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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Familienverträgliche Erwerbsarbeit mit Hilfe von Telearbeit - Zukunftsvision oder Realität?

Anne Glade


1. Telearbeit als Bestandteil aktueller Arbeitsflexibilisierungsformen

Telearbeit wird von vielen als Inbegriff für eine familienverträgliche Erwerbsarbeit gesehen. Sie wird dabei als Arbeit verstanden, die unterstützt durch Informations- und Kommunikations-Technologien räumlich vom arbeitgebenden Unternehmen entfernt durchgeführt wird. Das heißt, es wird a) ausschließlich oder b) im Wechsel zwischen Betrieb und zu Hause am heimischen PC gearbeitet, und die Ergebnisse werden entweder via Internet, Fax oder auch per Post an den Betrieb übermittelt. Im ersten Fall spricht man von Teleheimarbeit, im zweiten von alternierender Telearbeit.

In Deutschland gibt es einer Studie des Forschungsunternehmens empirica zufolge über 1,5 Mio. Menschen und damit 4,4% aller Erwerbstätigen, die regelmäßig, d.h. mindestens an einem Tag der Woche, außerhalb des Büros tätig sind und mittels Computer und Telekommunikationsverbindung mit Arbeit- oder Auftraggeber verbunden sind. Insgesamt nimmt die häusliche Telearbeit einen Anteil von 1,5% ein, weit häufiger ist demnach die mobile Telearbeit anzutreffen, bei der die Arbeitsergebnisse auf dem Bau, in der Bahn oder im Hotel am PC festgehalten werden. Die alternierende Telearbeit spielt bei häuslicher Telearbeit die Hauptrolle, Teleheimarbeit kommt in geringem Maße zum Einsatz. Der Frauenanteil bei der häuslichen Telearbeit liegt bei 34%.

Noch in den 1980er Jahren dominierten Frauen bei den ersten Versuchen mit Telearbeit, z.B. als Texterfasserinnen oder Datentypistinnen. Heute hat sich mit der technischen Entwicklung und der Tatsache, dass immer mehr qualifizierte Tätigkeiten in Telearbeit geleistet werden, das Verhältnis beteiligter Frauen und Männer verändert. Während in älteren Studien das Motiv der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gerade für Frauen eindeutig belegt ist, hat sich inzwischen auch die Motivlage differenziert: Die Vermeidung langer Anfahrtswege, das konzentriertere Arbeiten in ruhiger Atmosphäre, die höhere Produktivität bei geringerem Störpotenzial sind Motive, die insbesondere männliche Beschäftigte äußern.

Mit der Studie für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend "Familienbezogene Gestaltung von Telearbeit" sollte der Frage nachgegangen werden, ob Mütter und Väter, für die der Vereinbarkeitsgedanke das zentrale Motiv für Telearbeit ist, ihre Kriterien für "Familienverträglichkeit von Telearbeit" erfüllt sehen und ob dieser Aspekt auch für Betriebe eine Rolle spielt. Am Ende sollten konkrete Vorschläge für zukünftige Telearbeitende und Betriebe stehen, wie Telearbeit "familienverträglich" gestaltet werden kann.

Das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung GmbH an der Universität Hannover, das mit der Durchführung der qualitativen Studie betraut war, hat dazu 50 Personen, und zwar 35 Mütter und 15 Väter, interviewt (Auswahlkriterien siehe Übersicht 1). Darüber hinaus wurden 25 Betriebe unterschiedlicher Größe, Branche, regionaler Bedingungen und Ausgestaltungen der Telearbeit in die Studie einbezogen.


