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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wie helfe ich meinem Kind, lesen und schreiben zu lernen?

Anregungen für Eltern noch nicht schulpflichtiger Kinder


Cornelia Rehle      Foto: Cornelia Rehle



Sascha, knapp drei Jahre alt, kuschelt mit seinem Papa auf dem Sofa, der gerade, wie jeden Vormittag, die Zeitung liest. "Was steht da?" will er wissen und deutet auf eine Überschrift. Bereitwillig gibt ihm sein Vater Auskunft: "Das Wetter heute". "Und was is das?" fragt er und zeigt auf eine groß gedruckte Letter. "Das ist ein 'd' (lautiert, nicht 'de')". Sascha spricht es nach. "Und das da?" "Ein 'a'", antwortet sein Papa. Nach einer Weile gibt sich Sascha damit zufrieden. Einige Tage später überrascht er seine Eltern damit, dass er die genannten Laute und Buchstaben in anderen Wörtern wieder erkennt.

Sascha beginnt allmählich, auf Wörter und Laute aufmerksam zu werden. "Susanne (seine große Schwester) fängt an wie Sascha", stellt er fest und: "Warum heißt der Papagei eigentlich nicht Mamagei?"

Nachdem ihm seine Mama auf sein Fragen hin einmal erklärt hat, wie man zusammenliest - "Wenn du das 'o' und das 'm' und das 'a' hintereinander liest, dann kommt 'Oma' raus" -, beginnt er in den Sommerferien vor seinem fünften Geburtstag, die Geschichten auf der Rückseite der Kaba-Dose zu entziffern. Sascha hat hiermit das Prinzip des Lesens, das auf dem Entziffern unserer Buchstabenschrift beruht, erfolgreich erfasst.

Vorläufig genügt ihm das anscheinend, denn er macht eine längere Pause, bis er plötzlich mit Vehemenz anfängt, Geschichten zu schreiben. Fast jeden Morgen bevor er in den Kindergarten geht, sitzt er am Küchentisch und schreibt. Früher wollte er gerne, dass seine Eltern seine selbst erfundenen Geschichten für ihn aufschreiben; er hatte sie ihnen diktiert. Jetzt hat er entdeckt, dass er sie selber aufschreiben kann, wenn er die Wörter so, wie er sie hört, in Buchstaben umsetzt. Dabei kommen natürlich für Erwachsenenaugen seltsame Gebilde heraus, denn Sascha schreibt lauttreu. Seine Familie würdigt diese Texte ihrem Inhalt entsprechend; auf Rechtschreibfehler weist man ihn nicht hin.

Mit sechs Jahren nützt er auch den Computer für seine Texte. So verfasst er für seine kleine Schwester zu deren viertem Geburtstag eine mehrseitige Geschichte, wobei er mit Hilfe des Rechtschreibprogramms einige Regelhaftigkeiten der orthografisch korrekten Schreibweise entdeckt.

Dass Kinder, bevor sie in die Schule kommen, schon lesen und schreiben können, ist nicht die Regel, wohl aber eine verbreitete Ausnahme. Der Anteil von "Frühlesern" unter Schulanfängern beträgt zwischen 2 und 4 Prozent. Die meisten Kinder aber verfügen bereits vor Schuleintritt über einige Kenntnisse bezüglich der Schrift. Kinder, die in unserer Kultur aufwachsen, sind längst vor Schulbeginn mit Schrift konfrontiert und mit ihrem Gebrauch mehr oder weniger vertraut. So können sie ihren Namen schreiben und lesen, sie kennen vielleicht einige Buchstaben und erkennen manche Logos aus der Werbung. Vor allem aber freuen sie sich aufs Lesen- und Schreibenlernen.

