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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften

Bernd Eggen      Dr. Bernd Eggen


Über gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern gehen die Meinungen in der Öffentlichkeit sehr auseinander. Gleichzeitig weiß man in Deutschland sehr wenig über die Situation der Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Es fehlt bereits an grundlegenden statistischen Informationen. Die amtliche Statistik weist zwar für 2001 rund 11.000 Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften aus, aber ansonsten bleibt die Datenlage äußerst dürftig. Die wenigen Statistiken deuten dennoch darauf hin, dass die Kinder in vielfältigen sozialstrukturellen Verhältnissen leben und sich darin nicht von Kindern aus heterosexuellen nicht ehelichen und ehelichen Lebensgemeinschaften unterscheiden.

Zwei Mamas, zwei Papas - gute Eltern?

Keine andere private Lebensform löst vermutlich solche heftigen Emotionen und ideologisch begründeten Diskussionen aus wie gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften mit Kindern. Immerhin stehen tief sitzende Überzeugungen unserer Kultur zur Diskussion und damit zur Disposition; es sind kulturelle Gewissheiten über Geschlecht, Sexualität, Ehe und Elternschaft (Stacey & Biblarz, 2001, Donovan, 2000). Im Kern des Streites stehen die persönlichen Entwicklungen des Kindes und die Eigenschaften der Eltern.

Vorurteile und Ängste

Die einen wehren sich gegen die rechtliche Angleichung bei Heirat, elterlicher Sorge, Adoption und Pflegschaft, weil sie vor allem um das Wohl der Kinder fürchten. In ihren Augen brauchen Kinder für ihre Entwicklung eine Mutter und einen Vater, die miteinander zusammenleben. Bereits die "Vaterlosigkeit" der Kinder, die von ihren Müttern allein erzogen werden, betrachten sie als problematisch für die Entwicklung des Kindes.

Erst recht stellten homosexuell orientierte Eltern eine unverhältnismäßig hohe Gefahr für das Kind dar. Homosexualität wird dabei häufig als Krankheit oder Sünde begriffen. Kinder von homosexuell orientierten Eltern hätten deshalb zum einen Schwierigkeiten mit der Entwicklung ihrer sexuellen Identität, welche Aspekte wie Geschlechtsidentität, Geschlechtsrollenverhalten sowie sexuelle Orientierung umfasst. Es sei daher auch wahrscheinlicher, dass die Kinder selbst homosexuell werden. Zum anderen bestünde die erhöhte Gefahr psychischer Instabilität mit entsprechenden Verhaltens- und Entwicklungsstörungen. Darüber hinaus hätten sie Probleme in sozialen Beziehungen; besonders wären sie der Stigmatisierung durch gleichaltrige Freunde ausgesetzt.

Die Eigenschaften der Eltern werden ebenso skeptisch beurteilt. Sie gelten als grundsätzlich unfähig, Eltern sein zu können. Sie wären eher psychisch labil als heterosexuell orientierte Eltern, und ihr Erziehungs- und Partnerschaftsverhalten wäre alles andere als vorteilhaft für die Entwicklung des Kindes. So fehlt nach Amendt (2002, 168) homosexuellen Eltern jegliche "kultivierende Beziehungsfähigkeit", aber dafür sind ihnen hybride, aggressive und perverse Züge grundsätzlich eigen. Oder man unterstellt Promiskuität der Eltern und befürchtet, wie Amendt (2002), dass vor allem homosexuelle Väter ihre Kinder sexuell belästigen und missbrauchen.

Ausgenommen der möglichen Stigmatisierung durch die soziale Umwelt der Eltern und Kinder fehlt jedoch allen diesen Behauptungen und Befürchtungen jegliche wissenschaftliche Grundlage (Fthenakis 2000, Patterson 2001, Stacey & Biblarz 2001). Auch Amendt (2002) liefert für seine Behauptung, dass homosexuelle Elternschaft dem Kindeswohl widerspreche, keinen empirischen Nachweis.

Sind homosexuelle Eltern die besseren Eltern?

