht hören kann", und deshalb immer wieder in Gefahr gerät oder Schaden anrichtet, müssen die Eltern handeln. Und je nachdem, ob sie glauben, das Kind "will nicht gehorchen" oder es "kann nicht hören", werden sie sehr unterschiedliche Maßnahmen ergreifen. Diagnostik soll den Eltern helfen, die richtigen Mittel zu finden, um Veränderungen herbeizuführen. Denn wenn Mäxchen nicht gehorchen will, nützt ihm kein Hörgerät und wenn er nicht hören kann, helfen ihm keine Ansprachen. Unaufmerksamkeit und Impulsivität sind eine häufige Begleiterscheinung einer Vielzahl möglicher Störungen. Diese müssen daher untersucht und zugeordnet werden, um eine eindeutige Diagnose stellen zu können. Wie Holowenko (1999) ausführt: "AD/HS ist eine medizinische Diagnose. Aber gegenwärtig ist es durch keinen medizinischen Test nachzuweisen". Daher muss eine diagnostische Beurteilung verschiedene Ebenen umfassen:
  • Die körperliche Gesundheit, die Funktion von Sinnesorganen und die Reizleitung müssen geprüft werden (Kinderarzt/Neurologe)
  • Das Verhalten in verschiedenen Lebensbereichen (z.B. Schule und zu Hause) muss erfasst und beurteilt werden (ärztliche oder psychologische Diagnostik, Fragebögen, Befragung, Beobachtung)
  • Familiengeschichte, Familienhintergrund, Erziehungsstil und belastende Ereignisse müssen erfasst werden (Befragung).
Diese Diagnostik sollte von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder von durch Fortbildungen qualifizierten Ärzten in Zusammenarbeit mit Psychologen erfolgen, da eine unqualifizierte Diagnostik "per Augenschein" nicht geeignet ist, andere Ursachen für z.B. Impulsivität auszuschließen.

Unerkannte Hör- oder Sehfehler, die irrtümlich für den Ausdruck von ADS gehalten werden, müssen ebenso ausgeschlossen werden, wie aufgrund psychischer Belastungen auftretende Entwicklungsrückstände, verzerrte Wahrnehmungen oder posttraumatische Wahrnehmungsblockaden. Gerade bei Kindern, die unter ungünstigen Umgebungsbedingungen aufwachsen oder die akute schwere Belastungen zu verkraften haben, treten Impulsivität, sich nicht allein beschäftigen können, Aggressivität und Austesten von Grenzen häufig auf. Wenn dieses Verhalten das Resultat von Beziehungserfahrungen ist, muss anders damit umgegangen werden, als wenn es aus einer Wahrnehmungsstörung resultiert. Und wenn beide Aspekte zutreffen, müssen beide in der Behandlung beachtet werden.


Behandlungsmöglichkeiten und Bewältigungsstrategien

Wenn eine Wahrnehmungsstörung bekannt ist, richtet sich der Behandlungsansatz sowohl nach den diagnostischen Ergebnissen als auch nach dem, was Eltern für vertretbar und in ihrer Familie für lebbar halten.

