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![]() In diesem Artikel wird zunächst das Besondere der Adoption herausgestellt und Konsequenzen für Adoptivfamilien gezogen: Sie sollten ihren Sonderstatus anerkennen. Dann wird beschrieben, was für Personen Adoptiveltern werden, was sie bei der Bewerbung um ein Kind erleben, welche Informationen sie über seine Herkunft bekommen, wie die Eingewöhnungsphase verläuft, was für eine Eltern-Kind-Beziehung entsteht und wie das Kind über die Adoption aufgeklärt wird. Schließlich wird auf die Entwicklung von Adoptivkindern und den Adoptionserfolg eingegangen. 1. Adoptivfamilien sind andersSind Adoptivfamilien anders? Einerseits sind biologische und Adoptivfamilie rechtlich gleichgestellt, wird das Adoptivkind als Kind angenommen, betonen Institutionen die Gleichwertigkeit beider Arten der Familiengründung (vgl. den Artikel "Adoption - rechtlich gesehen"). Andererseits ist eine große Zahl von Unterschieden offensichtlich: Während sich bei biologischen Eltern die Erwartung der eigenen Fruchtbarkeit erfüllte, wurden die meisten Adoptiveltern zunächst mit der Erfahrung der eigenen Infertilität konfrontiert, mußten sich mit ihr auseinandersetzen und sie verarbeiten: Adoption war für sie nur die zweitbeste Lösung. Während Erwachsene in der Regel keine Voraussetzungen für Elternschaft erfüllen müssen und unabhängig von anderen über den Zeitpunkt der Geburt ihrer Kinder entscheiden können, müssen Adoptiveltern ein langwieriges Bewerbungsverfahren durchlaufen, ihre Eignung als potentielle Erzieher nachweisen und vielfach lange auf ein Kind warten. Sie sind also bei der Realisierung ihrer Pläne von anderen Personen abhängig.Während biologische Eltern durch die Schwangerschaft auf ihr Kind vorbereitet werden, die Veränderung ihres gesellschaftlichen Status durch das Tragen von Umstandskleidung seitens der Frau symbolisieren und sich langsam auf die Übernahme der Elternrolle einstellen können, diese dann ab Geburt des Kindes ausüben und das Erlebnis von Schwangerschaft und Geburt mit Verwandten und Freunden teilen, müssen zukünftige Adoptiveltern zunächst mit der Ungewißheit leben, ob sie überhaupt ein Kind erhalten werden. Meist wird ihnen dann plötzlich ein Kind angeboten, und sie müssen sich innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob sie es aufnehmen wollen. So mangelt es ihnen an einem Zeitplan, nach dem sie sich auf die Elternrolle einstellen können, fehlen ihnen Schwangerschaft und Geburt als Zeit der biologischen, emotionalen und psychischen Vorbereitung auf das Kind, machen sie nicht die volle Erfahrung der Elternwerdung. Zudem bleibt ihr Status bis zum Ende der Adoptionspflegezeit unsicher, liegt die Vormundschaft in den Händen Dritter. Während normalerweise die Eltern-Kind-Beziehung auf der biosozialen Zusammengehörigkeit beruht und sich Bindungen direkt nach der Geburt ausbilden, müssen Adoptiveltern ohne biologische Bande auskommen, können sie nur die "psychologische Elternschaft" beanspruchen. Sie müssen erst das Gefühl entwickeln, daß das Kind zu ihnen gehört. Die aus dieser Situation resultierende Unsicherheit wird noch dadurch verstärkt, daß sie während der Adoptionspflegezeit nur "Eltern auf Probe" sind und unter Erfolgszwang stehen. So läßt sich abschließend feststellen, daß trotz der rechtlichen Gleichstellung der durch die Zeugung und der durch die Annahme eines Kindes als Kind begründeten Familienformen beide in der Praxis unterschiedlich sind. Eine durch Adoption hergestellte Eltern-Kind-Beziehung ist nicht dasselbe wie Blutsverwandtschaft. Adoptivfamilien sind Ausnahmefälle; Adoptiveltern werden sich immer mit dem Problem der "doppelten Elternschaft" (Hoffmann-Riem 1984), dem Gefühl des Andersseins und der stärkeren Isolation auseinandersetzen müssen (weniger Menschen in derselben Situation, mit denen sie sich austauschen können). 