Allerdings bewegen sich nicht nur die Gegner einer rechtlichen Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften und Verfechter scheinbar traditionaler Familienwerte auf ideologischem Glatteis. Auch bei den Befürwortern der rechtlichen Gleichstellung trüben persönliche Weltanschauungen die wissenschaftliche Argumentation. Bis auf wenige Ausnahmen nehmen die Studien eine defensive Haltung ein. Sie akzeptieren heterosexuelle Elternschaft als goldene Latte und untersuchen, ob homosexuell orientierte Eltern und ihre Kinder diese reißen oder toppen, und Letzteres ja möglichst deutlich (Clarke 2001). Deshalb kommen die meisten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass es keine Unterschiede gäbe, und wenn es Unterschiede gibt, dann stets in der Ausprägung: homosexuelle Mütter und Väter wären die besseren Eltern. Dieses hierarchische Forschungsdesign impliziert nach Stacey und Biblarz (2001, 162), dass Unterschiede grundsätzlich auf Defizite verweisen und nicht auf eine familiale Vielfalt moderner Gesellschaften.

Bislang kaum aussagekräftige Untersuchungen

Neben den ideologischen Überzeugungen, die in Design, Durchführung und Interpretation der Studien einfließen können, weisen fast alle Studien weitere methodische und theoretische Schwächen auf. So ist der Ursprung einzelner Statistiken über die Verbreitung homosexueller Lebensformen mit und ohne Kinder unbekannt, oder die oft nicht zufällige Auswahl und der meist geringe Umfang der Stichproben schränken die Zuverlässigkeit der Ergebnisse ein (Parks 1998). Ein grundsätzliches theoretisches Problem vieler Studien ist ihre unzureichende Operationalisierung dessen, was sexuelle Orientierung in ihrer Vieldeutigkeit, Veränderlichkeit und Vielfältigkeit bezeichnet. Zudem vernachlässigen nach Stacey und Biblarz die meisten Studien die besonderen historischen Bedingungen, unter denen Kinder bei gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben. Denn die Eltern gehören zumeist einer Übergangsgeneration von homosexuell orientierten Frauen und Männern an. Sie wurden Eltern in einer heterosexuellen ehelichen oder nicht ehelichen Beziehung, die aufgelöst wurde, bevor oder nachdem sie sich zu einer homosexuellen Identität bekannten. Die einzigartigen historischen Bedingungen verhindern es, dass nicht eindeutig unterschieden werden kann, zwischen dem Einfluss der sexuellen Orientierung der Eltern auf das Kind und dem Einfluss solcher Faktoren wie Trennung, Scheidung, neuer Partner, das Verleugnen und der lange, oft konfliktbeladene Weg des Coming-out oder soziale Folgen der Stigmatisierung. Denn im Zuge einer weiteren sozialen Gleichstellung dürften künftig seltener Kinder homosexueller Eltern aus heterosexuellen ehelichen Partnerschaften stammen, die vornehmlich aufgrund sozialer Erwünschtheit zustande kamen.

Auswirkungen homosexueller Lebensweisen der Eltern auf Kinder

Stacey und Biblarz haben unter Beachtung dieser ideologischen, methodischen und theoretischen Einschränkungen 21 Studien über Auswirkungen homosexueller Lebensweisen der Eltern auf Kinder reanalysiert. Sie kommen, ähnlich wie Fthenakis (2000) und Berger, Reisbeck & Schwer (2000), im Wesentlichen zu folgenden Ergebnissen:
  1. Hinsichtlich möglicher Verhaltens- und Entwicklungsstörungen aufgrund der sexuellen Orientierung der Eltern gibt es keine Unterschiede zwischen Kindern in gleichgeschlechtlichen und verschiedengeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Beispielsweise sind Kinder und Jugendliche homosexueller Eltern genauso oft heterosexuell orientiert wie Kinder heterosexueller Eltern. Homosexuelle Eltern zeigen in keiner Weise häufiger Verhaltensstörungen als heterosexuelle Eltern.

  2. Nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Geschlecht homosexueller Eltern scheint auf Einstellungen und Verhalten von Kindern zu wirken. So weisen wohl vor allem Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften von zwei Frauen heranwachsen, seltener ein geschlechtstypisches Rollenverhalten auf als Kinder heterosexueller Eltern.

  3. Gleichwohl unterliegen Kinder homosexueller Mütter und Väter Diskriminierungen und Stigmatisierungen durch ihre soziale Umwelt, die Einstellungen und Verhalten der Kinder beeinflussen können. Hierzu gehören die familienrechtlichen und politisch-rhetorischen Diskriminierungen ebenso wie die Stigmatisierungen etwa durch Peergroups. Es gibt empirische Hinweise darauf, dass Kinder homosexueller Eltern unter diesen Diskriminierungen und Stigmatisierungen leiden. Um deshalb nicht selbst als homosexuell zu gelten, scheinen besonders Kinder in der Pubertät die Homosexualität ihrer Eltern gegenüber Gleichaltrigen zu verbergen oder es zu missbilligen, wenn die Eltern ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zeigen. Die Kinder in diesen Studien scheinen jedoch, wie auch Wald (1999) hervorhebt, mit einer erstaunlichen psychischen Stärke diesen Stigmatisierungen entgegenzutreten.

