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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Schreibabys: Wenn die Nerven der Eltern blank liegen

Mauri Fries


In diesem Beitrag erhalten Sie Informationen zu folgenden Themen:
Babys schreien und das ist überall so! Alle Eltern sind in den ersten Monaten mehr oder weniger erschöpft, das gehört zum Leben mit einem Baby dazu.

Dennoch scheint es zwischen den Babys erhebliche Unterschiede zu geben. Einige schreien sehr viel mehr als andere und lassen sich scheinbar gar nicht oder nur sehr schwer beruhigen. Das ist für die Eltern eine sehr anstrengende Zeit, weil sie sich hilflos und schnell erschöpft fühlen. Sie hatten es sich alles viel einfacher mit ihrem Baby vorgestellt.

Was ist los mit diesen sogenannten Schreibabys? Was können Eltern tun, um diese schwierige Zeit zu bestehen und wo können sie sich Hilfe holen?


Schreien - unüberhörbare Nachrichten

Schreien ist zunächst ein normaler Verhaltenszustand des Babys wie Schlafen und Wachsein auch. Durch das Schreien kann es intensiv auf seine Bedürfnisse aufmerksam machen. Es ist kaum zu überhören und löst bei Personen in seiner Umgebung körperliche Reaktionen und Fürsorgeverhalten aus. Sie werden unruhig, es steigt der Puls und sie versuchen zumeist herauszufinden, was die Ursache des Schreiens sein könnte, um dann etwas dagegen zu unternehmen. Ursachen für das Schreien sind Hunger, Durst, Müdigkeit, Unwohlsein, Schmerzen, aber auch Langeweile, ein Zuviel an Anregungen oder das Bedürfnis nach Nähe.

Eltern brauchen eine bestimmte Zeit, um jeweils die richtigen Ursachen herauszufinden. Eltern orientieren sich an der Intensität des Schreiens und den bereits gemachten Erfahrungen der letzten Tage. Stärkeres Schreien wird als Ausdruck von Schmerzen wahrgenommen, schwächeres als Nörgeln und Quengeln aufgrund von Unzufriedenheit.

Neben dem Schreien gibt es noch weitere Verhaltenszustände des Babys. In den ersten Lebenstagen lernt das Baby in der Regel die Übergänge zwischen den Verhaltenszuständen zu regulieren. Wenn es das gelernt hat, kann es selbst bestimmen, wann es sich seiner Umgebung zuwendet und von ihr zurückzieht. Es kann also selbst steuern, wenn es mit seiner Mutter oder seinem Vater in Kontakt treten will und wann es Pausen braucht, um in einer noch anstrengenden Umgebung abzuschalten.


Die normalen Verhaltenszustände des Babys sind (Brazelton 1994):

  • Tiefschlaf
  • Traumschlaf
  • Halbschlaf
  • Aktives Wachsein
  • Quengeln
  • Schreien
Unruhe- und Schreiphasen treten bei gesunden Säuglingen im Zusammenhang mit den normalen Reifungs- und Anpassungsprozessen auf. Sie variieren in ihrer Intensität tageszeitlich und über die ersten Lebenswochen. Unabhängig davon, ob Babys viel oder wenig schreien, bevorzugen sie die späten Nachmittags- und frühen Abendstunden. Während Neugeborene vergleichsweise weniger schreien, nimmt die Schreidauer über die ersten Wochen zu und hat einen Höhepunkt im Alter von sechs Wochen mit einer durchschnittlichen Schreidauer von 2,5 Stunden (Wolke, 1994). Danach stellt sich eine größere Gleichverteilung des Schreiens über den Tag ein und eine Verringerung des nächtlichen Schreiens. Nach dem dritten Monat schreien Babys durchschnittlich noch eine Stunde. Diese Durchschnittswerte geben lediglich eine Orientierung. Die Dauer und Intensität des Schreiens kann jedoch bei den Kindern sehr unterschiedlich sein.

