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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Süchte zügeln lernen! Wie Eltern ihre Kinder stützen können

Michael Schnabel       Michael Schnabel


Befürchtungen der Eltern

"Sucht macht mir Angst." "Der Fernseher ist eine Sucht ..." "Angst der Kinder vor Versagen ..." "Leistungsdruck durch die Eltern führt zu Frustrationen ..." "Das Leben geht an den Bedürfnissen der Kinder vorbei ..." "Kinder fühlen sich nicht ernst genommen ..." "Sucht wird oft zu harmlos gesehen: Nix dabei. Einmal ist keinmal ..." Dies sind einige Äußerungen von Eltern bei einem Elternabend zum Thema Suchtprävention. Das Thema Sucht ist bei vielen Eltern Angst besetzt "Hoffentlich wird unser Kind nicht süchtig ..." Ist diese Einstellung für Suchtprävention nicht eher hemmend? Verhindert sie die erforderliche Offenheit und Realitätssicht?

Wann ist man süchtig?

"Sucht ist eine Krankheit. Sucht ist das fehlgeleitete Streben eines Menschen nach Freude und Glück. Sucht ist ..." Es ließen sich noch viele Meinungen und Festlegungen aufzählen, die Sucht näher zu bestimmen versuchen. Hier eine Definition, die verschiedene Gesichtspunkte einbezieht:
  • Sucht ist ein ungezügeltes Verlangen nach einem Glückszustand.
  • Kritisches Denken und Realitätsbewusstsein werden ausgeschaltet.
  • Freiheit und Entfaltung der Persönlichkeit werden verhindert.
  • Soziale Bindungen werden zerstört.
Diese Aussagen beschreiben einen Endzustand der Sucht. Viele Süchte beginnen harmlos und sind oft über einen längeren Zeitraum kaum bemerkbar. Und doch bremst Sucht bereits in ihren ersten Anfängen Lebensfreude und schränkt Lebensqualität ein.

Wie wird man süchtig?

Niemand verfällt von heute auf morgen der Sucht. Sie beginnt meist sehr unscheinbar und unauffällig. Ja, sie beginnt sogar problemlos und scheint Schwierigkeiten und Anspannungen auszuräumen. Aber dann - manchmal sehr langsam oder auch rasend schnell - wächst sie sich zu einem Monster aus. Hier die Entwicklungsstufen des Suchtungeheuers:

Sucht beginnt in einer misslichen Situation (Broken-home-Situation): Es tauchen Schwierigkeiten auf, man sieht sich einer Stresssituation ausgesetzt, das übliche Wohlgefühl ist gestört.

(Manchmal entwickelt sich Sucht auch in einer feucht-fröhlichen Runde, aus Experimentierfreude oder aufgrund von Gruppenzwang.)

Zur Abhilfe der Anspannung, zur Auflösung des Ärgers stehen viele Helfer bereit: Schnell ein Schnäpschen, wenn eine schlechte Nachricht ankommt; eine Zigarette vor einer Prüfung, Süßigkeiten bei Ärger. In den meisten Füllen stellt sich dann Erleichterung ein; oder wir meinen Erleichterung zu verspüren.

Der nächste Ärger kommt bestimmt. Oder morgen tut sich neuer Stress auf. Die guten Erfahrungen beflügeln den Griff zum Hilfsmittel. Dadurch machen sich folgende Überzeugungen breit: Man braucht die Zigarette. Alkohol macht vieles leichter. Tabletten sind kleine Wundermittel. Jeder braucht süße Belohnungen - man gönnt sich ja sonst nichts.

Die positive Einstellung verstärkt den regelmäßigen Konsum. Und wenn die Wirkungen verpuffen, müssen die Dosen erhöht werden. Sucht macht sich so lange breit, bis eine Krankheit nach Therapie schreit.

Sucht ist vielschichtig und kennt viele Abhängigkeiten

Broschüren und Bücher zur Suchtverhütung erwecken oft den Anschein: Sucht muss mit allen Mitteln ausgemerzt werden. Anstöße und Gelegenheiten zur Sucht müssen ausgeschaltet werden. Süchte müssen wie Ungeziefer vernichtet werden. Alles recht und gut!

Eine einseitige Sicht der Dinge macht das Vorhaben schnell erfolglos. Wer nur auf die zerstörerischen Wirkungen der Süchte starrt, übersieht leicht die eigentlichen Kräfte.

Wer die Vielzahl der Süchte sortiert, erkennt, dass nicht alle gleich verwerflich sind. Wer süchtig nach Arbeit oder süchtig nach Wissen ist, befindet sich nicht in derselben misslichen Lage wie ein Alkoholsüchtiger oder ein Drogensüchtiger. Sucht entwickelt enorme Energien und setzt Kräfte frei, die das Leben beflügeln, aber auch zerstören können. Es ist phantas-tisch, dass Menschen diese Kräfte wecken und einsetzen können. Wahrscheinlich sind viele große Errungenschaften der Menschheit nur deshalb erreicht worden.

