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![]() Lag vor 30 - 40 Jahren für die meisten Menschen der Lebenssinn in einer zufrieden stellenden Existenzabsicherung, meist angereichert durch eine Prise Erfolgs-Hoffnung, so geben nach einer repräsentativen Untersuchung des Hamburger BAT Sozialforschungs-Institutes im Frühjahr 2001 64% der Bundesbürger Spaß als Sinn des Lebens an. Schnell und mühelos soll es zugehen: "Genuss pur", "trendy sein" und "Auffallen" wird zur Lebensmaxime. Können, Sachargumente oder Leistung zählen kaum, Gags verdrängen Inhalte, der Spaß wird zum Ziel. Da kommt, trotz mancher Lacher keine Freude auf. Zu den Tücken eines Lebens in einer SpaßgesellschaftEs erscheint mir angebracht, das Wollen und Streben dieser 2/3-Mehrheit einmal etwas genauer unter der Lupe zu betrachten. Was mögen diese Menschen mit Spaß verbinden? Um welches Lebensverständnis geht es? Was soll gleichzeitig bei einer so exzessiv angestrebten Leichtigkeit des Seins verdrängt werden? Laut Wörterbuch ist Spaß ein Mix aus Witz, Scherz, Posse, Jux und Narretei, kurz: verdichteter Unsinn. Leicht, angenehm, genussvoll und konsumierbar soll es sein. Demnach ist das Lebenskonzept solcher Zeitgenossen zwischen Wolken-Kuckucksheim und Schlaraffenland angesiedelt.Auch ist eine Differenzierung zwischen Spaß und Freude klärend. So geht Spaß in der Regel mit "haben wollen" einher, andere sollen die Voraussetzungen schaffen, während Freude mit "bereiten" assoziiert wird. Spaß ist meist oberflächlicher, Freude wirkt tiefer und ist ein prägendes Element zur Erreichung von Lebenszufriedenheit. Außerdem ist es erhellend, zwischen erhofften - meist aber ausbleibendem - Spaß auf dem Weg einer Zielereichung und Freude über eine Zielerreichung zu unterscheiden. Gute Noten in der Schule und Erfolg im Leben wird jeder toll finden, aber von Kindesbeinen an ist zu trainieren, da die Götter in der Regel den Schweiß vor den Erfolg gesetzt haben. Das Lebenskonzept von Spaß-Fixierten orientiert sich demnach an Herumhängen, viel Essen und Trinken, reichlich Fernsehen, im Internet surfen, Shopping, Sex und Super-Action. Giga-geil muss es sein. Manchen Zeitgenossen macht selbst Mobbing, Diffamierung, Gewalt und Horror Spaß. Und weil derselbe Spaß auf Dauer keinen Spaß mehr macht, muss bald ein Mega-Plus-Programm her. Das Volk will mehr, bis hin zur Unerträglichkeit, wie manche TV-Formate offenkundig werden lassen. Wenn jedoch Spaßsuche und Konsumorientiertheit zum Lebens-Sinn avancieren, heißt das im Umkehrschluss: "Null oder geringe Chance für weniger lustvolle oder gar anstrengende Vorhaben und Aufgaben!" So erhalten Selbst- und Mit-Verantwortung, Anstrengung, Nutzbringendes, Leistung, soziale Werte und Zukunftstiftendes einen Platzverweis.
