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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Psychosomatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Jan Gerrit Behrens und Carola Bindt


Körperliche Reaktionen auf seelische Belastungen kennt jeder. Ein mulmiges Gefühl im Bauch, Herzklopfen, schweißnasse Hände, Harndrang oder der berühmte Kloß im Hals sind Phänomene, die wohl jeder in psychisch anstrengenden Situationen schon an sich beobachten konnte. Sie sind Teil der normalen menschlichen Reaktionen und gehören in den Zusammenhang entwicklungsgeschichtlich alter Verhaltensmuster, die dem Menschen das Überleben in einer sich verändernden und manchmal bedrohlichen Umwelt ermöglicht haben. Diese "normalen" Reaktionsweisen, die sich auch in Formulierungen wie z.B. "das schlägt mir auf den Magen", "da bleibt mir die Luft weg" etc. niederschlagen, treten schon bei Kindern und Jugendlichen auf. Sie haben für sich genommen keinen Krankheitswert, wenn sie nur vereinzelt auftreten und nicht einschränkend sind. Sie können aber helfen zu verstehen, wie sich seelische ("Psyche"= altgriechisch für Seele) Vorgänge auf den Körper (altgriech. "Soma") auswirken können, was meist unbewusst geschieht und kaum zu beeinflussen ist.

Die Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters ist ein umfangreiches Gebiet, das für die Kinderheilkunde und die Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie eine hohe Bedeutung hat, weil körperliche und seelische Vorgänge eng zusammenhängen. In dem begrenzten Umfang dieser Übersicht zum Thema kann auf einzelne Krankheitsbilder, ihre Entstehung und Behandlung nur orientierend eingegangen werden. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird zu einigen Stichworten auf weitere Informationen an anderen Stellen des Online-Familienhandbuchs verwiesen.

Was bedeutet "psychosomatisch"?

Die Psychosomatik als Teilgebiet der Medizin beschäftigt sich mit den psychologischen, biologischen und sozialen Bedingungen von Erkrankungen. Wie oben anhand der altgriechischen Übersetzung gezeigt, bedeutet "psychosomatisch" nichts anderes als die Äußerung eigentlich seelischer (psychischer) Zustände, Beschwerden, Belastungen, Probleme oder auch schwerwiegender psychischer Krankheiten durch körperliche (somatische) Beschwerden.

Aber der Weg von der Seele zum Körper funktioniert auch in der anderen Richtung: Körperliche Krankheiten haben Auswirkungen auf die Psyche des Menschen. Durch die Einschränkungen, die sie mit sich bringen, können akute, besonders aber chronische Erkrankungen sogar zu einer krankheitswertigen psychischen Belastung werden, das Verhalten langfristig verändern und Einfluss auf die Sichtweise der eigenen und anderer Personen nehmen.

Wie entstehen psychosomatische Störungen?

Die genaue Entstehung, Entwicklung und Aufrechterhaltung psychosomatischer Störungsbilder ist höchst kompliziert und nicht bis ins letzte Detail geklärt. Es existieren unterschiedliche Modellvorstellungen hierzu. Zusammenfassend wird von einer "bio-psycho-sozialen" Entstehung ausgegangen. Das bedeutet, dass es bestimmte biologische Ursachen gibt (z.B. genetisch programmiert oder durch frühe Hirnschädigung bedingt), die zu einer erhöhten Empfindlichkeit und Anfälligkeit für psychische und psychosomatische Störungen führen. Spätere Lebensereignisse und Erfahrungen können vor dem Hintergrund solcher vermehrter Verletzlichkeit zur seelischen Überlastung und somit dazu führen, dass psychische oder psychosomatische Beschwerden auftauchen. Das soziale und das emotionale Umfeld, also die Lebensbedingungen, unter denen jemand aufwächst, spielen hier eine weitere wichtige Rolle. So ist z.B. ein Kind, dass in Armut aufwächst, im Vergleich zu anderen Kindern häufig vermehrt stressreichen, also psychisch belastenden Situationen ausgesetzt und gefährdeter, was die Entwicklung psychischer Störungen und psychosomatischer Probleme angeht.