  4. Bemerkenswert ist zudem, dass Kinder, die von gleichgeschlechtlich orientierten Eltern erzogen werden, wohl eher offener sind gegenüber Homosexualität und möglichen eigenen homosexuellen Erfahrungen als andere Kinder, ohne deshalb selbst homosexuell zu sein. Grundsätzlich scheinen sie ihre sexuelle Orientierung reflektierter zu erleben. Gleichwohl schränken die Autoren ihre These insofern ein, als sich in dieser Einstellung zum Teil auch Kontexteffekte zeigen könnten. Homosexuelle Eltern in den USA leben überdurchschnittlich oft in Großstädten oder Universitätsstädten, ihre Kinder wachsen in einem vergleichsweise toleranten Milieu auf, welches seltener homophobische Einstellungen hegt.

Erstes Zwischenergebnis zum derzeitigen Forschungsstand über Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften

  1. Die Betonung der Unterschiedslosigkeit von Kindern aus homo- und heterosexuellen Familien dürfte auf lange Sicht an der Realität vorbeigehen und auch politisch in die Irre führen. Denn Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften heranwachsen, können sich anders entwickeln und anders verhalten als Kinder heterosexuell orientierter Eltern.

  2. Diese möglichen Unterschiede in der Entwicklung und im Verhalten sind zunächst schlichtweg nur Unterschiede und keine Defizite. Es sind Unterschiede etwa aufgrund sozialer Vorurteile, politischer Unterlassungen oder nur solche Unterschiede, die nach Stacey und Biblarz eine moderne, demokratische Gesellschaft auch bei anderen respektiert und schützt.

  3. Die Datenlage über Kinder und Elternschaft im Zusammenhang mit gleichgeschlechtlichen Lebensweisen ist sehr dürftig. Es fehlt bereits an grundlegenden statistischen Informationen, und das nicht nur in den USA, aus denen die meisten Studien zu diesem Thema kommen, sondern erst recht in Deutschland. So weiß man auch hier nicht, wie viele Kinder homosexuelle Eltern haben, wie viele von den Kindern bei ihnen leben und in welchen Familienformen.
(vgl. die Beiträge "Homosexuelle Väter" und "Lesbische Mütter und ihre Kinder").

Seltene Familienform für Kinder, aber ähnlich vielfältig wie andere Familienformen

Das Folgende will versuchen, mit den Möglichkeiten des Mikrozensus für Deutschland Sozialstrukturen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften zu beschreiben und - soweit wie sinnvoll - sie mit jenen von Kindern aus heterosexuellen nicht ehelichen und ehelichen Lebensgemeinschaften zu vergleichen. Der Mikrozensus der amtlichen Statistik ist die größte Bevölkerungsstichprobe in Europa. Jahr für Jahr wird sie erhoben und liefert Informationen über 1% der Bevölkerung, also über rund 820.000 Menschen, die repräsentativ für das Leben und Arbeiten in Deutschland sind.

Mindestens 49.200 gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften

Für Deutschland sind sozialwissenschaftliche Ergebnisse zur sozialen Lage homosexueller Paare noch vergleichsweise selten (Buba & Vaskovics 2001). Das fängt schon damit an, dass unbekannt ist, wie viele gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften es in Deutschland gibt. Laut Mikrozensus bezeichneten sich in Deutschland 2001 rund 49.200 zusammenwohnende Paare als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Dies sind etwas mehr als in den vorangegangenen Jahren, als die Zahl zwischen 38.000 (1996) und 47.000 (2000) schwankte. Demgegenüber stehen 19,4 Millionen eheliche Lebensgemeinschaften und 2,2 Millionen nicht eheliche Lebensgemeinschaften mit verschiedengeschlechtlichen Partnern. Damit sind 0,2 % der Paargemeinschaften bzw. 2 von 1000 Paargemeinschaften homosexuell. Die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften dürfte mit Blick auf ihre mögliche Verbreitung eine Untergrenze darstellen. Nach Schätzungen der amtlichen Statistik müsste es in Deutschland etwa 147 000 gleichgeschlechtlich orientierte zusammenwohnende Partnerschaften geben, also fast dreimal so viele, wie sich in der Befragung offen bekannten (Eggen 2002 und Statistisches Bundesamt 2002).

