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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Ess-Störungen - wo bekomme ich Hilfe?

Informations-, Beratungs- und Therapieangebote


Eva Wunderer und Andreas Schnebel

Eva Wunderer     Andreas Schnebel


Rund drei Millionen Mädchen und junge Frauen in Deutschland sind Schätzungen von Experten zufolge an Bulimie (Ess-Brech-Sucht) erkrankt, drei von hundert im Risikoalter zwischen 15 und 35 Jahren (Schnebel & Bröhm, 1996). Magersucht kommt etwas seltener vor, in dieser Altersgruppe bei schätzungsweise einem Prozent (Schnebel & Bröhm, 1996; Krüger, Reich, Buchheim & Cierpka, 2001). Hinzu kommen andere Formen gestörten Essverhaltens wie Binge-Eating (Ess-Sucht) oder Adipositas (Fettleibigkeit) sowie eine vermutlich sehr hohe Dunkelziffer. Und auch unter Männern verbreiten sich Ess-Störungen zunehmend. (Vgl. auch die Beiträge im Online-Familienhandbuch:
Wenn Essen zum Problem wird! Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen
Mein Kind ist (zu) dünn - Suppenkasper zum Essen motivieren
Wenn Töchter nichts mehr essen - Magersucht bei jungen Mädchen)

Alarmierende Zahlen, zumal die gesundheitlichen Folgen von Ess-Störungen erheblich sind: unter anderem Veränderungen im Herz-Kreislaufsystem, Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen, hormonelle Veränderungen sowie Schäden im Magen-Darm-Trakt (DHS, 1997). Bei 15-30% der an Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) Erkrankten finden sich schwerwiegende chronische Verläufe, die Suizidrate magersüchtiger Patientinnen ist 200mal höher als in der Normalbevölkerung, bei bis zu 20% der magersüchtigen Frauen endet die Ess-Störung tödlich (Jacobi, Thiel & Paul, 2000).

Ess-Störungen sind heimliche Störungen

Schnelles Handeln ist gefragt, denn je früher eine Ess-Störung erkannt und professionell therapiert wird, desto größer sind die Heilungschancen. Doch Ess-Störungen sind heimliche Störungen. Sie bleiben oft lange Zeit unbemerkt, vor allem, wenn sie nicht mit massiven Gewichtsveränderungen einhergehen. Viele Betroffene schämen sich, haben Schuldgefühle und Hemmungen, mit anderen über ihre Probleme zu sprechen, insbesondere wenn Ess-Brech-Anfälle auftreten. Jungen Männern fällt es oft noch schwerer, denn Ess-Störungen gelten nach wie vor als „Frauenkrankheit“, die ein Mann nicht hat bzw. haben darf. Und bei Magersucht sind die Betroffenen – zumindest anfangs – häufig stolz darauf, ihre Hungergefühle und ihren Körper so gut „im Griff zu haben“, sie fühlen sich gut und nicht krank.

Die Ess-Störung zur Sprache bringen

Damit eine weiterführende Beratung oder Therapie Sinn macht, muss die/der Betroffene bereit sein mitzuarbeiten und willens ihre/seine Ess-Störung zu überwinden. Das heißt aber nicht, dass Eltern, Freunde, Ärzte oder Lehrer warten müssen, bis die/der Betroffene das Problem von sich aus zur Sprache bringt. Ein Gesprächsangebot in vertrauensvoller Atmosphäre kann das Schweigen brechen. Entscheidend ist dabei zu signalisieren, dass man die/den Betroffenen ernst nimmt und die Ess-Störung nicht nur als Problem mit dem Essen sieht, sondern als Lösungsversuch für tiefer liegende Probleme, aus denen die/der Betroffene momentan keinen anderen Ausweg weiß. Ratschläge, doch „einfach wieder normal zu essen“ sind hingegen ein „rotes Tuch“ für die Betroffenen. Druck auszuüben führt in der Regel ebenfalls nicht weiter – ganz im Gegenteil. Oftmals haben Ess-Störungen mit Ablösung, Abgrenzung und Macht zu tun, und so reagieren Betroffene oft mit Trotz und Gegenwehr, wenn sie sich bevormundet und unverstanden fühlen.