Solche Probleme sind jedoch in allen Gesellschaftsschichten zu finden und nicht nur in sozialen Randgruppen. Beispiele für häufigere "Auslöser" psychosomatischer Beschwerden im Kindes- und Jugendalter sind
  • Partnerschaftskonflikte bzw. Trennung der Eltern,
  • lange Trennungen von der Hauptbezugsperson in der frühen Kindheit,
  • Probleme in Kindergarten/Schule,
  • Konflikte zwischen Eltern und Kind,
  • aggressiver oder sexueller Missbrauch,
  • psychische/psychiatrische Störungen der Mutter/ des Vaters,
  • schwere körperliche Erkrankungen eines Elternteils,
  • chronisch kranke Geschwister sowie
  • Überforderung/Überlastung allein erziehender Eltern.
In manchen Fällen ist ein direkter äußerer Auslöser oder Grund für die Symptomatik nicht offensichtlich. Hier können verdrängte Phantasien, Befürchtungen und Wünsche des Kindes oder Jugendlichen Ursache sein, die dem Bewusstsein nicht ohne weiteres zugänglich sind. Solche innerseelischen Prozesse sind auch für aufmerksame Eltern oft nicht erkennbar.

Der Umgang des betroffenen Kindes/ Jugendlichen, aber besonders auch seiner Familie mit der psychosomatischen Symptomatik hat erhebliche Auswirkungen auf den Verlauf und die Aufrechterhaltung der Störung.

Viele, zum Teil sehr unterschiedliche und individuelle Einflüsse spielen in ihrem Zusammenspiel bei der Entstehung psychosomatischer Symptome eine Rolle. Dies erklärt, warum bestimmte Ereignisse bei einigen Kindern und Jugendlichen zur Symptombildung führen, bei anderen dagegen nicht.

Wie häufig sind psychosomatische Symptome bei Kindern und Jugendlichen?

Psychosomatische Symptome bei Kindern und Jugendlichen sind häufig. Vom Grundschulalter bis zum achtzehnten Lebensjahr bestand nach einer deutschen Studie (Ihle et al., 2000) bei 5,2% der untersuchten Kinder und Jugendlichen zu irgendeinem Zeitpunkt eine psychosomatische Störung. Mädchen waren mit 8,9% erheblich häufiger davon betroffen. Essstörungen sind derselben Studie nach in 1,7% der Fälle aufgetreten. In einer anderen Studie (Essau et al., 2000), die an Bremer Jugendlichen durchgeführt wurde, konnte bei 13% eine somatoforme Störung festgestellt werden. Bei diesem klassisch psychosomatischen Krankheitsbild werden körperliche Symptome beschrieben, die durch eine körperliche Erkrankung (oder eine andere psychische Störung) nicht vollständig erklärt werden können. Die häufigsten angegebenen Symptome waren Kopfschmerzen, das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben, und Bauchschmerzen.

Worin unterscheiden sich psychosomatische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen von denen Erwachsener?

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, weder körperlich noch psychisch. Ihre geistigen, sozialen und emotionalen Fähigkeiten befinden sich in der Entwicklung, welche mitunter sehr schnell verläuft. Eine auftretende Symptomatik muss vor dem Hintergrund des momentanen Entwicklungsstadiums bewertet werden. Für die Prognose und Behandlung der Störung hat der Entwicklungsaspekt ebenfalls hohe Bedeutung.

Was für ein einzelnes Kind psychisch belastend und eventuell so überfordernd ist, dass es zur psychosomatischen Symptombildung kommt, ist zu einem großen Teil vom Alter, dem Entwicklungsstand und der oben beschriebenen individuellen Verwundbarkeit (Vulnerabilität) abhängig. Während beispielsweise die längere Trennung von der Hauptbezugsperson für ein Kleinkind sehr belastend ist, kann sie von einer Jugendlichen meist ohne weiteres verkraftet werden.