Auf dieser Basis kann die Grundschule weiterarbeiten. Eltern und Betreuer von Vorschulkindern fragen sich vielleicht, wie sie ihr Kind auf dem Weg des Schriftspracherwerbs fördern können, welche Fähigkeiten spielerisch grundgelegt werden können und wie man den Fragen der Kinder sachgerecht begegnen kann. Dabei geht es keinesfalls darum, schulische Lernprozesse verfrüht vorwegzunehmen; die systematische Unterweisung im Sinne eines Leselehrgangs ist Aufgabe der Grundschule und soll es auch bleiben. Dennoch kommt den Eltern die wichtige Aufgabe zu, ihr Kind auf dem Prozess hin zum Lesen und Schreiben zu begleiteten, es auf richtige Weise anzuregen und ihm Impulse zu geben, die grundlegende positive Einstellungen zu Schrift bewirken und Vorläuferfertigkeiten anbahnen.

Das Beispiel von Sascha und seiner Familie beantwortet bereits wesentliche Aspekte unserer Frage: Wie kann ich meinem Kind helfen, Lesen und Schreiben zu lernen?


Das Vorbild der Familienmitglieder

Sascha, eins dieser Kinder, die sich selbst Lesen und Schreiben beigebracht haben, traf auf Bedingungen, die seinen Lernprozess auf günstige Weise stimulierten:
  • Er wuchs in einem Umfeld der Schriftkultur auf, das ihm den Erwerb und den Umgang mit Geschriebenem nahe legte:
  • seine Bezugspersonen erlebte er als lesende und schreibende Vorbilder, die sich ihm mit Zeit und Geduld widmeten,
  • seine Fragen wurden ernst genommen und auf kompetente, verständliche Art beantwortet,
  • er wurde nicht zum Lesen gedrängt,
  • aber er erfuhr Anerkennung und Lob für seine Anstrengungen,
  • verbunden mit Impulsen für weiteres Lernen.
Kinder fragen nach allem, was ihnen in ihrer Welt begegnet, auch nach Gedrucktem. Sie finden Interesse an Geschriebenem, wenn Erwachsene oder größere
Geschwister damit selbstverständlich umgehen, wenn man ihnen Geschichten erzählt und vorliest und mit ihnen Bilderbücher betrachtet, wenn sie erfahren, dass Schreiben und Lesen zum Alltag der großen Leute gehört und für sie irgendwie notwendig und auch lustvoll ist. Kinder beginnen meist dann von sich aus mit Lesenlernen, wenn es ihnen selbst lohnend und interessant erscheint. (1)

Jedoch haben sich regelrechte Programme zur Intelligenzentwicklung der Kinder durch frühe Angebote zum Lesen als wenig erfolgreich erwiesen (2); vielmehr bestätigten Untersuchungen die Vermutung, dass frühes Lesen weniger auf systematischer Anleitung der Erwachsenen als auf spontanem Interesse der Kinder beruht. (3)

Die Erwachsenen können das Kind durch Aufmerksamkeit und Sich-Zeit-Nehmen für seine Fragen unterstützen. Wenn Sprechen, Vorlesen und Erzählen in angenehmen Situationen erfolgen, dann werden diese Tätigkeiten mit den geliebten Personen in Verbindung gebracht. Schrift kann dann vom Kind als Mittel oder Gegenstand der Kontaktaufnahme erlebt und benutzt werden. All dies verstärkt den Wunsch des Kindes, lesen (und schreiben) zu lernen, und dieser gibt letztlich den Ausschlag, ob ein Kind erfolgreich zum Leser und Schreiber wird.

Diese Ansicht wurde schon vor fast 250 Jahren (1760) von Jean-Jacques Rousseau in seinem Erziehungsroman "Emile" vertreten:
"Man macht viel Wesens davon, die besten Methoden, lesen zu lernen, herauszufinden. Man erfindet Lesekästen, Karten, man macht aus dem Kinderzimmer eine Druckerwerkstatt... Welch ein Jammer! Ein viel sichereres Mittel, das, woran niemand denkt, ist der Wunsch, lesen zu lernen. Erweckt diesen Wunsch im Kinde und dann weg mit euren Lesekästen und Würfeln, und jede Methode wird ihm recht sein. - Das gegenwärtige Interesse ist die große bewegende Kraft, die einzige, die mit Gewissheit zu etwas führt." (4)

Hier also ist die Hauptaufgabe familiärer Förderung angesiedelt: durch das natürliche Leben in einer Schriftkultur im Kind das Bedürfnis nach Lesenkönnen zu wecken.


