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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Suchtprobleme in der Pubertät

Roswitha Spallek


Der Drogenkonsum ist in der Jugendzeit so verbreitet wie in keinem anderen Lebensabschnitt. In dieser Zeit müssen eine ganze Reihe von Entwicklungsaufgaben bewältigt werden, wie Aufbau neuer sozialer Beziehungen, Aufbau einer persönlichen, sexuellen und beruflichen Identität und Entwicklung von Strategien für die Lebensplanung. Die aus diesen Entwicklungsaufgaben entstehenden Konflikte und Widersprüche, besonders häufig ist es die Angst, den Erwartungen von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen nicht zu genügen, führen bei zahlreichen Jugendlichen zum Griff zur Droge. Es ist für sie eine Möglichkeit der kurzfristigen Problem- und Lebensbewältigung. Daneben spielt auch das "Ausprobieren" und "Herumexperimentieren", die Suche nach neuen Erfahrungen und Grenzüberschreitungen, eine wichtige Rolle.

Eine Form der Lebensbewältigung?

Im Sinne dieser Problembewältigung erfüllt die Droge einige wichtige Aufgaben: Sie führt zur Verminderung der bestehenden Angst, wirkt beruhigend, verbessert gleichzeitig die Stimmungslage und dient außerdem dazu, dem Jugendlichen das Solidaritätsgefühl mit der Gruppe zu geben, das wiederum wichtig für den Aufbau der eigenen Identität ist. Da es für den Gebrauch von illegalen Drogen für Jugendliche kaum ein Vorbild der Eltern gibt, sind die Einflüsse und die Unterstützung der Gruppe der Gleichaltrigen in diesem Bereich besonders groß.

Im Gegensatz zum experimentierenden Drogenkonsum Jugendlicher steht der von Abhängigen, der zum Verlust der Kontrolle über die eigene Persönlichkeitsentwicklung und über die Beziehungen zu anderen Menschen und langfristig zur Zerstörung der Persönlichkeit und ihrer Lebensbewältigungsstrategien führt.

Alkohol

Die Volksdroge Nummer eins ist der Alkohol. Obwohl Alkohol eine gesellschaftsfähige Droge ist, ist sie hinsichtlich der Abhängigkeit die wichtigste aller Drogen. In Deutschland sind 2,5 Millionen Menschen alkoholabhängig. Man schätzt, dass jährlich etwa 40 000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums sterben.

Alkohol: alltäglicher "Genuss"

Da der Alkoholgenuss in unserem Kulturkreis zum täglichen Leben gehört, haben Kinder und Jugendliche oft schon sehr frühe eigene Erfahrungen. Durchschnittlich 25 Prozent aller Jugendlichen von elf bis 15 Jahren haben Alkohol schon vor dem elften Lebensjahr zu sich genommen. Nach einer Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, aus dem Jahre 1997 aus den alten Bundesländern, trinken rund 25 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren regelmäßig Alkohol und hatten schon mindestens einen Alkoholrausch.

Nikotin

Nach einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, aus dem Jahre 1997, rauchten in Westdeutschland rund 40 Prozent der jungen Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren, in der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen waren es 26 Prozent. Tabak wird geraucht, geschnupft und gekaut. Der Hauptwirkstoff ist Nikotin, das sowohl anregend als auch beruhigend wirken kann. Die Aufgeregten werden ruhiger, die Ruhigen lebhafter. Nikotin macht sowohl körperlich als auch psychisch süchtig. Tabak ist nach Alkohol mit Abstand die gefährlichste Droge.

Die Drogenkarriere

Dem Missbrauch illegaler Drogen, wie Heroin oder Kokain, geht praktisch immer der Gebrauch weniger problematischer Substanzen voraus. Kandel (1980) konnte zeigen, dass der Drogenkonsum typische Entwicklungsstadien aufweist:
  • eine Phase des Konsums von Wein und Bier,
  • eine Phase des Konsums von Nikotin und "harten" Getränken,
  • eine Phase des Konsums von Marihuana,
  • schließlich der Konsum von harten Drogen.
Diese "Drogenkarriere" wird auch durch eine Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung dargestellt, bei der untersucht wurde, ob der Gebrauch bestimmter Drogen die Wahrscheinlichkeit des Konsums anderer Drogen erhöht.