Es gibt sehr unterschiedliche Ansätze zur Behandlung von Wahrnehmungsstörungen und zur Bewältigung ihrer Folgen:
  • Nahrungsumstellung: Verzicht auf z.B. Zucker oder Allergene etc..
  • Veränderung der Umwelt: z.B. enge Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule, Reduktion von Hintergrundgeräuschen in der Schule, reizarme, konzentrationsfördernde Gestaltung des (Schul-) Arbeitsplatzes, Sitzordnung, Ordnung zu Hause (s.u.).
  • Schulung und Verhaltenstraining der Eltern: Strukturierung des Alltags in Richtung Vorhersagbarkeit, Konfliktmanagement, Erarbeiten klarer Kommunikation und realistischer Erwartungen, Förderung des kindlichen Selbstbewusstseins (s.u.).
  • Schulung und Verhaltenstraining des Kindes: Training sozialer Fertigkeiten, Strukturierung des Alltags, Pläne, Listen, Rituale, Förderung des kindlichen Selbstbewusstseins (s.u.).
  • Naturheilkundliche Behandlung mit homöopathischen Mitteln oder Bach-Blüten.
  • Medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien, die bei ADS paradox, d.h. dämpfend wirken. Hier ist wegen der möglichen Nebenwirkungen eine sehr engmaschige ärztliche Kontrolle nötig (s.u.).
  • Psychologische Beratung oder psychotherapeutische Behandlung von Eltern und/oder Kind.
  • Sinnespflege auf anthroposophischer Grundlage.
  • Förderung der Sinneswahrnehmung, -integration, -koordination: Sensorische Integration, Psychomotorik, Ergotherapie, therapeutisches Reiten, Tomatis-Therapie und weiteres.
Der gewählte Ansatz hängt im Einzelfall sowohl von der Symptomatik als auch vom Verständnis der Krankheit ab. In der Praxis werden in der Regel verschiedene Ansätze gleichzeitig oder nacheinander angewandt und die wirkungsvollsten weitergeführt. Im Zuge der kindlichen Entwicklung kann sich die Wirksamkeit einzelner Ansätze verändern.


Strukturierung der häuslichen Umgebung und des Tagesablaufes

Kinder mit Wahrnehmungsstörungen brauchen ein strukturiertes und vorhersehbares Lebensumfeld. Wo im Kind die Ordnung des Sinnessystems (noch) nicht entwickelt ist, muss die Umgebung eine Ordnung bereitstellen.

Cordula Neuhaus schreibt, dass "Eltern sich damit auseinandersetzen müssen, noch lange die "Überwachungsfunktion" für ihr Kind wahrnehmen zu müssen, mit der Erwartung, in dieser Funktion lang anhaltend bekämpft zu werden"9

Sie führt weiter aus: "Von der modernen pädagogischen Überzeugung, ein Kind früh in die eigenverantwortliche Selbständigkeit zu entlassen, es reifen und wachsen zu lassen, müssen Eltern von ADS-Kindern komplett Abstand nehmen. ... Das Kind/der Jugendliche braucht positiven und korrigierenden Kontakt zum Umfeld als Echo und Spiegel für die eigene Aktion, die eigenen Gedanken, da es syndrombedingt die Selbststeuerung und Selbstorganisation erst mühsam lernen muss."

Dabei richtet sich die Gestaltung der Umgebung auf Schaffung eines ablenkungsfreien Arbeitsplatzes zu Hause und in der Schule.

Die Strukturierung des Tagesablaufes kann z.B. durch die Erstellung von Plänen geschehen, durch wiederkehrende "ritualisierte" Ereignisse und die Festlegung von Zeiten für Arbeit und für "Spass haben".


Schulung und Verhaltenstraining für Eltern und Kind

Von Cordula Neuhaus10 wird die Schulung der Eltern als "Basisbaustein der Therapie" gesehen.

In Bezug auf die Eltern richtet sich das Training auf folgende Ziele:
  • Aufklärung und Information über das Krankheitsbild,
  • Entlastung von Schuldgefühlen über vermeintliche Erziehungsfehler, Veränderung des Blickwinkels von den kindlichen Defiziten auf seine Fähigkeiten und Qualitäten,
  • Stärkung der Motivation der Eltern, Veränderungsprozesse zu initiieren und Rückschläge zu verarbeiten,
  • Erarbeitung einer klaren und eindeutigen Kommunikation mit dem Kind,
  • Gestaltung von Struktur und Vorhersehbarkeit im Tagesablauf,
  • Entwicklung von positiver Interaktion mit dem Kind und ritualisierte Schaffung konfliktfreier Zeiten für jeden Tag,
  • Stärkung der elterlichen Zusammenarbeit,
  • Entwicklung von Belohnungssystemen z.B. durch Punktepläne.
Das Training des Kindes beginnt mit der Elternschulung. Ist diese erfolgt, kann es sich auf folgende Bereiche richten:
  • Steigerung des kindlichen Selbstvertrauens und seiner Kompetenz durch Erfolgserlebnisse,
  • Verhaltenstraining in Bezug auf Selbstorganisation und z.B. soziale Kompetenz,
  • Einüben von Plänen und Punktesystemen,
  • Einüben von Stress-Management,
  • Stärkung der Selbstwahrnehmung.
Ausführliche und Eltern ermutigende Beschreibungen dazu bietet z.B. Pentecost11.