Professionelle Hilfe suchen

Ess-Störungen erfordern in aller Regel eine intensive professionelle Begleitung. Daher ist es entscheidend, die oder den Betroffenen zu motivieren, sich weitergehende Unterstützung zu suchen.

Ein guter Einstieg: Information und Beratung im Internet

Betroffene und deren Angehörige können sich über Ess-Störungen und Behandlungsmöglichkeiten informieren und beraten lassen – auch anonym (z.B. www.anad.de, www.hungrig-online.de, www.anad-jugendportal.de) Zusätzlich gibt es beispielsweise unter www.anad.de einen kurzen Test, mit dem sich die Betroffenen selbst auf Ess-Störungs-Symptome prüfen können.

Das Beratungsgespräch: Herausfinden, wie es weitergeht

Weitergehende individuelle Unterstützung sowie eine erste Abklärung der Ess-Störung und ihrer Hintergründe bieten Beratungsstellen wie ANAD e.V. oder Cinderella e.V. in München sowie Fachambulanzen. ANAD e.V. (Anorexia Nervosa and Associated Disorders) wurde im Jahr 1984 gegründet und ist mittlerweile die bundesweit größte professionelle Beratungsstelle mit Hauptsitz in München und Zweigstellen in Dachau und Weilheim. ANAD e.V. richtet sich an Betroffene, Angehörige, Fachleute und Interessierte und bietet neben Informationen über Ess-Störungen diverse Beratungs- und Therapieangebote, ambulante Ernährungsberatung sowie Präventionsprojekte an Schulen.

Der erste wichtige Schritt aus der Ess-Störung ist damit getan und im Beratungsgespräch geht es vor allem darum, wie dieser Weg erfolgreich fortgesetzt werden kann:

Klinikaufenthalt, ambulante Therapie oder ein Mittelweg?

Ist der körperliche Zustand der bzw. des Betroffenen sehr schlecht oder treten weitere psychiatrische Störungsbilder auf, empfiehlt sich eine stationäre Therapie. Adressen und Informationen über verschiedene Kliniken und deren spezifische Angebote erhalten Betroffene ebenfalls von Beratungsstellen. Vorteil einer solchen Spezialklinik: Die Betroffenen werden intensiv therapeutisch und gegebenenfalls auch medizinisch betreut, es steht ein breites Angebot an Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, das oftmals z.B. auch Ernährungsberatung, Kunst- und Bewegungstherapie umfasst. Stationäre Einrichtungen bieten zudem eine Art „Auszeit“ vom Alltag, einen Abstand vom gewohnten Umfeld, das nicht selten an der Entstehung und/oder Aufrechterhaltung der Ess-Störung beteiligt ist. Die räumliche Trennung kann zudem ein erster Schritt in Richtung Abgrenzung und Ablösung vom Elternhaus sein.

Doch gerade im Anschluss an eine solche „Klinik-Auszeit“ gestaltet sich die Rückkehr ins „normale Leben“ oft schwierig, eine ambulante Therapie reicht zum Teil nicht aus, um die erzielten Erfolge aufrechtzuerhalten. Daher wurden 1994 die intensivtherapeutischen Wohngruppen pathways (www.anad-pathways.de) in München durch den Träger ANAD e.V. ins Leben gerufen – gleichsam als Brückenschlag zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Mädchen und junge Frauen mit Ess-Störungen (Anorexie, Bulimie, Binge Eating und andere Formen psychisch bedingten Übergewichts) leben sechs Monate lang mit Gleichaltrigen in einer Wohngemeinschaft in der Münchner Innenstadt und bleiben im schulischen bzw. beruflichen Alltag integriert. Sie werden rund um die Uhr von einem interdisziplinären Team intensiv begleitet, das aus einer Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie als ärztlicher Leitung, approbierten Diplom-PsychologInnen, Diplom-SozialpädagogInnen und Ernährungstherapeutinnen (Diplom-Oecotrophologinnen/ Diätassistentinnen) besteht.

