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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Sich in der Welt zurechtfinden - Wie entwickelt sich die kindliche Wahrnehmung?

Kay-Uwe Fock


Die Eindrücke, die Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Schmecken vermitteln, konstruieren unser Gehirn ebenso wie die Beobachtungen, Erlebnisse und Erfahrungen, die wir machen. Bei der Geburt sind die neuronalen Strukturen (Nervensystem), mit denen wir später die Welt erfassen und rekonstruieren, noch nicht ausgebildet. Geprägt werden sie erst im Umgang mit Menschen und mit der Umgebung. Die ersten Lebensjahre sind dabei entscheidend.

Um Wahrnehmungsstörungen zu verstehen, ist es notwendig, zuerst den Begriff "Wahrnehmung" zu präzisieren. Und schon beginnen die Probleme: Das Lexikon der Psychologie1 führt aus: "Die Wahrnehmung ist eine psychologische Funktion, die dem Organismus (mittels spezifischer Einrichtungen, der Sinnesorgane) die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen betreffs Zustand und Veränderungen der Außenwelt ermöglicht." Zu Wahrnehmungstheorien heißt es wenig später: "Die ... Theorien haben, trotz zahlreicher Überschneidungen, bestenfalls "lokalen" Charakter. Bestenfalls stehen gegenwärtig ... einige Teilerklärungen zur Verfügung, die zwar selten widersprüchlich, meist aber unvollständig sind. Sie vermitteln zwar einige Eindrücke über Wahrnehmungsmöglichkeiten und Wahrnehmungsentwicklung des Individuums, aber in keiner Weise vermögen sie ein angemessenes Bild oder Modell des wahrnehmenden und funktionierenden Organismus zu verschaffen". Oder, wie ein kluger Kopf einmal formulierte: "Wenn unser Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, wären wir so einfach, dass wir es nicht könnten".

Die folgenden Aussagen beschreiben daher wichtige Aspekte von Wahrnehmung, beanspruchen jedoch keine wissenschaftliche Vollständigkeit:
  • Wahrnehmung ist das Ergebnis des Prozesses, bei dem das Individuum aus der Vielzahl aufgenommener Sinnesreize aus der Umwelt und dem eigenen Inneren eine Auswahl trifft, die es ihm erlaubt, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden und zielgerichtet zu handeln.
  • Die Anzahl der von den Sinnesorganen aufgenommenen Informationen wird dabei in "sinnvoller" Weise auf die relevanten, bedeutsamen Informationen reduziert. Das geschieht in mehreren Stufen im Sinnesorgan selbst und im Gehirn.
  • Der größte Teil dieser Auswahl- und Bewertungsprozesse ist unbewusst.
  • Wahrnehmung wird gelernt.
  • Wahrnehmung ist subjektiv. Sie wird vom Zustand des Organismus (Hunger, Wachheit/ Müdigkeit, "Stimmung", Handlungsbereitschaft) und von seinen Erfahrungen beeinflusst.

Der siebte Sinn - Sinnesmodalitäten

Es gibt unterschiedliche Einteilungen der Sinnesmodalitäten. Renate Zimmer2 nennt sieben Grundwahrnehmungsbereiche:
körpernahe Sinne körperferne Sinne
Taktiles System (Tastsinn: Druck, Schmerz, Temperatur) Auditives System (Hören)
Kinästhetisches System (Bewegung, Stellung, Tiefensensibilität) Visuelles System (Sehen)
Vestibuläres System (Gleichgewichtssinn)  
Geschmackssinn  
Geruchssinn  

Über diese Sinnesmodalitäten strömt ein ununterbrochener Fluss an Reizen auf uns ein. Der überwiegende Teil dieser Reize ist (und bleibt) uns unbewusst, denn wir haben gelernt, welche Reize wahrscheinlich wichtig für uns sind.


