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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Offene Adoptionsformen

Martin R. Textor        Martin R. Textor


"Offene Adoption" ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Adoptionsformen, die sich hinsichtlich des Grades der Intensität von Kontakten zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilien unterscheiden. Bei schwächeren Formen wird das Inkognito der Adoptiveltern aufrechterhalten; bei stärkeren verzichten diese auf ihr in § 1758 Abs. 1 BGB begründetes Recht auf Anonymität (vgl. Artikel "Adoption - rechtlich gesehen"). Es ist offensichtlich, daß offene Adoptionen mit intensiven Kontakten und Dauerpflege viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Jedoch haben die Adoptiveltern bei offenen Adoptionen das Kind als Kind angenommen und besitzen die vollen Elternrechte. Sie können dementsprechend dessen Umgang bestimmen, also z.B. bei negativen Auswirkungen jegliche Beziehung zu den leiblichen Eltern unterbinden.


Vorgeschichte

Seit Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts werden die mit der Inkognitoadoption verbundenen Probleme diskutiert. Es wurde deutlich, daß viele leibliche Mütter nach der Adoption ihr Kind nicht vergessen, jahrelang um es trauern und oft psychische oder psychosomatische Störungen entwickeln. Ferner wurde erkannt, daß es Adoptiveltern durch die Inkognitoadoption (und die mangelnde Aufklärung über die Vorgeschichte ihrer Kinder) ermöglicht wird, einer für die kindliche Entwicklung positiven "Normalisierung eigener Art" (Hoffmann-Riem 1984) aus dem Weg zu gehen und das Kind als "Besitz" zu betrachten. Auch kann unter diesen Umständen das Thema "Adoption" tabuisiert werden, so daß das Kind in der daraus resultierenden Atmosphäre der Geheimnistuerei mit adoptionsbezogenen Problemen alleingelassen ist. Zudem kann sein "böses Blut" für Erziehungsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich gemacht werden. Adoptivkinder entwickeln bei Inkognitoadoptionen oft Identitätskonflikte. Es fällt ihnen schwer, die Tatsache zu verarbeiten, daß sie "Kinder mit zwei Elternpaaren" sind und daß ihre Herkunft im Dunkeln liegt. Manche Adoptierte entwickeln ein so starkes Bedürfnis nach einem Kennenlernen der leiblichen Eltern, daß sie sich auf die Suche nach ihnen begeben. Es wurde also erkannt, daß sich die drei Seiten des "Adoptionsdreiecks" gedanklich intensiv miteinander beschäftigen und daß es dabei zu problematischen Entwicklungen kommen kann, wenn eine oder zwei Seiten unbekannte Größen bleiben.

Diese kurz skizzierten Erkenntnisse führten dazu, daß man die bisherige Vermittlungspraxis in Frage stellte. Manche Sozialarbeiter begannen im Verlauf der 80er Jahre, mit offenen Formen der Adoption zu experimentieren. Sie vertraten die Auffassung, daß sowohl die leiblichen Eltern als auch die Adoptiveltern am Gedeihen des betroffenen Kindes interessiert sind und zu dessen Wohl zusammenarbeiten können. Auch glaubten sie, daß die leiblichen Eltern wollen, daß die von ihnen gezeugten Kinder von den Adoptiveltern geliebt werden und daß sie sich deshalb nicht in deren Erziehung einmischen werden. Schließlich wurde davon ausgegangen, daß Adoptivkinder mehr als ein Elternpaar lieben können. Von Bedeutung ist ferner, daß heute leibliche Eltern im Gegensatz zu früher eher als Klienten mit bestimmten Rechten und zu berücksichtigenden Bedürfnissen betrachtet werden und daß in der Sozialarbeit mehr als zuvor Offenheit, Vertrauen, Transparenz des Verfahrens und Mitwirkung der Klienten betont werden. Schließlich werden mehr ältere Kinder vermittelt, die bereits Bindungen an leibliche Verwandte entwickelt haben, die es zu schützen gilt.