Übersicht 1

Kriterien für Telearbeit im Rahmen der Untersuchung "Familienbezogene Gestaltung von Telearbeit"

  • Teleheimarbeit oder alternierende Telearbeit
  • ArbeitnehmerInnenstatus
  • Betrieb übernimmt Kosten für PC und Vernetzung
  • Erfahrungen mit Telearbeit über mindestens ein Jahr
  • Telearbeitende müssen Mütter oder Väter sein


2. "Familienverträglichkeit" als Prüfkriterium für Telearbeit

Die Entwicklung von Prüfkriterien soll es in einem Verfahren erleichtern, Vergleiche anzustellen und zu Ergebnissen zu kommen, die allgemein nachvollziehbar sind. Entsprechende Kriterien für eine Familien- und Kinderfreundlichkeits-Prüfung wurden beispielsweise bereits für Kommunen entwickelt. In Bezug auf Telearbeit gab es Ausführungen zur Sozialverträglichkeit dieser Arbeitsform, wobei gefordert wurde, über die Perspektive der Betroffenen hinaus zu gehen und konkrete Handlungszusammenhänge ebenso zu berücksichtigen wie kollektive Effekte wie etwa die Einbuße gesellschaftlich geteilter Zeit, z.B. in Vereinen.

Für eine erste Annäherung an das, was Familienverträglichkeit/ -freundlichkeit sein kann, ist allerdings auch wichtig, erst einmal die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Denn bisher gibt es noch zu wenige zugängliche Aussagen und Bewertungen von Personen mit Telearbeits- und Familienerfahrungen. Ihre Kriterien werden gespiegelt durch den Blick von Personalverantwortlichen auf Telearbeit unter dem Aspekt der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Betriebsvertreterinnen und -vertreter vergeben das Etikett "familienfreundlich" quasi naturgegeben mit der Einführung von Telearbeit, indem sie davon ausgehen, dass Telearbeit den Eltern mehr zeitliche Spielräume gibt, die sie für ihre Familie nutzen können. Dieses Urteil gilt sowohl für telearbeitende Mütter als auch telearbeitende Väter, die nach ihrer Meinung eine größere Nähe zum Familienalltag haben und dadurch mehr Aufgaben in der Familie übernehmen.

Der Aspekt wird allerdings überlagert von betrieblichen Interessen, die vielschichtig sein können, aber grundsätzlich mit Effektivität, betriebswirtschaftlichem Denken und Innovationsfreudigkeit der Unternehmen zu tun haben. Zudem möchten die Betriebsvertreterinnen und -vertreter ihren Beschäftigten keine "Vorschriften" machen, die ihre Arbeitsteilung in der Familie betrifft, vielmehr sei wichtig, dass der Betrieb nicht unter den neuen Freiheiten der Telebeschäftigten leide. Die Betriebe erhoffen sich mit Hilfe der Telearbeit vorrangig eine Optimierung von Arbeitsabläufen, eine Steigerung der Mitarbeiter(innen)motivation und eine Erhöhung der Produktivität des Faktors Arbeit.

Die erreichten telearbeitenden Mütter und Väter verbinden mit einer familienverträglichen Telearbeit ganz konkrete Vorstellungen wie:
  • mehr für die Kinder da sein zu können als bei herkömmlicher Erwerbsarbeit,
  • die Zeitstrukturierung besser an die eigenen Bedürfnisse und die der Familienmitglieder anpassen zu können,
  • selbst in Zeiten großer Beanspruchung durch die Familie wie während des Erziehungsurlaubs, ab 1.1.2001 offiziell Elternzeit genannt und mit weiteren Vereinfachungen einhergehend, erwerbstätig sein zu können und damit den Anschluss zum Beruf zu halten,
  • situationsabhängig und z.T. auch grundsätzlich die Arbeitsteilung in der Familie ändern zu können,
  • die Eltern für die Kinder "greifbarer" und "erlebbarer" zu machen.
Die meisten dieser Vorstellungen sahen die telearbeitenden Mütter und Väter als realistisch und umsetzbar an. In einer schriftlichen Befragung räumten 19 von 50 befragten Personen konkrete Hindernisse bei der Vereinbarkeit von Telearbeit mit Familienaufgaben ein; 29 sahen keine Probleme. Als neu entstehende Problemfelder galten:
  • die Abgrenzung vom Kind/von Kindern während der Arbeitszeit zu Hause,
  • die unregelmäßige Arbeitszeit führt unter Termindruck zu Abend- und Wochenendarbeit,
  • Konflikte bei der Koordination und Verteilung der Hausarbeit.

