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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Mein Kind stottert

Sigrun Rux       Sigrun Rux


Wenn bei Kindern der Mund macht, was er will, reagiert die Umwelt oft negativ, zumindest aber betroffen, und das verunsichert den oder die Betroffene eigentlich mehr als das Stottern selbst. Sehr lange hielt sich die Meinung, Kinder, die stottern, seien geistig minder bemittelt oder langsam von Begriff, und leider verlieren manche Pädagogen im Kindergarten oder in der Schule immer noch schnell die Geduld im Umgang mit stotternden Kindern. Doch das kann bereits der Beginn für einen teuflischen Kreislauf sein: Das Kind wird immer gehemmter, spricht weniger, bis es schließlich oft in die totale Schweigsamkeit verfällt. Diese eisige Barriere in der zwischenmenschlichen Kommunikation stellt mit der Zeit eine große psychische Belastung für das stotternde Kind dar.

Die meisten Kinder merken nämlich sehr wohl, dass sie ein Problem mit dem Sprechen haben. Stark vereinfacht ausgedrückt handelt es sich beim Stottern um unflüssiges Sprechen. Über die genauen Ursachen dieser Redeflussstörung herrscht noch keine Klarheit. Es können sowohl psychische aber auch organische Einflüsse ausschlaggebend sein. Aber auch die Vererbung spielt eine Rolle. Jungen sind zum Beispiel häufiger betroffen als Mädchen. Außerdem können Umwelteinflüsse, die vor und nach der Geburt auf ein Kind einwirken, oder traumatische Erlebnisse von Bedeutung sein. Gehirnforscher haben nun entdeckt, dass beim Stottern die Gehirnfunktion spezifische Auffälligkeiten zeigt: Im Gegensatz zu Normalsprechenden wird die rechte Gehirnhälfte stärker aktiviert und beeinträchtigt so die Funktion der linken Gehirnhälfte, die eine wesentliche Rolle bei der Sprachgenerierung einnimmt.

Dass ein Kind stottert, ist oft gar nicht so einfach festzustellen. Meistens beginnt es im Alter zwischen zwei und fünf Jahren. Im Verlauf der kindlichen Entwicklung stottert fast jedes Kind dann und wann einmal, da die Fähigkeit zum flüssigen Sprechen erst nach und nach erlernt und verfeinert wird. Eltern müssen sich deshalb keineswegs den Kopf zerbrechen, wenn ihr Kind im Vorschulalter ab und zu verbal etwas holprig unterwegs ist. Man darf nicht vergessen, dass man nicht mit einer fertigen Sprache im Kopf auf die Welt kommt. "Wir akzeptieren alle, dass Kinder nicht sofort laufen können und öfters stolpern, aber auch beim Sprechen muss den Kindern eine Übungsphase zugestanden werden", sagt die österreichische Diplomlogopädin Silvia Rainel-Straka, "Sprechen ist noch ein viel komplizierterer Vorgang als das Laufen: Bis zu 100 Muskeln müssen koordiniert werden, bis so schwierige Wörter wie "Regenbogenfisch" herausgebracht werden können". Bei komplizierten langen Sätzen oder wenn das Kind aufgeregt ist, kann es schon mal vorkommen, das es irgendwo "hängen" bleibt.

Wenn allerdings einzelne Silben immer öfters wiederholt werden, sollten Sie hellhörig werden. Auffällig ist eine höhere Anzahl von Wiederholungen einzelner Silben oder Laute "M-m-Ma-ma-Ma-ma" oder ein auffälliges Langziehen von Wörtern wie biiiii-te. Auch wenn das Kind immer wieder längere Pausen beim Sprechen macht, sollten langsam die Alarmglocken läuten. Wenn Sie merken, dass Ihr Kind immer mehr Kraft zum Sprechen aufwenden muss, und das Stottern länger als sechs Monate anhält, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Die Erkenntnisse aus der Genforschung sollen nun dazu verhelfen, festzustellen, ob ein Kind auf Grund seiner erblichen Veranlagung Sprachtherapie brauchen wird. "Je früher man beginnt, desto besser", ist Silvia Rainel-Straka überzeugt.

Allgemein gilt ein Rat an alle Eltern: Stottern ist ein echtes Leiden, daher sollte man auf das Kind keinen Druck ausüben, das Kind beim Reden nicht unterbrechen, sondern immer geduldig warten, bis es seine eigenen Worte gefunden hat. Denn vieles deutet darauf hin, dass Scheu, Angst und Unsicherheit nicht die Ursache, sondern die Folge dieser Sprachhemmung sind. Diese kann in der frühen Kindheit entstehen und in vielen Fällen die ganze Lebensgestaltung negativ beeinflussen. Mitleid ist ebenso wenig angebracht wie gut gemeinte Ratschläge. Oft liegt das Problem aber bei den Eltern selbst, die in der Regel nicht recht wissen, wie sie mit dem Stottern Ihres Sprösslings umgehen sollen. Die vermeintliche Entlastung beim Versuch, dem Kind zu helfen führt in Wirklichkeit nur in einen Teufelskreis hinein, weil das Kind mehr und mehr unter dem Eindruck seiner eigenen Unzulänglichkeit steht. Willentlich lässt sich das Stottern nämlich nicht beeinflussen. Wenn sich Stotterer anstrengen, um besser zu sprechen, verstärkt sich in der Regel das Symptom. Auf diese Weise können sich beim Kind Gefühle wie Angst, Scham und Enttäuschung oder auch Wut, wenn es wieder einmal "passiert", einstellen. Das bedeutet zur Veranlagung des Stotterns kommen nun auch noch psychische Probleme. Das Wichtigste, was Eltern tun können, um ihrem Kind zu helfen, ist nicht negativ oder besorgt auf die Sprachstörung zu reagieren. Selbsthilfe ersetzt zwar keine Therapie, aber sie unterstützt sie möglicherweise wirksam. Das Kind muss lernen, bewusst mit der Sprache umzugehen und sich selbst dabei zu beobachten. Dazu gehört etwas langsamer zu sprechen, Wörter, die Schwierigkeiten machen, bewusst zu vermeiden und in vollständigen Sätzen zu sprechen. Redet Ihr Kind mit Händen und Füßen? Das muss nicht sein, dafür soll es versuchen, Augenkontakt mit seinen Zuhörern zu halten.

Eines gleich vorweg. Stottern kann man nicht heilen. Allerdings ist es möglich, durch eine Therapie erhebliche Verbesserungen zu erreichen, auch in Selbsthilfegruppen lernen stotternde Menschen besser mit ihrer Sprachbarriere zurechtzukommen. So erklärt sich, dass so viele Stotternde vor dem Publikum auftreten, wie etwa die Filmschauspieler Bruce Willis oder Rowan Atkinson, bekannt als Mr. Bean.

Linktipp

http://www.stotter-infoseiten.de


Autorin

Sigrun Rux, Journalistin mit Schwerpunkt Medizin und Psychologie



Letzte Änderung: 26.05.2004 10:17:20Zum Seitenanfang