Arten offener Adoptionen

Es gibt nicht die offene Adoption. Vielmehr müssen nach dem Grad der Offenheit verschiedene Formen unterschieden werden, insbesondere:
  1. Einbeziehung der leiblichen Eltern in die Auswahl der Adoptiveltern;
  2. einmaliges Zusammentreffen von leiblichen Eltern und Adoptiveltern, etwa zum Zeitpunkt der Übergabe des Kindes (unter Umständen bei Wahrung des Inkognitos);
  3. fortlaufende wechselseitige Information von leiblichen Eltern und Adoptiveltern über ihr Leben durch die Adoptionsvermittlungsstelle, wobei die Anonymität der Adoptiveltern gewährleistet werden kann;
  4. regelmäßiger Austausch von Briefen, Photos und/oder Videotapes zwischen den leiblichen Eltern und der Adoptivfamilie, der entweder direkt oder über die Adoptionsvermittlungsstelle (unter Wahrung des Inkognitos) erfolgen kann;
  5. fortlaufender persönlicher Kontakt zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilie, der sich nach dem Grad der Intensität weiter differenzieren ließe.
Die ersten vier Formen sollen im folgenden als "halboffen" bezeichnet werden. Da sie als relativ unproblematisch gelten, wird auf eine intensive Diskussion derselben verzichtet. Die fünfte Form stellt die "offene" Adoption im eigentlichen Sinne dar. Offensichtlich ist, daß vor allem die dritte und vierte Form jederzeit in eine offene Adoption mit persönlichem Kontakt überführt werden können.


Vorteile und Gefahren offener Adoptionen

Die möglichen Vor- oder Nachteile offener Adoptionen mit persönlichem Kontakt zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilie sollen an dieser Stelle nur thesenhaft formuliert werden. Es werden immer zunächst die Vorteile und dann die Nachteile für eine der drei Seiten des "Adoptionsdreiecks" genannt:
  • Für leibliche Eltern bestehen Vorteile darin, daß offene Adoptionen die Freigabeentscheidung und deren Verarbeitung erleichtern können. Es wird damit gerechnet, daß die Eltern weniger Trauer, Schmerz, Reue und Schuldgefühle mit den daraus resultierenden negativen Folgen für die psychische Entwicklung und spätere Partnerbeziehungen erleben werden. So bleiben sie mit ihren Kindern in Kontakt, müssen sich keine Sorgen um ihr Wohl machen, können ihnen ihre Liebe zeigen und mit ihnen jederzeit über ihre Gründe für deren Freigabe zur Adoption sprechen.

    Im Hinblick auf die leiblichen Eltern liegen Gefahren der offenen Adoption darin, daß der Trauerprozeß länger und intensiver sein kann, da die leiblichen Eltern immer wieder ihre Kinder treffen. Sie können auf die Adoptiveltern eifersüchtig werden, ihnen gegenüber ambivalent reagieren oder sie ablehnen. Auch haben sie keine Eingriffsmöglichkeiten, wenn sie mit deren Erziehungsverhalten nicht einverstanden sind. Ferner besteht die Gefahr, daß sie die Adoptiveltern mit ihren persönlichen Problemen und Partnerkonflikten belasten und sie in eine Helfer- oder Elternrolle hineinzudrängen versuchen. Sie können möglicherweise auch auf Ablehnung seitens der Adoptivfamilie stoßen, die nur schwer zu verarbeiten sein dürfte. Ferner ist eher mit negativen Umwelterfahrungen zu rechnen, da sich offene Adoptionen nicht verheimlichen lassen.


  • Vorteile für die Adoptiveltern dürften darin liegen, daß sie bei offenen Adoptionen mehr Informationen über das Adoptivkind und seine Herkunft haben sowie diese jederzeit ergänzen können. Sie erlangen ein realistisches Bild von den leiblichen Eltern, so daß Phantasien, Ängste und Vorurteile eine geringere Rolle als bei Inkognitoadoptionen spielen dürften. Zudem können sie die Adoption weder leugnen noch als Gesprächsthema tabuisieren, müssen sie sich als Adoptivfamilie definieren.

