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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Auswirkungen von Hartz IV auf die Gesundheit von Kindern

Gerda Holz Gerda Holz


Mit Inkrafttreten des vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (Hartz IV) erfolgte 2005 eine grundlegende Veränderung der sozialen Absicherung. Mit der Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu Arbeitslosengeld II für Erwerbsfähige und Sozialgeld für die Mitglieder der Bedarfsgemeinschaft der Erwerbsfähigen wurden auch die Leistungsansprüche von Familienangehörigen modifiziert. Mit Blick auf Kinder und damit Familien sind zwei Aspekte entscheidend.
  1. Zentrale Intention von Hartz IV ist die Förderung der Erwerbstätigkeit von Erwachsenen und nicht die Versorgung von Familien und Kindern. Das macht sich z.B. anhand der strengeren Begrenzung kindbezogener Zusatzansprüche deutlich.

  2. Die pauschalisierten Regelsätze sind im Endeffekt – wie schon bei der Sozialhilfe – als staatlich festgelegtes Niveau „bekämpfter Armut“ zu betrachten. Das heißt, es geht faktisch dabei auch um die Frage einer gesellschaftlichen Absicherung der Existenz von Familien und von Armutsfolgen bei Kindern. Doch die Verengung auf die Arbeitsfähigkeit des einzelnen Erwachsenen geht an dessen Lebenswirklichkeit vorbei, denn dahinter stehen mehrheitlich auch zu versorgende Familienangehörige.

Viele sind betroffen

Hierzulande gelten rund zwei Millionen Minderjährige als relativ arm nach der EU-Definition. Allein rund 1,6 Mio. beziehen aktuell das Sozialgeld. Je nach Altersgruppen und Region ist jedes vierte bis siebte Kind von Armut betroffen, dabei unterliegen die Jüngsten weiterhin dem höchsten Armutsrisiko.

Schon im Vorschulalter werden vermehrt Koordinationsstörungen, Konzentrationsstörungen, ein verzögerter Spracherwerb, Hörstörungen oder auch Verhaltensauffälligkeiten u. a. sichtbar. So belegte die AWO/ISS-Untersuchung zu Armut im Vorschulalter aus dem Jahr 1999, dass knapp 31 % der armen, aber „nur“ knapp 20 % der nicht-armen Sechsjährigen gesundheitliche Defizite haben. Arme Kinder waren weitaus häufiger in ihrer körperlichen Entwicklung vermindert und deutlich häufiger krank.

In der Wiederholungsuntersuchung 2003/04 zeigen sich gesundheitsbezogene Armutsfolgen auch bei Zehnjährigen. Knapp 26 % der armen und gut 19 % der nicht-armen Zehnjährigen zeigen gesundheitliche Defizite. Je größer der Einkommensabstand, desto größer die Unterschiede im Gesundheitszustand.

Weitere Erkenntnisse dieser ersten deutschen quantitativen Langzeitstudie

  • Die Verhältnisse, in denen ein Kind aufwächst, bestimmen das kindliche Verhalten: Neben den eingeschränkten Lebensbedingungen armer Kinder gewinnt das Gesundheitsverhalten von Eltern und Kindern im Grundschulalter an Bedeutung. Hier weisen die armen Kinder fast immer deutlich schlechtere Werte auf als die nicht-armen. Je belasteter das Leben ist, desto stärker wirkt es sich auf das Kind aus.

  • Gesundheitliche Defizite in Folge früher und andauernder Armutserfahrungen werden in Ansätzen sichtbar. Noch bestehen gute Chancen einer positiven Gegensteuerung von außen, doch das Risiko der Verfestigung steigt mit der Armutsdauer.

  • Innerhalb der Grundschulzeit scheint die gute Befindlichkeit der nicht-armen Kinder stärker abzunehmen, wobei sich ein spürbarer Leistungsdruck zu Hause und in der Schule ähnlich negativ auf das Wohlbefinden auswirkt wie Armut bei armen Kindern.