2. Das Problem der Annahme des SonderstatusAdoptivfamilien sind anders. Diese Tatsache bedeutet nun aber nicht, daß Adoptivfamilien ihren "Sonderstatus" zwangsläufig annehmen. Ihre Einstellungen und Bewältigungsmechanismen, die sich auf ihren Status beziehen, lassen sich in das Kontinuum zwischen zwei Polen einordnen: Der eine ist die Auffassung, daß die Erfahrung der Adoption nicht grundlegend anders ist als die normaler Familien, während die andere Position auf wirkliche Unterschiede verweist. Die letztgenannte Einstellung wird als "Normalisierung eigener Art" (Hoffmann-Riem 1984) bezeichnet.Adoptiveltern, die den Sonderstatus ihrer Familienform verneinen, sehen sich als ganz normale Familie oder als eine Untergruppe neben anderen (wie z.B. konfessionsverschiedene Familien oder Familien mit behinderten Kindern). Sie glauben, daß das Gewicht des alltäglichen Familienlebens, der emotionalen Beziehungen, der psychologischen Elternschaft größer sei als die Bedeutung adoptionsspezifischer Faktoren. So minimieren sie biologische Unterschiede, erleben das Adoptivkind wie ein leibliches Kind, negieren und verdrängen die Tatsachen der Infertilität und Adoption. Wenn sie einen Säugling annehmen, geben sie ihm oft einen anderen Vornamen und versuchen so, die Vorgeschichte auszulöschen und einen neuen Anfang zu setzen. So lange das Kind noch nicht über seinen Status aufgeklärt wurde und über ihn sprechen kann, können sich Adoptiveltern der Illusion hingeben, eine "alltägliche" Familie zu sein (bei der Adoption älterer Kinder ist eine andere Situation gegeben, da diese sich zurückerinnern können, bis zum Ende der Adoptionspflegezeit ihren alten Nachnamen führen usw.). Obwohl diese Position auf den ersten Blick als die leichtere, unproblematischere und befriedigendere erscheint, verursacht sie auf Dauer jedoch große Probleme, da sie nicht der Realität entspricht. Ein Teil der Wirklichkeit wird verneint; das Adoptivkind kann sich nicht mit seiner Situation auseinandersetzen; eine offene Kommunikation ist nicht mehr möglich; spezifische Probleme von Adoptivfamilien werden nicht gesehen oder verdrängt. Adoptiveltern, welche die atypische Situation ihrer Familie anerkennen, bieten ihren Kindern meist bessere Entwicklungsbedingungen. So erwies sich, daß die Akzeptanz des Sonderstatus mit mehr Offenheit in der Familie, einer größeren Zahl von Gesprächen über die Bedeutung der Adoption, mehr Empathie, Vertrauen und Solidarität sowie festeren Bindungen verbunden ist. Eine Überbetonung von Unterschieden kann aber auch eine Normalisierung eigener Art verhindern und die Integration von Adoptivkindern erschweren. Zudem mag in solchen Extremfällen die Adoptivsituation oder das andere Erbgut des Kindes für Probleme verantwortlich gemacht werden. Generell geht die Tendenz aber in die "richtige" Richtung: Immer mehr Adoptivfamilien erkennen den Sonderstatus ihrer Familienform an. 3. Person und Persönlichkeit der AdoptivelternWas für Personen werden