Es konnte gezeigt werden, dass Jugendliche, die die jeweilige Droge nehmen, im Mittel mit 13,9 Jahren beginnen zu rauchen, mit 15,4 Jahren beginnen Alkohol zu trinken; es folgt der Gebrauch von Cannabis im Mittel mit 16,8 Jahren und der von anderen illegalen Drogen mit 17, 2 Jahren. Es konnte gezeigt werden, dass das Rauchen das intensivere Alkoholtrinken verstärkt, beides den Konsum von Cannabis und alle drei den Konsum anderer Drogen.

Wie entsteht Sucht?

Die positiven Gefühle bei der Einnahme von Drogen führen zum Wunsch, sie immer wieder zu erleben, und damit zur Sucht. Ein weiterer Aspekt für die Entwicklung der Abhängigkeit ist die Tatsache, dass die körpereigene Produktion von Endorphinen bei der Zufuhr von Drogen aufhört, sodass der Körper selbst nicht mehr in der Lage ist, Gefühle des Wohlbefindens zu vermitteln, und dass nach wiederholter Einnahme von Drogen immer größere Dosen erforderlich werden, um die gleich gute Wirkung zu erzielen. Werden dem Körper dann keine Drogen mehr zugeführt, entstehen Entzugssymptome, die bewirken, dass der Betroffene mit allen Mitteln versucht, sich wieder eine Droge zuzuführen, um sein Wohlbefinden wieder herzustellen. Es kommt zur Abhängigkeit, die auch nach jahrelanger Abstinenz immer noch auslösbar ist, da die Droge auch dann sofort wieder zu einer Hemmung der körpereigenen Endorphinproduktion führt.

Sucht: eine Definition: Nach der WHO-Definition ist Sucht folgendermaßen definiert: Ein unbezwingbares Verlangen zur fortgesetzten Drogeneinnahme, die Tendenz zur Dosissteigerung und eine psychische und physische Abhängigkeit, die dazu führt, dass es nach Absetzen der Droge zu einer ganzen Reihe von Missempfindungen kommt, sowie eine individuelle und soziale Schädlichkeit.

Cannabis

Ist die nach Nikotin und Alkohol weltweit am häufigsten konsumierte Droge und wird aus Hanf gewonnen. Cannabis gilt als die harmloseste aller auf dem Markt angebotenen illegalen Drogen. Sie kann sowohl anregend als auch beruhigend oder betäubend wirken. Höhere Dosierungen können Halluzinationen hervorrufen. Beim Rauchen ist die Gefahr, eine Überdosis zu konsumieren, gering, da die Wirkung sehr schnell eintritt. Wird Cannabis aber gegessen oder getrunken, so ist die Gefahr, eine Überdosis zu sich zu nehmen, sehr viel größer. Einen Kater wie nach Alkohol gibt es nicht. Cannabis macht körperlich nicht süchtig. Das Bedürfnis nach einer Wiederholung des Erlebnisses kann als psychische Abhängigkeit verstanden werden. Dauerkonsum führt zu dieser psychischen Abhängigkeit.

Halluzinogene Drogen

Unter dieser Bezeichnung werden verschiedene Drogen zusammengefasst, die akustische und visuelle Halluzinationen beim Anwender auslösen, das heißt seine Sinneswahrnehmungen verändern. Es kommt zu Verzerrungen und Umdeutungen von Sinneseindrücken mit realem Hintergrund, wodurch der Anwender sich von der Wirklichkeit entfernt. Diese einer Geisteskrankheit ähnlichen Zustände werden durch nur geringe Dosierungen bei fast allen Menschen hervorgerufen. Zu dieser Gruppe gehören LSD (Lysergsäurediethylamid), Mescalin und Psilocybin.

Halluzinogene müssen als Giftstoffe eingestuft werden, da sie Vergiftungssymptome mit Rauschzuständen hervorrufen. Gleichzeitig sind sie auch Betäubungsmittel. Die körperlichen Auswirkungen sind in der Regel gering. Im psychischen Bereich kommt es dagegen zu heftigen Wirkungen, wobei die Wahrnehmung der äußeren und inneren Welt verändert wird.

Amphetamine

Amphetamine regen das Gehirn an. Eine niedrige Dosierung von 5-10 mg führt zu einem angeregten Zustand mit gesteigerter Wachheit, erhöhter Leistungsbereitschaft und Betriebsamkeit. Amphetamine vermindern den Appetit, erhöhen die Herz- und Atemfrequenz und führen zu Mundtrockenheit. Es kann auch zu Kopfschmerzen und Übelkeit kommen. Sie vermindern die Fähigkeit zur Selbstkritik und können zu einer massiven Selbstüberschätzung und zum Größenwahn führen. Amphetamine können durch ihre leistungssteigernde und potenzvermehrende Wirkung psychisch abhängig machen, eine körperliche Abhängigkeit besteht nicht.