Der Wahrnehmungsprozess

"Der Verlauf des Wahrnehmungsprozesses kann folgendermaßen beschrieben werden:
  1. Aufnahme des Reizes durch das entsprechende Sinnesorgan (über die Rezeptoren); dabei wird bereits eine subjektive Auswahl vorgenommen;
  2. Weiterleitung des Reizes an das Gehirn über aufsteigende Bahnen in die entsprechenden sensorischen Zentren der Großhirnrinde;
  3. Speicherung des Wahrgenommenen im Gehirn;
  4. Vergleichen des neuen Reizes mit bisher Gespeichertem. Auswahl und Bewertung der Meldungen aus den Sinnesorganen;
  5. Koordination der Einzelreize der verschiedenen sensorischen Zentren im Gehirn;
  6. Verarbeitung der Reize und Einordnung in die bisherigen Erfahrungen;
  7. Reaktion, Reizbeantwortung (motorische Handlungen, Verhaltensänderungen etc.); absteigende Nervenfasern leiten die Impulse und Befehle des Gehirns zum ausführenden Organ (z.B. in Muskeln ...)" (Zimmer 1995, S.46).
Die auf den Reiz hin erfolgte Handlung löst wieder neue Wahrnehmungen aus, so dass ein fortlaufender Rückkoppelungsprozess stattfindet.

Die Wahrnehmung und Bewertung des Sinnesreizes hängen von verschiedenen Faktoren ab:
  • augenblicklicher Status der Aufmerksamkeitsfähigkeit (müde, wach, überreizt);
  • Erfahrungshintergrund (Vergleich des Reizes mit gespeicherten Erinnerungen);
  • aktueller physiologischer Status (z. B. hungrig/satt);
  • emotionale Stimmung (wütend/traurig).
So führt der gleiche Reiz zu unterschiedlichen inneren Reaktionen, Gefühlen und Handlungen. Wenn ich z.B. hungrig einkaufen gehe, werde ich wahrscheinlich Lebensmittel besonders attraktiv finden und mehr einkaufen.


Entwicklung der Wahrnehmung

"Die Entwicklung der Sinne beginnt bereits im Mutterleib." (Zimmer, S. 52) Bei der Geburt sind alle Sinne des Neugeborenen arbeitsfähig. Das Neugeborene verfügt auch bereits über fast alle Nervenzellen (Neuronen), die es für das ganze Leben braucht. Es hat auch bereits viele Verknüpfungen (Synapsen) von Neuronen entwickelt, aber nicht alle sind für das Leben außerhalb des Mutterleibes brauchbar. In den ersten drei Lebensjahren werden daher besonders viele neue Synapsen gebildet. Sinnesreize sind, wie Zimmer ausführt "Nahrung für das Gehirn". Die Aktivierung von Hirnzellen durch Sinnesreize stimuliert im Säuglings- und Kleinkindalter den Aufbau von Synapsen. Durch die Aufnahme von Sinnesreizen insbesondere aus Tast- und Bewegungserfahrungen werden "brauchbare" und damit "sinnvolle" Nervenverbindungen aufgebaut und in ihrem Wachstum stimuliert, "unbrauchbare" oder "sinnlose" im Wachstum gehemmt und abgebaut. Die Auswahl "sinnvoller" Verknüpfungen entwickelt sich durch die wiederholte Aufnahme gleicher Reize in immer ähnlichen Interaktionssequenzen (Füttern, Wickeln, Spielen) zwischen Mutter und Kind und durch die Sinneserfahrungen, die das Kind eigenständig mit sich und der Welt macht. In der Wiederholung von Abläufen und Interaktionen lernt das Kind, seine anfangs verwirrenden Wahrnehmungen zu ordnen. Es lernt Abläufe zu erkennen, macht Erfahrungen mit sich selbst und lernt, Erwartungen an "die Welt" zu haben. Eine einfühlsame Schilderung der Erlebniswelt bietet Stern in seinem "Tagebuch eines Babys"3.

Für eine gleichmäßige Entwicklung aller Fertigkeiten ist eine "Mischkost" verschiedener Sinnesreize (Tasterfahrungen, Bewegungserfahrungen, Geruch, Geschmack, Sehen, Hören) für die kindliche Entwicklung förderlich. Die heutige Lebensumwelt bietet Kindern allerdings häufig eine Überlastung mit optischen oder akustischen Reizen und einen Mangel an Bewegungserfahrungen. Damit werden die körperfernen Sinne überstimuliert und die körpernahen Sinne vernachlässigt.