Lesen- und Schreibenlernen sind Langzeitlernprozesse

Lesen- und Schreibenlernen sind Lernprozesse, die schon sehr früh mit Fragen und Tätigkeiten der Kinder beginnen, ohne dass man sie unmittelbar als solche erkennt. Die Fähigkeiten, die Kinder dafür benötigen und ausbilden, sind mehr oder weniger als lesespezifisch einzuordnen (5). Wichtig sind sie, weil sie viele Fertigkeiten und Kenntnisse vorbereiten und grundlegen, auf die das Kind später selbstverständlich zurückgreift. Dazu gehört wie schon oben erwähnt, die Motivation als Wille, lesen zu können. Weitere Komponenten sind die allgemeine Sprachfähigkeit des Kindes, seine Fähigkeiten im symbolischen Spiel, seine Phantasie und Geschicklichkeit im Malen sowie Fähigkeiten im genauen Hinsehen und Hinhören.

Sprechen und Zuhören

Sprechen und Zuhören sind Ausdrucks- und Auffassungsformen menschlichen Geistes, über die sich der Zugang und die Verarbeitung von Welt realisieren. Sie beinhalten die Fähigkeit, Gedanken in angemessener Form zu äußern und dadurch mit anderen Menschen in Kontakt und Austausch zu treten. Das Verständnis des Kindes beim Zuhören, seine Fähigkeit, sich auszudrücken, sein Erfahrungshintergrund und sein Frageinteresse können den Erwerb der Schrift begünstigen. (6) Der Sprachstand und
Wortschatz eines Kindes ermöglichen späteres Leseverständnis. Erfahrungsgemäß gelingt es besser, einen Text zu entziffern, wenn der Sachverhalt, um den es dabei geht, schon bekannt ist. Manche Forscher (7) beurteilen die Sprache schlechthin als die Basis für den Erwerb des Schreibens und Lesens und bewerten die Sprachanregung im Elternhaus als besonders hoch. Wenn Erwachsene also viel mit dem Kind sprechen, ihm erzählen und vieles erklären, wenn sie sich Zeit nehmen für seine Fragen und Gedanken, dann fördern sie das Kind bereits indirekt.

So kann man z. B. beim Geschichten erzählen oder vorlesen an einem geeigneten Punkt verweilen und mit dem Kind überlegen, wie es wohl weitergehen könnte. Die Fähigkeit zur Antizipation, also zum Weiterdenken eines Gedankens wird dadurch gefördert, die eigene Beteiligung kann sich ausdrücken und die Phantasie des Kindes wird angeregt.

Zur allgemeinen Sprachfähigkeit gehört auch die Artikulation, also die richtige und deutliche Aussprache. Wenn in vielen Familien Dialekt gesprochen wird - was nur zu begrüßen ist -, dann ist es günstig, das Kind zusätzlich mit der Hochsprache vertraut zu machen. Das kann ganz natürlich durch Vorlesen aus Kinderbüchern erfolgen. Eine weitere Möglichkeit hierfür ist auch, den Kindern Sprechverse wie Zaubersprüche, Fingerspiele, Zungenbrecher oder Abzählverse beizubringen.

Auf spielerische Weise regen sie das Kind an zum Nachsprechen, zum deutlichen Sprechen und zum Aufmerksamwerden auf Sprache, wie z. B. diese Verse von James Kruess:
Besengret die Wetterhexe hext den Regen, hext den Schnee,
fegt auf ihrem Hexenbesen über Felder, Berg, und See.
Unten schlurft in dunklen Stuben Urgroßmutter Uhlenfuß
brummt und braut Rapunzelsuppe, Wurzelwein und Gurkenmus...
Solche Sprechverse können auch gesungen und geklatscht werden, mit Rhythmusinstrumenten untermalt oder spielerisch-tänzerisch dargestellt werden. Die fördernde Wirkung von musikalischer Früherziehung ist für die Sprach- und Intelligenzentwicklung eines Kindes unbestritten.

Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind im Altern von 4 bis 5 Jahren nachhaltig bestimmte Laute nicht richtig bildet, ist die Überlegung angebracht, ob ein Logopäde zu Rate gezogen werden soll. Meistens handelt es sich um kurzfristig und leicht zu behebende Artikulationsfehler, die sich jedoch im Laufe der Zeit verfestigen können (8). Demnach ist es ratsam, noch im Vorschulalter entsprechende Korrekturen anzubieten.

Spielen

Wenn Kinder spielen, deuten sie Dinge oft wie selbstverständlich um: aus dem Schuhkarton wird ein Auto, ein Puppenbett oder ein Haus, der Tisch wird zur Höhle oder zum Zelt, ein Stein wird zum Goldschatz, der im Sandkasten vergraben wird und um dessentwillen wilde Kämpfe entstehen... In
Rollenspielen werden Personen stellvertretend benannt: "Du wärst jetzt der Vater und ich wär die Mutter und das wär unser Haus..." Durch solches Spiel zeigen Kinder, dass sie fähig sind, mit Deutungen und Umdeutungen in ihrer Wirklichkeit zu handeln, dass sie über Symbole und Gesten eine eigene Welt erschaffen und sie nach Bedarf wieder verändern können. Sie geben ihrer Welt dadurch auf kreative Weise einen persönlichen Sinn.

In der Fachliteratur wird dieses Handeln als Symbolverständnis bezeichnet und als eine weitere Basisfähigkeit für späteres Lesen und Schreiben angesehen.

Kinder lernen auf diese Weise, dass Dinge Stellvertreter sein können für Personen: wie der Schuh oder die Zeitung ein Papa-Anzeichen sein kann, das Parfum oder der Schal ein Mama-Zeichen, so können Gegenstände für jemanden oder für etwas anderes repräsentativ sein. Diese Erkenntnis kann auf Gesten ausgedehnt werden, dann auch auf immer abstraktere Zeichen, die den Kindern alltäglich begegnen: A für Apotheke, P für Parkplatz usw...

Um unsere Schrift verstehen zu können, ist die Erkenntnis wichtig, dass graphische Zeichen - also Buchstaben - auch solche Stellvertreter sind, nämlich für Sprechlaute.

Kritzeln und Malen

Schreibenkönnen beginnt schon früh mit Kritzeln. Manche Forscher halten frühe Kinderzeichnungen und Kritzeleien eher für gestische Repräsentationen als für Abbildungsversuche von Wirklichkeit (9). "Schrift ist Spur..." (10) in ihrer elementarsten Form. Das Hinterlassen von Spuren kann als Sichtbarmachen der eigenen Existenz verstanden werden. Die Botschaften: "Ich bin (war) hier", oder: "Das gehört mir" können durch schriftliche Zeichen ausgedrückt werden. Über Aufschreiben kann man etwas festhalten, um es nicht zu vergessen oder man kann das Geschriebene dazu benützen, es anderen mitzuteilen. Man kann aber auch durch Schreiben seine Gedanken klären oder etwas übersichtlich darstellen. Schrift hat viele Funktionen, die es von Kindern nach und nach zu entdecken gilt.

