Hauptmenü

Hauptseite
Familienhandbuch-
Forum

Stichwortsuche

von A bis Z

Aktivitäten mit Kindern
Angebote/Hilfen
Behinderung
Elternschaft
Ernährung
Erziehungsbereiche
Erziehungsfragen
Familie und Beruf
Familienbildung
Familienforschung
Familienpolitik
Gesundheit
Häufige Probleme
Haushalt/Finanzen
Jugendforschung
Kindertagesbetreuung
Kindheitsforschung
Kindliche Entwicklung
Leistungen für Familien
Partnerschaft
Rechtsfragen
Schule
Teil- und Stieffamilien
Trennung/Scheidung

Verschiedenes

Impressum
Kontakt
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Mädchen haben es schwer - und die Jungen?

Paul Suer


"Ein Junge weint doch nicht!" - "Stell’ dich doch nicht wie ein Mädchen an!" "Du bist doch schon ein großer Junge!"

Wer kennt sie nicht, solche Sätze? Gedankenlos plappern wir sie manchmal unseren Großeltern oder älteren Mitbürgern nach. Mitunter glauben wir selbst an den ewigen kleinen Unterschied, mit dem wir unsere Kinder in vorgeformte Rollen quetschen. Und wenn die Jungens sich nun gar nicht zu starken Männern entwickeln, muss es ja wohl an der Natur liegen.

Doch im Ernst: Wenn wir ein wenig überlegen, wird uns klar, dass das so einfach nicht sein kann. Im Alltag vergessen wir manchmal, dass Jungen nicht von Geburt an stark und selbstbewusst sind. Letztlich sind wir Erwachsene es doch, die maßgeblich das geschlechtliche Rollenverhalten unserer Kinder prägen.

Spätestens seit Margret Mead, der großartigen Forscherin über die Geschlechterrollen, wissen wir: Ob ein Mädchen sich wie ein Mädchen verhält und ob ein Junge sich wie ein Junge benimmt, hat nur ganz wenig mit den biologischen Anlagen zu tun. Entscheidend ist, welche kulturellen Einflüsse auf das Kind wirken.

In der Tat wirken auf unsere Kinder viele Einflüsse, die ihr geschlechtliches Selbstbild und ihr Verhalten lenken. Wir alle geben unsere inneren Bilder an die Kinder weiter, wie Mädchen oder wie Jungen zu sein haben. Auch werden sie durch ihre soziale Umgebung, die Spielkameraden und durch ihre Vorbilder geprägt. Und nicht zuletzt tun die Medien und eine allgegenwärtige Werbeindustrie ihr übriges dazu, um die Kinder frühzeitig auf ihre Rolle als Frau oder Mann zu fixieren.

"Aber geben Sie doch mal einem Jungen eine Puppe zum Spielen", werden Sie vielleicht einwenden, "er wird doch keine lange Freude daran haben." Das ist sicher richtig. Und es stimmt auch, dass es nur schwer gelingt, Mädchen für technische Fragen oder für Jungenspielzeug zu begeistern. Selbst erfahrene Pädagogen und Erzieherinnen glauben fest daran, dass Mädchen und Jungen von Anfang an anders sind. Jungen erscheinen als selbstbewusst und ungestüm, sind forsch und interessieren sich für alles Technische. Demgegenüber wird den Mädchen nachgesagt, dass sie bescheiden sind, einen gute Beziehung zu ihrem Körper haben und ihre Gefühle gut ausdrücken können. Auch wären Mädchen sprachlich gewandter und hätten ein besseres Sozialverhalten als die Jungen.

Das Ende der "Männerherrschaft"

Bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurden solche starren Rollenzuweisungen von Generation zu Generation weitergereicht. Es ist der damaligen Frauenbewegung zu verdanken, dass die Unterdrückung der Mädchen und Frauen in einer von Männern beherrschten Gesellschaft zum ersten Mal in der Geschichte öffentlich diskutiert wurde. In mitunter erregten Diskussionen mussten sich die Männer vielfach den Vorwurf anhören, dass sie Mädchen und Frauen in Beruf und Erziehung benachteiligten und unterdrückten.