Das Schreien selbst verändert sich im Verlauf des ersten Lebenshalbjahres. Am Anfang kann das Kind sein Schreien nicht in Bezug auf die Reaktion seiner Umgebung steuern. Deshalb setzt das Baby sein Schreien zunächst als direkte Reaktion auf sein eigenes Befinden hin ein, ohne die Reaktion seiner Ungebung zu kennen oder zu erwarten. Dabei macht es Erfahrungen mit der Reaktion seiner Umwelt. Aufgrund seiner eigenen kognitiven Entwicklung kann es etwa ab dem 3.-4. Lebensmonat einen Zusammenhang zwischen seinem Schreien und anderen Verhaltensweisen und den Reaktionen seiner Umwelt erkennen. Wenn es diesen Zusammenhang erkannt hat, dann stellt sich das Baby auf diese Reaktion ein, d.h. es erwartet, dass sie in immer ähnlicher Weise eintritt: Wenn ich schreie, kommt meine Mama fast immer gleich. Oder, wenn ich meinen Papa anlächle und fröhliche Geräusche mache, dann zieht er die Mundwinkel nach oben und seine Stimme klingt sehr angenehm und ich weiß, dass es fast immer so ist.

Es kann also allmählich die Erfahrungen mit den Reaktionen seiner Umgebung auf sein Schreien in das eigene Verhalten integrieren. Es hat gelernt, welche Wirkung sein Schreien bei den Personen in seiner Umgebung hat und kann sie zielgerichtet, aber nicht mit böswilliger Absicht nutzen. Während das Schreien in den ersten Wochen anhaltend ist, setzt das Kind das Schreien später nur kurz ein und wartet auf eine Reaktion der Mutter oder des Vaters. Erfolgt diese prompt, so macht es die Erfahrung, dass es seine Bedürfnisse signalisieren kann und diese auch gehört werden. Es kann also seinen Aufwand zu schreien, verringern, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass auf sein Schreien hin jemand kam und es sich auch darauf verlassen konnte

Mit drei Monaten ist das Verhalten des Babys aufgrund von Reifungsprozessen und ersten Lernerfahrungen deutlich flexibler und ausgeglichener geworden. Es hat Erfahrungen mit der Regulation seines Verhaltens in Situationen gemacht, die ihm zu anstrengend sind oder ihn überfordern. Dieser deutlich sichtbare Entwicklungsschub führt bei vielen Babys zu einer Verringerung des Schreiens. Manchmal haben Eltern den Eindruck, diese Veränderungen treten von einem Tag auf den anderen ein und ihr Kind scheint ihnen wie verwandelt.

In diesem Zusammenhang stellen sich Eltern oft die Frage, soll ich mein Baby schreien lassen oder nicht? Fragen wir das Baby:
Also, was ich gar nicht möchte, alleine in meinem Bettchen liegen und schreien und keiner kommt. Ich schreie doch so laut, damit einer kommt und nach mir sieht. Ich kann auch noch nicht lange warten, bis mir jemand hilft, wieder ruhiger zu werden. Ich schreie auch noch nicht grundlos oder weil ich jemanden ärgern will. Ich weiß noch gar nicht was das ist, jemanden ärgern. Irgendeinen Grund gibt es immer, auch wenn der nicht gleich zu erkennen ist und ich ihn selbst nicht so genau kenne. Ich muss auch manchmal einfach schreien und will dann aber nicht alleine sein. Wenn jemand gleich kommen kann, zumindest in den ersten drei bis vier Monaten, dann werde ich Vertrauen zu meinen Eltern bekommen. Ich weiß dann auch, dass ich stark genug bin, auf mich aufmerksam zu machen und dass es ihnen nicht egal ist, wie es mir geht.

Das ist natürlich ganz schön viel verlangt, dass immer gleich jemand kommen soll. Es wäre also gut, wenn mehrere Personen diese Aufgabe am Anfang übernehmen könnten. Es muss nicht immer meine Mama sein. Mein Papa kann das ebenso gut. Ich bin auch zufrieden, wenn andere sich freundlich um mich kümmern, wenn meine Eltern mal keine Zeit oder Kraft haben und ich noch nicht warten kann.