    Nachteile einer offenen Adoption könnten für Adoptiveltern darin liegen, daß sie viele belastende Informationen über die leiblichen Eltern erfahren oder durch den persönlichen Kontakt ein negatives Bild von ihnen gewinnen - sie z.B. als psychisch krank, als lebensunfähig oder als Personen sehen, die ihre Kinder vernachlässigen oder mißhandeln. Diese Erfahrungen können nicht nur zur Ablehnung der leiblichen Eltern, sondern auch zu negativen Voreinstellungen gegenüber dem Adoptivkind (sich selbst erfüllende Prophezeiungen) oder zur Betonung der biogenetischen Fremdheit führen. Wird die ablehnende Haltung verdrängt, so kann sie sich indirekt im Verhalten gegenüber dem Kind zeigen. Generell besteht die Gefahr, daß der Kontakt mit den leiblichen Eltern die Übernahme der Elternrolle und die emotionale Normalisierung erschwert, die Eingewöhnungszeit belastender macht und zu Schuldgefühlen führt ("Wir haben ihnen das Kind weggenommen"). Für Adoptiveltern entsteht eine besonders problematische Situation, wenn die leiblichen Eltern die Eltern-Kind-Beziehung zu stören und das Adoptionsverhältnis zu sabotieren versuchen, sich in die Erziehung einmischen oder um die Zuneigung und Loyalität des Kindes kämpfen.


  • Zu den Vorteilen offener Adoptionen für Adoptivkinder gehört, daß sie sich selbst ein Bild von den leiblichen Eltern machen und direkten Zugang zu Informationen über ihre Herkunft haben. So ist mit weniger pathogen wirkenden Ängsten und Phantasien, mit weniger Identitätskonflikten zu rechnen. Da die Adoptierten mit den leiblichen Eltern über die Freigabegründe diskutieren und Verständnis für deren Situation entwickeln können, dürften sie sich weniger als durch diese abgelehnt und verstoßen erleben und dementsprechend ein positiveres Selbstbild entwickeln. Kinder, die zum Zeitpunkt der Freigabe zur Adoption bereits älter sind, können ihre Bindungen an leibliche Verwandte aufrechterhalten. Dieses dürfte die Eingewöhnung in die Adoptivfamilie erleichtern, da weniger Trauer und Disloyalität erlebt werden.

    Gefahren offener Adoptionen hinsichtlich der Entwicklung von Adoptivkindern könnten darin bestehen, daß z.B. deren Integration in die Adoptivfamilie erschwert wird: Sie mögen sich verwirrt, unsicher und zwischen beiden Elternpaaren hin- und hergerissen erleben, Loyalitätskonflikte empfinden oder befürchten, daß die leiblichen Eltern sie eines Tages zurückhaben wollen (dies gilt vor allem für Kinder, die zum Zeitpunkt der Adoption bereits älter sind). So mag der Bindungsprozeß gefährdet werden und eine weniger enge Beziehung zu den Adoptiveltern als bei Inkognitoadoptionen entstehen. Verwirrung und Verhaltensunsicherheit können aber auch dadurch entstehen, daß die Adoptivkinder seitens der beiden Elternpaare mit unterschiedlichen Lebens- und Sprachstilen, Werten und Einstellungen, Erziehungszielen und Leitbildern konfrontiert werden (z.B. bei großen Schichtunterschieden). In diesen oder ähnlichen Fällen könnten sie auch versuchen, beide Seiten gegeneinander auszuspielen. Ferner kann die Identitätsentwicklung durch die Konfrontation mit vier Elternteilen (widersprüchliche Identifikationen) und die unübliche Lebenssituation erschwert werden. Zudem dürfte bei vielen offenen Adoptionen ein Elternteil - der leibliche Vater - weiterhin eine unbekannte Größe bleiben. Schließlich besteht noch die Gefahr, daß Adoptivkinder ein negatives Selbstbild entwickeln, wenn die leiblichen Eltern einen sehr viel niedrigeren Status als die Adoptiveltern haben, oder daß sie von leiblichen Verwandten negativ beeinflußt werden (schlechtes Vorbild).
Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand ist es somit nicht angezeigt, Formen der offenen oder halboffenen Adoption zu einer neuen Norm zu machen. Offene Adoptionsformen sollten jedoch im Einzelfall immer als Alternativen zur Inkognitoadoption mitbedacht werden. So dürfte es sinnvoll sein, wenn vor einer Adoption alle möglichen Optionen sowohl mit den leiblichen Eltern als auch mit den jeweiligen Adoptionsbewerbern besprochen werden (vgl. zum Folgenden den Artikel "Adoptionsvermittlung").