Designerdrogen

Dies sind synthetisch in illegalen Labors hergestellte psychoaktive Substanzen, die durch die Veränderung der Molekularstruktur bekannter Drogen nicht mehr auf der Liste der staatlichen Verzeichnisse illegaler Drogen stehen. Dadurch entgehen die Hersteller und Händler der strafrechtlichen Verfolgung. Außerdem versucht man durch Veränderungen an der Molekularstruktur besonders auf die Bedürfnisse und Wünsche der Konsumenten einzugehen, man "designed" die Droge. Mit Hilfe dieser Drogen gelingt es Jugendlichen, nächtelang durchzutanzen. Die bekannteste Designer-Droge ist Ecstasy. Die Wirkung von Ecstasy beginnt etwa 20 bis 60 Minuten nach der Einnahme und klingt nach vier bis sechs Stunden wieder ab. Ecstasy hat leichte halluzinogene Eigenschaften, indem es Veränderungen im visuellen, akustischen und geschmacklichen Bereich sowie beim Tastsinn bewirkt. Es kommt zu Gefühlen von Entspannung, von Wärme, Liebe, Offenheit, geistiger Klarheit, seelischer Ausgeglichenheit und einem besseren Selbstwertgefühl. Die Mehrzahl der Fachleute geht davon aus, dass Ecstasy keine körperliche Abhängigkeit hervorruft, also nicht süchtig macht. Es kann jedoch, wie bei den meisten Drogen, zu einer psychischen Abhängigkeit führen, denn alles, was uns gefällt, wollen wir wieder erleben. Allerdings scheinen neue Erkenntnisse zu zeigen, dass Menschen, die Ecstasy übermäßig stark missbrauchen, bleibende Hirnschäden davontragen.

Opioide

Heroin ist der Hauptvertreter illegal konsumierter Opioide und kommt überwiegend mittels intravenöser Injektion zur Anwendung. Dabei kommt es rasch zu einem "Kick" oder "Flash", worunter ein starkes und überschießendes Glücks- und Wohlgefühl durch die rasche Anflutung der Droge im Gehirn zu verstehen ist. Der Einstieg in den Heroin-Konsum erfolgt meist in Cliquen, wobei die meisten Jugendlichen weder über Heroin noch seine Gefahren aufgeklärt sind. Das inhalierte Heroin hat die gleiche Wirkung wie das gespritzte, allerdings ist sie etwas schwächer. Es kommt sehr rasch zu einer körperlichen und psychischen Abhängigkeit mit Dosissteigerungen und Entzugserscheinungen und damit zur Sucht. Folge ist oftmals der Absturz in die Beschaffungskriminalität.

Kokain

Kokain stammt aus den Andenländern Südamerikas. Es putscht auf und gilt als Leistungsdroge. Kokain wird geschnupft, aber auch gespritzt und geraucht. Kokain vermindert Müdigkeit, Durst und Hunger und verleiht ein Gefühl von Stärke. Es regt Körper und Geist sowie die sexuellen Bedürfnisse an.

Vorbeugung

Eltern sind Vorbild für den Alkoholkonsum

Die Vorbildfunktion der Eltern spielt beim Alkoholkonsum eine große Rolle. Abstinente Eltern sind das beste Vorbild. Doch auch wenn Eltern gelegentlich Alkohol trinken, können sie glaubwürdig sein. Sie sollten ihrem Kind schon sehr frühzeitig klarmachen, dass gerade wegen ihrer "Normalität" die Droge Alkohol so gefährlich ist. Eltern sollten ihre Kinder auf die Gefahren des Alkoholkonsums hinweisen und ihnen schildern, wie rasch man die Kontrolle über sich verlieren kann.

Rauchen oder nicht - die Eltern haben Einfluss darauf!

Untersuchungen zeigen, dass Eltern auf das Rauchen ihrer Kinder einen großen Einfluss haben. Gute Elternbeziehungen vermindern das Risiko, dass sich Jugendliche von anderen "anstecken" lassen. Außerdem spielt die Vorbildfunktion eine große Rolle. Aber selbst Eltern, die rauchen, sollten ihren Kindern klar machen, dass Rauchen schädlich ist. Sie können ihren Kindern darlegen, dass sie selbst gerne damit aufhören würden, es aber nicht schaffen und daher froh wären, wenn sie niemals damit angefangen hätten.