3. Organisation der Telearbeit bei den an der Studie Beteiligten

Wie sehen die Bedingungen aus, unter denen diese Einschätzungen zustande gekommen sind? Bei den Telearbeitenden handelt es sich vorwiegend um jüngere Personen kurz nach der Familiengründung: Die Gruppe der 30- bis 35jährigen ist besonders stark vertreten. Die Hälfte aller Telearbeitenden hat ein Kind, 21 haben zwei und vier Personen drei Kinder. Außer bei zwei Alleinerziehenden mit je einem Kind leben die Kinder mit beiden Eltern in einem Haushalt zusammen. 42% der Kinder sind noch nicht im Schulalter; 15 Frauen haben angegeben, dass ihr jüngstes Kind noch keine drei Jahre alt ist. Pflegebedürftige Angehörige sind in drei Haushalten mit telearbeitenden Männern anzutreffen.

Das Gros der Telearbeitenden kann eine zwei- bis vierjährige Praxisphase aufweisen, wobei die meisten Telearbeit befristet, etwa aufgrund eines Pilotversuchs oder da sie an Erziehungszeiten geknüpft ist, ausüben. Telearbeit wird vornehmlich in Teilzeit geleistet. Dies gilt für fast alle telearbeitenden Mütter und immerhin fast die Hälfte der telearbeitenden Väter. Die Telearbeitenden verfügen über ein hohes Bildungs- und berufliches Ausbildungs- bzw. Qualifikationsniveau. 14 Berufe lassen sich eindeutig dem EDV-Bereich zuordnen; 16 beziehen sich auf Tätigkeiten im kaufmännischen, im Personalbereich bzw. auf Organisation und Marketing.


Tabelle 1: Organisation der Telearbeit

Art der Organisation Anzahl der Nennungen
Frauen Männer Gesamt
Alternierende Telearbeit mit eigenem Arbeitsplatz im Betrieb 16 11 27
Alternierende Telearbeit ohne festen eigenen Arbeitsplatz im Betrieb 5 2 7
Telearbeit ausschließlich am heimischen Arbeitsplatz 13 2 15
Telearbeit in Satelliten- oder Nachbarschaftsbüros 1 0 1
Gesamt 35 15 50

Quelle: Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung


Die Art der Organisation der Telearbeit lässt sich aus Tabelle 1 ablesen: Es dominiert alternierende Telearbeit mit eigenem Arbeitsplatz im Betrieb. An zweiter Stelle steht die Telearbeit ausschließlich am heimischen Arbeitsplatz. Sie wird von 13 Frauen und zwei Männern wahrgenommen und ist charakteristisch für Pilotversuche, die sich gezielt an Erziehungsurlauberinnen wenden. Alternierende Telearbeit ohne festen eigenen Arbeitsplatz im Betrieb ist noch relativ selten zu finden, wird zukünftig aber von vielen Betrieben angestrebt.


4. Rollen- und Arbeitsteilung in den Familien

42 der 50 Personen betonen die große Rolle, die die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihren Motiven für Telearbeit spielt, und zwar unabhängig davon, wie Familie von den Beteiligten gelebt wird. Im Blick auf die praktizierte geschlechtliche Arbeitsteilung der Telearbeitenden lassen sich drei Familienmodelle unterscheiden, denen sie sich z.T. selbst zugeordnet haben:
  • traditionelle Arbeitsteilung in Haushalt und Familie,
  • Teilübernahme von Aufgaben durch die Väter,
  • Versuch, gleichberechtigtere Strukturen herzustellen.
In Tabelle 2 wird ein Überblick gegeben, wie sich die telearbeitenden Mütter und Väter auf diese Modelle verteilen. Spitzenreiter ist das Modell "Teilübernahme von Aufgaben durch Väter". Dies gilt besonders für die telearbeitenden Mütter und kann als Ausdruck der Überzeugung gelten, dass bei Übernahme von Telearbeit eine Entlastung in der Familie unumgänglich ist. Bei den telearbeitenden Vätern überwiegt das Modell traditioneller Arbeitsteilung, so dass alle diejenigen enttäuscht werden, die sich per se über die Ausübung von Telearbeit eine größere Beteiligung an Haus- und Familienarbeit von den Vätern erhofft hatten. Allerdings erhält bei den Vätern auch der Versuch, gleichberechtigtere Strukturen herzustellen, ein nicht unbedeutendes Gewicht. Diese Tatsache wiederum weckt die Hoffnung, dass es auch Vätern durch Telearbeit erleichtert wird, neue Familienmodelle umzusetzen, die die familiale Arbeit grundlegend umverteilen.