Die Entwicklung spielt aber nicht nur bei der Entstehung seelischer Belastungen eine Rolle, sondern auch bei der Art des Umgangs, bei der "Verarbeitung" belastender Situationen. Besonders problematisch ist es, wenn Kinder oder Jugendliche sich aufgrund ihrer psychischen/ psychosomatischen Störungen nicht altersgemäß weiter entwickeln können. Sie können dann den besonderen Herausforderungen ihrer Altersstufe - den Entwicklungsaufgaben - nicht oder nur teilweise nachkommen. Ein Beispiel ist die Schulangst eines Kindes, die sich in Form von morgendlichen Bauchschmerzen äußert und dazu führt, dass das Kind den sozialen Anschluss an die Klassengemeinschaft und an den Lernstoff verliert, was weit reichende Konsequenzen haben kann.

Eltern und Familie sind zentral bedeutsam in der frühen Kindheit. Je älter die Kinder werden, desto mehr gewinnen auch Personen außerhalb der Familie an Bedeutung. Die enorme Wichtigkeit von Eltern und Familie bezüglich der Entwicklung und dem Verlauf psychosomatischer/ psychischer Störungen hat zwei Seiten: Zum einen können Eltern ihren Kindern helfen, psychisch belastende Situationen und Erfahrungen angemessen zu verarbeiten, zum anderen können sie mit ihrem Verhalten selbst die Entstehung von Störungen fördern oder auch aufgrund eigener Belastung und Überforderung eingeschränkt sein in ihren Möglichkeiten, dem Kind beizustehen. Die Eltern können also "heilend" wirken, aber auch - in der Regel ungewollt und unbeabsichtigt - die Entstehung bzw. die Aufrechterhaltung von psychischen Störungen fördern.

Wie erkennt man psychosomatische Krankheitsbilder?

Eine organische Ursache für die Beschwerden des Kindes oder Jugendlichen muss zunächst durch einen Kinderarzt/ eine Kinderärztin ausgeschlossen sein. Wenn die Betroffenen durch ihre psychosomatischen Symptome in ihrer gesunden Entwicklung beeinträchtigt werden und/oder sie selbst oder ihre Familie unter den Symptomen leiden, sollte eine professionelle Untersuchung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater/ -psychotherapeuten in Kooperation mit dem Kinderarzt erfolgen. Die genaue Einschätzung des Krankheitsbildes und seiner Ursachen führt zur Entwicklung eines Behandlungskonzepts.

Eine ausführliche professionelle Diagnostik ist auch deshalb wichtig, weil sich hinter den körperlichen psychosomatischen Beschwerden auch Erkrankungen wie Angststörungen, Zwangsstörungen, Depressionen o. a. verbergen können. Im Online-Familienhandbuch finden Sie weitere Informationen zu Depressionen im Kindes- und Jugendalter.

Häufige psychosomatische Krankheitsbilder in Kindheit und Jugend

Psychosomatisch bedingte Störungen tauchen in allen Altersstufen auf. Alle aufgeführten Krankheitsbilder haben ihre Ursachen zu unterschiedlichen Anteilen im biologischen, soziokulturellen, familiären und im individuellen psychischen Bereich. Da es sich um komplexe Störungen handelt, kann hier nur stichwortartig auf einige wenige Charakteristika der Hauptbeschwerden eingegangen werden. Alle Störungsbilder sollten bei entsprechender Ausprägung in Kooperation mit einem Kinderarzt zur Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendpsychiater/ -psychotherapeuten führen.

Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen des Säuglings- und Kleinkindalters

Diese so genannten "Regulationsstörungen" der frühen Kindheit stellen eine hohe Belastung für die betroffenen Familien dar. Ursache der Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen ist meistens eine Kombination aus elterlichen und kindlichen Anpassungsschwierigkeiten in einer Zeit rasant fortschreitender Entwicklung. Zu der Symptombelastung von Eltern und Kind kommen seitens der Eltern häufig Angst, Wut oder auch Schuldgefühle erschwerend hinzu.
  • Fütterstörungen gehen oft mit Gedeihstörungen einher, beunruhigen die Eltern extrem und bedürfen gerade in den ersten Monaten des Lebens schnell professioneller Beratung und Hilfe. Sie können ebenso wie die anderen hier vorgestellten Störungsbilder ganz unterschiedliche Ursachen haben.
  • Ein- und Durchschlafstörungen finden sich bei Säuglingen und Kleinkindern häufiger als bei älteren Kindern. Säuglinge z.B. erwachen auch normalerweise nachts häufiger und haben noch unausgebildete Fähigkeiten, sich selbst zu beruhigen und wieder in den Schlaf zu finden. Mit zunehmendem Alter können Durchschlafstörungen auch Ausdruck von kindlichen oder elterlichen Trennungsproblemen oder einer Angst- oder depressiven Störung seitens der Eltern sein. Vorübergehende Ein- oder Durchschlafprobleme treten auch normalerweise im Entwicklungsverlauf auf. Wenn diese jedoch ein erhebliches Ausmaß annehmen oder über einige Monate hinweg bestehen, empfiehlt sich eine weitergehende Untersuchung.
  • Die Problematik der "Schreibabys", eines sehr belastenden Problems der frühen Kindheit, wird an anderer Stelle des Familienhandbuchs ausführlich beschrieben.