Eine Ausnahme gibt es jedoch von dieser Regel: Wenn meine Mama oder mein Papa von meinem vielen Brüllen so wütend geworden sind, dass sie denken, sie könnten mir was antun, dann ist es besser, sie lassen mich schreien und gehen lieber aus dem Zimmer, bis die Wut verraucht ist. Denn das verzweifelte Schütteln oder gar Schlagen kann für mich sehr schnell lebensbedrohlich werden.

"Schreibabys" - die Schwierigkeit sich zurechtzufinden

Wenn ein Baby im ersten Vierteljahr sehr viel schreit, so wurde und wird den Eltern oft gesagt, dass es sich um die sogenannten Drei-Monats-Koliken handelt, dass es dafür Medikamente gibt und man vielleicht die Ernährung umstellen sollte. Die Ursachen für das viele Schreien und die vermehrte Unruhe wurden dabei zunächst vorrangig in Verdauungsproblemen gesehen, weil Koliksymptome wie harter Bauch, rote Hautfarbe und angespannte und gebeugte Arme und Beine bei den Kindern zu beobachten waren. Trotz einer großen Anzahl von Untersuchungen konnten für die vermuteten Ursachen jedoch keine eindeutigen Belege gefunden werden. Nur etwa 11 % der viel schreienden Kinder haben wirklich Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme (v. Hofacker 1998). Da auch die empfohlenen Maßnahmen oft nicht helfen und bei einigen Kindern das vermehrte Schreien über den dritten Lebensmonat hinaus anhält, müssen also noch andere Faktoren eine Rolle spielen.

Die moderne Säuglingsforschung geht davon aus, dass das viele Schreien Ausdruck einer verzögerten Verhaltensregulation ist. Man könnte es auch anders sagen: Diese Babys haben größere Mühe, sich nach der Geburt zurechtzufinden als andere und schreien deshalb so viel.

Diesen Babys fällt es schwerer, einen ausgeglichenen Rhythmus zwischen aktivem Wachsein und Schlafen zu entwickeln. Sie brauchen länger für die Entfaltung von erholsamen Tiefschlafphasen und befinden sich häufiger in den sogenannten Übergangszuständen des Verhaltens wie Quengeln oder Halbschlaf (Brazelton, 1994). Eine erhöhte Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und verringerte Tröstbarkeit können ebenfalls Anzeichen für eine verzögerte Verhaltensregulation sein. Sie sind schneller erregt und können ihre eigene Erregung schwerer steuern. Eltern sagen dann z.B., "wenn er die Augen aufklappt, geht es sofort los" und meinen damit, dass sie keine Ankündigung des Schreiens erkennen können. Auch andere Zeichen ihres Befindens oder ihrer Bedürfnisse wie z.B. Hunger oder Müdigkeit sind schwerer erkennbar als bei Babys mit einer ausgereiften Verhaltensregulation.

Welche besonderen Schwierigkeiten haben diese Babys noch? Es fehlen ihnen die Erfahrungen, sich selbst zu beruhigen. Babys ohne größere Anpassungsschwierigkeiten finden eher heraus, dass sie sich teilweise selbst helfen können, indem sie zum Beispiel den Daumen, den Finger oder die ganze Hand in den Mund stecken, um daran zu saugen. Das beruhigt. Die meisten Babys, die viel schreien, schlafen weniger als die anderen, brauchen aber ihren Schlaf genauso. Sie wirken oft total übermüdet und können doch nicht in den Schlaf finden. Eltern haben häufig das Gefühl, dass sich ihr Kind gegen das Einschlafen wehrt. Sie meinen, ihr Kind will auf keinen Fall etwas verpassen.


Wie geht es den Eltern?

