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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Waldkindergarten

Stefanie Radi


1962 wurde in Dänemark der erste Waldkindergarten durch eine Elterninitiative gegründet. "Unabhängig davon und ohne Kenntnis von den bereits in Dänemark bestehenden „Skovbornehaven“ (Waldkindergärten) wurde 1968 ein Waldkindergarten durch die Schauspielerin Ursula Sube (die ihn auch 30 Jahre lang führte) in Wiesbaden angemeldet und amtlich genehmigt." (Allgäuer Waldwichtel e.V.) Was ich sehr interessant finde, da des Öfteren die Frage „ob das nicht eine Mode-Erscheinung sei“ aufkommt, und wir hiermit ganz klar sagen können, dass dem nicht so ist. Das Konzept der Waldkindergärten ist eine alte und fundierte Form der Pädagogik, die sich nur langsam verbreitet hat, was aber auch mit dem damaligen Informationsfluss zu tun hatte.

"1991 entdeckten die deutschen Erzieherinnen Kerstin Jebsen und Petra Jäger in einer Fachzeitschrift das Konzept der Dänischen Waldkindergärten. Sie hospitierten in Dänemark, erarbeiteten sich ein eigenes Konzept und gründeten 1993 den Waldkindergarten Flensburg." (Allgäuer Waldwichtel e.V.) Daraufhin stieß ihr Konzept bundesweit auf Interesse und der Beginn für die Verbreitung der Naturpädagogik war gesetzt. Ab der zweiten Hälfte der 90er wuchsen in Deutschland immer mehr Waldkindergärten, so dass im Jahre 2000 der Dachverband der bundesdeutschen Natur- und Waldkindergärten entstand.

Um in Bayern allerdings als Kindergarten anerkannt zu werden, sind die Verordnungen des bayerischen Kindergartengesetzes zu erfüllen, welche unter anderem auch feste Räumlichkeiten für die Kinder vorsehen. Nachdem die Kinder im Wald anstelle eines „Daches – Baumkronen und den Himmel“ über ihren Köpfen haben, war klar, dass die Zukunft des Kindergartens in der Kreativität, Findigkeit, Motivation und Ausdauer der Eltern liegt

Was ist ein Waldkindergarten?

Ein Wald- oder Naturkindergarten ist eine Betreuungsform, bei der sich Kinder zwischen 3 und 6 Jahren täglich und bei jedem Wetter in der Natur aufhalten.

Der Begriff „Naturkindergarten“ wird dann verwendet, wenn als Bewegungsraum nicht nur der Wald, sondern auch Wiesen, Felder oder Strand genutzt werden.

In Deutschland gibt es drei Formen von Wald- und Naturkindergärten:
  • Integrierte Waldkindergärten oder feste Waldgruppen sind an einen Regelkindergarten angegliedert und gelten als zusätzliche Gruppe dieser Einrichtung.
  • Spielgruppen werden als Vorstufe der Waldkindergärten gehandhabt und bieten an mehreren Tagen in der Woche ein Betreuungs- und Spielangebot für unter Dreijährige an
  • Im reinen Waldkindergarten halten sich die Kinder ausschließlich in der Natur auf. Als Schutz vor extremster Witterung (Gewitter und Sturm) dienen Ihnen meist umgebaute Bauwägen oder Waldhütten. Es handelt sich um eine eigenständige Institution.

Die Waldkindergärten weisen eine feste Struktur auf, da vorhersehbare und wiederkehrende Elemente essentiell für die emotionale Sicherheit und Orientierung der Kinder sind. Die Kinder können sich immer darauf verlassen, dass es, wenn sie ankommen nach dem Morgenkreis eine feste Frühstückszeit gibt. Im Wald gibt es feste Stationen, auf die sich die Kinder einstellen können, welche ihnen Sicherheit geben (bei uns sind das u.a. Waldsofa, Osterwiese, Adlerhorst...).