Die frühen Verknüpfungen, die z.B. durch erste Tast- und Bewegungserfahrungen stimuliert werden, bilden die Basis für die spätere Entwicklung höherer geistiger Fertigkeiten wie z.B. Raumorientierung und Rechenfertigkeit.

Im Zuge der kindlichen Entwicklung findet ein Lernprozess statt, der psychische Aspekte (Wieder-Erkennen, Aufbau von Erwartungen, Gefühle) enthält und die Organentwicklung (Aufbau von Verknüpfungen der Nervenzellen) stimuliert. Durch diesen psycho-physischen Lernprozess differenziert sich die Wahrnehmung fortlaufend und dem Kind erschließen sich komplexere Ebenen der Wahrnehmung und weitere Fertigkeiten (Sprachverständnis, Rechenfertigkeit etc.). Ab dem siebten Lebensjahr entwickeln sich dann höhere intellektuelle Fähigkeiten.

Die physiologische Entwicklung des Gehirns durch den Aufbau von Synapsen ist im Alter von 10 Jahren nahezu abgeschlossen. "Ältere Kinder und Erwachsene können nicht mehr so leicht neue sensorische Verbindungen aufbauen" schreibt A. Jean Ayres4.


Die Integration der Sinnesmodalitäten

Neben der Funktionsfähigkeit der einzelnen Sinne ist die Integration der unterschiedlichen Sinnesmodalitäten wichtig. Jede Handlung des Kindes aktiviert unterschiedliche Sinnessysteme. Wenn es einen Gegenstand ergreifen will, ist zuerst das visuelle System angesprochen. Das Kind muss den Gegenstand sehen, ihn vom Hintergrund unterscheiden und seine räumliche Lage und Entfernung feststellen. Wenn es ihn ergreifen will, liefert ihm das kinästhetische System Informationen über die Stellung seiner Arm- und Handgelenke sowie des gesamten Körpers, der Gleichgewichtssinn Informationen über die eigene räumliche Lage. Wenn es den Gegenstand berührt, erfahrt es über den Tastsinn Informationen über dessen Oberflächenbeschaffenheit, über die Tiefensensibilität, über dessen Gewicht.

Würden alle diese Informationsverarbeitungen bewusst verlaufen, wäre das Kind so mit der Verarbeitung der Sinnesreize beschäftigt, dass es dem Gegenstand selbst keine Aufmerksamkeit mehr widmen könnte. Wenn das Kind nun auch noch bewusst wahrnehmen würde: "Aha, jetzt sehe ich den Schnuller, jetzt fühle ich meine Gelenke und jetzt verändere ich die Stellung meiner Gelenke etc. ..." würde es wahrscheinlich nie dazu kommen sich mit der Außenwelt zu beschäftigen. Daher verläuft sowohl die Verarbeitung der einzelnen Sinnesreize als auch die Verknüpfung und auf ein Objekt bezogene Koordination der verschiedenen Sinnesmodalitäten im Hintergrund, also unbewusst.

Ergebnisse der Säuglingsforschung von Daniel N. Stern5 legen nahe, dass auch die Koordination und Verknüpfung der genannten Sinnesmodalitäten bei der Geburt schon arbeitsfähig ist. So nimmt das Kind die Mutter, die es sieht, diejenige, die es hört und die es riecht nicht als getrennte Schemata wahr, sondern als ein Objekt, das es hören, fühlen, riechen, schmecken und sehen kann.


Wahrnehmungsförderung

Neugeborene Kinder bringen von ihren Anlagen her alles mit, was zu einer umfassenden Entwicklung der Sinne und des Wahrnehmungssystems notwendig ist. Sie verfügen über alle Fähigkeiten, Sinnesreize zu verarbeiten und ihre Wahrnehmungen zu ordnen.

Für ihre Entwicklung sind sie auf Sinnesreize angewiesen. Als Neugeborene sind sie in der Regulation ihres inneren Gleichgewichtes noch abhängig von der Fähigkeit ihrer Eltern, die Selbstregulation des Kindes zu unterstützen, indem sie ihm Reize bieten und es gleichzeitig vor Reizüberflutung schützen.