Familien mit mindestens 11.000 Kindern

In jeder sechsten der 49.200 Paare leben Kinder, in jeder zehnten minderjährige Kinder. Ähnlich hoch ist der Anteil der Familien an gleichgeschlechtlichen Paaren in den Niederlanden: Im Jahr 1995 hatten von den 21.300 gleichgeschlechtlichen Paaren 2.000 Paare bzw. 9,4% Kinder (Croes 1996). Bei heterosexuellen Paaren hat jedes vierte nicht eheliche und jedes dritte eheliche Paar minderjährige Kinder. Lebensgemeinschaften mit zwei Frauen und Kindern sind wahrscheinlicher als Lebensgemeinschaften mit zwei Männern und Kindern. Insgesamt sind es rund 10.800 Kinder in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Seit 1996 schwankt diese Zahl zwischen 7.000 und 11.000 Kindern. In Deutschland dürften jedoch wesentlich mehr Kinder bei gleichgeschlechtlich orientierten Eltern leben. Bei der vorliegenden Statistik bleiben die Kinder unberücksichtigt, deren Eltern sich dem Interviewer gegenüber nicht als gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft zu erkennen gaben. Es fehlen zudem die Kinder, die mit ihrer homosexuellen Mutter oder ihrem homosexuellen Vater allein wohnen, also die Kinder von allein Erziehenden. Und es fehlen die Kinder von homosexuell orientierten Eltern, die weiterhin in einer heterosexuellen ehelichen oder nicht ehelichen Lebensgemeinschaft leben. Wer diese Sachverhalte und die obige Schätzung berücksichtigt, dürfte auf eine Zahl kommen von etwa 30 000 bis 35 000 Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften. Ungeachtet der tatsächlichen Zahl gibt es vergleichsweise nur sehr wenige Kinder, die in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft heranwachsen. Von den rund 21 Millionen Kindern in Deutschland sind es deutlich weniger als ein halbes Prozent. Die häufigste Familienform der Kinder bleibt die, in der die Eltern verschiedenen Geschlechtes und miteinander verheiratet sind.

Alter der Kinder

Drei von vier Kindern in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften sind unter 18 Jahren, zwei von drei sind 14 Jahre und jünger. Damit ähnelt die Altersstruktur der Kinder der von Kindern aus heterosexuellen nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Dagegen sind Kinder mit ehelich zusammenlebenden Eltern im Schnitt älter und häufiger bereits volljährig.

Geschwister

Mehr als die Hälfte der Kinder homosexueller Paare hat ein oder mehr Geschwister, die auch in der Lebensgemeinschaft leben. Sie haben ähnlich häufig Geschwister wie Kinder heterosexueller nicht ehelicher Paare und deutlich seltener als Kinder heterosexueller ehelicher Paare.

Schulbesuch

Die relativ junge Altersstruktur der Kinder gleichgeschlechtlicher Paare zeigt sich auch am Schulbesuch. Etwas mehr als zwei Drittel von ihnen gehen zur Schule. Sie sind somit etwas häufiger Schüler als Kinder heterosexueller Paare und sie besuchen eher noch die Grundschule, also die 1. bis 4. Klasse.

Elternschaft

Woher kommen die Kinder? Aus den Daten des Mikrozensus lässt sich nicht ablesen, wodurch die Elternschaft der Kinder begründet worden ist - durch Insemination, Adoption, Pflegschaft oder eine heterosexuelle Beziehung des einen Elternteils. Ebenso bleibt im Unklaren das Ausmaß biologischer und sozialer Elternschaft. Alle verfügbaren Studien berichten, dass die meisten Kinder aus vorangegangenen heterosexuellen und zumeist ehelichen Beziehungen stammen. Auch in Deutschland haben fast zwei Drittel der Kinder bei homosexuellen Paaren einen nicht ledigen Elternteil. Die Mutter oder der Vater des Kindes ist geschieden, verwitwet oder verheiratet, aber wohnt nicht mehr bei ihrem bzw. seinem einstigen Ehepartner. So lebt nur eine Minderheit der Kinder in Lebensgemeinschaften, in denen beide Partner ledig sind. Kinder aus heterosexuellen nicht ehelichen Lebensgemeinschaften leben hingegen häufiger mit ledigen Eltern zusammen; es ist fast jedes zweite Kind. Dies bedeutet auch, dass viele der Kinder homosexueller Eltern Trennungen und Scheidungen ihrer Eltern miterlebt haben dürften. Und anders als bei Kindern heterosexueller Partner kommt neben diesen bereits oft problematischen Erfahrungen noch das nicht selten mit Krisen und Konflikten beladene Coming-out des einen Elternteils hinzu, bei dem das Kind jetzt heranwächst. Ist beispielsweise die sexuelle Orientierung der Eltern während der Scheidung bekannt, so besteht die Gefahr, dass homosexuellen Müttern und erst recht homosexuellen Vätern das Sorgerecht nicht zuerkannt wird (Thiel 1996, Hicks 2000). In Deutschland leben Kinder sowohl bei homosexuellen Müttern als auch bei homosexuellen Vätern.

