ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜWenn Kinder und Jugendliche zu Opfern Gleichaltriger werden - Viktimisierung unter SchülernAndrea Mohr Nicht wenige Eltern sind mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Kinder in der Schule über einen längeren Zeitraum immer wieder aggressiven Schikanen ihrer Mitschüler ausgesetzt sind. Manche werden körperlich bedroht, andere aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen oder immer wieder gehänselt. Für Kinder, die sich wiederholt als Opfer von solchen Schikanen erleben, kann sich ein enormer Leidensdruck aufbauen. Für die Eltern stellt sich dann oft die Frage, wie sie ihrem Kind helfen können. Dieser Beitrag versucht, Eltern grundlegende Informationen zu dem Thema zu vermitteln und ihnen Anregungen zu geben, wie sie ihr Kind unterstützen können, wenn es zum Opfer von Aggressionen anderer Gleichaltriger wird. Erscheinungsformen und Häufigkeit von Aggressionen und Gewalt unter Kindern und JugendlichenAggressive Handlungen unter Kindern und Jugendlichen sind keine Seltenheit. Das Spektrum dieser Interaktionen weist jedoch eine große Bandbreite auf. Bis zu einem gewissen Ausmaß sind sie als normal und unbedenklich zu betrachten. Aggressionen unter Gleichaltrigen können aber für manche Kinder und Jugendliche auch sehr belastende Formen annehmen. Dies zeigt die folgende Aussage eines 13jährigen Mädchens, das gefragt wurde, welches ihre größte Sorge sei. Sie sagte darauf hin: "Ich habe viele Probleme in meiner Klasse. Weil ich zu groß und zu dick bin. Drei Jungen aus meiner Klasse machen mir das Leben schwer. Ich war auch schon kurz davor, mich umzubringen. Ich wünsche mir nur einen Freund, der zu mir hält. Dann wünsche ich mir, angesehen zu sein und dünn zu werden. Das sind meine einzigen Wünsche, die aber wohl niemals in Erfüllung gehen."Wenn andere Gleichaltrige einem Kind oder einem Jugendlichen wiederholt und über einen längeren Zeitraum absichtlich Verletzungen oder Unannehmlichkeiten zufügen und dieser nicht in der Lage ist, sich angemessen zur Wehr zu setzen, dann spricht man in der Wissenschaft von "Viktimisierung durch Gleichaltrige" oder "Peer-Viktimisierung". Mittlerweile wird auch häufig von "Mobbing" gesprochen. Allerdings wird dieser Begriff in der wissenschaftlichen Literatur eher zur Kennzeichnung von Schikanen zwischen erwachsenen Personen am Arbeitsplatz verwendet. Viktimisierung kann von einem oder mehreren Gleichaltrigen ausgehen und unterschiedliche Formen annehmen. Am offensichtlichsten ist die körperliche Viktimisierung, bei der das Opfer z.B. angerempelt, getreten oder geschlagen wird. Verbreiteter ist die psychische Viktimisierung. Hier wird das Opfer z.B. beleidigt, es wird hinter seinem Rücken gelästert, es wird zur Zielscheibe übler Streiche, von Aktivitäten ausgeschlossen, nicht mit ihm gespielt oder geredet. Viktimisierung darf nicht mit kleineren Streitereien oder Rangeleien zwischen gleichstarken Partnern verwechselt werden, sondern setzt immer ein Ungleichgewicht der Kräfte voraus. Untersuchungen zeigen, dass ca. 7% bis 10% der Kinder und Jugendlichen als Opfer von Aggressionen anderer Gleichaltriger klassifiziert werden können. Jungen sind sowohl in der Opfer- wie in der Täterrolle häufiger als Mädchen zu finden. Dabei sind die Geschlechtsunterschiede auch abhängig von der Art der aggressiven Handlungen: Jungen erleben häufiger körperliche Angriffe und üben diese auch häufiger aus, während bei der psychischen Viktimisierung geringere Unterschiede auftreten. Konsequenzen für die OpferDer Leidensdruck, den die Opfer erleben, ist zum Teil erheblich. In Übereinstimmung damit zeigen wissenschaftliche Studien, dass die Opfer