Die neuere Entwicklungspsychologie hat in der Abfolge, wie Kinder sich der Schrift annähern, eine gewisse Gesetzmäßigkeit entdeckt: (11)
Im Lauf ihrer Entwicklung malen und / oder kritzeln Kinder aus ganz verschiedenen Motiven. So kann es sein, dass das Vorbild der Erwachsenen oder der größeren schulpflichtigen Kinder nachgeahmt wird; es kann auch sein, dass ein Kind durch seine Zeichen etwas als sein Eigentum kennzeichnen will. Mit zunehmendem Sachverstand wird es durch sein "Schreiben" bereits eine Mitteilung überbringen wollen. Diese Kritzelbotschaften können von einem Tag zum anderen zuerst noch Verschiedenes beinhalten. So "las" die zweijährige Lisa z. B. ihre gekritzelten Botschaft vor: Da steht: "Liebe Sara, wie geht es dir? Deine Lisa." (12) Auch wenn dasselbe "Schriftstück" am nächsten Tag etwas anderes bezeichnen kann, zeigt das Kind dadurch, dass es verstanden hat: über Geschriebenes kann man etwas mitteilen. Im Laufe der Entwicklung wird sich der Inhalt des Mitgeteilten seiner Form immer mehr anpassen. In Kombination zu bildlichen Darstellungen wird das Kind zusätzlich einzelne Buchstaben in seine Darstellungen übernehmen, bis es schließlich seinen Namen auswendig aufzeichnen kann und womöglich auch andere Wortbilder kopiert. Dabei orientieren sich Kinder meist noch am ganzen Wort, das sie "lesend" wieder erkennen und auch zu schreiben versuchen (vorphonetisches Stadium) (13).
Bei solchen Schreibversuchen und beim Malen trainiert das Kind seine Feinmotorik, es übt und kräftigt ganz nebenbei seine Fingermuskulatur und lernt immer besser, exaktere Zeichen hervorzubringen. Als Schreib- und Malstifte eignen sich im Vorschulalter Wachsmalkreiden und "Dickies" oder ähnliche weiche Farbstifte; Kugelschreiber sollte man vermeiden, weil sie der Hand zu wenig Widerstand bieten. Anfangs wird das Kind den Stift im "Pfötchengriff" halten, hierfür eignen sich so genannte "Malbirnen" ganz besonders. Eltern sollten darauf achten, dass die kindliche Hand beim Malen nicht verkrampft; wenn Sie solches beobachten, dann regen Sie Ihr Kind zu Fingerspielen an wie z. B. die "Zehn kleine Zappelmänner".

Ganz von selbst benützt das Kind seine "Schreibhand", also die Hand, mit der es leichter (aus)malen, schreiben und schneiden kann. Wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind lieber und besser mit der linken Hand "schreibt", versuchen Sie auf keinen Fall, es auf die rechte Hand umzugewöhnen. Dies könnte zu gravierenden Störungen führen (14). Es hat sich vielmehr bewährt, das Kind in seiner angeborenen Händigkeit zu unterstützen; das Bereitstellen einer Linkshänderschere ist empfehlenswert.

Genau Hinsehen und Hören

Genaues Hinsehen und Unterscheiden von Formen, also optische Diskriminationsfähigkeit ist wichtig, um die abstrakte Gestalt eines Buchstabens genau und richtig zu erfassen. Wenn ein Vorschulkind z. B. ein Haus zeichnet, dann kommt es nicht darauf an, an welcher Seite des Daches der Kamin platziert wird oder ob die Tür rechts oder links angebracht wird, denn der gemalte Gegenstand wird so oder so als Haus erkannt. Anders ist das beim Erkennen und Wiedergeben von Buchstaben. Hier kommt es ganz entscheidend darauf an, ob ein Strich rechts oder links von einem Kringel gehört, ob er nach oben oder nach unten weist: bei den Buchstaben b / d oder p / q ändert sich damit der Lautwert! Das S wird seitenverkehrt zum Fragezeichen. Also kommt es darauf an, ganz genau hinzusehen und vor allem die Raum-Lage-Beziehungen zu erkennen. Diese Fähigkeiten trainiert man am besten nicht isoliert in so genannten Trainingsreihen, sondern spielerisch, so dass für das Kind das genau Hinsehen auch Spaß macht. Geeignet sind hierfür z. B. die bekannten nahezu identischen Suchbilder, die sich nur in Einzelheiten voneinander unterscheiden oder Bilder, in denen etwas versteckt ist, das sich nur durch genaues Hinschauen entdecken lässt. Anregungen hierzu finden sich z. B. in Vorschulzeitschriften wie "Mücki und Max" oder in sogenannten Wimmelbilderbüchern wie z.B. von Ali Mitgutsch. Zu empfehlen wären hier auch Spiele wie "differix" oder "Schau genau" (beide: Ravensburger Spiele).