Fragen wir zunächst eine Mutter:
Noch im Krankenhaus schrie unsere Tochter ständig. Anfangs dachte ich, dass sie Hunger hat. Die Milch war ja noch nicht richtig da. So entschloss ich mich schweren Herzens zuzufüttern. Zu Hause haben wir die Ernährung komplett auf Fertignahrung umgestellt. Unser Kind schrie trotzdem den ganzen Tag. Die Kinderärztin sagte, es wären die Drei-Monats-Koliken und wir sollten die Milch wechseln. Auch das haben wir gemacht, aber die Schreierei ging weiter. Meine Hauptbeschäftigung bestand darin, die Wärmflasche heiß zu machen, den Bauch zu massieren und mein Kind herumzutragen. Meine Nerven lagen blank. Alles drehte sich nur um das Kind. Ich kam kaum zum Duschen oder Essen. Manchmal wurde ich auch furchtbar wütend, denn ich habe so viel gemacht und sie schrie trotzdem weiter. Dann wieder war ich sehr erschrocken, dass man so viel Wut auf ein so kleines Kind haben kann.
Und der Vater?
Neben dem vielen Schreien unserer Tochter hat mich besonders belastet, dass meine Frau so müde und traurig war, wenn ich abends nach Hause kam. Erst dachte ich ja, das kann doch nicht sein, dass man nach einem Tag zu Hause mit einem Baby so fertig sein kann. Dass ich so dachte, hast sie dann auch noch als Vorwurf aufgefasst, als sei sie keine gute Mutter. Aber je mehr Wochen vergingen, desto erschöpfter und vor allen Dingen hilfloser fühlte ich mich auch. Für mich kam ja noch der Stress bei der Arbeit hinzu. In diesen Wochen haben wir uns dann auch oft gestritten.

Beobachtet man Mütter oder Väter, die ihr schreiendes Baby beruhigen wollen, dann stellt man fest, dass Eltern sehr erfinderisch bei der Suche nach einer geeigneten Beruhigungsmethoden sind und auch sehr viel versuchen. Sie nehmen ihr Kind hoch, wiegen und schaukeln es. Sie wechseln die Haltung, mit der sie es tragen, mal über der Schulter, mal im Fliegergriff. Mal schaukeln sie es im Autokindersitz und mal hüpfen sie mit ihm sitzend auf dem Pezziball. Manchmal hilft das Autofahren um den Block, aber wenn man wieder anhält, beginnt das Theater von vorne. Was passiert?

Immer wenn die Eltern etwas in der Haltung oder der Bewegung verändern, hält ihr schreiendes Baby kurz inne, um dann doch mit unverminderter Heftigkeit nach wenigen Sekunden weiter zu schreien. Das verleitet die Eltern dazu, wieder eine neue Möglichkeit auszuprobieren, in der Hoffnung, eine ihrer vielen Ideen muss doch nun endlich mal zum Erfolg führen. Sie geraten damit selbst in eine angespannte Situation, in der sie sich hilflos, erschöpft und unter Umständen auch extrem wütend fühlen. Diese Anspannung überträgt sich zusätzlich auf das Kind.

Wenn das Kind mal endlich wach und ruhig sein sollte, kann es passieren, dass die erschöpften Eltern diese Situation gar nicht wahrnehmen können oder sie räumen verständlicherweise die Wohnung auf. So sind die Eltern nur im Kontakt mit ihrem Baby in einer sehr angespannten Art und Weise. Das Baby macht die Erfahrung, nur wenn ich brülle, ist jemand für mich da, auch wenn Mama oder Papa dann nicht gerade fröhlich aussehen und so sehr angespannt sind, dass ich mich vor ihnen fast fürchte. Die Eltern machen die Erfahrung, mein Kind brüllt nur und ich bin eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, weil ich es nicht beruhigen kann und weil ich mich dabei manchmal auch noch so sehr wütend fühle.

Der gemeinsame Kontakt ist fast vollständig von der Schreivermeidung geprägt. Ist das Kind ruhig, begegnen ihm seine Eltern mit der bangen Erwartung des nächsten Schreiens. Man hat den Eindruck, sie warten angespannt auf die nächste schwierige Situation. Brüllt das Kind, versuchen sie mit vielen Wechseln in der Haltung in kurzer Zeit ihr Kind, oft erfolglos zu beruhigen. Eine entspannte Situation, wo das Kind mit der Mutter oder dem Vater in einen zufriedenen, vielleicht sogar fröhlichen Austausch tritt, kommt immer seltener oder gar nicht mehr zu Stande.


Was tun, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen ?