Die Sprach- und Denkmuster einer Erziehung im SchongangImmer wenn gesellschaftliche Trends beschrieben werden, tendieren nicht wenige Zeitgenossen dazu, sich als Betroffene oder Nicht-Beteiligte zu sehen. Aber wir alle sind in der Regel - mehr oder weniger umfangreich - auch Akteure einer solchen Entwicklung. Denn durch typische Redewendungen oder Verhaltensweisen im alltäglichen Umgang mit unseren Kindern wird der oben beschriebene Mix aus Spaß und Nachgiebigkeit geprägt. Die häufigsten Nennungen von Eltern innerhalb vieler Seminare machen den Vorgang konkret:
Wenn der Spaß zu ernsten Folgen in Schule und Beruf führtUnüberhörbar schrillen die Warnsirenen in Schule, Hochschule und Ausbildungsbetrieben seit Jahren unisono: "So kann es nicht weitergehen!" Leistungsbereite Schüler werden zu Außenseitern; "Blaumachen" und "Abhängen" wird zum Schulsport, - der übrige Nachwuchs lässt sich unmotiviert und lethargisch im Lern-Fluss dahin treiben, sehnsüchtig auf das Wochenende wartend, um endlich im großen Pool der Spaßkultur abtauchen zu können. So leidet einerseits der Wirtschaftsstandort Deutschland unter den vielen antriebslosen Jugendlichen und Erwachsenen, während uns gleichzeitig die allgegenwärtige Spaß-Industrie für alle Lebenslagen den leicht gemachten Genuss aufdrückt, um neue Konsumenten zu gewinnen bzw. abhängig zu halten. Die Alarmmeldungen überschlagen sich. Hier wird das Desaster als Erziehungsnotstand, dort als Erziehungskatastrophe bezeichnet. Dann die nächste Hiobsbotschaft! Die PISA-Studie, eine internationale Vergleichsuntersuchung zur Effizienz und Effektivität schulischen Lernens, verweist das Land der Dichter und Denker auf die hintersten Plätze: Lesen, Rechnen, Arbeitshaltung, Problemlösungsfähigkeit, Denk- und Sprachvermögen mangelhaft. In Universitäten und betrieblicher Ausbildung kumulieren Nichtwissen und Desinteresse. Als Folge wirkt allzu oft der "Dreisatz":
Hier eine Mini-Auswahl der Folgen:
Um also nicht in ein Nirwana der Scheinlösungen zu geraten, wird hier eine Neubesinnung zwischen Strenge und Selbstüberlassung favorisiert. Das erfordert Mut und vollzieht sich oft im wahren Wortsinn als Zumutung, weil eine ins Leben führende Erziehung kein Billigprodukt ist. Denn wer auf Dauerspaß abonniert ist, wird bald keinen mehr haben, ob als Einzelperson oder als gesamte Gesellschaft. Wenn Ansprüche und Forderungen tragende Werte verdrängenWo liegen die Gründe, dass Leistungsbereitschaft und ein förderliches soziales Miteinander eine recht geringe und im Gegenzug ein Konglomerat aus Spaß, Genuss und Selbstbezogenheit in unserer Gesellschaft eine so hohe Bedeutung erlangten? Es ist die zu große Sattheit und Versorgtheit vieler Menschen! Denn wenn die Existenzabsicherung als Herausforderung entfällt, konzentriert sich die Sinn-Suche allzu leicht auf eine ständige Glück-Maximierung des eigenen Seins:
Somit ergehen sich in unseren Tagen immer mehr Zeitgenossen in der Inaktivität und dösen der nächsten Unterstützungsdosis zwischen "Hotel Mama" und "Vater Staat" entgegen. Solange jedoch der Automatismus dieser Versorgungs-Pipeline nicht gekappt wird, kann auch keine Eigenverantwortung wachsen. So wird ein Nothilfe-Prinzip ausgehöhlt, denn ein Sozialstaat kann nur funktionieren, wenn Viele durch ihren Beitrag soviel Mittel erbringen, dass für wirklich Bedürftige auch eine finanzielle Unterstützung möglich ist. Es ist "Zeit, von den Pflichten zu sprechen!" So titelt Altkanzler Helmut Schmidt im ZEIT-DOSSIER vom Oktober 1997 seinen Beitrag zur Wiedergeburt der Verantwortlichkeit. Denn "eine weitgehende permissive Erziehung orientierte sich allzu einseitig an den Grundrechten, von Grundpflichten ist kaum die Rede. Rücksichtslose egoistische ‚Selbstverwirklichung‘ erscheint als Ideal, Gemeinwohl dagegen eher als bloße Phrase." Demnach ist es ein folgenschweres Missverständnis, wenn Freiheit als Anspruch gedeutet wird, um Rechte und Vorteile ohne eine äquivalente Bringpflicht leben zu können. Stattdessen hat jeder Mensch eine primäre Selbstsorgepflicht, haben Eltern eine Erziehungspflicht, Kinder eine Lernpflicht, alle Familienangehörige - je nach Alter differierend - eine Mitsorgepflicht, Erwerbstätige eine Arbeitspflicht, Betriebe eine Fürsorgepflicht, alle eine