Der Tagesablauf soll, eingebettet in Jahres- und Naturrhythmen, den Kindern eine Lebensorientierung vermitteln, die durch Kontinuität, Vertrauen und Geborgenheit geprägt ist. Die Kinder erleben den Herbst nicht nur an den gelben Blättern, sondern sie dürfen auch die Tautröpfchen an den Spinnweben beobachten - wie sie sich im Licht verändern. Sie erleben die Tiere, die in den verschiedenen Jahreszeiten aktiv werden und spüren, wie viel Schichten Kleidung sie im Winter benötigen, um warm und trocken zu sein - im Vergleich zum Sommer. Sie erleben den immer wiederkehrenden Wandel der Dinge, der sie in ein Netz des Vertrauens webt.

Warum soll es für Kinder gut sein, sie den ganzen Vormittag in die Natur zu schicken?

Wie Gehirn und Verstand sich ausbilden hängt aus der Sicht der Neurobiologin Lise Eliot (Was geht denn da drinnen vor? Gehirnentwicklung in den ersten 5 Lebensjahren) in gleichem Maße von genetischen Voraussetzungen ab, wie von der Umgebung, die das Kind prägt. Erst die Erfahrungen und Reize, denen ein Kind in den entscheidenden ersten Lebensjahren ausgesetzt ist, festigen und stärken die Nervenverbindungen und lassen das Kind dadurch immer vielschichtiger und intelligenter mit seiner Welt interagieren. Eltern, Erzieher und die Gesellschaft im Ganzen haben eine ungeheure Macht, das runzelige Universum im Kopf jedes Kindes zu formen - und damit die Person, die es letztlich wird. Wir stehen in der Verantwortung unseren Kindern bei der Heranbildung des bestmöglichen Gehirns zu helfen.

Wir können uns ja mal gedanklich damit auseinandersetzen: Wenn in diesem Zeitraum der ersten 5 Jahre die Nervenverbindungen gefestigt und gestärkt werden, warum nehmen Nervenerkrankungen und psychische Auffälligkeiten immer mehr zu?

In Jahrtausende langem Prozess haben wir Menschen gelernt, die natürliche Welt zu erkennen und unsere Sinne an sie anzupassen. Durch diese Fähigkeit (wir haben uns an die Natur angepasst!) sind wir auf die Höhe unserer Entwicklung gelangt. Ebenso sicherte der Drang zur Gestaltung unserer Umwelt nach unseren Bedürfnissen das Überleben und führte zu bestimmter Lebensqualität. Diese Bedürfnisse zeigen sich auch heute noch im Spiel der Kinder, beim Bau von Höhlen und Lagern, beim Umleiten eines Bachbettes, beim Sammeln von Materialien oder beim Erfinden einfacher Werkzeuge.

Die Individualentwicklung eines Kindes spiegelt sozusagen die Wiederholung der KULTURGESCHICHTE der Menschheit wider, das Kind durchlebt im Spiel die kulturelle Evolution. Dafür ist keine Umgebung besser geeignet als die ungestaltete freie Natur, in der doch diese Entwicklung stattgefunden hat.

Durch unsere jetzigen Lebensbedingungen wachsen die meisten Kinder mit Spielzeug überladen und von Medien überflutet auf. Dadurch sind sie überfordert von der ständigen Überschüttung mit Eindrücken und reagieren immer öfter mit Unruhe, Ängstlichkeit und ziellosen Aktivitäten. In den heutigen Spielsituationen gibt es kaum noch ein ganzheitliches Erleben, Begreifen und Lernen unter Einbeziehung aller Sinne und der Seele. Wie kann ein Kind z.B. am Bildschirm Nahsinne wie Schmecken, Fühlen, Tasten oder Riechen befriedigen? Die Zunahme von Wahrnehmungs-, Lern- und Konzentrationsstörungen ist bekannt. Auch treten immer häufiger muskuläre Schwächen, Koordinations- und Raumorientierungsprobleme sowie Störungen im Gleichgewicht auf, die sich besonders negativ auf die Lernleistungen auswirken. Haltungsschäden, Übergewicht, schwaches Herz-Kreislaufsystem, Ungeschicklichkeit, Entwicklungs- und Sprachstörungen gehören zum „Alltag“. Auch das Gegenstück, die soziale Verwahrlosung der Kinder, wie die Übererziehung zeigt sich in vermehrten sozialen Problemen, aggressivem Verhalten, psychischen und psychosomatischen Erkrankungen.