Tabelle 2: Rollen und- Arbeitsverteilung zwischen den Partnern und in den Familien

Rollen- und Arbeitsteilung zwischen den Partnern und in den Familien Geschlecht Gesamt
Frauen Männer
Traditionelle Arbeitsteilung in Haushalt und Familie 11*) 7 18
Teilübernahme von Aufgaben durch die Väter 21 4 25
Versuch, gleichberechtigte Strukturen herzustellen 3 4*) 7

*) inkl. eine Alleinerziehende bzw. ein Alleinerziehender

Quelle: Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung


5. Handlungsempfehlungen zur Abfederung kritischer Punkte von Telearbeit im Blick auf den Vereinbarkeitsgedanken

In den Intensivinterviews konnte näher auf kritische Punkte eingegangen werden, die sich in Bezug auf die Vereinbarung von Telearbeit mit Familienaufgaben zeigten (vgl. Übersicht 2). Auch konnten Wege diskutiert werden, wie diesen entgegengewirkt werden kann.


Übersicht 2

Kritische Punkte von Telearbeit in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf

  1. Telearbeit ist für die meisten eine Arbeitsform auf Zeit.
  2. Alle Telearbeitenden fühlen sich auf dem Prüfstand.
  3. Auf die Erwartungshaltung der Familienmitglieder hinsichtlich der Übernahme von Haus- und Familienarbeit reagieren Mütter zuerst.
  4. Bei der Übernahme von Verantwortung für den reibungslosen Ablauf in der Familie gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede.
  5. Telearbeitende sind auf die Unterstützung durch Partner, Kinderbetreuungseinrichtungen, andere Betreuungspersonen oder eine Haushaltshilfe angewiesen.
  6. Männern muss die Vereinbarkeitsproblematik meist durch ihre Partnerinnen vermittelt werden.
  7. Ein innerfamilialer Dialog als Antwort auf sich ständig wandelnde Anforderungen in der jungen Familie ist erforderlich.
  8. In Überlastungssituationen von insbesondere telearbeitenden Müttern ist das Aushandeln einer anderen Arbeitsteilung notwendig.
  9. Trotz Teilübernahme von Aufgaben durch Väter reicht den telearbeitenden Müttern deren Unterstützung nicht aus.
  10. Reibungspunkte werden an den Rand gedrängt oder umgedeutet.
  11. Abende und Wochenenden, die früher der Familie vorbehalten waren, können zu Arbeitszeiten werden.
  12. Telearbeit birgt längerfristig gesundheitliche Risiken, wenn Ruhephasen in Krankheitszeiten nicht eingehalten werden.