Wenn die Ess-Störung erst vor kurzem begonnen hat und nicht allzu stark ausgeprägt ist, bietet sich eine ambulante Therapie an. Eine solche ist oft auch im Anschluss an einen Aufenthalt in einer Klinik ratsam, um die oder den Betroffenen zu begleiten und zu unterstützen und im Alltag aufkommende Probleme oder auch Rückfälle besprechen und bearbeiten zu können.

Psychoanalyse, Verhaltenstherapie, Körpertherapie, Familientherapie?

Die deutschen Krankenkassen bezahlen in der Regel lediglich zwei Therapieformen: die Verhaltenstherapie und die psychoanalytische/tiefenpsychologische Psychotherapie bei Psychotherapeuten/innen mit Kassenzulassung. Daneben kommen in der Behandlung von Ess-Störungen jedoch viele weitere Therapieformen zum Einsatz, wie Familientherapie, Körpertherapie, Kunsttherapie, Musik-, Tanz- oder Bewegungstherapie.

Die psychoanalytische oder tiefenpsychologische Therapie ist in aller Regel sehr viel zeitaufwendiger als eine Verhaltenstherapie. Sie führt zumeist weit und ausführlich in die Vergangenheit zurück, in die Träume, ins Unbewusste. Ziel ist es den Patienten zu helfen, traumatische Ereignisse in der Vergangenheit aufzudecken, die inneren Konflikte, die sich aus diesen ergeben, zu lösen oder beizulegen sowie die unterbrochene persönliche Entwicklung wieder aufzunehmen. Die Psychoanalyse legt großen Wert auf die Beziehung zwischen Therapeut/in und Patient/in und deren heilende Wirkung.
Die Verhaltenstherapie geht davon aus, dass wir alle durch bestimmte (Lern-) Erfahrungen und Situationen geprägt wurden, die unser Verhalten maßgeblich beeinflussen. Ausgehend davon beschäftigt sich diese Therapieform in erster Linie mit dem aktuellen Verhalten der/des Betroffenen. Am Anfang der Therapie steht eine Diagnosephase, das heißt, Therapeut/in und Patient/in versuchen herauszufinden, in welchen Bereichen die größten Probleme liegen. Daraufhin werden kurz-, mittel und langfristige Ziele gesetzt. Ein typisches kurzfristiges Ziel zu Beginn der Therapie könnte beispielsweise sein, die Zahl der Essanfälle zu reduzieren. Gemeinsam wird besprochen, wie die zum Teil sehr festgefahrenen Verhaltensmuster geändert werden können, und wie mit problematischen Situationen anders umgegangen werden kann. Nach einer Stabilisierung des psychischen und körperlichen Zustands können darauf aufbauend die Hintergründe der Ess-Störung bearbeitet werden.

Körpertherapeuten nehmen an, dass nicht alles über die Sprache ausgedrückt werden kann. Durch bestimmte Atemtechniken oder gezielte Bewegungsabläufe nehmen die Patienten zunächst einzelne Körperteile wieder bewusst wahr. Sie können deutlich Verspannungen spüren, Sympathien und Abneigungen erkennen. In dieser Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper kann an die Oberfläche gelangen, was vorher verdrängt wurde. Bei Ess-Störungen sollte eine Körpertherapie immer in Kombination mit einer Gesprächstherapie stattfinden, um aufkommende Gefühle und Schwierigkeiten besprechen zu können.