Mitgestaltungs-Pflicht gegenüber der Gemeinschaft und letztlich hat die Solidargemeinschaft eine Hilfepflicht in Notlagen. Ein Fazit: Wer Freiheit ohne die Pflicht zur Eigenverantwortung lebt, produziert Dekadenz, ob sich diese nun als Gewalt oder Ohnmacht äußert. Und je verlockender die Angebote einer Spaßgesellschaft sind, je stabiler müssen Kinder und Jugendliche werden, um in ihr nicht unter zu gehen: entweder, um durch das Erbringen von Leistung kräftig mithalten zu können, oder um sich den verschiedenen Verlockungen gegenüber resistent verhalten zu können. Egal ob Mithalten oder Abgrenzung das Ziel ist: Wer Kinder und Jugendliche sich selbst überlässt oder sie verwöhnend in Watte packt bzw. mit Konsumgütern zuschüttet, der provoziert den Crash. Dieser findet täglich statt, eher unbemerkt in Versagen, Misslingen und Aufgeben, manchmal auch als öffentlicher Gewalt-Exzess. Ein Brückenschlag zwischen Dauerspaß und LebensernstSich auf ein Leben in Spaß und Kurzweil einzustellen und in der Glitzerwelt eines ausufernden Konsumangebotes mithalten wollen, scheint für die Mehrheit unserer Gesellschaft das ultimative Muss zu sein. Dabei wird auch verdrängt, dass die Bedeutsamste und nachhaltigste gesellschaftliche Leistung innerhalb der Lebensweitergabe die Erziehung unserer Kinder ist, weil sie über unsere Zukunft entscheidet. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, benötigen Eltern neben der entsprechenden Zeit auch eine angemessene Qualifizierung. Nur so können sie für ihr Aufgabenspektrum zwischen biologischer, emotionaler, sozialer und fertigkeitsorientierter Lebensvorbereitung gut gerüstet sein, um die ihnen anvertrauten Kinder liebevoll-konsequent ins Leben zu führen! Dies gilt erst recht für die Kleinkind-Erziehung. Fachleute der unterschiedlichsten Richtungen verkünden übereinstimmend, dass die ersten 3 Lebensjahre die entscheidendsten sind. Daher gilt gerade für diese Lebensphase: Kinder brauchen Elternhäuser und keine Verschiebebahnhöfe zwischen öffentlich finanzierter Ganztagsbetreuung und familiärem Nachtquartier.Bei dieser Aufgabe, die Zukunft unserer Gesellschaft abzusichern, erhalten funktionsfähige Schulen eine herausragende Bedeutung, denn einer qualifizierten Erziehung und Bildung ist höchste Priorität im Hinblick der wirtschaftlichen und politischen Kraft des Standortes Deutschland einzuräumen. Denn Schule ist der Ort, wo Kenntnisse, eigenständiges Denken und kompetentes Handeln erlernt werden sollen. Findet dies in einem abgestimmten Erziehungskonzept statt, kann so Bildung wachsen. Zur Gewährleistung gehören: eine angemessene Ausstattung, fähige Lehrer, engagierte Eltern und lernbereite Schüler. Mangelt es in einem Bereich, wird sofort der Gesamterfolg reduziert. Dabei ist herauszustellen: Eine fördernd-herausfordernde Schule darf, aber muss nicht Spaß machen. Mühe gehört in der Regel zu jedem Lernen dazu. Guter Unterricht kann aber nur in einer durch Bereitschaft, Offenheit, Konzentration und Rücksicht geprägten Lernatmosphäre stattfinden. Die Ergebnisse der Pisa-Studie entpuppen sich auf diesem Hintergrund zum Bilanz-Bericht von Fehlentwicklungen und Unvermögen. Denn spaß-verwöhnte, leistungs-ungeübte, medial zugemüllte, verhalts-auffällige, von einer Glitzerwelt abgelenkte und übermüdete Kinder können wirklich den dargebotenen Lernstoff nur mangelhaft aufnehmen. Denn Kinder brauchen für ihre Entwicklung keine Sturzbäche der Ablenkung, sondern körperliche, geistige und soziale Herausforderungen! Aber anstelle von sorgfältiger Analyse setzt schillernder Aktionismus ein. Ein Volk, welches "Live-Style" und "trendy sein" zur Lebensmaxime macht, kurzatmig von Vergnügen zu Vergnügen kollabieren, pausenlos durch neue Werbe-Attacken willige Käufer braucht, per Essen und Trinken aufs - auch per Körpergewicht feststellbar - Prinzip eines Lebens in Fülle setzt, schafft desaströse Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen. Einigen sich Eltern, Kindergärten und Schulen nicht auf gemeinsame Erziehungskonzepte, werden Kinder und Jugendliche im Gewirr der staatlich tolerierten Leer-Räume orientierungslos. Erfährt die Erziehungsleistung von Eltern, Erziehern und Lehrkräften keine angemessene gesellschaftliche Rückendeckung, fehlt den Handelnden die