Bei einigen Punkten ist eine Trennschärfe zwischen den Punkten, die allgemein die Telearbeit betreffen, und den Punkten, die sich speziell auf die Vereinbarkeitsproblematik beziehen, schwer einzuhalten. Dennoch setzen die Handlungsempfehlungen erst dort ein, wo grundsätzliche (arbeits-) rechtliche und betriebliche Aspekte bereits abgeklärt sein sollten. Hierzu gehören die Weiterführung des bestehenden Arbeitsvertrages, ein Rückkehrrecht auf den bisherigen Arbeitsplatz und die Option auf alternierende Telearbeit, die den betrieblichen Kontakt weiterhin gewährleistet.
  1. Telearbeit ist für die meisten eine Arbeitsform auf Zeit, da die meisten Betriebe zunächst in Pilotphasen ihre ersten Erfahrungen mit Telearbeit auswerten, bevor sie sie einem größeren Beschäftigtenkreis ermöglichen. Diese Experimentierphase sollten sowohl die Betriebe als auch die Beschäftigten nutzen, um Erfahrungen zu reflektieren, und zwar in Arbeitsgruppen im Betrieb, zusammen mit Personalverantwortlichen, Betriebsratsmitgliedern, Vorgesetzten und in der Familie.
  2. Die Telearbeitenden fühlen sich auf dem Prüfstand, sie legen sich daher besonders "ins Zeug" und arbeiten oftmals mehr als im Betrieb, setzen sich stärker unter Zeit- und Arbeitsdruck. Die vermehrten Anstrengungen können dabei auf Kosten der Familie und auch der eigenen freien Zeit gehen. Um dies zu vermeiden, ist eine gute Selbsteinschätzung der eigenen Leistungen nötig, die Personen müssen diszipliniert arbeiten können und brauchen eine gute Zeitstrukturierung. Auch die Schaffung bestimmter Rahmenbedingungen wie ein abschließbarer Arbeitsraum oder das Aufstellen von Regeln für die Familie werden für erforderlich gehalten.
  3. Für Mütter stellt sich insbesondere die Aufgabe, auf die Erwartungshaltung der Familienmitglieder hinsichtlich der Übernahme von Haus- und Familienarbeit während der häuslichen Telearbeit zu reagieren. Während es einigen von ihnen leicht fällt, sog. "Nebenbei-Arbeiten" wie Wäsche waschen und aufhängen in den Arbeitsalltag zu integrieren, benötigen andere einen Freiraum für konzentriertes Arbeiten. In beiden Fällen ist es nötig, das individuelle Empfinden in dieser Frage mit der Familie zu kommunizieren. Neben organisatorischen Fähigkeiten ist auch die Delegation einzelner Aufgaben gefordert, um die Erwartungen auf ein "gesundes Maß" zu reduzieren.
  4. Telearbeitende Mütter passen ihre Arbeitszeiten häufiger den Erfordernissen der einzelnen Familienmitglieder an, gehen auch eher auf nachfragende Kinder ein als dies von telearbeitenden Vätern erwartet wird. Hier zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede, die evtl. auch mit den bleibenden Vorstellungen vom Familienernährer, der Ruhe für seine Arbeit braucht, einhergehen. In diesen Bildern kann sich unausgesprochenes Rollendenken ausdrücken, das mit der Einführung neuer Arbeitsformen nicht automatisch zurückgedrängt wird und das von außen auch kaum beeinflussbar ist.
  5. Telearbeit und gleichzeitige Kinderbetreuung schließen sich aus, das ist die fast durchgängige Meinung der Telearbeitenden. Allerdings gelingt es einigen Müttern, die Schlafenszeiten der Kleinkinder für die häusliche Telearbeit zu nutzen. Dennoch sollten bereits im Vorfeld Fremdbetreuungsmöglichkeiten erkundet und Regelungen in der Partnerschaft oder im familialen Umfeld angesprochen und gefunden werden.
  6. Telearbeitende Männer erleben die Vereinbarkeitsproblematik meist vermittelt durch ihre Partnerinnen oder durch eine Familiensituation, die ihre besondere Mitarbeit erfordert. Haben sich die Partner schon früh das Ziel gesetzt, berufliche und private Arbeit gleich zu verteilen, so kann einseitige oder sogar beidseitige Telearbeit hierzu gute Umsetzungschancen einräumen. Ab 1.1.2001 ist es für beide Elternteile möglich, bis zu 30 Stunden während der Elternzeit zu arbeiten.