Einnässen (Enuresis)

Das Hauptsymptom von Enuresis ist das meist nächtliche, mehrmals wöchentlich auftretende und nicht beabsichtigte Wasserlassen, wenn dieses ohne organische Ursache über das fünfte Lebensjahr hinaus besteht Im Alter von fünf Jahren nässen noch 13% der Kinder ein, bei 18-Jährigen sind es noch 2%. Manche Kinder nässen wieder ein, nachdem sie schon über mehrere Monate oder Jahre trocken gewesen sind. Hier bestehen häufiger psychische Probleme, die weitergehend untersucht werden sollten. Das Symptom des Einnässens kann mit verhaltenstherapeutischen Methoden meist sehr erfolgreich behandelt werden; manchmal werden zeitweise auch Medikamente eingesetzt.

Einkoten (Enkopresis)

Hauptsymptom ist das Einkoten eines Kindes, das eigentlich über Schließmuskelkontrolle verfügt. Das Einkoten kann unterschiedlich schwer ausgeprägt sein. Es tritt meist tagsüber auf und ist häufiger bei Jungen als bei Mädchen zu finden, insgesamt z.B. bei 1,5% aller 7- bis 8-jährigen Kinder. Die betroffenen Kinder und ihre Familien sind durch die Symptomatik oft sehr belastet. Bei ca. der Hälfte der einkotenden Kinder besteht zusätzlich eine seelische Störung, die ebenso wie mögliche organische Ursachen des Einkotens genau abgeklärt werden muss. Weitere Informationen des Online-Familienhandbuchs zum Thema Einkoten finden Sie hier.

Tic-Störungen

Ein Tic ist eine unwillkürliche, rasche, wiederholte Muskelbewegung (z.B. Blinzeln, Grimassieren, Schulterzucken, Springen) oder akustische Äußerung (z.B. Räuspern, Tierlaute, Wortwiederholungen), die plötzlich einsetzt und keinen nachvollziehbaren Zweck hat. 5-15% aller Kinder entwickeln, meist im Alter von 4 bis 8 Jahren, zumindest einmal einen vorübergehenden, meist motorischen Tic. Tics treten familiär gehäuft auf und sind bei Jungen häufiger. Die Symptomatik kann auch als unerwünschte Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten auftreten. Eine genaue diagnostische Abklärung von stärkeren oder länger als einige Wochen bestehenden Tics ist notwendig. In seltenen Fällen entwickelt sich aus einer Tic-Störung das Tourette-Syndrom, eine komplexe, oft dauerhafte Tic-Störung.

Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Die Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung eine häufig diagnostizierte Erkrankung. Als Ursache wird eine Störung des Botenstoff-Haushaltes im Gehirn angenommen; andere, meist familiäre Einflussfaktoren spielen aber ebenfalls eine große Rolle. Häufig bestehen bei Kindern mit ADHS auch psychosomatische Beschwerden wie z.B. Kopf- oder Bauchschmerzen. Ob diese möglicherweise gemeinsam mit der Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitätsstörung eine gemeinsame psychische Ursache haben oder aber Folge der ADHS und den daraus entstehenden Spannungen und Probleme sind, muss im Einzelfall entschieden werden. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung sollte von einem Kinder- und Jugendpsychiater/ -psychotherapeuten diagnostiziert und behandelt werden. Die Behandlung ist meist eine Kombination aus medikamentöser Therapie, verhaltenstherapeutischen Elementen und einer fortgesetzten, gründlichen Elternberatung. Weitere Informationen zum ADHS finden Sie im Online-Familienhandbuch u.a. hier.

