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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Muttermilchersatzprodukte/ Säuglingsnahrung

Veronika Scherbaum, Angela Krasselt und Otmar Tönz


Seit Jahrtausenden wurde in Situationen, in denen eine Mutter nicht zum Stillen ihres Kindes zur Verfügung stand, mit unterschiedlichen Methoden versucht, Säuglinge künstlich zu ernähren. Neben dem Anlegen des Kindes am Euter eines milchspendenden Tieres oder der Gabe einer Mischung aus Milch und abgekochtem Getreide kam dem Einsatz von Ammen die größte Bedeutung zu. Die Milch von Ammen sowie gespendete Frauenmilch aus Sammelstellen wird als "natürliche" Ersatznahrung bezeichnet.

Heute stehen verschiedene Muttermilchersatzprodukte zur Verfügung. Diese industriell hergestellten Produkte sind inzwischen in ihrer biochemischen Zusammensetzung der Frauenmilch weitgehend angepasst, wenn auch viele Vorteile der Muttermilch wie z.B. ihre immunologischen Qualitäten und andere Adaptionsmöglichkeiten an den spezifischen Bedarf eines Säuglings nicht imitiert werden können.

Muttermilchersatzprodukte werden folgendermaßen klassifiziert und bezeichnet:
  • Pre- oder Start wird für die ausschließlich Lactose-haltigen Milchtypen verwendet,
  • 1 steht für jene Präparate, die auch eine kleine Menge Stärke und/oder Maltodextrine bzw. Saccharose enthalten, und
  • 2 für die sogenannten Folgemilchen, die wegen ihres höheren Kohlenhydrat-, Protein- und Mineralstoffgehaltes erst ab dem 2. Lebenshalbjahr gegeben werden können.
Da Pre-Nahrungen ähnlich dünnflüssig wie Muttermilch sind, eignen sie sich auch zur Zufütterung gestillter Säuglinge (per Löffel oder Tasse), falls nicht ausreichende Mengen an abgepumpter Milch zur Verfügung stehen.

Im Gegensatz zu den Anfangsnahrungen (pre, start oder 1), die aus vielfältigen biochemischen Bruchstücken tierischer und pflanzlicher Herkunft aufwendig hergestellt werden müssen, entspricht die Folgemilch eher einer 2/3 bis 3/4 Kuhmilchmischung mit modifizierten Fetten und Zusätzen von Kohlenhydraten, Vitaminen und Spurenelementen. Damit weisen Folgemilchen einen wesentlich geringeren biotechnologischen Verarbeitungsgrad auf.

Zur Anwendung unverarbeiteter Kuhmilch gilt unbestritten, dass sie für das erste Halbjahr ungeeignet ist. Auch von der Selbstherstellung einer Muttermilchersatznahrung muss in dieser Zeit abgeraten werden.

Da Kuhmilch aber auch für das zweite Halbjahr gegenüber industriell gefertigten Präparaten gewisse Nachteile aufweist, raten verschiedene Ernährungsgremien von ihrer Verwendung im ganzen ersten Lebensjahr grundsätzlich ab. In unserer Wohlstandsgesellschaft mag dies vertretbar sein - ob es medizinisch zwingend ist, ist eine andere Frage. Die vorgebrachten Argumente sind kaum gesundheitsrelevant. Eine korrekt hergestellte 2/3-Milch mit Zusatz von Kohlenhydraten und pflanzlichen Ölen bzw. essentiellen Fettsäuren (z.B. Lactoplus ®) ergibt eine Milch, die den Kriterien einer Folgemilch praktisch vollständig entspricht. Die etwas geringeren Eisen- und Jodgehalte können durch eine zunehmend abwechslungsreiche Beikost wettgemacht werden. Auch zur Zubereitung von Breimahlzeiten kann Kuhmilch - anfänglich verdünnt, nach 8 Monaten auch unverdünnt - angewendet werden.


Entwicklung von Spezialmilchen

Auf Grund neuer ernährungsmedizinischer Erkenntnisse und verbesserter technologischer Möglichkeiten konnten die Muttermilchersatzprodukte noch weiter verfeinert werden. Entsprechend dem Vorbild der Muttermilch wurden Produkte mit Taurin, Carnitin, Nucleotiden, langkettigen hochungesättigten Fettsäuren (LC-PUFA) etc. angereichert. Über die Notwendigkeit und den Nutzen dieser Maßnahmen wird allerdings heute noch diskutiert.