  7. Durch die sich ständig wandelnden Anforderungen in der jungen Familie muss immer wieder eine neue Balance zwischen Erwerbsarbeitszeiten, -inhalten, Umfeldbedingungen und familiale Aufgaben gefunden werden. Dazu ist ein innerfamilialer Dialog erforderlich, den die Eltern in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation führen müssen. Telearbeit bietet insbesondere den Vätern die Möglichkeit, ein engeres Beziehungsverhältnis zu den einzelnen Familienmitgliedern zu entwickeln. Damit bekommen auch die Anforderungen des Haushalts und der Betreuung ein anderes Gewicht.
  8. Um Überlastungssituationen insbesondere für tele-arbeitende Mütter zu vermeiden, sind vielfache Verabredungen über die innerfamiliale Arbeitsteilung nötig, besonders wenn ältere Kinder zu mehr Mitverantwortung herangezogen werden sollen. Dies hat in der Regel eine größere Selbstständigkeit der Kinder und ein größeres Verständnis für die Erwerbsarbeit der Eltern zu Hause zur Folge.
  9. Bei den Familienmodellen überwiegt das der Teilübernahme von Aufgaben durch die Väter. Dennoch wünschen sich die meisten telearbeitenden Mütter doch mehr Unterstützung von ihnen. Dem stehen bisher vielfach das höhere Einkommen des Partners oder befürchtete Einschnitte in der Karriere durch Elternzeit oder Teilzeitarbeit entgegen. Mit der Verbindung von Elternzeit und Telearbeit könnte ein attraktives Modell für Väter geschaffen werden.
  10. In der Erprobung von Telearbeit werden Reibungspunkte beim Ineinandergreifen von Familien- und Erwerbsleben leicht in den Hintergrund gedrängt. Im Sinne einer längerfristigen Perspektive von Telearbeit sollten sie dennoch gerade in der Anfangsphase thematisiert werden, um früh gegensteuern bzw. um sie überhaupt in die weiteren Überlegungen einfließen lassen zu können.
  11. Abende und Wochenenden, die früher der Familie vorbehalten waren, können durch Telearbeit zu Arbeitszeiten werden. Für familienorientierte Telearbeitende entsteht dadurch automatisch ein Widerspruch, dem durch Maßnahmen zur Verbesserung des Zeitmanagements, Absprachen über andere Arbeitszuschnitte usw. begegnet werden kann. Auch sollten andere Anlässe für "Familienzeit" gefunden werden; die größere räumliche Nähe zueinander ist hierfür kein Ersatz.
  12. Mit Telearbeit sind längerfristig gesundheitliche Risiken verbunden, wenn ständig unter Hochdruck gearbeitet wird und z.B. Ruhezeiten in Krankheitsfällen nicht eingehalten werden. Es müssen hier die gleichen Gesundheitsbestimmungen umgesetzt werden wie im Betrieb. Eine gute Leistungsnachweisführung und Koordination mit den Vorgesetzten bzw. dem Team kann hier einem unnötigen "Auspowern" vorbeugen.
Stellen sich die Telearbeitenden diesen kritischen Punkten und versuchen Lösungen für den jeweiligen individuellen Fall zu finden, kann Telearbeit auch längerfristig zu einer familienverträglichen Erwerbsarbeit werden. Denn die Experimentierphase scheint in Deutschland noch nicht abgeschlossen zu sein, und die bisherige Zurückhaltung bei der Umsetzung dieser neuen Form der Arbeitsflexibilisierung hat vielleicht auch zu tun mit noch fehlenden Erkenntnissen zu den Veränderungen, die sie bewirkt im Verhältnis Betrieb - Beschäftigte ebenso wie im Verhältnis Familien - Beschäftigte. Hier sollte externes Beobachten weiterhin ermöglicht werden.


Literatur

"Familienbezogene Gestaltung von Telearbeit", 1997-2000, Abschlussbericht; In: Materialien zur Gleichstellungspolitik, Nr. 81/2000.

Gabriele Winker (Hrsg.): Telearbeit und Lebensqualität. Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Campus 2001.


Autorin

Anne Glade
Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung
Lister Str. 15
30163 Hannover
Tel.: 0511/399-7256


Letzte Änderung: 26.04.2007 13:51:17Zum Seitenanfang