Essstörungen

Die Essstörungen sind ein sehr verbreitetes Problem in westlichen Industriegesellschaften. Zu ihnen zählen
  • Übergewicht (Adipositas),
  • Magersucht (Anorexie) und
  • Ess-Brech-Sucht (Bulimie).
Von krankhaftem Übergewicht (Adipositas) spricht man, wenn der Body-Mass-Index (Quotient aus Körpergewicht in kg und Körpergröße in m zum Quadrat) über 30 liegt. Knapp 20% der Kinder und Jugendlichen in Westeuropa sind übergewichtig, Ursache ist in fast allen Fällen das übermäßige Essen aus Gewohnheit und mangelnde körperliche Aktivität. Manchmal führen auch psychische Belastungen zum übermäßigen Essen ("Frustessen"). In der Folge kommt es durch das Übergewicht häufig zu Hänseleien in der Schule und zu erniedrigtem Selbstwertgefühl, was wiederum zu Essanfällen führen kann. Psychische Ursachen und Mechanismen des Übergewichts müssen beachtet werden, da diätetische Maßnahmen zur Gewichtsreduktion sonst nur kurzzeitig erfolgreich sein können.

An der Magersucht (Anorexie) sind bis zu 1% der Jugendlichen erkrankt. Mädchen sind zehnmal häufiger als Jungen betroffen. In Risikogruppen wie Models oder Balletttänzerinnen steigt die Erkrankungsrate erheblich an. Die übertriebene Furcht vor Gewichtszunahme führt zu einem Gewicht, welches mindestens 15% unter der Norm oder unterhalb des Body-Mass-Index (Quotient aus Körpergewicht in kg und Körpergröße in m zum Quadrat) von 17,5 liegt. Der Körper wird von den Betroffenen selbst nicht als zu dünn empfunden, und eine Gewichtszunahme wird durch diätetische Maßnahmen, häufige körperliche Aktivität und manchmal auch willentliches Erbrechen oder durch Medikamentenmissbrauch verhindert. Bei jugendlichen Mädchen kommt es in der Folge häufig zum Ausbleiben der Regelblutung.

Die intensive Beschäftigung der Betroffenen mit Essen und Gewicht führt häufig zum sozialen Rückzug, zum Verlust früherer Interessen und auch darüber zu einer Entwicklungsgefährdung. Lebensbedrohliche Zustände durch den erheblichen Gewichtsverlust, aber auch durch begleitende Depressionen mit Selbstmordgefährdung sind möglich. 20-60% der Betroffenen haben zusätzlich psychiatrische Leiden wie Depressionen, Angst- oder Zwangserkrankungen. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik ist unumgänglich; die Behandlung kann in schweren Fällen nur stationär erfolgen. Weitere Informationen zu der Problematik finden Sie im Online-Familienhandbuch z.B. hier.

Die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) kann mit Normalgewicht, aber auch mit Unter- und Übergewicht einhergehen und unterscheidet sich von der Magersucht (Anorexie) unter anderem dadurch, dass die Betroffenen ihrer Angst vor dem Dicksein nicht allein mit diätetischen Mitteln oder Bewegung begegnen, sondern auch mit willentlichem Erbrechen - häufig nach Essanfällen, bei denen große Mengen an Nahrung verschlungen werden. Das übermäßige Essen und nachfolgende Erbrechen erfolgen fast immer heimlich und sind meistens von erheblichen Scham- und Schuldgefühlen begleitet. Dies kann bei hoher Frequenz zu gravierenden Einschränkungen auch der körperlichen Gesundheit führen. An dieser Essstörung ist ca. 1% der Jugendlichen erkrankt, Mädchen häufiger als Jungen. Auch bei der Bulimie gibt es häufig zusätzlich bestehende psychiatrische Erkrankungen, und eine professionelle Diagnostik und Therapie der Störung ist in jedem Fall notwendig.