Die Fähigkeit zum genauen Hinhören (akustische Diskrimination) wird dann wichtig, wenn es darauf ankommt, die gehörten Laute in Buchstaben umzusetzen (dazu mehr im übernächsten Abschnitt). Auch diese Fähigkeiten können in Spielen geübt werden, wie z. B. "Flüsterpost".


Kenntnisse und Einsichten, die dem Kind beim Erwerb der Schriftsprache unmittelbar helfen:

Will ein Kind in unserem Kulturkreis lesen und schreiben lernen, so muss es zuerst das Wesen und die Funktionsweise unserer Buchstabenschrift verstehen.

Vielleicht hat das Kind bislang einzelne Wörter als ganze gespeichert, so wie man ein Zeichen einer Bilderschrift lernt. Chinesische Kinder müssen auf diese Weise mehrere Tausend Schriftzeichen auswendig lernen, um einfache Texte lesen zu können. Diese Vorgehensweise ist der Buchstabenschrift nicht angemessen. Das Erlernen der Alphabetschrift belastet das Gedächtnis weit weniger, weil nur 26 Zeichen (Buchstaben) gelernt werden müssen, mit diesen Zeichen aber alle möglichen Lautkombinationen geschrieben werden können. Nicht umsonst nennt Kainz die Buchstabenschrift "den leistungsfähigsten Gipfel aller Schriftsysteme" (15).

Es hilft Ihrem Kind also nicht, wenn Sie ihm Wortkärtchen mit Ganzwörtern zeigen und lernen lassen, wie es in so manchen "Vorschulen des Lesens" oder Lesespielen geraten wird. Damit vermittelt man nur eine falsche Vorstellung des Lesens: Denn Lesen einer Buchstabenschrift heißt doch, die graphischen Zeichen (Buchstaben) ihrem Lautwert zuzuordnen und dann daraus einen Sinn zu entnehmen; Schreiben heißt demzufolge die gehörten Laute in Buchstaben umzusetzen.

Dieses Umsetzen von Lauten aus der gesprochenen Sprache in Schrift stößt aus mehreren Gründen auf Schwierigkeiten:
  • Zum einen ist es nicht leicht, aus einem Redefluss oder gesprochenem Wort die einzelnen Laute zu unterscheiden und herauszuhören;
  • zum anderen lässt sich unsere Buchstabenschrift nur in Einzelfällen lauttreu verschriften; solche phonologisch einfachen Wörter sind z. B. Oma, Opa, Mama, Papa, Lego, Hase oder Namen wie Susi, Leo, Tim und Ali...

Spielend und "schreibend" die Schrift entdecken:

Normalerweise bedienen sich Kinder der Sprache, um eine Mitteilung zu machen, um einen Inhalt auszudrücken. Wenn sie aber schreiben lernen wollen, müssen sie Sprache unter einem neuen Gesichtspunkt entdecken: Der Klang eines Wortes wird nun interessant, denn man muss wissen, wie ein Wort klingt, um es aufschreiben zu können. Dazu muss ich also ganz genau hinhören lernen: Was klingt am Anfang? Und was höre ich dann? Und was danach? Und was am Schluss?

Es gibt Laute, die man sehr leicht und gut hören kann, wenn sie z. B. am Anfang eines Wortes stehen oder wenn sie lang gezogen sind wie das "a" bei "Haare" oder das "au" bei Maus. Andere Laute sind sehr schwer zu hören und auch schwer voneinander zu unterscheiden, dazu gehören solche Häufungen wie bei "Strümpfe" oder auch das "ng" bei singen.

Kinder, die anfangen, eigene Wörter aufzuschreiben, bedienen sich deshalb oft einer so genannten "Skelettschreibung", das heißt, sie schreiben nur das, was sie wirklich hören, z. B. PP (Puppe), Faged (Fahrgeld).

