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![]() Jugendliche Amokläufer, Schüler mit mehrfachen Selbstmordversuchen, Kinder, die sich nicht freuen können... "Unbeschwerte Jugend - wo bist du", fragt man sich bisweilen. Dabei wäre die Antwort so einfach. Kurze Zeit nach dem erschütternden Selbstmord eines zehnjährigen Mädchens aus der Steiermark in Österreich, gab es bereits die ersten Nachahmungstäter, erinnert sich der Kinderpsychiater Dr. Hans Andritsch aus der Sigmund-Freud-Nervenklinik in Graz. Zum Glück blieb es bei Selbstmordversuchen, meistens eine Überdosis von Medikamenten. Kinder, die selbst Hand an sich legen? Begreifen sie denn überhaupt die Tragweite dieser Aktion? "Kinder setzen sich relativ früh mit dem Tod auseinander, normalerweise geschieht das um das siebte Lebensjahr herum", erklärt Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich, Vorstand der Abteilung für Kinder - und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Wien. Ab diesem Zeitpunkt erkennt auch ein Kind, welche Konsequenzen ein Selbstmord hat. Wenn sie Tabletten schlucken und es sich danach wieder anders überlegen, ist das noch die günstigste Variante, so der Experte. In den überwiegenden Fällen planen Kinder mit Suizidgedanken ihre Tat aber minutiös genau. Mädchen bevorzugen "sanfte" Methoden wie Tabletten, Sturz aus dem Fenster oder Pulsadern aufschneiden, während Burschen eher zum Tod durch Erhängen oder Erschießen tendieren. Versteckte KonflikteIn der Pubertät sind Kinder oft "schwierig", sie beschäftigen sich besonders intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und dabei kokettieren einige schon manchmal mit der Frage: Wie wäre es, wenn ich sterbe? Friedrich: "Diese "Todessehnsucht" gehört zur Entwicklung und ist normal, solange keine verdächtigen Symptome auftreten". In höchste Alarmbereitschaft sollte es Eltern jedoch versetzen, wenn ein Familienmitglied Selbstmordgedanken äußert. "In einer Familie, wo alle miteinander normal kommunizieren, kann es dann schließlich nicht passieren, dass sich eine Schwester bei der anderen detailliert nach einer Methode, "wie man sich am schnellsten umbringt" erkundigt, und die Eltern nichts davon erfahren", stellt der Psychiater einen Zusammenhang mit dem tragischen Schicksal des zehnjährigen Selbstmordopfers her. Das beweise einmal mehr, dass hinter einer Fassade oft schwere Konflikte und emotionale Probleme in der Familie bestehen.Depressionen können in jedem Alter auftretenDepression bei einem Kind - so etwas gibt es doch gar nicht, hört man gar nicht selten, wenn von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern die Rede ist. Die Realität beweist das traurige Gegenteil: Etwa 8 Prozent aller Jugendlichen leiden unter Angststörungen und 5 Prozent unter Depressionen, die so stark sind, dass sie unbedingt behandelt werden müssen. Trotzdem nehmen noch immer zuwenig Eltern den Schweregrad psychischer Störungen bei Ihrem Kind ernst genug. Auf jeden Fall sollten aber die Alarmglocken in Richtung Depression läuten, wenn der Sprössling plötzlich nur noch schlechte Schulnoten nach Hause bringt, unter Konzentrationsstörungen leidet und Müdigkeit und Lustlosigkeit über einen längeren Zeitraum an der Tagesordnung stehen. Häufig lösen Lebenskrisen den Ausbruch der Krankheit aus. Die Familie spielt dabei eine entscheidende Rolle: Leistungsdruck, Scheidung oder Tod der Eltern, "Mobbing" in der Schule aber auch sexueller Missbrauch. Eine schlechte Schulnote oder ein Streit mit dem Vater ist dann oft nur die Spitze des Eisbergs, warnt der Experte aus Wien.Gewalt als AuslöserAls in West-Österreich ein fünfzehnjähriges Mädchen in die Psychiatrie eingeliefert wurde, standen die Ärzte zunächst vor einem Rätsel. Die Mutter hatte angegeben, dass sich das Mädchen über ein Jahr lang in seinem Zimmer derart verbarrikadiert hatte, das es den Eltern nicht gelang, Kontakt zu ihrer