Ausfälle von Sinneswahrnehmungen (dissoziative Störungen) und psychogene Schmerzstörung

Vorwiegend seelisch bedingte Störungen mit körperlicher Symptomatik können grundsätzlich alle willkürlich und unwillkürlich steuerbaren Muskelgruppen des Körpers und auch alle Sinneswahrnehmungen betreffen. Die Betroffenen richten typischerweise ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf ihre körperliche Befindlichkeit und nehmen vorhandene psychosoziale Belastungen demgegenüber nur wenig wahr. Körperliche Befindlichkeitsstörungen und Symptome haben in diesem Kontext häufig die Funktion der Entlastung von der Auseinandersetzung mit einer psychisch schwierigen Situation.

Ganz konkret kann es - vermittelt über seelische Spannungszustände - durch Veränderungen in den Reaktionen des vegetativen Nervensystems, welches u.a. die unbewussten Funktionen des Körpers wie Atmung, Verdauung, Körpertemperatur und Blutversorgung der Organe reguliert, zu Funktionsstörungen in folgenden Bereichen kommen:
  • Herz-Kreislauf-System,
  • Hals- und Magenbereich,
  • Darm,
  • Atemwegsbereich und
  • Urogenitalbereich.
Bedingt durch meist verborgene psychische Probleme kann es auch zum Erleben von Ausfallserscheinungen bezüglich des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens oder des Tast- oder Schmerzempfindens kommen. Auch motorische Ausfälle, die sich z.B. in Form von Lähmungen und/oder Gangauffälligkeiten zeigen, treten auf. Epileptischen Anfällen ähnelnde, so genannte "Psychogene Anfälle" sind ebenfalls bekannt.

Bei diesen Krankheitsbildern, die mit einer oft sehr beunruhigenden körperlichen Symptomatik einhergehen, ist es besonders wichtig, dass nach Ausschluss maßgeblicher organischer Verursachung der Beschwerden eine genaue Diagnostik psychischer Ursachen durchgeführt wird. Die psychische Bedingtheit der Symptome sollte eindeutig benannt und vertreten und die Störung einer entsprechenden Behandlung zugeführt werden. Kinder und Jugendliche, die mittels Körpersymptomen auf psychosoziale Belastungen reagieren, neigen nämlich unbehandelt dazu, dieses Reaktionsmuster beizubehalten und zu "chronischen Patienten" zu werden.

Hypochondrie und Dysmorphophobie

Auch Kinder und Jugendliche können unter einer schwerwiegenden, rational nicht begründeten und kaum korrigierbaren Angst vor möglichen, meist gravierenden Erkrankungen wie z.B. Krebs oder Aids leiden (Hypochondrie) oder auch an der überwertigen Vorstellung, sie seien besonders hässlich und unattraktiv, z.B. wegen einer zu großen Nase, einer Akne oder einem zu kleinen Busen (Dysmorphophobie). Solche Ängste und Befürchtungen können das Lebensgefühl und die Alltagsbewältigung erheblich beeinträchtigen und sind durch elterlichen oder kinderärztlichen Zuspruch meist nicht längerfristig zu beruhigen. Die Ursachen für solche Störungen sind divers und in der Regel nur mit kinder- und jugendpsychiatrischer Hilfe zu klären.

Psychische Störungen bei körperlichen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

Körperliche chronische Erkrankungen wie z.B. Asthma oder Neurodermitis haben meistens eine "psychische Komponente". Das bedeutet, dass psychische Anspannung und Stress zu einer Zunahme der Symptome der körperlichen Erkrankung führen können. Dieser seelische Anteil an der Erkrankung ist individuell unterschiedlich ausgeprägt. Im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen kann es auch zu Verhaltensauffälligkeiten oder deutlich vermehrten Auseinandersetzungen mit den Eltern kommen. Die Frage nach der Verantwortung für die regelmäßige Medikamenteneinnahme oder Diät ist z.B. ein bekanntes und häufiges Streitthema zwischen chronisch kranken Jugendlichen und ihren Eltern. Die "Sonderrolle" des chronisch kranken Bruders oder der Schwester kann aber auch für Geschwisterkinder zum Problem werden und bei diesen zu psychischen Auffälligkeiten führen.