durch eine geringere seelische Gesundheit gekennzeichnet sind. So kann man bei den Opfern eine negativere Selbstsicht, ein erniedrigtes Selbstwertgefühl, erhöhte Depressivität und ein höheres Ausmaß an Einsamkeitsgefühlen feststellen. Es ergeben sich weiterhin Hinweise darauf, dass die Opfer stärker von psychosomatischen Beschwerden, Ängsten und Sorgen, sozialer Angst und sozialer Vermeidung betroffen sind. Dies lässt sich teilweise dadurch erklären, dass viele der Opfer von vornherein eine geringere seelische Gesundheit aufweisen ? eine geringe seelische Gesundheit erhöht anscheinend die Wahrscheinlichkeit, zum Opfer zu werden. Doch Längsschnittuntersuchungen zeigen, dass Beeinträchtigungen in der seelischen Gesundheit durch das Erleben von Aggressionen auch verstärkt werden bzw. entstehen können.Ursachen für ViktimisierungWarum wird ein Kind oder ein Jugendlicher wiederholt und regelmäßig zum Opfer von anderen Gleichaltrigen? Was sind die Ursachen? Diese Frage stellt sich der Betroffene, aber auch die erwachsenen Personen, die mit ihm zu tun haben. Doch sie ist alles andere als einfach zu beantworten. In wissenschaftlichen Untersuchungen, in denen viele Einzelfälle gemeinsam betrachtet werden, zeigt sich, dass viele Faktoren relevant sind, die zusammen wirken. Betrachtet man einen einzelnen konkreten Fall, dann können diese Faktoren unterschiedlich stark von Bedeutung sein. Einige treten in den Vordergrund, andere erscheinen bedeutungslos, doch auch bei dieser Art der Betrachtung ist es niemals nur ein einzelner Ursachefaktor, der die Viktimisierung erklären kann.Welche Faktoren kommen als Ursachen in Betracht? Von Bedeutung sind Faktoren auf Seiten des Täters und des Opfers. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass es nicht immer eindeutig ist, wer Täter und wer Opfer ist, denn viele Opfer verhalten sich auch selbst aggressiv. Für die Eltern des Opfers sind insbesondere die Faktoren von Interesse, die möglicherweise mit dem Verhalten des Opfers in Verbindung stehen. Dabei geht es nicht darum, dem Opfer die Schuld zu geben, sondern gemeinsam mit ihm zu prüfen, welche Möglichkeiten bestehen, seine Situation durch eine Veränderung eigener Verhaltensweisen zu verbessern. Manche Opfer geraten durch eigenes aggressiv-provokantes Verhalten immer wieder in Konflikt mit Klassenkameraden. Sie verärgern ihre Mitschüler, die sich dann wiederum ihnen gegenüber aggressiv verhalten. Für diese Opfer ist es sehr wichtig, Verhaltensweisen zu entwickeln, die ihre Umgebung weniger provozieren. Ihre sozialen Fähigkeiten müssen gestärkt werden. Unter Umständen sollte dazu die Unterstützung eines Psychologen in Anspruch genommen werden, der speziell für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geschult ist. Andere Schüler befinden sich deswegen in der Opferrolle, weil sie ängstlicher und unsicherer als ihre Mitschüler sind. Aggressive Schüler begreifen schnell, dass sie sich bei diesen Opfern viel erlauben können, ohne mit ernsthaften Konsequenzen rechnen zu müssen. Bei diesen Opfern ist es äußerst wichtig, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und Verhaltensweisen einzuüben, mit denen sie sich angemessenen behaupten können. Auch hier kann die Unterstützung eines Psychologen sinnvoll sein. Insgesamt sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Charakteristika der Opfer für sich alleine genommen niemals erklären können, warum es zur Viktimisierung kommt. Darüber hinaus zeigen viele Opfer die oben beschriebenen Verhaltensweisen nicht. Bei der Entstehung von Aggressionen und Viktimisierung sind weiterhin Merkmale der Schule und der Schulklasse sowie das Verhalten der Lehrpersonen von Bedeutung. Vergleicht