Suchtprävention soll daher nicht diese Kraftpotentiale auflösen, oder ausmerzen, sondern eher zu einer sinnvollen Kultivierung beitragen. Denn das Suchen und Streben nach Erfüllung, Selbstverwirklichung und Glück ist ein unverzichtbares Wesensmerkmal des Menschen.

Eltern: Schutzschilde gegen das Süchtigwerden der Kinder

In den Familien werden die umfassenden Grundfeste dafür gelegt, dass Kinder mit ihren Bedürfnissen kompetent umgehen können. Die wichtigsten Fertigkeiten und Verhaltensweisen, im Leben zu recht zu kommen, lernen die Kinder in den Familien. Es ist die Kommunikation und Interaktion mit den Eltern, die die Kinder festigt und in der Persönlichkeitsentwicklung stärkt. Die Autorinnen G. Haug-Schnabel und B. Schmid- Steinbrunner zeigen, wie Eltern ihre Kinder krisensicher machen. Sie stellen folgende Leistungen der Eltern heraus:
  • Eltern sichern den Lebensunterhalt und sind somit für die Kinder ein Fundament der Sicherheit.
  • Eltern sind Ansprechpartner der Kinder und liefern eine Wertebasis durch ihr Verhalten.
  • Eltern sind erste Bindungspartner für ihre Kinder und stimulieren den Austausch von Emotionen.
  • Eltern vermitteln Annahme und sind Modelle für soziale Verhaltensweisen.
  • Eltern wissen Bescheid über Gefahren der Sucht, kennen Ängste und Probleme und stehen bereit als Gesprächspartner.

Erziehen zum Glücklichsein

"Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht nach Glück. Sucht ist die Äußerung eines verhungerten Selbst", stellt eine Psychologin fest.

Jedes Kind und jeder Menschen ist getrieben vom Streben nach Glück. Auch der Süchtige ist von diesem Streben beseelt. Jedoch gerät sein Suchen und Streben außer Kontrolle. Es beherrscht, unterwirft und knechtet den Süchtigen, so dass er völlig seine Handlungsfreiheit verliert.

Wo ist der Weg zum Glück? Was macht den Menschen glücklich? Dazu gibt es soviel Antworten, wie es Menschen gibt, die darüber nachgedacht und sich geäußert haben. "Keine Schmerzen, einen Teller Suppe und ein Dach über dem Kopf", meint ein Philosoph, sei Glück. Der Psychologe Se-ligman entwirft ein dreistufiges Modell, das zeigt, wie Menschen glücklich werden können.
  • Ein kleines Glück werde erreicht durch ein vergnügliches Leben: Menschen, die Essen und Trinken genießen können, die sich an vielen Alltäglichkeiten erfreuen und die Spaß und Freude am Leben haben, sind dem Glück schon nahe.
  • Vergrößert werde das Glück durch ein gutes Leben: Gutes Leben meint vor allem, seine Schwächen und Stärken kennen und sie im Leben optimal umsetzen zu können. Gut zu leben heißt auch, Freundschaften, Beziehungen, Anerkennung und Liebe erleben zu dürfen.
  • Und das höchste Glück wird durch ein sinnvolles Leben erreicht: Menschen hungern nach Sinn. Sie möchten hinter ihrem Handeln und in ihrer Lebensgestaltung einen Sinn finden. In Fest und Feier, in Ritualen und auch künstlerischen Produktionen wird dieser Lebenssinn transparent.
Das Konzept lässt sich nahtlos auf die Erziehung übertragen. Demnach wird das Leben der Kinder erfüllt und glücklich:
  • Wenn sie Erfahrungen auf der Sinnesebene machen durften.
  • Wenn ihr Leben reich ist an positiven zwischenmenschlichen Er-fahrungen.
  • Und wenn der Sinn dieser Erfahrungen auf symbolischer Ebene transparent wird.

Was können Eltern heute und morgen tun?

Das skizzierte System ist kreativ und motivierend. Es liefert viele Impulse für sinnvolle Beschäftigungen mit Kindern. Beschäftigungen, die Krisen meistern helfen und die helfen können, Süchte beherrschen zu lernen.

Erfahren und Erleben der Sinne

Sinneserfahrungen sind allgegenwärtig. Im Wachzustand werden wir geradezu überflutet von Sinneseindrücken. Daher macht sich bald die Gefahr breit, dass die Sinne ermüden und abstumpfen und das Verlangen noch stärkeren Erlebnissen zu nimmt. Bewusste Schulung der Sinne steigert ihre Sensibilität.