Wie werden psychosomatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen behandelt?

Die Art der Behandlung psychosomatischer Krankheiten und Störungen ist in hohem Maß individuell angelegt. Sie sollte neben Ausprägung und Schweregrad der psychosomatischen Symptomatik und deren Ursache den Entwicklungsstand des Kindes/ Jugendlichen, seine persönliche Lebenssituation und die der Familie einbeziehen. Eventuell zusätzlich bestehende psychische Störungen oder Auffälligkeiten des Kindes bzw. Jugendlichen, aber auch der Eltern werden bei der Entwicklung eines Behandlungskonzeptes besonders berücksichtigt.

Die Eltern werden in die Diagnostik und Behandlung psychosomatischer und psychischer Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter üblicherweise intensiv einbezogen, da sie einen wichtigen Bestandteil des Lebensrahmens bilden und ihre Beteiligung für den Behandlungserfolg mitentscheidend ist.

Mögliche Formen der Behandlung bestehen in der Elternberatung sowie einer kinder- und jugendpsychotherapeutischen oder -psychiatrischen Therapie unter Einbeziehung der Eltern und manchmal auch der Geschwister. In einigen Fällen ist auch eine medikamentöse Behandlung notwendig. Meistens kann die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ambulant, d.h. ohne Krankenhausaufenthalt erfolgen. Bei besonders schweren Fällen, insbesondere bei einer weitreichenden Gefährdung der emotionalen Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen, gravierender körperlicher Beeinträchtigung oder zusätzlichen körperlichen Grunderkrankungen ist ein stationärer Aufenthalt in der psychosomatischen oder kinder- und jugendpsychiatrischen Fachabteilung eines Krankenhauses jedoch Therapie der Wahl.

Die bedeutsamste Behandlungsmethode psychosomatischer Störungen ist die Psychotherapie. Während die psychotherapeutische Behandlung Jugendlicher mit zunehmendem Alter der von Erwachsenen gleicht, ist die psychotherapeutische Behandlung von Kindern stark vom Entwicklungsstadium abhängig. Je jünger die Kinder sind, desto mehr werden spielerische und kreative Zugänge in der Behandlung eingesetzt.

Wissenschaftlich anerkannte Verfahren in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen sind die tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Während sich die Verhaltenstherapie mit Hilfe von speziellen Vorgehensweisen primär der Veränderung von typischem krankheitsförderndem Fehlverhalten und dem konkreten Abbau der bestehenden Symptome zuwendet, wird in der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie versucht, mit Hilfe von Spiel und Gesprächen die Ursachen und emotionalen Hintergründe der Störung zu verstehen und zu bearbeiten. Beide Verfahren sind sinnvoll und bewährt und werden mit unterschiedlichen Indikationen eingesetzt. Der Erfolg beider Behandlungsformen ist zu großen Teilen von der Fähigkeit und Motivation des Patienten und der seiner Eltern zur Mitarbeit abhängig. Welche dieser Behandlungsmöglichkeiten verfügbar und für das betroffene Kind oder den Jugendlichen die "richtige" ist, sollte mit einem Kinder- und Jugendpsychiater/ -psychotherapeuten in Kooperation mit dem behandelnden Kinderarzt geklärt werden.

Sind psychosomatische Erkrankungen gefährlich?

Akut sind psychosomatische Erkrankungen meist nicht lebensbedrohlich. Eine Ausnahme bilden die Magersucht (Anorexie) und manchmal auch die Ess-Brechsucht (Bulimie), bei denen es durch die starke Gewichtsreduktion oder durch hochfrequentes Erbrechen zu körperlich lebensbedrohlichen Zuständen kommen kann.

Gefährlich sind psychosomatische Erkrankungen durch eine mögliche Langzeitwirkung auf die individuelle Entwicklung und psychosoziale Integration des Betroffenen. Sie können chronifizieren und zu deutlich vermehrten Arzt- und Krankenhausbesuchen führen. Daneben kann durch unangemessene Reaktionen der Eltern und des Umfeldes auch die Tendenz des Patienten begünstigt werden, äußeren und inneren Konfliktsituationen durch eine "Flucht in die Krankenrolle" zu begegnen anstatt nach angemessenen Lösungen zu suchen.