man verschiedene Schulen und verschiedene Schulklassen miteinander, so lassen sich deutliche Unterschiede im Hinblick auf die Häufigkeit von Gewaltvorfällen feststellen. Dies liegt nur zum Teil darin begründet, dass die Schulen durch unterschiedliche Schülerschaften gekennzeichnet sind, die von vornherein ein unterschiedliches Aggressionspotential in die Schule "mitbringen". Einen Einfluss auf das Aggressionspotential von Schülern nimmt auch die Gestaltung des Schulalltags und das soziale Klima, das in einer Schule herrscht: So zeigen Studien, dass aggressives Schülerverhalten mit einem mangelnden Lebensweltbezug von Lerninhalten, mit Leistungsdruck, geringen Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Schüler, niedrigem pädagogisch-sozialem Engagement der Lehrer sowie mit einer geringen Attraktivität des Schulraums verbunden ist. Auch das soziale Klima in verschiedenen Klassen kann sehr unterschiedlich sein. Es ist geprägt vom pädagogischen Engagement und Geschick der dort unterrichtenden Lehrer, aber auch vom Verhalten der einzelnen Schüler. Beim Auftreten von Aggressionen können die Mitschüler das weitere Verhalten des Täters beeinflussen: Ihr Verhalten entscheidet mit darüber, ob ein Schüler sich wiederholt aggressiv verhält. Problematisch ist es, wenn Mitschüler den Täter aktiv unterstützen, in dem sie ebenfalls beginnen, das Opfer zu schikanieren. Häufiger kommt es allerdings vor, dass die Mitschüler auf das Verhalten des Täters positiv reagieren und ihn z.B. anfeuern ? auch dies bestärkt den Täter in seinem Verhalten. Eine in etwa gleichgroße Gruppe versucht, sich herauszuhalten. Vergleichsweise selten kommt es dazu, dass die Mitschüler versuchen, das Opfer zu unterstützen oder zu verteidigen. Dies hängt auch damit zusammen, dass häufig diejenigen zum Opfer werden, die ohnehin eher schlecht in die Klassengemeinschaft integriert sind und eher wenige Freunde haben. Als weitere Ursachenfaktoren sind der familiäre Hintergrund der Beteiligten sowie gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen der Beteiligten zu berücksichtigen, auf diese Faktoren soll hier nicht weiter eingegangen werden. Was Eltern tun könnenEs gibt kein Patentrezept, um zu verhindern, dass ein Kind weiterhin zum Opfer von Gleichaltrigen wird. Vielmehr müssen ausgehend von der spezifischen Situation, ausgehend von den Motiven des Täters und ausgehend von den Charakteristika des betroffenen Opfers verschiedene Handlungsmöglichkeiten abgewogen werden.Das Wichtigste, was Eltern tun können ist, dass sie für die Sorgen und Nöte ihres Nachwuchses ein offenes Ohr haben, dass sie sich Zeit nehmen und bereit sind zuzuhören ? ohne Bagatellisierungen, ohne Vorwürfe, ohne vorschnelle Ratschläge. Der häufig vorschnell gegebene Rat, sich doch zur Wehr zu setzen, ist in aller Regel nicht angemessen: Das provokante Opfer verhält sich bereits aggressiv und trägt damit nicht unwesentlich zur Aufrechterhaltung der Probleme bei; dem unsicheren Opfer gelingt es nicht, sich angemessen zur Wehr zu setzen (sonst würde es dies vermutlich tun), darüber hinaus können durch eigenes aggressives Verhalten Folgeprobleme entstehen, die die Lage des Opfers nur verschlimmern. Es ist günstig, gemeinsam mit dem Kind nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen und es so selbst aktiv werden zu lassen. Es sollten möglichst keine Aktionen ohne Zustimmung des Kindes durchgeführt werden, denn es ist wichtig, Hilflosigkeitsgefühle beim Kind nicht noch zu verstärken und das Selbstwertgefühl des Kindes nicht noch weiter zu schwächen. In aller Regel ist es sinnvoll, wenn die Eltern ein Gespräch mit einer Lehrperson führen, zu der das Kind Vertrauen hat, und