Medikamentöse Behandlung

Die Behandlung des Kindes mit Medikamenten (sog. Psychostimulanzien) ist Gegenstand einer hitzig geführten öffentlichen Diskussion. Dass diese Mittel (Methylphenidat, Amphetamine, z.T. auch Neuroleptika) dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen, gibt der Diskussion eine starke emotionale Dynamik ("Drogen für den Zappelphilipp").

Tatsächlich stieg die Verordnung des marktführenden Medikamentes Ritalin von 400 000 Tagesdosen im Jahr 1991 auf 13,5 Millionen Tagesdosen im Jahr 200012. Kein anderer Therapieansatz hat meines Wissens derartige Steigerungsraten aufzuweisen. Hier kann man sich zu Recht fragen, in wieweit Marktgesetze und Absatzinteressen die Entwicklung mit beeinflussen. Denn mit dem Absatz von Medikamenten lässt sich Geld verdienen, während die Schulung und Beratung von Eltern und Pädagogen Geld kostet. Gleichzeitig ist es unstrittig, dass es eine große Anzahl von Kindern gibt, für die eine medikamentöse Behandlung notwendig ist. Eine medikamentöse Behandlung hat wegen der Nebenwirkungen der Medikamente wie z.B. Angst, Depression, Appetitverlust unter strengster ärztlicher Kontrolle stattzufinden.

Aus der Beratungspraxis habe ich den Eindruck gewonnen, dass die meisten Eltern Medikamente erst dann einsetzen, wenn sie auf anderen Wegen keine Möglichkeit mehr sehen, die Symptomatik des Kindes sowie seine Schulprobleme einzudämmen und das Familienleben wieder erträglich zu machen.


Selbsthilfe-Gruppen und Elternverbände

Für Eltern hat sich der Austausch in Selbsthilfe-Gruppen als sehr entlastend und förderlich erwiesen. Hier erfahren sie Unterstützung und Verständnis von ebenfalls betroffenen Eltern und erhalten Informationen, die aus Elternsicht besonders relevant sind.

Informationen über regionale Selbsthilfe-Gruppen können durch überregionale Elternverbände eingeholt werden.

Im Internet sind z.B. vertreten:

Empfehlenswerte Literatur zum Weiterlesen

In diesem Handbuch finden Sie folgende Artikel zum Thema:

ADHS aus der Sicht einer Kinderärztin

Was steckt hinter der Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom" (ADHS)?

ADS: Wie die Familie helfen kann

Schulkinder mit ADS: Was Eltern tun können

David Pentecost: Alltagsprobleme mit ADS-Kindern wirkungsvoll lösen. Das ADDapt-Programm. Der Autor verbindet unterschiedliche bewährte Ansätze des Umgangs mit Verhaltensproblemen aufgrund von ADS. Ein sehr ermutigendes, gut verständliches Buch.

Über die medikamentöse Therapie informiert der Leitfaden ads/adhs, herausgegeben vom Hamburger Arbeitskreis. Hier ist allerdings zu beachten, das dieser Leitfaden mit "freundlicher Unterstützung" des Pharmakonzerns Lilly Deutschland herausgegeben wurde.