Wenn psychosomatische Erkrankungen nicht als solche erkannt, sondern als körperliche Erkrankungen verkannt werden, kann es im ungünstigsten Fall zu nebenwirkungsreichen und potentiell schädigenden Fehlbehandlungen der Körpersymptome und zur Invalidisierung des Patienten kommen.

Eine weitere, unter Umständen bestehende Gefahr ist die des Nicht-Erkennens zusätzlich bestehender gravierender psychiatrischer Störungen, wie z.B. der Depression, der Angst- oder Zwangsstörung, der posttraumatische Belastungsstörung etc., die einer fachkompetenten Therapie bedürfen.

Was können Eltern tun, wenn sie bei ihrem Kind psychosomatische Ursachen für bestimmte Störungen oder Auffälligkeiten vermuten?

Im Gespräch sollten Eltern mit ihren Kindern gemeinsam über mögliche psychische Belastungen nachdenken, diese gegebenenfalls anerkennen und als mögliche Auslöser für die Symptomatik in Betracht ziehen. Wichtig ist, dass die Beschwerden des Kindes/ Jugendlichen nicht entwertet oder bagatellisiert werden. Psychisch ausgelöste Schmerzen beispielsweise sind ebenso echt und belastend wie primär körperlich ausgelöste Schmerzen. Es sollte beim Kind oder Jugendlichen also nicht das Gefühl entstehen, die seelisch bedingten Beschwerden seien "nicht so schlimm", das Kind sei "nicht wirklich" krank, sondern gar "psychisch gestört" bzw. "verrückt". Eine solche verurteilende, stigmatisierende Sicht des Problems macht es allen Beteiligten schwer, nach der dringend notwendigen professionellen Hilfe zu suchen und diese anzunehmen.

Auch bei Kindern und Jugendlichen können sich psychosomatische Störungen dauerhaft verfestigen, also chronisch werden. Solange die eigentliche, psychische Ursache weiterhin besteht oder sich gar verschärft, kommt es u.U. zu einer Verschlimmerung der Beschwerden oder zu einem "Symptomwechsel" mit anderen Beschwerden und/oder zusätzlichen Verhaltensauffälligkeiten.

Bei einer erheblich oder dauerhaft beeinträchtigenden körperlichen Symptomatik sollte zunächst in jedem Fall eine Vorstellung beim Kinderarzt erfolgen. Hier können und sollen die Eltern explizit nach der Möglichkeit einer psychischen Verursachung oder Aufrechterhaltung der Symptomatik fragen, wenn sich keine hinreichende körperliche Begründung für die Beschwerden findet, und gegebenenfalls um Überweisung an einen Experten auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychosomatik bzw. -psychiatrie und -psychotherapie bitten.

Literatur

C. Essau, J. Conradt, F. Petermann: Häufigkeit und Komorbidität Somatoformer Störungen bei Jugendlichen: Ergebnisse der Bremer Jugendstudie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2000, 29: 97-108.

W. Ihle, G. Esser, M.H. Schmidt, B. Blanz: Prävalenz, Komorbidität und Geschlechtsunterschiede psychischer Störungen vom Grundschul- bis ins frühe Erwachsenenalter. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2000, 29:263-275.

U. Knölker, F. Mattejat, M. Schulte-Markwort: Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie - systematisch. Bremen, Uni-Med. 2003.


Autor/in

Dr. med. Carola Bindt, Leitende Oberärztin, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychoanalytikerin (DPG).

Dr. med. Jan Gerrit Behrens, Assistenzarzt in Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie.


Adresse

Dr. med. Carola Bindt/ Dr. med. Jan Gerrit Behrens
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychosomatik
Zentrum für Frauen-, Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg
Tel. (Sekretariat): 040/42803-2715
Fax (Sekretariat): 040/42803-5105
Email: kinderpsychosomatik@uke.uni-hamburg.de
Website: www.uke.uni-hamburg.de/zentren/frauen_kinder_jugendmedizin/kinderpsychosomatik/index.de.html


Letzte Änderung: 15.10.2004 10:15:59Zum Seitenanfang