Kraft, Kinder und Jugendliche mit Umsicht und Konsequenz in ein selbstverantwortliches Leben zu führen. Denn aus einer schwachen Erziehungsposition heraus werden keinesfalls Sozialkompetenz, Selbstverantwortung, Mut, Stärke, Motivation, Kreativität und Konfliktfähigkeit zur Bewältigung zukünftiger Herausforderungen in Partnerschaft, Familie, Beruf und Gesellschaft wachsen. Fördern Gewerbe und Handel nicht die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit angemessener, sollten sie sich auf leistungsreduzierte Arbeitnehmer und Konsumenten einstellen. Setzt dieser Kurswechsel nicht ein, geraten noch mehr perspektivlose Nesthocker unvorbereitet als Berufstätige in einen aggressiven Wettbewerb innerhalb globaler Wirtschaftsstrukturen. Für Menschen mit wenig Können und Wollen bleiben dann nur Randpositionen oder Bauchlandungen. Kinder und Jugendliche brauchen starke Sparringspartner und keine Weichlinge, Spaßsucher oder Opportunisten. Stattdessen ist die nachwachsende Generation zu ermutigen, in angemessener Weise das Erbringen von Leistung zu erlernen. Weiterhin muss früh akzeptiert werden, dass andere mitunter mehr können. Dies kann eine kräftige Portion Frustrationstoleranz erleichtern. Andererseits sollten eigene Leistungen nicht zur Überheblichkeit führen. Schließlich müssen alle genügend Stabilität besitzen, um sich gegenüber den Verlockungen einer Spaß-Konsumgesellschaft auch deutlich abgrenzen zu können. Klarheit gibt Orientierung, Auseinandersetzung ist die Basis, um Grenzen auszutesten und eigene Standpunkte zu entwickeln um diese profiliert ins Leben zu tragen. Kein Mangel an elterlicher Zuwendungs-Zeit lässt sich mit Konsum und Geld ausgleichen. Wer sich jedoch als Eltern, Erzieher oder Lehrer an den Lustkriterien einer Spaß-Gesellschaft orientiert, deformiert sich selbst nicht nur zum Rundum-Animateur sondern gaukelt dem Nachwuchs auch noch vor, eine optisch nette Fassade sei ein stabiles Lebenskonzept. Setzt hier kein Kurswechsel ein, kann selbst ein rasanter Stop des andauernden Gebärstreiks nicht die Zukunft unseres Sozialsystems retten, denn nur zu Eigentätigkeit und Selbstverantwortung erzogene Leistungsträger taugen für eine Absicherung der Zukunft. Weiterführend ist es, einen seit Jahrzehnten verpönten Grundsatz neu in den Blick zu nehmen: Je mehr sich Jemand etwas leisten will, je umfangreicher muss seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Erbringung von Leistung ausgeprägt sein. Mangelt es hier an Mut und Stärke, wird unsere Zukunft düster sein. "Zehn Jahre wird sie alt, die Spaßgesellschaft, aber es geht ihr gar nicht gut. Denn ihr ist zwischenzeitlich der Spaß gründlich vergangen", so die FAZ vom 23.1.2003. Denn angesichts von steigender Arbeitslosigkeit, schrumpfender Wirtschaft und weltweitem Terrorismus kommen vielen eher die Tränen. "Schluss mit dauernd lustig!" - "Die Spaß-Gesellschaft hat ausgelacht, die Sehnsucht nach Wärme, Sinn und Persönlichkeit nimmt zu," - so die aktuelle Prognose von Trendforschern. Da wird die Refrain-Einleitung des schon in die Jahre gekommenen rheinischen Karneval-Hit’s: "Ein biß'chen Spaß muss sein" zum Zeit-Zeichen eines hoffen machenden Neubeginns. Denn wer sich für den anstehenden Brückenschlag zwischen Dauer-Spaß und Lebens-Ernst engagiert, greift das - auch in Politiker-Reden wieder häufiger auftauchende - Prinzip der Eigenverantwortlichkeit auf und wirkt mit an einer Zukunft in Zufriedenheit und Gerechtigkeit. Albert Schweizers Mahnung wirkt da wie ein letzter Aufruf: "Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst". Literatur
Wunsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle. Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit, München 2000, achte Auflage 2004 Weitere Beiträge des Autors im Familienhandbuch
Werden Kinder heute zu sehr verwöhnt? Autor
Dr. Albert Wunsch, langjähriger Leiter des Katholischen Jugendamtes in Neuss, ist Supervisor (DGSv) und seit dem 1. Oktober 2004 als Erziehungswissenschaftler an der Katholischen Fachhochschule in Köln tätig. Außerdem hat er einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf. Er ist Vater von zwei erwachsenen Söhnen
(3 Enkeltöchter) sowie Autor zahlreicher Fach-Publikationen. | ||
Letzte Änderung: 12.08.2005 11:25:45 |