Im Zuge ihrer Reifung lernen die Kinder zu krabbeln, dann zu laufen und begeben sich selbst ab dem 18. Lebensmonat zunehmend auf die Suche nach entwicklungsfördernden Reizen. Ayres spricht in diesem Zusammenhang vom "inneren Drang" des Kindes, "seine Erlebniswelt zu entwickeln"6.


Exkurs: Bindungs- und Erkundungsverhalten

Ergebnisse der Bindungsforschung von Spangler/Zimmermann7 zeigen, dass die Fähigkeit des Kindes, sich selbst in der Welt zu erproben, von einer sicheren Bindung an eine oder mehrere erwachsene Personen günstig beeinflusst wird.

Das Modell geht davon aus, dass Bindungsverhalten angeboren ist und darin besteht, dass das Kind sich bei Angst, Überforderung oder Unwohlsein einer schutzgebenden erwachsenen Person nähert oder diese durch Schreien herbeiruft.

Auslöser für Bindungsverhalten sind alle Reize, die das Kind überfordern oder ängstigen und sein inneres Gleichgewicht beeinträchtigen. Verletzungen, Unfälle, Krankheit oder Müdigkeit, aber auch die Abwesenheit der Mutter oder eine fremde Umgebung können Bindungsverhalten auslösen. Wenn das Bindungsverhalten aktiviert ist, sucht das Kind Nähe, Trost und Körperkontakt bei seiner Bindungsperson, Mutter oder Vater. Ist das Bindungsverhaltenssystem aktiviert, spielt das Kind nicht weiter. Es stellt sein Erkundungsverhalten ein. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass Bindungs- und Erkundungsverhalten (Exploration) wie Gegenspieler organisiert sind. Das bedeutet, das Bindungsverhalten hemmt das Erkundungsverhalten, das Kind spielt und sucht Sinnesreize nur, wenn es sich hinreichend sicher fühlt. Nur dann kann es seinem inneren Drang nachgehen, entwicklungsfördernde Reize zu suchen.

Steht dem Kind keine feinfühlige Bindungsperson zur Verfügung, wird sein Erkundungsverhalten teilweise oder vollständig deaktiviert. Die Folgen sind weniger Reizsuche, weniger Übung im Umgang mit den Reizen und Anregungen der Spielwelt und damit weniger Entwicklungsmöglichkeiten für das Kind.


Was brauchen Kinder?

Das Entwicklungspotential, das Kinder bei der Geburt mitbringen, kann sich am besten in einer Umgebung entfalten, die sowohl Reize und Anregungen bietet, als auch geeignet ist, das Kind vor Reizen zu schützen, die die Verarbeitungskapazität des sich entwickelnden Organismus überfordern.


Bezugspersonen

Kinder brauchen für ihre Entwicklung mindestens eine Bezugsperson, die verfügbar ist und auf die Signale des Kindes antworten kann. Das heißt, die Person muss räumlich und von ihrer Aufmerksamkeit her für das Kind verfügbar sein, seine Signale wahrnehmen, sie richtig deuten und altersangemessen beantworten können. Aus der Sicherheit der Beziehung zu ihr erobert das Kind sich im Zuge seiner Entwicklung immer neue Erlebniswelten. Je sicherer das Kind sein kann, die Bezugsperson bei Überforderung oder Angst zum Trost nutzen zu können, desto mutiger kann es neue Herausforderungen suchen.


Raum und Zeit

Kinder brauchen Raum, den sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten erforschen können und der hinreichend sicher ist. Für Kleinstkinder sollte die Wohnumwelt so gestaltet sein, dass gefährdende und gefährdete Gegenstände aus der kindlichen Reichweite entfernt werden. Möglichkeiten des gefahrlosen Ausprobierens (z.B. die Topfschublade) sollten zur Verfügung gestellt werden. Ein altersangemessener Umbau der Wohnumwelt erlaubt dem Kind, seine Umgebung zu erobern, ohne durch unnötige Verbote zu stark eingeschränkt zu werden.