Ob und in welchem Umfang die Vorwürfe berechtigt waren, soll hier nicht weiter untersucht werden. Der Beweis für die eine oder für die andere Sichtweise dürfte auch schwer zu erbringen sein. Unbestritten ist aber, dass sich seit der "Studentenrevolte" von 1968 vieles geändert hat. Das starre Bild von den Geschlechterrollen ist ins Wanken geraten. In der Erziehung, in den Schulen und in den Kindergärten wird seitdem sorgfältig darauf geachtet, dass Mädchen die gleichen Bildungschancen wie die Jungen haben und entsprechende Förderung erhalten.

Mädchen und Frauen arbeiten heute in typischen Männerberufen - vor fünfzig Jahren fast unvorstellbar! Frauen bei der Bundeswehr, bei der Polizei als Handwerker und als Ärztinnen - wie haben sich die Zeiten geändert. Auch sind die Frauen der Gegenwart selbstbewusster geworden. Vielfach bekleiden sie Führungspositionen oder füllen bedeutende Stellen im politischen Leben und in der Öffentlichkeit aus.

Gleichwohl gibt es auch heute noch etliche Bereiche, in denen Frauen benachteiligt sind. Denken Sie beispielsweise an die Leichtlohngruppen. Doch im Unterschied zu früher haben die Frauen eher die Wahlmöglichkeit zwischen Familie und Karriere. Immer mehr Frauen schaffen sogar den Spagat, Kinder in die Welt zu setzen, sie gut zu erziehen und trotzdem ihre berufliche Entwicklung nicht zu vernachlässigen.

"Dann ist doch alles in Ordnung", möchten Sie vielleicht ergänzen. "Leider nicht!" möchte ich widersprechen. Denn seit einiger Zeit mehren sich die Stimmen, die darüber klagen, dass die Jungen in dieser stürmischen Entwicklung schlichtweg vergessen wurden. Ist das wirklich so?

Jungen der Gegenwart: Die neuen Opfer?

Schon lange gab es Hinweise darauf, dass sich die "männlichen Unterdrücker" in ihrer Rolle gar nicht so glücklich fühlten, wie es schien. Parallel zur Frauenbewegung begannen sich die "neuen Männer" mit ihrer eigenen Rolle zu befassen. Und sie fanden heraus, dass die "Männlichkeit" nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Last sein kann. Denn männlich zu sein, hieß auch auf so schöne Dinge wie Körperbewusstsein, emotionale Nähe und Solidarität und vieles mehr verzichten zu müssen.

Anders ausgedrückt: Die meisten männlichen Mitglieder unserer Gesellschaft standen und stehen bis heute unter einem gewaltigen Druck. Schon in frühester Kindheit wurde ihnen beigebracht, stark und unabhängig zu sein. Sie mussten lernen ihren Körper wie eine Maschine zu behandeln und hatten immer zu wissen, wo es lang geht. Unsicherheit galt als Schwäche, Fragen zu stellen als naiv und Angst zu haben, wurde und wird als "uncool" angesehen. Die armen Männer! Wie können sie den Zugang zu ihren Gefühlen finden, wie ihren Körper lieben und wie können sie sich als wertvoll schätzen, wenn sie sich ständig als unvollständig erleben?

Und genau solche Merkmale werden unseren Jungen auch heute noch als erstrebenswert vermittelt. Als wenn es nie eine Diskussion über die Geschlechterrollen gegeben hätte. Jungen, die ständig hart und selbstbewusst zu sein haben, können sich Fehler nicht eingestehen, geschweige denn sie zu korrigieren. Ist es da ein Wunder, wenn die Mädchen, vielfach gefördert und unterstützt, den Jungen deutlich überlegen sind?