  • Gleichzeitig nehmen armuts- und geschlechterspezifische Krankheiten zu: Allergien und Hautausschläge treten mehr bei Kindern in Familien mit überdurchschnittlichem Einkommen auf. Bronchitis trifft besonders häufig arme Kinder und Migrationskinder. Asthma kommt sehr viel häufiger bei Jungen und bei Migrationskindern vor. Gewichtsprobleme (Über- und Untergewicht) betreffen mehr arme Kinder und Mädchen.

  • Die gesundheitliche Lage von (armen) Migrationskindern unterscheidet sich in der Grundschulzeit nur wenig von der der Kinder ohne Migrationshintergrund. Doch subjektiv bekunden Migrationskinder ein auffallend besseres Gesundheitsbefinden.

  • Zehnjährige haben bereits in beachtlichem Maße Erstkontakt zu Suchtmitteln. Dabei spielt das Rauchen (noch) eine größere Rolle als der Alkoholkonsum. Die armutsbedingten Unterschiede sind groß: Mädchen und Jungen mit Armutserfahrung haben wesentlich häufiger bereits Zigaretten geraucht. So gaben 27,8 % der zehnjährigen Jungen mit und 15, 6% der Jungen ohne Armutserfahrungen einen Erstkontakt an. Bei den Mädchen zeigt sich die gleiche Verteilung auf niedrigerem Niveau (18,2 % vs 7 %). Alkohol probierten bereits 17,7 % der Jungen mit und 10,3 % der Jungen ohne Armutserfahrung (Mädchen: 13,2 % bzw. 9,2 %).
Die Einzelbefunde weisen alle darauf hin, dass in der frühen und mittleren Kindheit eine Vielzahl von Risiken, damit aber auch von Ansätzen der Prävention und Gesundheitsförderung gegeben sind. Wird Armut nicht als spezifische Bedarfslage wahrgenommen, die entsprechenden Angebote von außen an die betroffenen Eltern und Kinder erfordert, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Herausbildung von Mehrfachbeeinträchtigungen mit langfristigen und lebenslangen Folgen sehr hoch. Hartz IV-Familien sind benachteiligt und stärker belastetet als andere. Sie unterliegen damit per se einem erhöhten Gesundheitsrisiko.

Fördern, die zweite Säule des Konzeptes neben dem Fordern, kann also nicht nur ausschließlich auf die Förderung der Erwerbsfähigkeit der Eltern abzielen, sondern muss die Situation der Familie insgesamt in den Blick nehmen und entsprechende Förderangebote für Eltern und Kinder machen. Für letztere sind solche Ansätze erfolgversprechend, die an ihrer Lebenswelt ansetzen, gezielt den kindbezogenen Armutsrisiken entgegen wirken, alters- und entwicklungsgemäß konzipiert sind und im Setting, z.B. in der KiTa oder Schule, realisiert werden. Es gilt das Motto „Förderung ab Schwangerschaft“ und „gezielte Begleitung durch Kindheit und Jugend“. Dazu sind die Institutionen der Arbeitsvermittlung und -betreuung allein ganz sicher nicht in Lage. Die gezielte Schaffung von Allianzen, eine ressortübergreifende Vernetzung und das interdisziplinäre Arbeiten sind die Herausforderungen der Stunde.

Quelle

Der Beitrag ist erschienen in Impulse Heft 49 vom Dezember 2005, dem Newsletter zur Gesundheitsförderung hrsg. von der Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen e.V.
http://www.gesundheit-nds.de/veroeffentlichungen/newsletterimpuse/index.htm

Abdruck mit freundlicher Genehmigung

Autorin

Gerda Holz
Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.

Adresse

Zeilweg 42
60439 Frankfurt/Main
Tel.: (0 69) 9 57 89-0,
E-Mail: Gerda Holz
Internet: www.iss-ffm.de


Letzte Änderung: 24.01.2006 16:30:56Zum Seitenanfang