Tochter aufzunehmen. So wurde das Essen vor die Tür gestellt, das Mädchen ließ sich die längste Zeit nicht mehr in der Berufsschule blicken, nur nachts kam sie heraus, um ein wenig "Luft zu schnappen". Es war eigentlich nur einem Zufall zu verdanken, dass die Behörden auf das Mädchen aufmerksam wurden und sie mit einem Trick aus ihrem Versteck herausholten, worauf hin sie sofort in die Klinik gebracht wurde. Erst viel später und unter Einfluss von Medikamenten erzählte sie, dass ihr Vater sie seit ihrem sechsten Lebensjahr sexuell missbraucht habe. Sie hatte beschlossen, sich selbst wegzusperren, da sie ihn sonst umbringen müsste."Nicht immer stecken derart schlimme Gewalterlebnisse hinter einer Depression im Jugendalter", meint Prof. Friedrich. Dennoch ist die Diagnose einer seelischen Erkrankung bei jungen Menschen niemals einfach, weil jedes Kind seine Probleme auf andere Weise verarbeitet und die einzelnen Symptome je nach Alter sehr unterschiedlich sein können. Statt traurig den Kopf hängen zu lassen, reagieren ältere Kinder unter Umständen aggressiv, jüngere werden zu Angsthasen. Ein spezielles Problem besteht bei den Allerkleinsten, ein seelisches Leiden festzustellen. Kinder zwischen drei und sechs Jahren können ihre Situation noch nicht deutlich genug artikulieren, weshalb sie ihre Probleme oft als "Bauchweh" oder "Kopfweh" beschreiben und damit Eltern und Ärzte auf eine falsche Spur führen. Bleibt eine Depression unbehandelt, kann das schwere Folgen haben. Ein überwiegender Anteil aller Selbsttötungen im Kinder- und Jugendalter (übrigens die zweithäufigste Todesursache in diesem Alter nach Unfällen) steht in Zusammenhang mit einer Depression. Auch der Amokläufer begeht seine Tat nicht von heute auf morgen, sondern lebt oft jahrelang "mit einem Schatten auf der Seele". Viele Eltern übersehen, dass sie ihre Kinder mit Bildungsangeboten überfordern, ihnen auf emotionaler Ebene aber viel zu wenig geben. Dr. Andritsch berichtet aus der Praxis: die neunjährige Katja, die mit ihrer allein erziehenden Mutter lebt, erhält jede nur erdenkliche Förderung. Vom Ballett-Unterricht bis zum Französisch-Privatlehrer, alles muss sein, denn schließlich soll es Katja einmal besser haben als sie. Dafür muss Katja jedoch in der Schule fleißig sein und gute Noten haben, nur so könne sie später einmal tun was sie möchte, ist die Mutter überzeugt. In Wahrheit steckt jedoch hinter der Fassade nur emotionale Kälte. Nicht einmal umarmt die Mutter ihre Tochter, viel zu selten kommt ein Lob oder ein zärtliches Wort über die Lippen der ehrgeizigen Frau. "Am letzten Schultag, wenn es alle Kinder nach Hause zieht, sagt Katja zu ihrer Lehrerin: ich will gar nicht nach Hause zu meiner Mama, lieber laufe ich jetzt vor ein Auto". Symptome erkennenWas soll man aber nun tun, wenn man bemerkt, dass sich der Sprössling auf einmal "anders" verhält? "Vor allem Schlafstörungen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme sowie ein gestörtes Essverhalten muss bei Kindern jeder Alterstufe absolut ernst genommen werden", warnt Dr. Rosemarie Fischer von der Grazer Nervenklinik. In leichten bis mittelschweren Fällen verschreiben die Ärzte häufig Johanniskrautpräparate. Bei schweren Depressionen im Kindesalter können Antidepressiva die kleinen Patienten aus dem "schwarzen Loch" herausholen. Ergänzend werden andere therapeutische Maßnahmen wie Lichttherapie oder Entspannungsbäder eingesetzt. Und schließlich sind die Psychotherapeuten wichtige Begleiter auf dem Weg aus der Depression."Das Wichtigste ist jedoch, dass Eltern mit ihrem Kind reden", betont Prof. Friedrich, Was noch mehr von Bedeutung ist: Hören Sie ihrem Kind richtig zu! Obwohl heute so vieles ganz offen ausgesprochen wird, scheinen viele Eltern Probleme zu haben, die Dinge vor ihren Kindern beim Namen zu nennen - aus Angst "es könnte zu früh sein". Steckt ein Kind tief in Problemen, sind gute Ratschläge und Belehrungen keine Hilfe. Genauso wenig wie der Zuspruch 'Kopf hoch' oder eine leichtfertige Versicherung, dass 'alles wieder gut werden wird'. Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, dass es nicht allein ist. Fragen Sie Ihr Kind vorsichtig nach dem Grund der Traurigkeit, vielleicht in Form eines Rollenspiels, bei älteren Kindern oder Jugendlichen schafft eine entspannte Atmosphäre eine gute Voraussetzung für ein vertrautes Gespräch. Ein Kind braucht immer wieder das Gefühl: "Du bist mir nicht egal". Verlangen Sie nicht zu viel von ihrem Kind: auch ein versteckter Leistungsdruck bedeutet für Kinder einen Gradmesser für die Zuwendung der Eltern. Alarmstufe rot: eine Depression bahnt sich an
Gefahr aus dem Internet"Suizid-Foren im Internet können für psychisch labile Menschen gefährlich werden", warnt Dr. Andritsch aus Graz. Gefährlich, nicht nur weil hier im Rahmen der Anonymität über Selbstmordgedanken und "Todesquellen" diskutiert wird, oft werden ja ganz konkrete Anweisungen, wie man seinen Selbstmord professionell inszenieren kann, gegeben. "Schreib uns dein schlimmstes DepriErlebnis" heißt es in einem der zwanzig Suizidforen, die im deutschsprachigen Raum kursieren. Oder: "Ein Nachruf an Ronny, der noch bis vor kurzem bei uns war. Jetzt ist er weit weg. Wir wünschen ihm, dass es ihm nun besser geht". In einem deutschen Suizidforum hatte ein lebensmüder Siebzehnjähriger im April dieses Jahres seinen Selbstmord via Internet angekündigt und sich "verabschiedet". Das Durchschnittsalter der Forenbenutzer liegt zwischen 14 und 19 Jahren, viele surfen einfach nur aus Neugier herum, wenn aber der Kontakt zwischen den Ratsuchenden ausschließlich anonym stattfindet, und sonst kein Gesprächspartner da ist, kann das verheerende Folgen haben, so die übereinstimmende Überzeugung der Psychiater.Schlafstörungen bei Kindern gar nicht so seltenSchlafstörungen sind so etwas wie eine Volkskrankheit geworden, bedenklich ist aber, dass auch immer mehr Kinder und Jugendliche nicht einschlafen können oder immer wieder in der Nacht aufwachen. Von 332 Schulkindern im Alter zwischen 10 und 16 Jahren, haben 17,5 Prozent angegeben, praktisch jede Nacht unter Schlafstörungen zu leiden, betont der Wiener Sozialmediziner Univ.-Prof. Dr. Bernhard Schwarz. "Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein", berichtet Prof. Schwarz, " zuerst müssen allfällige Probleme mit den oberen Atemwegen ausgeschlossen werden. Bei Verdacht auf psycho-somatisch bedingte Schlafstörungen kann ein spezialisiertes Schlaflabor weiterhelfen"."Wenn Kinder unter Schlafstörungen oder Albträumen leiden, kann, wie bei vielen anderen psychischen Störungen, eine emotionale Überbelastung dahinter stecken", weiß Dr. Andritsch, "häufig stehen Trennungsängste damit in Zusammenhang. Sinnvolle Freizeitaktivitäten in Kombination mit Bewegung tragen stark dazu bei, solche Spannungen zu entladen". Auch übertriebenes Fernsehen kann bei Kindern Schlafstörungen verursachen, das ergab eine erst kürzlich abgeschlossene Studie, die den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Schlafstörungen unter die Lupe genommen hat. Das Ergebnis zeigte, dass Konzentrations- und Leistungsstörungen besonders häufig bei Kindern auftreten, die einen eigenen Fernseher im Zimmer haben. Als besonders schädlich hat sich das abendliche Fernsehen kurz vor dem Einschlafen erwiesen. Bei vielen Kindern im Grundschulalter sind schon die täglichen Fernseh-Nachrichten eine psychische Überforderung und führen zu Alpträumen. Kinder sind heute ohnehin schon viel zu stark reizüberflutet. Überraschen Sie ihr Kind doch einfach einmal mit einer Gute-Nacht-Geschichte. Ihr Sprössling wird bestimmt nicht nein sagen, auch wenn er oder sie schon längst selbst lesen kann. Autorin
Sigrun Rux, Journalistin, Fachgebiete: Medizin und Psychologie | ||
Letzte Änderung: 15.07.2004 14:09:29 |