Die zufriedenen Wachzeiten des Kindes nutzen

Auch wenn es Eltern mit einem Schreibaby aufgrund ihrer Erschöpfung und Hilflosigkeit so vorkommen mag, so schreit ein Baby doch nicht 24 Stunden rund um die Uhr. Es gibt immer Ausnahmen! Wenn das Baby wach und zufrieden ist, möchte es Kontakt mit seiner Umgebung haben. Am liebsten sind ihm das Gesicht und die Stimme von seiner Mutter oder seinem Vater oder auch von anderen Personen. Spielzeug braucht es erst mal nicht. Wenn es Eltern trotz des vielen Schreiens gelingt, in diesen ruhigen Minuten ihr Baby zu beobachten, es nachzuahmen, es anzusprechen und zu berühren, dann können sie die anderen Seiten ihres Babys kennen lernen. Sie erleben sich als jemanden, der in ein Zwiegespräch mit ihrem Kind treten kann. Und vielleicht macht diese Erfahrung sogar so viel Freude, dass sie einem über die nächsten schwierigen Situationen hinweghilft. "Wenn er so lacht, dann ist alles vergessen!" Sich die Zeit zu nehmen für ein genaues Beobachten des Babys kann auch dazu verhelfen, die ersten Anzeichen für ein beginnendes Unbehagen leichter zu erkennen. Wenn dem Baby im gemeinsamen Kontakt etwas zuviel ist, dann unterbricht es den Blickkontakt. Dies ist ein Signal an sein Gegenüber, etwas langsamer und leiser zu werden oder eine Pause zu machen. Wendet das Baby dann seinen Blick von sich aus wieder zu, zeigt es, dass es sich kurzzeitig erholt hat und dass das gemeinsame Spiel noch ein bisschen weiter gehen kann. Vielleicht ist es aber auch schon so erschöpft, dass es nicht mehr weiter spielen möchte. Man kann beobachten, dass es dann zum Beispiel seine Finger oder seine ganze Hand in den Mund führt, um daran zu saugen und/oder mit den Füßchen Kontakt am Bauch oder den Oberschenkeln von Mama oder Papa sucht.

Sparsames Beruhigen

Wenn das Kind wieder anfängt zu schreien, ist es wichtig, nicht in schnellem Wechsel eine Beruhigungsmethode nach der anderen auszuprobieren, sondern bei einer Methode zu bleiben, auch wenn das Baby sich nicht gleich beruhigen kann. Bewährt hat sich auch ein abgestuftes Beruhigungsprogramm, das man langsam und in Ruhe durchführt. Damit unterstützt man das Baby, selbstberuhigendes Verhalten zu erlernen.

Beginnt das Baby zu quengeln, versucht man zuerst, es anzugucken und Blickkontakt herzustellen und wartet auf eine Reaktion. Quengelt das Baby weiter oder beginnt zu schreien, dann guckt man es an und redet mit beruhigender und monotoner Stimme auf das Baby ein. Auch wenn es scheinbar nicht gleich zum Erfolg führt, bleibt man ein paar Minuten dabei. Wenn dann doch keine Reaktion vom Kind erfolgt, dann legt man die eigene Hand auf den Bauch des Kindes und wartet darauf, ob eine Reaktion eintritt. Anschließend nimmt man seine Händchen und führt sie in die Mitte zusammen, so dass sich die Hände berühren. Man macht wieder eine Pause und wartet auf eine mögliche Reaktion des Kindes. Erfolgt diese nicht, nimmt man jetzt seine Beinchen und schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Als nächstes nimmt man das Kind auf, wartet ein wenig, dann schaukelt man es, wartet wieder. Bleibt die Reaktion des Kindes immer noch aus, dann gibt man ihm seinen Schnuller.

Wichtig daran ist das langsame, dosierte Vorgehen und das Abwarten. Das Baby braucht etwas Zeit, um sich auf das neue Angebot einzustellen. Der Unterschied zu den üblichen Versuchen der Eltern besteht darin, dass es keine kurzen und hektischen Wechsel gibt.

