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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Soll Strafe wirklich tabu sein?

Martin Gradl      Foto: Martin Gradl


Experte hinterfragt Entwicklungen in der Kindererziehung

Hart ins Gericht mit aktuellen Erziehungstrends geht der Innsbrucker Kinderpsychologe und Psychotherapeut Heinz Zangerle in seiner jüngst erschienenen Publikation “Praxishandbuch Erziehung”. Falsch verstandene Erziehungsliberalität in Form von Kuschelpädagogik ist ihm ebenso ein Dorn im Auge wie die breite Akzeptanz der Volksweisheit über den “gesunden Klaps”.

Absolute Demokratie und Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kindern, die vorrangige Orientierung am kindlichen Willen und der Verzicht auf klare Regeln und Strukturen sind nur einige der Punkte, die Psychologe Heinz Zangerle unter dem Begriff Kuschelpädagogik zusammenfasst und kritisch betrachtet. So sei es etwa falsch, Kinder in Erziehungsfragen als mit den Eltern vollkommen Gleichberechtigte anzusehen. Dies würde nämlich einerseits bedeuten, dass sie Entscheidungen zu treffen hätten, für die sie noch gar nicht reif seien und andererseits auch den “Schonraum Kindheit”mit seinen spezifischen kindlichen Erfahrungswelten gefährden. Zangerle zeichnet dazu folgendes Bild aus der Praxis: “In wachsendem Ausmaß verbaut, verplant, vermarktet die Gesellschaft die ureigenen Erlebnisräume der Kinder. Immer früher wird ihnen das Ende der Spielzeit eingeläutet. Eltern erwarten möglichst frühe Selbstverantwortlichkeit des Kindes, Erziehung zur Autonomie hat höchste Priorität in der kindlichen Entwicklung.”

Auch auf die Formulierung klarer und konkreter Erziehungsziele verzichte man heutzutage häufig, weil diese die autonome kindliche Entwicklung gefährden könnten. Während die Kinder in früheren Jahren durch eine zu sehr einengende, autoritäre Erziehung eingeschränkt und behindert worden wären, würden sie heute aufgrund falsch verstandener Erziehungsliberalität kaum noch Grenzen kennen lernen und somit oftmals ohne “moralische Landkarte” ins Leben geschickt. Dass bei aller Erziehungsliberalität noch immer drei Viertel der Bevölkerung glauben, der eine oder andere Klaps könne Kindern nicht schaden, sieht der Experte wiederum in der Überforderungsreaktion vieler Eltern begründet und als Ausdruck erzieherischer Hilflosigkeit. Dafür mitverantwortlich macht er auch den pädagogischen Zeitgeist, der nicht nur richtigerweise körperliche Übergriffe, sondern Strafe insgesamt tabuisiere und zum Unwort erkläre.

Eltern müsse es aber sehr wohl auch erlaubt sein, über sinnvolle Sanktionen nachzudenken. “Es gibt Situationen, in denen Eltern Gehorsam verlangen müssen, etwa dann, wenn sie ihr Kind davon abhalten wollen, mit seinem Verhalten sich selbst oder andere zu schädigen.” Zu beachten ist dabei allerdings, dass die Sanktionen einen Sinnzusammenhang mit dem Vergehen aufweisen, lebbar und angemessen sind, bereits im Vorhinein klar festgelegt werden, nicht die Form körperlicher Gewalt annehmen und immer eingehalten werden.

Einen weiteren zu hinterfragenden Erziehungstrend bildet für Zangerle die häufige Auslagerung ursprünglich familiärer Aufgaben an verschiedenste Einrichtungen - von der Krabbelstube mit Tagesverpflegung über die Nachhilfeschule bis hin zu Kinder- und Jugendanwaltschaften oder ExpertInnen aus Medizin und Psychologie. Kinder würden ständig weitergereicht und statt eines Ortes verlässlicher Geborgenheit werde die Familie für sie häufig zum Eingangstor in ein undurchschaubares Labyrinth. In der Familie gingen vor allem das zeitaufwändige Gespräch, ruhige Zuwendung und gegenseitiges Verstehen verloren. “Schwierige Kinder fallen neuerdings nicht mehr in die pädagogische Kompetenz der Familie. […] So werden sie von einer Instanz zur nächsten weitergereicht: von der Pädagogik über die Psychologie zur Medizin und weiter an die Psychiatrie. Folge: Aus dem quirligen ‚Zappelphilipp' ist das Kind ‚mit Diagnose ADHS' geworden. – Aus einem weitverbreiteten Verhaltensproblem, dessen Bewältigung sich Eltern […] ehedem durchaus zutrauten, ist eine behandlungsbedürftige Erkrankung geworden."


Heinz Zangerle: Praxishandbuch Erziehung. 50 Elternfragen, 50 Antworten und Lösungen.
Verlag Carl Ueberreuter.Wien 2006.
ISBN 3-8000-7201-7
Kontakt: heinz.zangerle@aon.at


Quelle

Dieser Artikel erschien in beziehungsweise, Ausgabe 01/2007.
Mit freundlicher Genehmigung durch:
Österreichisches Institut für Familienforschung Gonzagagasse 19/8 A - 1010 Wien
Website: http://www.oif.ac.at




Letzte Änderung: 07.02.2008 13:18:39Zum Seitenanfang