diese informieren. Dabei gilt es, dem Kind die Angst zu nehmen als "Petze" dazustehen. Die Lehrperson kann weitere Schritte in der Schule einleiten (Hinweise und Tipps finden sich in dem unten angeführten Buch von Olweus). Dabei sollte sie darauf achten, dass das betroffene Kind durch die Maßnahmen nicht in eine Außenseiterposition gebracht oder in dieser fixiert wird. Eine weitere mögliche Maßnahme besteht darin, dass die Eltern des Opfers direkt die Eltern des oder der Kinder ansprechen, die sich aggressiv gegen das Opfer verhalten. Positive Effekte sind allerdings nur dann zu erwarten, wenn es gelingt, diesen Eltern den Sachverhalt sachlich und ohne Anschuldigungen darzulegen. Es gilt, den Eltern klar zu machen, dass man sich eine Lösung zum Wohle aller Beteiligten wünscht und es ideal fände, gemeinsam daran zu arbeiten. Ebenfalls ist es möglich, selbst mit den Tätern zu reden. Da bei einem Konflikt die Beteiligten in aller Regel eine sehr unterschiedliche Sichtweise haben, ist es wichtig, die Darstellung des Sachverhalts von Seiten der Täter kennen zu lernen - auch wenn es nicht immer einfach ist, sich auf diese einzulassen - und dann eine Lösung des Konflikts anzuleiten. Dabei ist es in aller Regel sinnvoll, das Opfer direkt einzubeziehen, so dass es selbst den Tätern seine Sichtweise schildern kann. Wichtig ist in diesem Fall, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen und als Erwachsener eher als Moderator oder Mediator (siehe auch das Kapitel "Eltern als Mediatoren") denn als Autoritätsperson aufzutreten, damit die Kinder bzw. Jugendlichen möglichst selbst Wege aus dem Konflikt finden können. Unabhängig von der aktuellen Gewaltsituation ist es bei den Opfern, die nur über wenig Selbstvertrauen verfügen, wichtig, dieses zu fördern. Die Eltern können dies unterstützen, indem sie ihren - und auch den Blick des Kindes - auf seine Stärken und positiven Eigenschaften lenken und ihm helfen, seine Begabungen aufzubauen. Wertschätzendes und liebevolles Verhalten der Eltern ist sinnvoll. Ungünstig ist allerdings eine übermäßig beschützende Haltung der Eltern, die verhindert, dass ihr Kind selbstständig und autonom wird und dadurch Selbstbewusstsein aufbauen kann. Sehr wichtig für das Selbstwertgefühl des Opfers und seine weitere Entwicklung sind positive Beziehungen zu Gleichaltrigen. Wenn der betroffene Schüler nur schlecht in seine Klassengemeinschaft integriert ist, wenige oder gar keine Freunde hat, dann sollten die Eltern den Weg dafür ebnen, dass das Kind positive Kontakte zu anderen Gleichaltrigen aufbauen kann und es dabei ermutigen. So können die Eltern das Kind darin bestärken, sich aktiv an einen ruhigen und freundlichen Mitschüler in der eigenen oder einer anderen Klasse zu wenden. Die Kontaktaufnahme zu Gleichaltrigen kann aber auch in außerschulischen Kontexten wie z.B. einem Sportverein geschehen. Wenn sich der oder die Täter in der Klasse des Kindes befinden und sich trotz großer Anstrengungen das Problem nicht lösen lässt, kann durchaus auch ein Klassen- oder sogar Schulwechsel erwogen werden - allerdings erst an letzter Stelle. Wenn es nicht möglich ist, den oder die Täter zu versetzen, kann dies für das Opfer erwogen werden. Doch dies ist eine Maßnahme, die an letzter Stelle steht. Viel sinnvoller - insbesondere für seine Persönlichkeitsentwicklung - ist es, wenn der betroffene Schüler die Erfahrung macht, dass die Probleme mit dem oder den anderen Gleichaltrigen gelöst werden konnten. Literatur
Mohr, A. (2000). Peer-Viktimisierung in der Schule und ihre Bedeutung für die seelische Gesundheit von Jugendlichen. Lengerich: Pabst. Autorin
Dr. Andrea Mohr | ||
Letzte Änderung: 15.07.2004 14:09:14 |