Neuere Untersuchungen belegen, dass die meisten Mädchen den Jungen im schulischen Alltag weit überlegen sind. Obwohl es an den Grundschulen einen deutlichen Überhang von Jungen gibt, gehen weit mehr Mädchen zum Gymnasium als Jungen. Einige weitere Daten:
  • Nur 46 Prozent der Abiturienten eines Jahrganges sind männlich.
  • Von 100 Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss sind 72 Prozent Jungen.
  • 95 Prozent der verhaltensgestörten Kinder sind männlich.
  • Die sogenannte ADHS, früher als "hyperaktiv" bezeichnete Störung, kommt bei Jungen sechs bis neunmal häufiger als bei Mädchen vor.
  • In Deutschland bleiben die Jungen doppelt sooft sitzen wie die Mädchen.
  • Sie werden doppelt so oft vom Gymnasium verwiesen.
  • Die Jungen landen zweimal so häufig wie die Mädchen auf der Sonderschule.
Fachleute sind der Meinung, dass Deutschland bei der PISA Studie nur deshalb so schlecht abgeschnitten hat, weil die Jungen den Schnitt "heruntergezogen" haben. Auch wissen wir schon lange, dass Jungen gegenüber Mädchen häufiger krank sind und eher in kriminelle Handlungen verstrickt sind.

Die Liste der "neuen Leiden" ließe sich vermutlich ohne Mühe um etliche Punkte erweitern. Doch hier geht es nicht um die Leiden an sich, sondern darum, wie wir unseren männlichen Nachwuchs vom "Joch der Rollenzuweisung" befreien können. Wie das geht, brauchen wir nicht lange zu erforschen. Es ist schon eine Menge gewonnen, wenn wir uns an die rasanten Erfolge der Frauenbewegung erinnern und von ihr lernen.

Neue Männer braucht das Land

Offensichtlich ist die Zeit reif für eine "neue Männerbewegung". So kurios, wie es klingt: Es geht um die Gleichberechtigung der Jungen in Schule und Beruf. So ist es nur konsequent, wenn kürzlich in München die Stelle eines "Jungenbeauftragten" ins Leben gerufen wurde, der sicher nur zufällig "Klaus Schwarzer" heißt und mit "Alice" weder verwandt noch verschwägert ist. Auch wenn wir seinem Auftrag eine hohe Signalwirkung zusprechen, sollten wir vorsichtig sein.

Denn es wäre fatal zu glauben, dass wir nur einfach nur die Konzepte der Frauenbewegung zu kopieren brauchten, um daraus den "neuen" oder den "emanzipierten" Mann zu erschaffen. Das wird nicht gelingen. Um es zu überspitzen: Ziel einer solchen Bewegung kann ja nicht sein, dass die "neuen Männer" sich auf einmal in weiblich gewordene "Machos" verwandeln.

Männer und Jungen, die sich von ihrer festgefügten Rolle befreien wollen, benötigen eine vollkommen neue Identität. Eine Identität, die weder weiblich noch männlich ist. Vielleicht nennen wir diese Identität einfach "menschlich". Wie auch immer: Was ist zu tun, damit wir zu diesem Ziel gelangen? Zunächst einmal geht es darum, dass wir uns von den typisch männlichen Rollenzuweisungen verabschieden. Das ist schwer genug. Wie Sie wissen, lernen unsere Kinder ihre Geschlechterrollen in der frühesten Kindheit. Und zwar von uns Erwachsenen. Also sollten wir auch bei uns beginnen, diese Bilder mit neuen Inhalten zu füllen.

Das neue Jungenbild

Es ist also an der Zeit, dass wir unser Bild davon, wie Jungen zu sein haben, korrigieren. Ein neues, sozusagen "menschliches" Jungenbild könnte so aussehen:
  • Jungen, die weinen, sind authentisch. Sie leben ihre Gefühle und sind mit sich im Einklang.
  • Jungen, die ihre weichen Seiten zeigen und leben, sind liebenswert. Sie finden leichter Freunde und werden besser verstanden.
  • Jungen, die ihren Körper achten, gehen sorgfältig mit ihm um und schützen ihn vor Überlastung.
  • Jungen, die ihre Sprache lieben, tauschen sich aus, können über ihre Gefühle sprechen und werden gehört.
  • Jungen, die Angst haben, passen auf sich auf und beachten Gefahren.
  • Jungen, die fragen, erfahren vieles über die Welt und lernen die Dinge zu begreifen.
  • Jungen, die sich solidarisch zeigen gewinnen die Welt ....
Auch bei diesem Thema ließe sich die Liste leicht um etliche Punkte erweitern. Ich bin mir sicher, dass Ihnen noch zahlreiche "unmännliche" Eigenschaften einfallen. Dazu brauchen Sie sich nur die liebenswerten Seiten Ihrer Tochter oder eines anderen Mädchens anzusehen. Versuchen Sie diese konstruktiv auf Ihren Sohn zu übertragen. Am Anfang ist es sicher noch ungewohnt. Doch schon bald werden Sie feststellen, dass die meisten Mädchen im sozialen Umgang ausgesprochen geschickt sind. Vielfach haben sie eine Reihe nützlicher Strategien gelernt, mit denen sie im Alltag recht gut zurechtkommen. Aus diesem Grunde kann es nicht schaden, wenn die Jungen unserer Zeit sich von den Mädchen einiges abgucken.