Wohnortgröße

Nach den verschiedenen Studien (Berger, Reisbeck & Schwer 2000, Stacey & Biblarz 2001) leben die Kinder eher in größeren Städten, sind die Eltern eher schon älter und besitzen vergleichsweise oft einen höheren Bildungsabschluss. Für diese Ergebnisse können jedoch sowohl Stichproben- als auch kumulative Kontexteffekte ausschlaggebend sein, etwa, dass Personen mit höherer Bildung eher in großstädtischen Milieus wohnen, sich wahrscheinlicher zu ihrer sexuellen Identität offen bekennen und in Lebensgemeinschaften leben, in denen die Verantwortung für die Erziehung von Kindern nicht nur übernommen wird, sondern auch im "Schutz" dieser Milieus übernommen werden kann. In Deutschland wohnen Kinder homosexueller Paare überwiegend in Gemeinden bis 50.000 Einwohnern, also in kleineren Gemeinden. Sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von Kindern heterosexueller Paare. Die Kinder verheirateter Eltern leben etwas häufiger in kleineren Gemeinden und etwas seltener in größeren Städten.

Alter der Eltern

Die Kinder gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften haben Eltern, die im Schnitt Mitte/Ende dreißig sind. In diesem Alter sind im Durchschnitt auch die Eltern von Kindern in heterosexuellen nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Deutlich älter sind jedoch verheiratete und zusammenlebende Eltern. Sie sind im Schnitt 43 Jahre alt.

Bildung der Eltern

Das Bildungsniveau homosexueller Eltern gleicht dem heterosexueller Eltern in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften. Kinder in diesen Lebensgemeinschaften haben damit eher Eltern, die im Mittel über einen höheren Schulabschluss verfügen, als Kinder verheirateter Eltern.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die meisten Ergebnisse zur Organisation von Beruf, Haushalt und Kindererziehung stützen sich auf Lebensgemeinschaften von zwei Frauen mit Kindern. Hingegen sind Untersuchungen über die Aufgabenverteilung in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften von zwei Männern mit Kindern bislang rar (Dunne 1998, Oerten 1997, Parks 1998). Nach diesen Untersuchungen scheinen gleichgeschlechtliche Partner mit Kindern die Organisation von Beruf und Haushalt zeitlich und sachlich gleicher zu verteilen als verschiedengeschlechtliche Partner.

Die Partner nehmen die Aufgaben flexibler entlang persönlicher Präferenzen als starr nach geschlechtsspezifischen Mustern wahr. Dies gilt wohl auch weit gehend für die Erziehung der Kinder. Allerdings gibt es auch empirische Hinweise auf mehr "traditionale" Muster der Art, dass in Lebensgemeinschaften mit minderjährigen Kindern der zumeist biologische Elternteil überwiegend die Erziehung des Kindes und Aufgaben im Haushalt übernimmt und der andere Partner vor allem erwerbstätig ist. So bemerken Berger, Reisbeck & Schwer (2000, 29), dass "die Orientierung der Paare an den Strukturen der herkömmlichen Kernfamilie auffallend" sei, "trotz ihrer Ansprüche, sich von traditionalen Wertvorstellungen zu lösen".