D.h. Kinder wollen so funktionieren, wie die Erwachsenen sie gerne sehen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit einzuheimsen, welche primär wichtigste Bedürfnisse sind. Indem wir ihnen aber die Möglichkeit der Ausbildung ihrer Sinne „rauben“, finden sie keinen Halt in sich und werden als Hilferuf an das System in irgendeiner Art und Weise auffällig. Was uns zeigen soll, dass nicht das Kind krank ist, sondern das System, in dem es aufwächst Fehler hat. Wo kommen wir hin, wenn wir nicht mehr wissen, wie unsere Körper funktionieren? (Wo kommt ein Kind hin, das mit 5 Jahren nicht in einem Wald laufen kann ohne ständig zu stolpern, hinzufallen - weil es sich selbst im Raum nicht mehr richtig spürt!) Die Kinder schicken wir dann alle zur Therapie ( Ergo-, Physio-, Psycho... ) und spalten unsere Kinder somit in einzelne Bereiche auf, vermitteln dem Kind weiterhin, dass es nicht richtig funktioniert und vergessen dabei, dass es sich um ein Wesen handelt und alles miteinander in Verbindung steht.

Beispiel: Vor längerer Zeit wurde ein Kind mit einer Lese- /Rechtschreibschwäche (LRS) zu mir gebracht. Der Vater meinte zu mir, die vergisst immer was, machen sie das bitte, ich hole sie später ab! – wie beim Auto - machen sie es, ich hol es dann ab. Wo ist denn bitte die Verantwortung unseren Kindern/ dem Leben gegenüber geblieben?

Wie sollen die Kinder lernen sich konstruktiv zu streiten, wie bitte ich jemanden um etwas? Kinder lernen ausschließlich durch gelebtes Wissen!

Wenn ein Kind lernt, dann lernt immer das ganze Kind mit all seinen Sinnen, Emotionen, Erfahrungen, geistigen Fähigkeiten und Ausdrucksformen. Entscheidend für nachhaltiges Lernen ist zudem, dass die Kinder die Möglichkeit haben, eigenaktiv und selbständig lernen zu können, dass sie eigenen Ideen und Interessen nachgehen können, dass sie Fehler machen dürfen, dass sie selbst Entdeckungen machen können und eigenständig Antwort auf ihre Fragen finden dürfen.

„Sage es mir, und ich vergesse,
zeige es mir und ich erinnere mich,
lass es mich selbst tun und ich verstehe“

Z.B. hat Goethes Grundidee zum Erforschen der Farbenlehre einen ihrer Ursprünge im Beobachten der Schaumbläschen seines Kakaos. D.h. die Neugier, Dingen auf den Grund gehen zu wollen ist es doch, die in den Kindern geweckt werden sollte, Spaß zu haben am Entdecken.

Bei gemeinsamen Aktivitäten können die Kinder sich selbst und die Welt schrittweise kennen und verstehen lernen. Kinder lernen demnach viel von anderen Kindern und auch die Vorbildfunktion von Erwachsenen ist entscheidend. Jedes Kind ist eine individuelle Persönlichkeit und bietet ein Spektrum einzigartiger Besonderheiten durch sein Temperament, seine Anlagen, Stärken, Bedingungen des Aufwachsens, seine Eigenaktivitäten und sein eigenes Entwicklungstempo. Die Entwicklung eines Kindes erweist sich als ein komplexes, individuell verlaufendes Geschehen.

Dadurch, dass der Mensch grundsätzlich für ein naturnahes Leben ausgestattet ist, reagiert er wie eben gesagt mit Stress, physischer und psychischer Erkrankung, wenn er zu sehr vom Erleben der Natur abgeschnitten ist. Die Natur ist als Erfahrungsraum sehr geeignet, um den ganzen Menschen zu bilden, weil sie den ganzen Menschen anspricht - seine Wahrnehmung, sein Denken und Fühlen, seine Phantasie, sein moralisches und ästhetisches Bewusstsein ebenso wie sein Körperempfinden, seine Bewegungslust und sein Bedürfnis nach Aktivität.