In diesem "halbphonetischen Stadium" erprobt jetzt das Kind die vorher eher zufällig benutzten Buchstaben. Es versucht, mit den ihm bekannten Zeichen die gewünschten Wörter aufzuschreiben. Eine Hilfe in dieser Phase ist es, dem Kind den Lautwert der einzelnen Buchstaben zu benennen (nicht den Buchstabennamen!).

Mit dem Vermögen, besser in die Lautstruktur der Wörter hineinzuhören, gelingt es allmählich, die gesamte Lautfolge eines Wortes abzubilden, streng nach phonetischen Regeln. Das Kind schreibt z. B. schpiln (spielen) oder Fada (Vater). Die Abstände zwischen einzelnen Wörtern werden nicht von Anfang an bemerkt, z. B.: "wiarainnkoistböt" (Wer reinkommt ist blöd). Wenn Ihr Kind solcherart schreibt, dann hat es den Übergang zur phonetischen Phase bewältigt. Eltern oder Betreuer sollten das Kind für seine Leistung loben und sich darüber freuen. Auf keinen Fall ist jetzt der Verweis auf Rechtschreibregeln angebracht, dies könnte nur entmutigen und verwirren. Allenfalls kann man auf Verlangen das Geschriebene in die "Erwachsenenschrift" übersetzen. Weitere Lernschritte wie das Aufspüren typischer Rechtschreibmuster gehören zu den Aufgaben der Grundschule.

Wie Sie Ihr Kind dabei anregen können:

Zu Hilfen und Anregungen, die dem Kind die akustische Analyse erleichtern und seine phonologische Bewusstheit anregen, gehören alle Arten von Spielen mit Sprache, wie z. B.
  • Reimpaare suchen, z. B. Nase / Hase, Haus / Laus / Maus...
  • Wörter mit gleichem Anfangslaut sammeln, z. B. Mama, Mietze, Milch, Maus...
  • In der A-Sprache mit ihm reden (auch in der e-, i-, o- oder u-Sprache) wie z. B. "Dri Chinisin mit dim Kintribiß..."
  • Wörter mit langem und kurzem Selbstlaut sammeln, z. B. Schal / Schall
  • Sprechverse zu verschiedenen Lauten, z. B.: "Oh wie peinlich, Paulas Puppe fiel heut in die Nudelsuppe"
  • Zungenbrecher wie z. B. "Fischers Fritze..."
  • Abzählverse wie "Ene mene miste...", dazu Silben zählen und klatschen
  • Wörter verzaubern, z. B. aus Nagel wird Nadel, aus Hund wird Hand... und dabei den Unterschied hören.
Spiele, die das Kind zum Nachdenken über Sprache anregen, sind z. B.
  • Bandwurmwörter suchen wie "Streichholzschächtelchen" oder "Donaudampfschifffahrtskapitän"
  • Teekesselspiele, d. h. Wörter mit verschiedenen Bedeutungen suchen: z. B."Birne" (Obst oder Glühbirne)

Anmerkungen und weiterführende Literatur

(1) Prominente Beispiele hierfür finden sich in der Literatur:
Jean-Paul Sartre: Die Wörter. Berlin, Weimar 1966, 2. Aufl .S. 36 - 39;
Elias Canetti: Die gerettete Zunge. Frankfurt/M. (Fischer) 2000, S. 37 - 42

(2) Schmalohr, E.: Frühes Lesenlernen. Ein Beitrag zur Pädagogischen Psychologie und Curriculum-Entwicklung. Heidelberg 1973

(3) Neuhaus-Siemon, E.: Frühleser - Ergebnisse einer Fragebogenerhebung in den Regierungsbezirken Unterfranken und Köln. Zeitschrift für Pädagogik 37, S. 285 - 308

(4) Rousseau, J.-J.: Emile oder Über die Erziehung. Aus dem Französischen übertragen von Eleonore Sckommodau. Stuttgart (Reclam) 1995, S.259