Anmerkungen

(1) Monika Aly: Das Sorgenkind im ersten Lebensjahr, Berlin, Springer Verlag 1999, S.48

(2) Elisabeth Aust-Claus , Petra-Marina Hammer: Das ADS-Buch, Ratingen, Oberstebrink Verlag 1999, S.18

(3) Hamburger Arbeitskreis: Leitfaden ADS/ADHS, Hamburg, 2002, S.10

(4) Klaus Skrodzki in: Unser Kind ist hyperaktiv, was nun?, Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V., Forchheim, Selbstverlag 1996, S. 12ff., siehe auch www.osn.de/user/hunter/badd.htm

(5) Henryk Holowenko: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Weinheim, Beltz Verlag 1999, S.21-29

(6) Hamburger Arbeitskreis: Leitfaden ADS/ADHS, Hamburg, 2002, S. 20

(7) A. Behnisch/R. Arndt: Hyperkinetische Störungen in: Nervenheilkunde, 20, S. 265-270 zitiert nach Schiffer/Schiffer

(8) Hamburger Arbeitskreis: Leitfaden ADS/ADHS, Hamburg, 2002, S.22

(9) Cordula Neuhaus: Das hyperaktive Kind und seine Probleme, Berlin, Urania-Ravensburger, 1999, S. 103

(10) Cordula Neuhaus: Das hyperaktive Kind und seine Probleme, Berlin, Urania-Ravensburger, 1999, S. 101

(11) David Pentecost: Alltagsprobleme mit ADS-Kinder wirkungsvoll lösen - Das ADDapt-Programm, Weinheim, Beltz, 2002

(12) Jörg Blech, Katja Thimm, Kinder mit Knacks, Hamburg, Der Spiegel, 29, 2002, S. 123


Literatur

Monika Aly: Das Sorgenkind im ersten Lebensjahr, Heidelberg, Springer 1999

Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Freiburg, Herder 1987

Elisabeth Aust-Claus, Petra-Marina Hammer: Das ADS-Buch, Ratingen, Oberstebrink 1999

Henryk Holowenko: Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Wie Zappelkindern geholfen werden kann, Weinheim, Beltz 1999

David Pentecost: Alltagsprobleme mit ADS-Kindern wirkungsvoll lösen. Das ADDapt-Programm, Weinheim, Beltz 2002

Eckhard und Heidrun Schiffer: Nachdenken über den Zappelphilipp - ADS: Beweg-Gründe und Hilfen, Weinheim, Beltz 2002

Klaus Skrodzki: in: Unser Kind ist hyperaktiv, was nun?, Bundesverband der Elterninitiativen zur Förderung hyperaktiver Kinder e.V., Forchheim, Selbstverlag 1996

Renate Zimmer: Handbuch der Sinneswahrnehmung, Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung; Freiburg, Herder, 1995


Autor

Kay-Uwe Fock ist Diplom-Psychologe. Er ist Mitarbeiter der Hamburger "Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Familien im Pflege- und Adoptivbereich". Träger der Beratungsstelle ist Freunde der Kinder e.V., der Hamburger Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien. Sein Schwerpunkt ist hier Beratung und Psychotherapie von Eltern und Jugendlichen aus Pflege- und Adoptivfamilien und Familien, die Kinder in Pflege oder zur Adoption abgegeben haben. Freiberuflich arbeitet Kay-Uwe Fock als Paartherapeut und Supervisor und bietet Seminare insbesondere zum Thema Bindungsverhalten an.


Adresse

Kay-Uwe Fock
Freunde der Kinder e.V. Landesverband für Pflege- und Adoptivfamilien Hamburg
Langenhorner Chaussee 93
22415 Hamburg - Langenhorn
Tel.: 040/594900
Büro: 040/76113588
Fax: 040/598287
E-Mail: ku.fock@web.de
Website: http://www.Freunde-der-Kinder.de



Letzte Änderung: 27.10.2005 14:48:57Zum Seitenanfang