Wie weit geht also die Selbstdefinition als soziale Mutter oder sozialer Vater, wie verbreitet ist eine gemeinsame und gleichermaßen verteilte Erziehungsverantwortung bei homosexuellen Paaren mit Kindern? Was die amtliche Statistik zur Beantwortung dieser Fragen bislang beitragen kann, sind allenfalls gewisse Vorarbeiten. So fällt auf, dass die Partner und Partnerinnen gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sehr unterschiedlich verwirklichen. Die meisten Kinder haben Eltern, die beide erwerbstätig sind. Dies ist ähnlich häufig wie bei heterosexuellen nicht ehelichen Eltern und deutlich häufiger als bei verheirateten Eltern. Allerdings wächst auch etwa ein Drittel der Kinder homosexueller Eltern in Familien heran, in denen nur ein Elternteil erwerbstätig ist. Diese unterschiedliche Aufgabenwahrnehmung ist in Familien homosexueller Mütter ebenso zu beobachten wie in Familien homosexueller Väter. Und hier unterscheiden sich doch homosexuell orientierte Eltern von heterosexuell orientierten Eltern. Denn in ehelichen, aber auch in nicht ehelichen heterosexuellen Lebensgemeinschaften ist, wenn nur einer erwerbstätig ist, es überwiegend der Vater, also der Mann.


Literatur

Amendt, G. (2002). Kultur, Kindeswohl und homosexuelle Fortpflanzung. Leviathan, 30, 161-174.

Buba, H.-P. & Vaskovics, L. A. (Hrsg.) (2001). Benachteiligung gleichgeschlechtlich orientierter Personen und Paare. Köln.

Berger, W., Reisbeck, G. & Schwer, P. (2000). Lesben - Schwule - Kinder. Hrsg. vom Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf .

Clarke, V. (2001). What about children? Arguments against lesbian and gay parenting. Women’s Studies International Forum, 24, 555-570.

Croes, M. M. (1996). Samenwoners van gelijk geslacht. Maandstatistiek van de Bevolking, 44, 10, 24-26.

Donovan, C. (2000). Who needs a father? Negotiating biological fatherhood in british lesbian families using self-insemination. Sexualities, 3, 149-164.

Dunne, G. A. (1998). "Pioneers behind our own front doors": towards greater balance in the organisation of work in partnerships. Work, Employment and Society, 12, 273-295.

Eggen, B. (2002). Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften. Erste Ergebnisse einer Untersuchung im Rahmen des Mikrozensus. In N. F. Schneider & H. Matthias-Bleck (Hrsg.), Elternschaft heute (S. 215-234). Zeitschrift für Familienforschung. Sonderheft 2. Opladen.

Fthenakis, W. E. (2000). Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung. In J. Basedow et al. (Hrsg.), Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften (S: 351-389). Tübingen.

Hicks, S. (2000). "Good lesbian, bad lesbian...": regulating heterosexuality in fostering and adoption assessments. Child and Family Social Work,, 5, 157-168

Oerten, S. (1997). "Queer Housewives"? Some problems in theorizing the division of domestic labour in lesbian and gay households. Women’s Studies International Forum, 20, 421-430.

Parks, C. A. (1998). Lesbian parenthood: A review of the literature. American Journal of Orthopsychiatry, 68, 376-389.

Patterson, C. J. (2001). Lesbian and gay parenting, American Psychological Association 1995, http://www.apa.org/pi/parent.html vom 23. Oktober 2001.

Stacey, J. & Biblarz, T. J. (2001). (How) Does the sexual orientation of parents matter. American Sociological Review, 66, 159-183.

Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2002). Leben und arbeiten in Deutschland. Wiesbaden.

Thiel, A. (1996). Kinder? Na klar!: ein Ratgeber für Lesben und Schwule. Frankfurt/Main.

Wald, M. S. (1999). Same-sex couples: marriage, families, and children. An analysis of proposition 22. The Knight Initiative. Stanford Institute for Research on Women and Gender. Stanford University. Stanford, CA.


Quelle

Aus: Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften - Gegenwart und künftige Entwicklung. Praxis der Rechtspsychologie 2003, Jg. 13, Heft 1, S. noch unbekannt.


Autor

Bernd Eggen, Dr. rer. pol., Diplom Soziologe (Univ.) und Diplom Sozialpädagoge(FH), arbeitet seit 1990 an der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg. Die derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind: Wandel der Lebensformen, Soziale Ausgrenzung und Sozialberichterstattung. Eine Übersicht der Veröffentlichungen findet sich auf der Homepage der Familienwissenschaftlichen Forschungsstelle.


Adresse

Bernd Eggen
Statistisches Landesamt Baden-Württemberg
Familienwissenschaftliche Forschungsstelle,
Sozialwissenschaftliche Analysen
Postfach 106033
70049 Stuttgart
Telefon: 0711-6412953
Fax: 0711-6412988
E-Mail: bernd.eggen@stala.bwl.de
Internet: http://www.statistik-bw.de/BevoelkGebiet/FaFo/




Letzte Änderung: 18.12.2006 10:28:29Zum Seitenanfang