Freie Zeit birgt mehr Entwicklungsmöglichkeiten als ein verplanter Tagesablauf zwischen Krabbelgruppe, Babygymnastik und Babyschwimmen. Alle diese Dinge sind gut für die körperliche und soziale Entwicklung des Kindes. Doch der Nutzen von unverplanter Zeit für freies Spiel mit einfachen Materialien ist erheblich. Auch wenn es für Eltern manchmal schwierig ist, die maulige Langeweile des Kindes zu ertragen, verhindert das schnelle Angebot eines Programms, einer Ablenkung, dass das Kind seine Selbststeuerung entwickelt. Erst aus der Langeweile heraus kann es schöpferische Impulse entwickeln, seine Welt zu gestalten und sich im Spiel weiterentwickeln.


Vorhersehbarkeit

Für Erwachsene ist die Frage: "Was gibt es Neues?" von großem Interesse. Je kleiner ein Kind ist, desto weniger spannend ist diese Frage. Säuglinge und kleine Kinder brauchen vorhersehbare Abläufe, damit sie Ordnung in ihre vielfältigen Sinneswahrnehmungen bringen können und damit sich Ordnung in ihrem Sinnessystem entwickeln kann. Sich wiederholende Abläufe aktivieren immer wieder die gleichen Nervenzellen. Diese werden dadurch einerseits angeregt, neue Verknüpfungen (Synapsen) zu bilden. Andererseits stärkt, wie Zimmer (S.40) ausführt, Übung die Funktionsfähigkeit der Synapsen: "Je häufiger eine Synapse gebraucht wird, umso schneller kann eine Verbindung durch sie hergestellt werden." Das heißt auch, eine konstante, für das Kind weitgehend vorhersehbare Umgebung stärkt seine Hirnorganisation. Daher lieben kleine Kinder Rituale und z.B. das Vorlesen immer wieder der gleichen Geschichte.


Sinnesreize

Kinder brauchen Hautkontakt, Berührung und Gestreicheltwerden. "Berührung ist das beste Beruhigungsmittel - und absolut frei von Nebenwirkungen" schreiben Baur und Schmidt-Bode8. Im Körperkontakt gewinnt das Kind das Gefühl von Sicherheit, so können belastende Sinnesreize und Erlebnisse verarbeitet werden. Aus der Sicherheit des Kontaktes fasst das Kind neuen Mut, sich wieder in die Welt zu begeben und sich zu erproben.

Kinder brauchen Bewegung und Bewegungsraum. Aus der Körperbewegung gewinnt das Kind eine Vielzahl von Entwicklungsimpulsen für das Nervensystem (s. o.). Der kindliche Bewegungsdrang ist eine starke Ressource für seine Entwicklung. Das Kind sucht sich beim Schaukeln, Klettern, Spielen und Matschen diejenigen Sinneserfahrungen, die es für seine physische und psychische Entwicklung braucht. Dem Kind Handlungsspielraum zu verschaffen, den es gefahrlos auch ohne elterliche Aufsicht erobern kann, ist eine Aufgabe der Eltern.

Kinder brauchen einfache Spielmaterialien, an denen sie auch ihre Kraft und Geschicklichkeit und auch ihre Phantasie üben können. Der Spielreiz eines Spielzeuges mit vielen Funktionen liegt nach relativ kurzem Ausprobieren eher darin, das Ding auseinander zu nehmen. Das Kind sucht sich so eigene Möglichkeiten, die vom Spielzeug nicht vorgegeben sind, die Eltern sehen das mit weniger Verständnis.

Für die frühkindliche Entwicklung sind Anregungen der körpernahen Sinne (z.B. Tast- Bewegungs- und Gleichgewichtssinn) besonders wichtig.