Für sich selber sorgen

Um sich mit dem Kind zu beschäftigen oder es gelassen zu beruhigen, muss man natürlich selbst einigermaßen ruhig sein. Das gelingt mit einem Schreibaby nicht immer ohne weiteres und ist leichter gesagt als getan. Dann stellt sich die Frage, wer diese Beschäftigung und das Beruhigen wenigstens zeitweise übernehmen kann und was man selber tun kann, um wieder ruhiger zu werden, auch wenn das Kind noch einige Zeit so weiter schreien wird. Können zum Beispiel die Oma oder Freundinnen regelmäßig kommen, so dass sich die Mutter bzw. die Eltern darauf einstellen können. Was könnte die Mutter in dieser Zeit für sich selber tun, um sich zu erholen und Kraft zu schöpfen. Oft sind es Kleinigkeiten im Alltag, die die erschöpften Eltern vermissen und die sie zum Auftanken sehr benötigen.


Wenn Eltern nicht mehr weiter können

Es gibt Situationen mit Schreibabys, in denen es Eltern nicht aus eigener Kraft gelingt, in Kontakt mit ihrem Kind zu kommen, selber ruhiger zu werden und allmählich ihr Kind doch beruhigen zu können. Dann ist es Zeit, sich nach professioneller Hilfe umzusehen.

Insbesondere dann, wenn nach dem dritten Monat keine Veränderung eintritt wenn es zu einer großen psychischen Belastung für die Eltern infolge der Erschöpfung und Hilflosigkeit wird, wenn Schwierigkeiten auch beim Füttern und Schlafen auftreten bzw. zunehmen und wenn es noch andere Belastungen wie zum Beispiel Erkrankung eines Familienangehörigen, Arbeitslosigkeit, enge Wohnverhältnisse und Ähnliches in der Familie gibt, sollte man sich unbedingt nach Hilfe außerhalb der Familie und des Freundeskreises umsehen.

Eltern sollten Hilfe suchen, wenn
  • das Schreien länger als drei Monate dauert
  • sie sich vom Schreien sehr belastet fühlen
  • das Füttern und Schlafen auch schwierig ist
  • noch andere Sorgen bestehen

Babyberatung - was passiert da?

Mittlerweile gibt es in Kinderkliniken, Erziehungsberatungsstellen, bei niedergelassenen Psychotherapeuten und ähnlichen Einrichtungen in allen größeren deutschen Städten Beratungsstellen für Eltern mit Babys und Kleinkindern. Eine Übersicht findet sich in der Internetseite der "deutschsprachigen Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit" unter www.gaimh.de (Fries 2002). Zu einer Beratung für Eltern mit einem extrem viel schreienden Baby sollte immer eine kinderärztliche Untersuchung gehören, die entweder der Hausarzt oder eigene Kinderarzt schon gemacht hat oder in der entsprechenden Einrichtung vorgenommen wird!

Die eigentliche Beratung der Eltern ist auf zwei Wegen möglich. Der eine besteht darin, dass Eltern Unterstützung erhalten, die Signale des Babys leichter erkennen und besser verstehen zu können, um ihm bei der Überwindung der Anpassungsschwierigkeiten und dem Erlernen von selbstberuhigendem Verhalten zu helfen. Hierbei werden oft kurze Videoaufnahmen vom Kind und seiner Mutter oder seinem Vater beim Windeln, beim Füttern oder beim gemeinsamen Spiel gemacht. Das mag für die Eltern ungewöhnlich sein, braucht vielleicht auch etwas Mut. Es ist aber eine sehr hilfreiche Möglichkeit der Unterstützung, um danach in Ruhe sein Baby und sich selbst aus einer neuen Perspektive zu beobachten und das "Lesen der Signale" (Barth 2000) zu üben. Die Beraterin übernimmt dabei die Rolle einer Dolmetscherin für die Signale des Kindes. Sie hilft den Eltern außerdem, ihre Beruhigungsversuche ruhiger und gezielter zu gestalten und überlegt mit ihnen, was man mit dem Baby in seinen ruhigen Wachzeiten tun könnte. Zwischen den Beratungsterminen werden die Eltern gebeten zu Hause weiter ihr Kind zu beobachten, sich mit ihm in seinen Wachzeiten zu beschäftigen und beim Beruhigen langsam und sparsam vorzugehen.