Häufig werden Elemente der Tanz- und Bewegungstherapie begleitend eingesetzt, zum Beispiel in Kliniken und teilstationären Therapien. In spielerischer Form lernen die Betroffenen dort, mit dem eigenen Körper, der ihnen oft fremd oder verhasst ist, wieder in Kontakt zu kommen, den Körper wieder positiver zu erfahren. Besonders junge Frauen können im Tanz innere Blockaden überwinden und wieder Spaß an ihrem Körper finden.

Eine Familientherapie oder systemische Therapie beschäftigt sich – wie der Name schon sagt – mit dem (Familien-)System und bezieht alle Personen ein, die mit dem Problem zu tun haben. Denn eine Ess-Störung lässt Eltern und Geschwister nicht unberührt, und wie die anderen Familienmitglieder reagieren, kann wiederum dazu beitragen, dass sich das Essverhalten normalisiert oder aber die Ess-Störung verschlimmert. Gearbeitet wird an den Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und an den Stärken und Kompetenzen der Familie, die helfen können, Probleme in Zukunft konstruktiv zu lösen und nicht über eine Ess-Störung. Sinnvoll ist eine Familientherapie bei jungen Betroffenen, die noch zuhause bei den Eltern leben und zudem immer dann, wenn Strukturen und Beziehungen in der Familie zur Entstehung oder Aufrechterhaltung der Ess-Störung beitragen.

Abwarten kann tödlich sein

Kliniken und auch Psychotherapeuten haben bisweilen lange Wartezeiten. Lassen Sie sich dadurch nicht abschrecken, denn – wie gesagt – schnelles Eingreifen verbessert die Heilungschancen erheblich. Suchen Sie als Eltern und Angehörige Informationen und Gespräche und verlassen Sie sich nicht auf Aussagen der Betroffenen, es auch alleine zu schaffen. Ess-Störungen sind lebensbedrohlich.

Literatur

BZgA Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.) (2000). Essstörungen. Leitfaden für Eltern, Angehörige, Partner, Freunde, Lehrer und Kollegen. Köln.

DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V.) (Hrsg.) (1997). Ess-Störungen. Eine Information für Ärztinnen und Ärzte. Bergisch Gladbach: Media Print.

Jacobi, C., Thiel, A. & Paul, T. (2000). Kognitive Verhaltenstherapie bei Anorexia und Bulimia nervosa. Weinheim: BeltzPVU.

Krüger, C., Reich, G., Buchheim, P. & Cierpka, M. (2001). Ess-Störungen und Adipositas: Epidemiologie – Diagnostik – Verläufe. In G. Reich & M. Cierpka (2001). Psychotherapie der Essstörungen, S. 24-42. Stuttgart: Thieme.

Munsch, S. (2003). Binge Eating. Kognitive Verhaltenstherapie bei Essanfällen. Weinheim: Beltz PVU.

Schnebel, A. & Bröhm, P. (1996). Sprechstunde Bulimie. München: Gräfe und Unzer.

Schweiger, U., Peters, A. & Sipos, V. (2003). Essstörungen. Stuttgart: Thieme.

Sipos V. & Schweiger, U. (2003). Psychologische Therapie von Essstörungen. Lengerich: Pabst.

Wunderer, E., Schnebel, A. & Müller, E. (2004). Pathways – intensivtherapeutische Wohngruppen für Jugendliche und junge Erwachsene mit Essstörungen mit verhaltenstherapeutisch-integrativem Schwerpunkt. Psychotherapie im Dialog 5(1), S. 63-66.


Autoren

Dr. phil. Eva Wunderer, Diplompsychologin, systemische Paar- und Familientherapeutin (DGSF), Leitung Wissenschaft bei ANAD e.V.-pathways

Andreas Schnebel, Diplompsychologe, Mitbegründer von Cinderella e.V. und ANAD e.V., beteiligt am Aufbau der Ess-Störungs-Station der Klinik Roseneck in Prien, therapeutischer Leiter der pathways-Wohngruppen, in freier verhaltenstherapeutischer Praxis in München





Letzte Änderung: 10.05.2005 09:38:47Zum Seitenanfang