Illegale Drogen nicht tabuisieren

Eltern können damit rechnen, dass fast alle Kinder irgendwann einmal in Versuchung geführt werden, illegale Drogen zu konsumieren. Daher ist das frühzeitige Ansprechen dieser Problematik, am besten schon vor Beginn der Pubertät, sehr sinnvoll, um späterem Missbrauch vorzubeugen. Dabei sollte über die Gründe, die zu Drogenkonsum führen, wie Neugierde, Gruppendruck, Stimmungsverbesserung usw. gesprochen werden und über die Wirkungsweise einzelner Drogen sowie über deren Gefahren aufgeklärt werden.

Jugendliche müssen wissen, daß weiche Drogen leicht zu Einstiegsdrogen werden.

Entschieden muss von den Eltern gegen die Meinung vieler Jugendlicher vorgegangen werden, dass weiche Drogen weniger abhängig machen würden als Alkohol und Nikotin. Auch wenn "weiche" Drogen keine körperliche Abhängigkeit hervorrufen, so kommt es doch zu einer psychischen Abhängigkeit. Es ist an sich gleichgültig, ob man körperlich oder psychisch abhängig ist, wenn man sich erst einmal das "Suchtmittel" immer wieder beschaffen muss, um sich besser zu fühlen. Diese Zusammenhänge sollte man schon möglichst früh, in der Regel zu Beginn der Pubertät, mit seinen Kindern besprechen, damit sie zeitig davor gewarnt werden, weiche Drogen als harmlos zu betrachten. Kinder müssen wissen, dass der Genuss weicher Drogen immer die Gefahr beinhaltet, harte Drogen auszuprobieren.

Wenn bereits Drogenprobleme bestehen

Wenn Eltern den Eindruck haben, dass ihr Jugendlicher Drogenprobleme hat, dürfen sie auf keinen Fall die Augen verschließen in der Annahme, das würde sich schon "auswachsen". Einen Verdacht sollten Eltern dann haben, wenn ihr Kind sich in seinem Wesen verändert, sich anders als sonst benimmt oder wenn es in seinem Zimmer Dinge aufbewahrt, die ungewöhnlich sind. In diesem Fall sollten die Eltern unverzüglich das Gespräch mit dem Jugendlichen suchen und in einer vorwurfsfreien Atmosphäre nach den Ursachen für den Drogenkonsum - der auch übermäßiger Alkoholkonsum oder Rauchen sein kann - forschen. Außerdem sollten die Eltern abklären lassen, ob beim Jugendlichen nicht ein Aufmerkamkeitsdefizitsysnrom vorliegt. Bei solchen Jugendlichen gelingt es durch Ersatz der Drogen durch Methylphenidat in sehr vielen Fällen, eine Abkehr von der Droge zu erreichen.

Bei Suchtproblemen jeder Art ist es unbedingt empfehlenswert, dass sich die Eltern an eine Beratungsstelle oder den Kinder- oder Hausarzt wenden.

Quelle

Roswitha Spallek, Pubertät, Konflikte verstehen, Lösungen finden, Chancen erkennen - Kreuz-Verlag, Stuttgart 2001


Literatur

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln (Hrsg.): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland. 1997

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln (Hrsg.): Der Konsum von Ecstasy. 1997

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln (Hrsg.): Standardisierung von Fragestellungen zum Rauchen. Bernhard GmbH, Wermelskirchen 1997

Kandel, D.B.: Developmental stages in adoslescent drug involvement. In Lettieri D.J.: Theroris on Drug Abuse. NIDA Reserach Monograph. 30, Rockville 1980


Autorin

Dr. med. Roswitha Spallek, Mutter von drei erwachsenen Kindern, wohnt in Bad Wurzbach im Allgäu. Nach dem Studium der Medizin, Psychologie und einer pädiatrischen Ausbildung ließ sie sich als Kinderärztin in Bad Wurzbach nieder. Berufsbegleitend absovierte sie eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Neben ihrer Praxistätigkeit hält Dr. R. Spallek Vorträge zu Kinder- und Jugendthemen, vor allem über Erziehungsprobleme, Verhaltensauffälligkeiten und insbesondere über ADS. Sie hat mehrere erfolgreiche Elternratgeber veröffentlicht.


Letzte Änderung: 26.01.2004 11:32:43Zum Seitenanfang