Der zweite Weg richtet sich zunächst mehr an die Eltern. Ihnen wird Gelegenheit gegeben, die bisherige schwierige Zeit mit ihrem Baby zu beschreiben und sich den Kummer von der Seele zu reden. In den Gesprächen mit einer Beraterin wird es auch um die Alltagsgestaltung mit einem Baby gehen und darum, was Eltern für sich tun können, um die nötigen Kräfte für diese Situation beizubehalten oder wiederzufinden. Manchmal müssen in diesen Gesprächen Lösungsmöglichkeiten für Belastungen, die die Familie außerdem noch zu bewältigen hat, gesucht werden. Manche Alltagsprobleme sind so groß, dass sie ein entspanntes Eingehen auf die Bedürfnisse eines viel schreienden Babys nicht zulassen. Das können aktuelle Belastungen sein, wie zum Beispiel die arbeitsbedingte Abwesenheit und damit fehlende Unterstützung des Vaters. Aber auch Belastungen aus der Vergangenheit der Eltern wie zum Beispiel unverarbeitete Trennungserfahrungen in der eigenen Kindheit können eine Rolle spielen. Gerade Sorgen aus der Vergangenheit tragen häufig dazu bei, dass gefühlsmäßige Irritationen im Kontakt zum eigenen Kind auftreten. Solche Gefühle, wie beispielsweise "mein Kind lehnt mich ab" belasten die Beziehung zu ihm zusätzlich.

In manchen Situationen schaffen solche Gespräche erst die Voraussetzungen für die Eltern, um ruhiger und gelassener auf ihr Baby eingehen zu können, so wie es beim ersten Weg beschrieben wurde.

Da das Baby dennoch nicht so lange warten kann, bis die Eltern diesen Schritt geschafft haben, bieten die meisten Beratungsstellen eine Kombination beider Wege an. Die genaue Beobachtung des Babys und die Unterstützung seiner Verhaltensregulation stehen in enger Verbindungen mit Gesprächen mit den Eltern, in denen sie Gelassenheit und neue Kräfte für das Leben mit einem Baby gewinnen können.


Literatur

Barth, R. (2000). "Baby-Lese-Stunden" für Eltern mit exzessiv schreienden Säuglingen. Das Konzept der "angeleiteten Eltern-Säuglings-Übungsstunden". In: Praxis für Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 49. 537-549.

Brazelton, T. B., Cramer, B. G. (1994). Die frühe Bindung. 2. Aufl. Stuttgart: Klett Cotta

Fries, M. (2002). Unser Baby schreit Tag und Nacht. Hilfen für erschöpfte Eltern. München, Basel. Ernst Reinhardt

Hofacker, N. v. (1998). Frühkindliche Störungen der Verhaltensregulation und der Eltern-Kind-Beziehung. Zur differentiellen Diagnostik und Therapie psychosomatischer Probleme im Säuglingsalter. In: K. v. Klitzing (Hrsg.): Psychotherapie in der frühen Kindheit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.50-71.

Wolke, D. (1994). Die Entwicklung und Behandlung von Schlafproblemen und exzessivem Schreien. In: F. Petermann (Hrsg.): Verhaltenstherapie mit Kindern. Baltmannsweiler: Röttger


Autorin

Dr. phil. Mauri Fries hat eine Tochter und ist Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Supervisorin. Schwerpunkte: Entwicklungspsychologie des Säuglings- und Kleinkindalters. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Ulm/Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie seit 2001: Entwicklung und Erprobung eines Curriculums zur Entwicklungspsychologischen Beratung für Eltern mit Babys und Säuglingen für Mitarbeiter in der Jugendhilfe. Deutsche Vorsitzende der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der frühen Kindheit (German Speaking Association for Infant Mental Health: GAIMH; Deutschland, Österreich, Schweiz).


Anschrift

Mauri Fries
Althener Str. 5
04451 Borsdorf
Email: mauri.fries@t-online.de



Letzte Änderung: 16.07.2004 08:53:32Zum Seitenanfang