ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜVon der Kreditaufnahme zur ÜberschuldungHans Ebli Das "Machen von Schulden", also die Nutzung von Konsumentenkrediten zur Finanzierung von Waren und Dienstleitungen, ist auch in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland "normal" geworden. Das Zurückzahlen der so entstandenen "Schulden" stellt für die meisten der Kreditnehmerinnen und Kreditnehmer auch kein Problem dar; sie verfügen über die gesamte Kreditlaufzeit hinweg über ausreichende finanzielle Mittel, um ihre Tilgungsraten zurückzuzahlen. Schwierig wird die Rückzahlung für jene, die nicht bzw. nicht mehr in der Lage sind, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Für diese Menschen wird aus dem "Normalfall" der Verschuldung der "Problemfall" der Überschuldung. Entwicklungen hin zur gesellschaftlichen Normalität von VerschuldungMit dem Ende der Rekonstruktionsperiode des ökonomischen Systems der Bundesrepublik ging Ende der 1950er Jahre die produktive Kreditnachfrage des Unternehmenssektors deutlich zurück. Der danach ansteigende Liquiditätsüberhang der Großbanken brachte jene Geschäftsstrategien hervor, die dann das Marktsegment "Konsumentenkredite" in Bewegung brachten: Verbraucher und Verbraucherinnen sollten als Kreditnehmer und Kreditnehmerinnen gewonnen werden.Das Ansteigen der industriellen Massenproduktion von langlebigen Konsumartikeln, die zunehmende Bereitschaft der Bevölkerung, diese Waren als Standard anzunehmen, besonders die bis in die 1960er Jahre hinein relativ niedrige Arbeitslosenquote und die Absicherung der Arbeitsverhältnisse durch arbeitsrechtliche Bestimmungen, Tarifvertrags- und Sozialversicherungssysteme lieferten die zentralen strukturellen Voraussetzungen für die massenhafte Einbindung von Lohnabhängigen in diesen Markt. Korczak und Pfefferkorn beschrieben die unter den Privathaushalten weit verbreitete Stimmung zum "Schuldenmachen" bis in die 1970er Jahre hinein allerdings noch so: "Verschuldung war im sozialpsychologischen Sinne negativ sanktioniert und nahm den Charakter persönlicher Katastrophen an" (1992, 28). Diesen doch noch erheblichen Widerständen bei der potentiellen Kundschaft setzte die Kreditwirtschaft einen erheblichen Werbeaufwand entgegen. Nach Phasen der besonderen Expansion des Konsumentenkreditmarktes Ende der 1960er Jahre und in den 1970er Jahren wurde die Aufnahme von Konsumentenkrediten zur Finanzierung von Waren zur gesellschaftlichen Normalität. Die Kreditaufnahme war für Privathaushalte neben der Ersparnisbildung zur wichtigsten Möglichkeit der Anpassung der Bezahlung von Waren an den periodischen Fluss der Entlohnung geworden, zu einer wesentlichen Möglichkeit des Zugangs zum Warenmarkt, der gesellschaftlichen Teilhabe. Die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs - 1967 wurde die Scheckkarte institutionalisiert - und die Einführung des Dispositionskredits 1968 durch die Sparkassen trugen zu diesem Trend erheblich bei; Lohn- und Gehaltsempfänger und -empfängerinnen konnten so zunehmend in das bankenmäßig organisierte Geld- und Kreditwesen integriert werden (vgl. Reis 1989, 72). Von der "Verschuldung" zur "Überschuldung"Als in den 1960er Jahren der Konsumentenkreditmarkt seine besondere Entwicklung nahm, befanden sich die Arbeitslosenzahlen - auch in historischer Perspektive - auf einem extrem niedrigen Stand. Die ökonomischen Krisen 1973/74 und 1980/82 führten dann in zwei Sprüngen zu hohen Arbeitslosenquoten. Ihre Zahl stieg schließlich auf 885.000 im Jahre 1980 und 1.833.000 im Jahre 1982. Damit wurde spätestens Anfang der 1980er Jahre eine der zentralen strukturellen Voraussetzungen des Konsumentenkredits sichtbar brüchig. Eine zunehmend größer werdende Anzahl von Menschen war aufgrund von (unerwarteten) Einkommenseinbußen nicht mehr in der Lage, ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.Nach der Einschätzung von Schuldnerberatungsstellen - erfragt bei der ersten durch Bundesministerien finanzierten Studie zum gesellschaftlichen Problem "Überschuldung" - sind die "Auslöser von Überschuldung" neben Arbeitslosigkeit auch Probleme bei der Haushaltsführung, Niedrigeinkommen, Bildungsdefizite, Trennung und Scheidung, Haushaltsgründung, Suchterkrankung, Unfall/ Krankheit, Überversicherung, Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen und Schwangerschaft. Eine hinreichende wissenschaftlich fundierte Erforschung des Prozesses, der von der Verschuldung in die Überschuldung führt, steht allerdings bis heute aus. Dass Haushalte infolge einer Kreditaufnahme in eine prekäre ökonomische Lage geraten, lässt nicht unbedingt auf deren Situation bei Kreditabschluss schließen. Ereignisse nach dem Zeitpunkt der Kreditaufnahme können die ökonomische Situation des Haushaltes nachhaltig verändern. Damit ist bereits auf den prozessualen Charakter der Überschuldungsproblematik hingewiesen. Überschuldung durchläuft typischerweise mehrere Phasen und weist eine erhebliche Dynamik auf. Reis (1992, 11ff.) unterscheidet im Anschluss an Dessart und Kuylen fünf Phasen:
Die "Kreditgesellschaft"Nachdem das Konsumentenkreditgeschäft 1980 und besonders dann 1981 nur mäßig gewachsen war, begannen 1982 die privaten Haushalte, ihre Konsumentenkreditaufnahme wieder stärker auszuweiten. Das Konsumentenkreditgeschäft expandierte dann bis Ende der 1980er Jahre relativ konstant, aber wesentlich langsamer als in den 1970er Jahren (vgl. Deutsche Bundesbank 1993, 23ff.).Anfang der 1990er Jahre erhöhte sich das Marktvolumen durch die Nachfrage aus den neuen Bundesländern noch einmal besonders (vgl. Kranz 1994, 27). 1993 normalisierte sich das Ratenkreditgeschäft dann bereits, die Wachstumsrate bewegte sich wieder auf dem aus den 1980er Jahren bekannten Niveau (vgl. Reker 1998, 120). Nach Berechnungen auf der Grundlage der Monatsberichte der Deutschen Bundesbank stieg das durch die Banken herausgelegte Konsumentenkreditvolumen zwischen 1989 und 1999 immerhin von 233 Milliarden auf 422 Milliarden DM an und verdoppelte sich so nahezu (Korczak 2001, 40). Durch das Auftreten neuer Anbieter und die Entwicklung neuer und neuartiger Formen des Kredits konnte die "Normalität der Verschuldung" in den 1980er und 1990er Jahren weiter gesteigert werden:
Überschuldung in der "Kreditgesellschaft"Die Entwicklung des Konsumentenkredits zum Bargeschäft setzte sich also fort hin zum Dispositionskredit und zur Kreditkarte und brachte eine gesteigerte "Normalität" des Kredits mit sich. Die Verfügbarkeit über Kredite nahm weiter zu.Die zurückhaltendere Kreditvergabe durch die Kreditinstitute seit dem Beginn der 1980er Jahre brachte den Ausschluss einer immer größer werdenden Zahl von nicht "kreditwürdigen" Personen aus dieser gesteigerten "Normalität" des Kredits und den damit verbundenen Chancen auf dem Markt "seriöser" Anbieter. Ihnen blieb lediglich der Gang zu jenen Instituten und Kreditvermittlern, die zu einem entsprechenden Aufpreis auch "riskantere" Kredite vergaben (Reis 1992a, 77). Manche konnten allerdings auch dort keinen Kredit mehr erhalten. Diese Marktsegmentation implizierte also eine Kategorisierung der auf dem Kreditmarkt Nachfragenden nach deren Einkommens- und Vermögenssituation in drei Gruppen:
Schuldnerberatung, Verbraucherinsolvenzverfahren und RestschuldbefreiungMit dem Arbeitsfeld "Schuldnerberatung" als Teil Sozialer Arbeit und dem gesetzlich geregelten "Verbraucherinsolvenzverfahren mit Restschuldbefreiung" konnten besondere Formen der Problembearbeitung gesellschaftlich institutionalisiert werden.Die besondere Beschäftigung mit dem Thema "Schulden" begann innerhalb der Sozialen Arbeit Mitte der 1970er Jahre, zunächst in der Drogenhilfe, der Wohnungslosenhilfe und besonders in der Straffälligenhilfe. Anfang der 1980er Jahre setzte ein Prozess der Öffnung und der Ausweitung der Angebote und damit auch die Entwicklung des spezialisierten Arbeitsfeldes "Schuldnerberatung" ein. Spätestens Ende der 1980er Jahre waren Schuldnerberatungsstellen zu der zentralen Anlaufstelle für überschuldete Menschen geworden. 1989 existierten in der (alten) Bundesrepublik bereits 430 Schuldnerberatungsstellen (Korczak/ Pfefferkorn 1992, 12); Ende der 1990er Jahre wird die Zahl der seriös und gebührenfrei arbeitenden Stellen auf 1.160 geschätzt (Korczak 2001, 156). Diese Schuldnerberatungsstellen beraten und unterstützen
Weitere InformationenEin Verzeichnis der seriös und gebührenfrei arbeitenden Schuldnerberatungsstellen finden Sie auf der Homepage des Forums Schuldnerberatung (http://www.forum-schuldnerberatung.de) und auf der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (http://www.bag-schuldnerberatung.de). Literatur
bank und markt (1987): Konsumentenkredit. In: bank und markt, Heft 9, S. 4. AutorDr. Hans Ebli war wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungs- und Dokumentationsstelle für Verbraucherinsolvenz und Schuldnerberatung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ab dem 1. September 2003 ist er Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule für Sozial- und Gesundheitswesen Ludwigshafen. | ||
Letzte Änderung: 04.09.2009 16:36:51 |