Tausend Möglichkeiten strecken sich im Alltag entgegen: Wir gehen im Sommer mit Kindern an einer Wiese entlang. Horchen wir, was es da alles zu hören gibt! Oder: Wie erleben wir einen Windhauch? Befeuchte den Finger oder den Handrücken - ein ganz anderes Windgefühl stellt sich ein. Und welche Erfahrungen bietet das Essen? Welches Gewürz gibt der Soße den markanten Geschmack? Was gibt im Pudding den Ton an?

Neben den alltäglichen Gelegenheiten für Sinneserlebnisse gibt es viele Spiele, die die Sinne schärfen können. Namentlich herauszuheben sind Kim-Spiele. Sie sind geradezu ein Sinnes-Parcours.

Positive zwischenmenschliche Erlebnisse

Das nicht ersetzbare Fundament für ein glückliches Leben sind die positiven Erlebnisse mit Eltern, Geschwistern, Freunden und anderen Menschen. Vertrauen und Geborgenheit erleben die Kinder, wenn sie von den Eltern getröstet werden, wenn Eltern sie in den Schlaf singen, wenn Eltern sie in schwierigen Situationen begleiten. Lebensfreude und Lebensbejahung der Kinder werden gestärkt, wenn ihre Entwicklungsschritte beachtet und herausgestellt werden. Wenn die Leistungen und Fähigkeiten der Kinder beachtet und gelobt werden: Beispielsweise, wenn sich Eltern mit den ersten Zeichnungen ihrer Kinder beschäftigen und beachten.

Erleben von Sinntiefe

All die angesprochenen Erfahrungen wollen überhöht werden, verlangen nach Sinntiefe. Sie werden herausgehoben und unterstrichen, wenn darüber gesprochen wird. Sie erhalten Bedeutung in Geschichten, Märchen und Erzählungen. In einem neuen Licht und Glanz treten diese Erfahrungen zu Tage, wenn Feste und Feiern sie in einen großen überzeitlichen Rahmen stellen.

Es sind Stunden der Ruhe und Muse, die bei Kindern in Familien Ahnungen von größeren Lebenszusammenhängen wecken können. Insbesonders sind es Feste und Feiern, die überlegt gestaltet wurden, in denen Erfahrungen konzentriert und vertieft werden.

Fangen Sie auf der Stelle an!

Damit die Einsichten lebendig werden und nicht im Ordner verstauben, hier eine Übung, die zur Umsetzung anspornt.

Nehmen Sie ein Blatt Papier und machen Sie in der Mitte einen größeren Kreis. In diesen Kreis schreiben Sie: "Ich werde mit meinem Kind bzw. mit meinen Kindern ..." Dann gruppieren Sie um diesen Kreis weitere Kreise, in die Sie die konkreten Vorhaben schreiben.

Literatur

AOK-Bundesverband (Hrsg.): Sucht hat viele Ursachen. Ein Ratgeber für Eltern, Remagen Leipzig 1994.

Barmer Ersatzkasse (Hrsg.): Was tun gegen Sucht? 7 Vorschläge für Eltern und Erzieher, Frankfurt a. M. o. J.

Braun, Andrea: Weniger ..... ist oft mehr. Wie wir mit kindlichem Konsum umgehen und Suchtgefahren vorbeugen können, München 1993, 3. Aufl.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Ich will mein Kind vor Drogen schützen, Bonn o. J.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Suchtmittel, Behandlungsmöglichkeiten, Beratungsstellen, Bonn o. J.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.): Wir können viel dagegen tun, dass Kinder süchtig werden, Bonn o. J.

Finke, Regina: Weil ich nein sagen darf. Körper, Sexualität und Gefühle: Starke Kinder können sich besser schützen, Freiburg 1998.

Fritsche, Siegfried: Glückspillen für Kids. Wie Eltern ihre Kinder vor Suchtgefahren schützen können, Berlin 1996.

Haug-Schnabel, Gabriele; Schmid-Steinbrummer, Barbara: Wie man Kin-der von Anfang an stark macht. So können Sie Ihr Kind erfolgreich schützen - vor der Flucht in die Angst, Gewalt und Sucht, Ratingen Obersebrink 2002.

Hillenberg, Lucie; Fries, Brigitte: Starke Kinder - zu stark für Drogen. Handbuch zur praktischen Suchtvorbeugung, München 1998.

Seifert; Thomas: Starke Kinder sagen nein. So schützen Sie Ihr Kind vor Suchtgefahren, Augsburg 1999.

Seligman, Martin, E. P.: Der Glücksfaktor. Warum Optimisten länger leben, München 2003.

Singerhoff, Lorelies: Keine Chance für Drogen. Wie Sie ihr Kind schützen können, Hamburg 2002.


Autor

Michael Schnabel ist wissenschaftlicher Angestellter am
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München
Tel.: 089/99825-1929
E-Mail: Michael Schnabel


Letzte Änderung: 26.06.2006 08:59:00Zum Seitenanfang