Gleichzeitig wurde eine große Palette von Spezialmilchen für die verschiedensten medizinischen Indikationen entwickelt. Insbesondere bei gestillten Säuglingen sollte eine kinderärztliche Beratung Vorrang vor unkritischem Einsatz einer Spezialnahrung haben. Mit Ausnahme der Soja- und der prebiotischen Milchen können diese Spezialprodukte nicht mehr als Muttermilchersatz bezeichnet werden, weil sie besondere gesundheitliche Ziele verfolgen (="functional food") oder zur Ernährung in medizinischen Spezialsituationen dienen (="Diaetetica"). Es kann hier nicht auf alle diese Produkte eingegangen werden; ein paar Stichworte zu den gebräuchlichsten mögen genügen:
  • Heilnahrungen: Zum Nahrungsaufbau nach schweren Durchfällen stehen Säuglingen Produkte zur Verfügung, die einen geringeren oder gänzlich fehlenden Laktosegehalt aufweisen (das milchzuckerspaltende Enzym Laktase ist nach schweren Entzündungen der Darmschleimhaut vorübergehend vermindert aktiv). Dazu ist zur besseren Verträglichkeit bei einigen Präparaten auch der Fettanteil reduziert. Bei unbeherrschbaren Durchfällen kommen unter klinischen Bedingungen semi-elementare Nahrungen (Nutramigen®, Alfare®, Pregomin® etc.) zur Anwendung.
  • Hypoallergene (HA) Nahrungen: Kuhmilchproteine können bei entsprechender genetischer Veranlagung zu allergischen Reaktionen (Ekzem, Asthma) führen. Dies kann durch HA-Milchen weitgehend verhütet werden. Partiell hydrolisierte Produkte können bei nicht gestillten Säuglingen zur Prophylaxe dienen, während extensiv hydrolisierte Präparate nur bei bestehender Kuhmilchproteinintoleranz verabreicht werden sollten. Längerfristig sind die Resultate jedoch am besten, wenn der Säugling mindestens während der ersten 6 Monate voll gestillt wird.
  • Soja-Milch: Zur Herstellung einer Säuglingsnahrung aus Soja bedarf es sehr aufwändiger technologischer Eingriffe. Während sie in den USA vor Jahrzehnten relativ häufig eingesetzt wurde, fand sie in Europa weniger Verbreitung. Ihre gelegentliche Anwendung zur Ernährung bei Kuhmilchallergie ist obsolet, da häufig eine Kreuzallergie auftritt. Der Indikationsbereich beschränkt sich somit auf die Ernährung von nicht gestillten Säuglingen, deren Eltern eine streng vegetarische Ernährung bevorzugen.
  • Frühgeborenenernährung: Frühgeborene mit einem Gewicht unter 2.000 g haben auf Grund ihres rascheren Wachstums einen erhöhten Nahrungsbedarf. Sie benötigen mehr Energie, vor allem aber mehr Proteine und Calcium sowie andere Mineralstoffe. Auch die Versorgung mit langkettigen, mehrfach ungesättigten Fettsäuren ist für die Hirnentwicklung besonders wichtig. Um bei nicht voll gestillten Frühgeborenen den Mehrbedarf zu decken, wurden entsprechende Präparate entwickelt. Frauenmilch von Müttern frühgeborener Kinder entspricht diesem Bedarf, im Unterschied zu "reifer" Muttermilch. Gespendete Frauenmilch sollte immer mit einem speziellen Zusatzpulver angereichert werden, wie z.B. FM85®. Damit profitiert das frühgeborene Kind von den Vorzügen der Muttermilch, ohne Gefahr zu laufen, einen spezifischen Nährstoffmangel zu erleiden.
  • Pro- und Prebiotica: Mit dem Zusatz von klar definierten, nicht pathogenen Keimen (Probiotica), die in genügender Zahl im Darm überleben, wird das Ziel verfolgt, die Darmflora günstig zu beeinflussen bzw. das Kind vor dem Überwuchern pathogener Keime im Darm zu schützen. Außerdem wurden mit der gleichen Zielsetzung auch Präparate entwickelt, denen Oligosaccharide (Prebiotica) zugeführt werden, um das Wachstum der Bifidusbakterien im Darm zu stimulieren.
Die nährwertbezogenen EU-Richtlinien für Säuglingsanfangsnahrung schreiben den Energiegehalt sowie ca. 30 verschiedene Nährstoffe vor. Bei Folgenahrung sind die EG-Richtlinien etwas großzügiger formuliert, da diese nicht mehr als alleinige Nahrung konzipiert ist, sondern - zusammen mit Beikost - Teil einer zunehmend diversifizierenden Mischkost darstellt.

Ein Großteil der EU-Richtlinien für Säuglingsanfangsnahrung befasst sich mit Regelungen für Werbung und Informationsvermittlung von derartigen Produkten. Dahinter steht das Ziel, unerlaubte Werbung für Muttermilchersatzprodukte zu verhindern und das Stillen zu fördern, das erfreulicherweise zur Zeit wieder einen neuen Aufschwung erlebt.


Quelle

Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine stark verkürzte Version aus dem im Jahr 2003 erschienenen Buch "Stillen" von Veronika Scherbaum, Friederike M. Perl und Ursula Kretschmer, die freundlicherweise vom Deutschen Ärzte-Verlag zur Veröffentlichung im Online-Familienhandbuch freigegeben wurde. Bei Interesse kann das Buch, das etwa im September 2002 erscheinen wird, im Buchhandel, beim Deutschen Ärzte-Verlag, Versandbuchhandlung, Postfach 400244, 50832 Köln, oder unter http://www.aerzteverlag.de bestellt werden.


Autor/innen

Dr. Veronika Scherbaum
Universität Hohenheim
Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft
Garbenstrasse 30
70593 Stuttgart
Email: scherbau@uni-hohenheim.de

Angela Krasselt, Dipl. Ernährungswissenschaftlerin
Schachtelhalmweg 28
70599 Stuttgart
Tel.: 0711/4560171
Email: Krasselt@uni-hohenheim.de

Prof. Dr. Otmar Tönz
Schlösslihalde 26
CH-6006 Luzern
Tel.: +0041/3701716
Email: o.toenz@bluewin.ch


Letzte Änderung: 09.07.2004 10:24:53Zum Seitenanfang