Erziehungstipps für Eltern und Lehrer

Als Eltern und Erzieher und als pädagogisch Verantwortliche haben wir erheblichen Einfluss auf das geschlechtliche Rollenverhalten unserer Kinder.

Auch wenn ich mich wiederhole, lassen Sie mich es noch einmal sagen: Indem wir unseren Kindern eine männliche oder eine weibliche Identität "andichten", erschaffen wir erst die Wirklichkeit, von der wir dann behaupten, sie wäre Natur gegeben.

Wenn wir das "neue Jungenbild" konsequent vorleben und umsetzen, ist schon viel erreicht. Im Alltag kann das beispielweise heißen:
  • Wenn ein Junge weint, dann weint er eben. Deswegen ist er kein "Weich-Ei" oder ein "Schwächling". Statt an seine Männlichkeit zu appellieren, fragen Sie ihn lieber, was ihn belastet oder traurig macht.
  • Wenn ein Junge sich weich zeigt, so ist das ein gutes Zeichen dafür, dass er mit sich im Einklang steht. Stärken Sie sein Selbstbewusstsein, indem sie diese Seite als liebenswert anerkennen.
  • Ein Junge, der sich geschmeidig bewegt und ein gutes Körpergefühl hat, achtet auf seine inneren Signale. Er ist viel weniger als die "harten Jungs" gefährdet, seinen Körper zu missbrauchen.
  • Ein Junge der gerne spricht, sich austauscht und die Sprache liebt, findet im Allgemeinen leicht Kontakt und Freunde. Spiegeln Sie Ihrem Sohn oder Schüler diese Fähigkeit als wertvoll zurück.
  • Ein Junge der Angst hat und die auch zeigt, hat meistens auch einen guten Kontakt zu seinen Gefühlen. Stärken Sie das Kind, indem Sie seine Gefühle respektieren.
  • Ein Junge, der fragt, gilt es neugierig. Ja und? Alle großen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte und in der Vergangenheit waren extrem neugierig. Leben wir unseren Kindern vor, dass wir die Welt letztlich nur durch Neugier erfahren.
  • Ein Junge, der sich solidarisch erweist, erlebt die Welt viel intensiver als ein "verstockter Einzelgänger". Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Solidarität keineswegs altmodisch, sondern eine sehr moderne und lern-effektive Eigenschaft ist.

Schlusswort

Es wäre reines Wunschdenken, zu glauben, dass dieser Aufsatz an uralten und überholten Rollenmustern grundlegend etwas ändern würde. Der Anspruch ist bescheidener: Wenn es gelänge, dass sich nur einzelne, engagierte Menschen von den alten Klischees, wie Jungen oder Mädchen zu sein haben, auch nur ein klein wenig wegbewegen, ist schon viel erreicht.

Autor

Paul Suer M.A. ist Pädagoge, Soziologe und Familientherapeut und arbeitet mit suchtkranken Straftätern. Seit 1998 hat er fünf Bücher zu Erziehungsfragen veröffentlicht. Zuletzt erschienen: "Jedes Kind ist ein Genie - Selbstbewusstsein stärken und Wissen fördern" im Moewig Verlag im Oktober 2002.

Adresse

Paul Suer
Sonnenhöhe 2
49179 Ostercappeln
Email: p.suer@t-online.de





Letzte Änderung: 20.07.2004 12:59:42Zum Seitenanfang