Sollte die Wahl auf die offene Adoption gefallen sein, so müssen die leiblichen Eltern und die zukünftigen Adoptiveltern seitens der Adoptionsvermittlungsstelle gründlich darauf vorbereitet werden. Das erste Zusammentreffen sollte nur dem gegenseitigen Kennenlernen dienen. Im Verlauf weiterer Treffen können sich die leiblichen Eltern und die Bewerber über ihren bisherigen Lebensweg und ihre gegenwärtige Situation, über ihre Werte, Einstellungen, Erwartungen und Erziehungsvorstellungen austauschen. Verlaufen die Gespräche negativ, so sollten sie jederzeit das Recht haben, weitere Kontakte abzulehnen.

Im positiven Fall muß die Beziehung zwischen leiblichen Eltern und Adoptiveltern definiert, müssen Regelungen hinsichtlich Rollen, Verantwortlichkeiten, Besuche, Verhältnis zum Kind, Verwandtenkontakte usw. festgelegt werden, die flexibel sein und das wachsende Mitspracherecht der Kinder berücksichtigen sollten. Dabei sind die Rollen möglichst klar zu differenzieren: Den leiblichen Eltern muß klar sein, daß sie in Zukunft wie entfernte Verwandte zu agieren haben, daß die Erziehung des Kindes Aufgabe der Adoptiveltern ist, daß diese die vollen Elternrechte mit der Adoption erhalten und über den Umgang des Kindes bestimmen können. Schließlich kann bei Säuglingsadoptionen über den Verlauf der Schwangerschaft, die Anwesenheit der zukünftigen Adoptiveltern bei der Geburt, die Taufe und die Übergabe des Kindes diskutiert werden.

Generell besteht die Möglichkeit, einen Vertrag über Art, Dauer und Häufigkeit der Kontakte zwischen leiblichen Eltern und Adoptivfamilie zu schließen. Dieser darf aber nicht Bedingung für die Freigabe des Kindes zur Adoption sein (§ 1750 Abs. 2 BGB) oder Vertragsstrafen enthalten. Auch muß den Vertragspartnern bewußt sein, daß die Adoptiveltern jederzeit die Vereinbarungen widerrufen können (Elternrechte). Diese können dann den leiblichen Eltern den Umgang mit dem Kind untersagen (vgl. Artikel "Adoption - rechtlich gesehen").

Eine etwas andere Situation ist bei der offenen Adoption älterer Kinder gegeben. Diese müssen seitens der Adoptionsvermittlungsstelle auf ihre neue Lebenssituation gründlich vorbereitet werden. So sollten die leiblichen Eltern ihnen offen sagen, daß sie nicht für sie sorgen können, daß dieses nicht Schuld der Kinder ist, daß sie sich für ihre Freigabe zur Adoption entschieden haben und daß sie sie für neue Eltern-Kind-Beziehungen freigeben. Den Kindern muß beim Verarbeiten der daraus resultierenden Gefühle geholfen werden. Auch sind die Auswirkungen für ihr Selbstbild zu prüfen. Selbstverständlich sollten sie der offenen Adoption zustimmen.

Die Kinder können langsam an ihre neuen Eltern gewöhnt werden - indem sie diese zunächst nur besuchen, dann einige Wochenenden mit ihnen verbringen und schließlich zu ihnen ziehen. Die Adoptiveltern sind nicht nur auf die vom Adoptionsvermittler erhaltenen Informationen über das Kind angewiesen, sondern können von sich aus Kontakt zu den bisherigen Lehrern, Ärzten, Therapeuten und Pflegeeltern des Kindes oder zu entfernten leiblichen Verwandten aufnehmen. In allen Fällen einer offenen Adoption sollte den Adoptiveltern aber nach der Übergabe des Kindes Zeit gelassen werden, in Ruhe und ohne intensivere Kontakte zu leiblichen Verwandten des Kindes die Elternrolle zu übernehmen.


Literatur

Hoffmann-Riem, C.: Das adoptierte Kind. Familienleben mit doppelter Elternschaft. München: Fink 1984.

Textor, M.R.: Offene Adoption von Säuglingen. Unsere Jugend 1988, 40, S. 530-536.

Textor, M.R.: Offene Adoption älterer Kinder. Jugendwohl 1989, 70, S. 10-17.


Autor

Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am:
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München


Letzte Änderung: 07.05.2008 11:16:06Zum Seitenanfang