ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜ"Der tägliche Spagat" - Über die (Un-)Vereinbarkeit von Beruf und FamilieBettina Hertel
![]() Paare, die heute in Deutschland Beruf und Familie gleichberechtigt miteinander vereinbaren wollen, stehen in einem Spannungsfeld von Arbeitswelt, Familie und mangelnden Möglichkeiten der Kinderbetreuung. Während in der Öffentlichkeit betont wird, wie wichtig Familien mit Kindern für die Gesellschaft seien, stellen die Erfahrungen von jungen Familien dazu häufig einen krassen Widerspruch dar. Die berufliche Realität steht den Erfordernissen von jungen Familien mit Kindern in der Regel diametral entgegen und erweist sich als äußerst unflexibel. Dazu kommt, dass soziale Systeme, die Mütter und Väter im Zusammenleben mit Kindern bisher gestützt haben, zunehmend dem Sozialabbau zum Opfer fallen. Familienfreundliche UnternehmenForschungsergebnisse belegen, dass Familienfreundlichkeit in Unternehmen die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbessert, Leistungsbereitschaft steigert und Stressbelastung reduziert. Die geringere Fluktuation und Abwesenheitsquote von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die Verbesserung des Images in der Öffentlichkeit steigern außerdem die Wettbewerbsfähigkeit des Betriebs.Einige Unternehmen haben eigene Kindergärten eingerichtet, gestalten die Arbeitszeit flexibel und bemühen sich bewusst um eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Leider sind es noch wenige, die solche Bedingungen für Eltern schaffen. Krisen beim ersten KindDie Auswirkungen der Arbeitswelt auf das Familienleben haben daher häufig zur Folge, dass junge Paare vor allem die erste Zeit nach der Geburt eines Kindes als eine Krise erleben. Viele Mütter müssen sich, wenn sie sich für ein Kind entscheiden, gleichzeitig gegen eine Berufstätigkeit entscheiden. Sie finden sich dann in einer Situation wieder, die sie selbst so nicht gewollt haben. Der Wunsch nach einem Zusammenleben mit Kindern hat dann für sie die Konsequenz, dass sie auf eine berufliche Verwirklichung über mehrere Jahre verzichten müssen. Dies geht in unserer Gesellschaft häufig einher mit einem Verlust von öffentlicher Anerkennung.Nach der Geburt des ersten Kindes verfallen sogar Paare, die eine gleiche Verteilung von Haushaltsaufgaben miteinander angestrebt hatten, in traditionelle Rollenmuster zurück. Nach der "LBS-Familien-Studie" (in "Psychologie heute" 9/2003) haben Frauen zu Beginn der Schwangerschaft eine berufliche Wochenarbeitszeit von 29,67 Stunden und Männer eine von 32,43 Stunden. Vier Jahre nach der Geburt sind Frauen durchschnittlich nur noch 9,5 Wochenstunden, Männer hingegen 42,8 Stunden erwerbstätig. Nach wie vor nehmen nur wenige Väter Erziehungszeit an Stelle der Mütter (weniger als 2%). Viele Väter, die dieses versuchen, streben nach sehr kurzer Zeit wieder in den Berufsalltag zurück. Dieses Ungleichgewicht wird innerhalb der Partnerschaft häufig als ungerecht empfunden und führt zu einer Belastung des Zusammenlebens in den ersten Jahren nach Geburt eines Kindes. Viele Paare trennen sich gerade dann, wenn die Kinder noch klein sind. Unzureichende KinderbetreuungEin Kernproblem für junge Mütter, die einen schnellen beruflichen Wiedereinstieg nach der Geburt des (ersten) Kindes wünschen, ist die unzureichende öffentliche Kinderbetreuung in Deutschland. Nicht an die jeweilige Arbeitszeit angepasste Öffnungszeiten bei Betreuungseinrichtungen oder mangelnde personelle Ausstattung hindern viele Mütter aus Sorge um das Wohl ihres Kindes, die Verpflichtungen einer beruflichen Anstellung auf sich zu nehmen. Sie können nicht davon ausgehen, dass für ihr Kind zu den entsprechenden Zeiten eine verlässliche Betreuung vorhanden ist. Dies führt häufig zu Unzufriedenheit bei jungen Frauen, die nicht selten beruflich hoch qualifiziert sind.Einige Mütter organisieren mit hohem Aufwand ein System von Kinderbetreuung, das es ihnen ermöglicht, zu den vorgesehenen Zeiten am Arbeitsplatz präsent zu sein. Besonders ausschlaggebend ist die Frage der Kinderbetreuung für allein erziehende Mütter mit Kindern. Sie sind zu einem erschreckend hohen Prozentsatz Sozialhilfeempfängerinnen, da sie keine Möglichkeit haben, ihr Kind regelmäßig und während der üblichen Arbeitszeiten anderweitig betreuen zu lassen. Aber auch in Zwei-Eltern-Familien sind Mütter von mangelnder Kinderbetreuung stärker betroffen als Väter, da die gesellschaftlichen Rollenbilder eher Mütter für die Sorge der Kinder verantwortlich machen. Frauen verdienen auch nach wie vor im Beruf weniger als Männer, sodass die Entscheidung, wer die Erziehungspause nimmt, zumeist auch eine finanzielle Komponente hat. Kinderwunsch und GesellschaftViele junge Paare haben einen Kinderwunsch. In der Realität geht die Realisation dieses Wunsches immer noch einseitig zu Lasten der Mütter - wie gerade aufgezeigt wurde. Junge Frauen wissen heute, was ein Zusammenleben mit einem Kind für sie beruflich und auch hinsichtlich ihrer Zukunftssicherung bedeutet. Dies ist einer der ausschlaggebenden Faktoren dafür, dass viele Paare in Deutschland kinderlos bleiben und die Geburtenzahlen nach wie vor rückläufig sind.Wenn dieser Trend gestoppt werden soll, müssen entsprechende politische Weichen gestellt werden. Moralische Appelle reichen nicht aus. Jungen Paaren ist in der Regel bewusst, dass das Zusammenleben mit Kindern ein im Grunde unbezahlbarer Wert ist. Vielmehr müssen die Politik und die Gesellschaft auch signalisieren, dass ihnen das Zusammenleben mit Kindern im wahrsten Sinne des Wortes etwas wert ist. Im Vergleich zu Deutschland wurden in einigen anderen europäischen Staaten (z. B. Norwegen und Frankreich) viel wirkungsvollere Strukturen zur verlässlichen Kinderbetreuung geschaffen. Das Leben mit Kindern bei gleichzeitiger Berufstätigkeit wird in diesen Ländern vom Staat vorbildlich unterstützt. Der Trend des Geburtenrückgangs wird sich demnach in Deutschland nicht kostenneutral regeln lassen. Kinderfreundlichkeit ist nicht nur eine Frage der Politik, sondern auch eine Frage der Einstellung der Gesellschaft zu Kindern. So muss auch den in unserer Gesellschaft durchaus vorhandenen kinderfeindlichen Tendenzen entgegengewirkt werden. AutorinBettina Hertel ist Theologin und Psychologin. Sie arbeitet als Referentin für Mutter-Kind-Arbeit beim Frauenwerk der Ev. Landeskirche/Gemeindedienst. Adresse
Bettina Hertel | ||
Letzte Änderung: 26.04.2007 13:23:17 |