Medien

In der frühen Kindheit ist zu einem sehr sparsamen Gebrauch von Medien zu raten. Sie überfluten die noch unfertigen visuellen und akustischen Verarbeitungskapazitäten des Kindes, während sie gleichzeitig die Hirnentwicklung durch Bewegungsmangel verlangsamen oder gar stoppen. Kinder sitzen oft wie gebannt vor dem Fernseher, ihre körpernahen Sinne empfangen keine Entwicklungsimpulse. Gleichzeitig werden sie mit Bildern regelrecht überflutet, die sie emotional und auch kognitiv nicht verarbeiten können. Wie psychologische Untersuchungen zeigen9, wirken die gesehenen Bilder, insbesondere wenn sie bedrohliche Inhalte haben, im Unbewussten auf zerstörerische Weise nach. Die Verarbeitung der Bilder geschieht bestenfalls im Gespräch mit den Eltern und im Nachspiel des gesehenen und gehörten.

Daher sollte während der Phase intensiver Organentwicklung, also bis zum siebten Lebensjahr, nur sehr sparsamer Gebrauch von Medien gemacht werden.


Fazit

Kinder bringen alle Anlagen für eine umfassende Entwicklung ihrer Wahrnehmung mit. Die Welt in der wir leben, bietet Kindern allerdings immer weniger Raum, sich zu erproben.
Für eine ausgewogene Entwicklung brauchen Kinder verfügbare Bezugspersonen, eine Reizumwelt, die ihre Verarbeitungskapazität stimuliert, aber nicht dauernd überfordert und eine Mischkost von Sinnesreizen mit einer Betonung der körpernahen Sinne.
Die Eltern können ihrem Kind diesen Raum (wieder) verschaffen, dazu müssen sie allerdings ihre Lebensumwelt und ihre Lebensgewohnheiten kindgerecht umgestalten.


Anmerkungen

1) Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Freiburg, Herder 1987, S. 2519-2521.

2) Renate Zimmer: Handbuch der Sinneswahrnehmung, Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung; Herder Verlag, 1995, S. 58

3) Daniel N. Stern: Tagebuch eines Babys, München, Piper, 1991

4) A. Jean Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung, S.65

5) Daniel N. Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings, Stuttgart, Klett-Cotta, 1993, S.74

6) Ayres, 1992, S. 19

7) Gottfried Spangler/Peter Zimmermann: Die Bindungstheorie, Stuttgart, Klett-Cotta, 1999

8) Eva Gesine Baur/Wilhelm Schmidt-Bode: Glück ist kein Zufall, München, Gräfe und Unzer, 2002 S.20

9) "Die Macht der drastischen Bilder" Bild der Wissenschaft 8/2001

Literatur

Wilhelm Arnold, Hans Jürgen Eysenck, Richard Meili: Lexikon der Psychologie, Freiburg, Herder 1987

A. Jean Ayres: Bausteine der kindlichen Entwicklung, Berlin, Heidelberg, Springer 1992

Eva Gesine Baur/Wilhelm Schmidt-Bode: Glück ist kein Zufall, München, Gräfe und Unzer, 2002

Gottfried Spangler/Peter Zimmermann: Die Bindungstheorie, Stuttgart, Klett-Cotta, 1999

Daniel N. Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings, Stuttgart, Klett-Cotta, 1993

Daniel N. Stern: Das Tagebuch eines Baby, Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt, München, Zürich, Piper, 1991

Renate Zimmer: Handbuch der Sinneswahrnehmung, Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung; Freiburg, Herder, 1995


Autor:

Kay-Uwe Fock ist Diplom-Psychologe.
Er ist Mitarbeiter der Hamburger "Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Familien im Pflege- und Adoptivbereich". Träger der Beratungsstelle ist Freunde der Kinder e.V., der Hamburger Landesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (www.Freunde-der-Kinder.de). Sein Schwerpunkt ist hier Beratung und Psychotherapie von Eltern und Jugendlichen aus Pflege- und Adoptivfamilien und Familien, die Kinder in Pflege oder zur Adoption abgegeben haben.
Freiberuflich arbeitet Kay-Uwe Fock als Paartherapeut und Supervisor und bietet Seminare insbesondere zum Thema Bindungsverhalten an.

Telefon: Freunde der Kinder: 040/59 49 00,
Büro: 040/ 76 11 35 88
E-mail: ku.fock@web.de



Letzte Änderung: 02.08.2004 10:11:14Zum Seitenanfang