(5) vgl. Meiers, K.: Lesen lernen und Schriftspracherwerb im ersten Schuljahr. Bad Heilbrunn (Klinkhardt) 1998, S.58 ff

(6) Rost, D. H: Komponenten des Leseverständnisses. Berichte und Arbeiten aus dem Institut für Grundschulforschung der Universität Erlangen-Nürnberg 1984

(7). Smith, C. B (ed.): Parents and Reading. Newark (IRA, Perspectives in Reading Nr. 14) 1971, p. 10 - 22 (8) Vgl. hierzu: Breuer, H./ Weuffen, M.: Gut vorbereitet auf das Lesen- und Schreibenlernen. Berlin 1990

(9) Vygotski, L.: Mind in society. The development of higher psychological processes. London 1978, S.111 ff

(10) siehe hierzu: Bärmann, F.: Lernbereich Schrift und Schreiben. Braunschweig 1979

(11) z. B. Günther, K. B.: Ein Stufenmodell der Entwicklung kindlicher Lese- und Schreibstrategien. In: Brügelmann, H. (Hrsg.): ABC und Schriftsprache: Rätsel für Kinder, Lehrer und Forscher. Konstanz (Faude) 1986, S. 32 - 54

(12) dokumentiert von Brinkmann, E. In: Brügelmann, H. / Brinkmann, E.: Die Schrift erfinden. Lengwil am Bodensee ( Libelle)1998, S. 79

(13) Spitta, G.: Kinder entdecken die Schriftsprache. In: Valtin, R./Naegele, I.(Hrsg.): "Schreiben ist wichtig!" Grundlagen und Beispiele für kommunikatives Schreiben(lernen). Arbeitskreis Grundschule e. V. Frankfurt / M. 1994, 4. Aufl. S.70ff

(14) Sattler, J. B.: Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn. Donauwörth (Auer) 1998, 4. Aufl und

dies.: Die Psyche des linkshändigen Kindes - Von der Seele, die mit Tieren spricht. Donauwörth (Auer) 1999

(15) Kainz, F.: Die Schrift. In: K. Meiers (Hrsg.): Erstlesen. Bad Heilbrunn (Klinkhardt) 1977, S. 25 - 32


Weitere Anregungen, Materialien und Lernhilfen

Spiele mit Sprache finden sich in zahlreichen Kinderbüchern. Hier nur einige Hinweise:

Ute Andresen: ABC und alles auf der Welt.

Paul Maar: Onkel Florians fliegender Flohmarkt. Hamburg (Oetinger) 1977

Das Sprachbastelbuch. Ravensburg 1981

Dichter erzählen Kindern, herausgegeben von G. Middelhauve Stuttgart, Hamburg (Deutscher Bücherbund) 1966; darin u. a. die Erzählung von Peter Bichsel: Ein Tisch ist ein Tisch.

Kinderzeitschrift "Mücki und Max": Herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e.V. Wiesbaden, Universum Verlagsanstalt, 65175 Wiesbaden

Empfehlenswert sind außerdem traditionelle Spiele wie Domino und Mikado, "Stapelmännchen", "Wackelturm" Spiele mit Bauklötzchen, Puzzles und Memories aller Art, die ganz nebenbei Gedächtnis, Kombinieren, genaues Hinschauen und Fingerspitzengefühl trainieren.

Geeignete Computersoftware bietet z. B. das TAO-Programm: "Texte für Auge und Ohr", entwickelt von der Projektgruppe Informationstechnik am Max-Planck-Institut für psychologische Forschung München. Bezugsadresse: Institut für Schulpädagogik und Bildungsforschung (Tel.089-9214-2400)


Autorin

Dr. Cornelia Rehle M.A.
Akademische Rätin am Lehrstuhl für Pädagogik mit Schwerpunkt Grundschuldidaktik der Universität Augsburg
Universitätsstr. 2
86135 Augsburg
E-Mail:
Cornelia Rehle



Letzte Änderung: 10.03.2009 14:01:30Zum Seitenanfang