Hundertwasser hat Häuser gebaut, in denen es nicht eine einzige Gerade gibt, weder am Boden noch an den Wänden. In diesen Häusern leben „Baummieter“, für die sich die Bewohner verpflichten müssen sie liebevoll zu versorgen! Ist es nicht schräg, dass wir erst wieder über ein künstlich geschaffenes Werk auf die Faszination der Natur aufmerksam gemacht werden müssen? Beim Spiel in der Natur muss das Kind nicht einen Grossteil seiner Konzentration dafür aufwenden, unnütze Informationen und überflüssige Sinnesreize auszublenden. Stellen Sie sich vor, Sie als Erwachsener sind mit 25 spielenden Kleinkindern in einem abgeschlossenen Raum – lauschen Sie - und konzentrieren sich auf ein Kind. In solch einer Umgebung muss ein Kind ¾ seiner Energie dafür aufwenden, sich von äußeren Einflüssen zu schützen, d.h. es kann Ihnen mit einem Viertel seiner Aufmerksamkeit zuhören. Im Gegensatz dazu lade ich Sie zu einem Tag im Wald, in einer Gruppe mit 16 Kindern ein - lauschen Sie - und konzentrieren sich auf ein Kind. Die Natur birgt nämlich noch eine ganz besondere Kostbarkeit: Die natürliche Stille! Viele Erwachsene suchen die Stille in Form von Meditation, Qi Gong oder Yoga... um einen Ausgleich zum hektischen Alltag zu finden. Warum aber sollten unsere Kinder später die Stille suchen, wenn sie jetzt bereits erfahren können, dass sie ja schon immer da ist und zwar in einem spielerischen Rahmen einer pädagogischen Einrichtung. Kinder sind aktive Gestalter ihrer Lebenswelt, die Natur dient zur Verwirklichung ihrer Ideen und damit ihrer Selbst. Ebenso ermöglicht die natürliche Umgebung noch den Raum für die Erprobung ihrer individuellen Grenzen und genügend Platz um Freiheit, Gemeinsamkeit und Ruhe zu spüren.

Das Spiel ist so alt wie die Menschheit selbst. Spiel bedeutet Lebensaneignung, es ist die elementarste Form des Lernens Dabei kommt dem Urspiel - Spiel in der Natur eine besondere Bedeutung zu:
  • Das Kind und die Natur sind eins, das Kind schöpft aus dieser Einheit
  • Kinder sind Spielexperten und spielen in den ersten 7 Jahren mit dem ganzen Wesen( Seele-Geist-Körper). Diese Lebensphase der Ganzheit und des Urspiels kann nicht mehr nachgeholt werden, deshalb ist es umso wichtiger, den Raum dafür zu geben.
  • Je einfacher die Spielräume und Materialien, umso kreativer wird das Spiel sein - je natürlicher die Spielmaterialien, desto natürlicher wird das Kind wachsen.
  • Das Kind ist in der Natur immer tätig und jede Tätigkeit hat ihren Sinn.
  • Kind und Natur leben immer im Hier und Jetzt.

In unmittelbarer Begegnung mit der Natur fördern Wald- und Naturkindergärten auf einzigartige, nachhaltige Weise die Entwicklung von Kindern. Ehrfurcht vor dem Leben, eine lebendige Beziehung zu Tieren und Pflanzen und der verantwortungsvolle Umgang mit der Natur werden für die Kinder zum selbstverständlichen, emotionalen und geistigen Besitz.

Auch wenn sich die Kinder im Laufe ihres Lebens in eine ganz andere Richtung hinentwickeln, so tragen sie doch diese Kostbarkeit ihr ganzes Leben lang mit sich und können jederzeit darauf zurückgreifen.


Literatur

Miklitz, I.: Der Waldkindergarten. Luchterhand Verlag 2000, 224 Seiten


Autorin

Stefanie Radi ist Mutter, Ergotherapeutin, 2. Vorstand im Waldkindergarten Fliegenpilz in Bad Kissingen

E-Mail: Stefanie Radi



Letzte Änderung: 07.08.2008 10:59:57Zum Seitenanfang