nun Adoptiveltern? Generell kann man sagen, daß Adoptiveltern zum Zeitpunkt der Aufnahme eines Kindes zumeist älter als biologische Eltern sind. Sie haben in der Regel eine bessere Schulbildung, gehören der Mittel- oder Oberschicht an, besitzen zumeist ein Haus und haben einen hohen sozialen Status. Obwohl die meisten Frauen zumindest in den ersten Jahren nach Annahme eines Adoptivkindes nicht erwerbstätig sind, ist das Familieneinkommen überdurchschnittlich hoch. Die Ehebeziehung zwischen Adoptiveltern ist in der Regel harmonisch und stabil. Sie ist zumeist partnerschaftlich strukturiert. Scheidungen scheinen in Adoptivfamilien seltener als beim Durchschnitt aller Ehen zu sein.Viele Fachleute haben sich mit dem Einfluß der Infertilität auf die Persönlichkeitsentwicklung von Adoptiveltern beschäftigt. Der Erfahrung erfolgloser Zeugungsversuche wird zunächst mit Unglauben und Verneinung begegnet. Dann wird in der Regel ärztliche Hilfe gesucht. Das gesamte Sexualleben mag anschließend entsprechend der Anweisungen des Arztes gestaltet werden; im Mittelpunkt des Ehelebens steht die Thematik der Zeugung. Auf die endgültige Diagnose der Infertilität wird zumeist mit Gefühlen der Erniedrigung, Hilflosigkeit und Beschämung, mit Schmerz, Ärger und Zorn reagiert. Die eigene Unfruchtbarkeit wird häufig als "narzißtische Kränkung" erlebt, die zu einem negativen Körperbild, Gefühlen mangelnder Männlichkeit bzw. Weiblichkeit, einer gestörten Geschlechtsidentität, Unterlegenheitsgefühlen und einer geringen Selbstachtung führen kann. Oft wird dann mehrere Monate oder gar Jahre lang versucht, durch künstliche Befruchtung oder mit Hilfe anderer medizinischer Eingriffe doch noch ein eigenes Kind zu bekommen. Die Trauerphase nach Kenntnisnahme der endgültigen Diagnose dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr, sofern die Erfahrung der Infertilität nicht verdrängt wird. In vielen Fällen entwickeln dann die Partner den Wunsch nach einem Adoptivkind, das den für ein eigenes leibliches Kind vorgesehenen Platz einnehmen soll. Aber noch viele Jahre nach der Adoption verspüren viele Eltern einen Leidensdruck wegen ihrer Infertilität. Bei einer mißglückten Verarbeitung ihrer Unfruchtbarkeit haben Adoptiveltern oft größere Probleme bei der Aufklärung des Kindes über seinen Status sowie über Sexualität. Auch mag seine Pubertät die narzißtische Kränkung, die Trauer und den Schmerz der Eltern wegen ihrer Infertilität wiederbeleben und verstärken. Es ist offensichtlich, daß die mangelhaft verarbeitete Erfahrung der Unfruchtbarkeit auch Auswirkungen auf die Partnerbeziehung haben kann. 4. Die Bewerbung um ein AdoptivkindProspektive Adoptiveltern bewerben sich aus unterschiedlichen Gründen um ein Kind. Das vorherrschende Motiv ist aber die Infertilität eines oder beider Partner. Häufig werden auch Fehlgeburten und Erbkrankheiten als Gründe genannt. Humanitäre, christliche und soziale Motive wie der Wunsch, einem Heimkind zu helfen, werden sehr viel seltener erwähnt. Oft spielt auch der Wunsch nach Vergrößerung der eigenen Familie durch die Adoption eines zweiten Kindes eine Rolle, wenn eine weitere Schwangerschaft aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist. Andere Motive für die Bewerbung um ein Adoptivkind können sein: die Suche nach einem Ersatz für ein gestorbenes Kind, das Gefühl der Verantwortung für das verwaiste Kind eines Verwandten, der Versuch, eine konflikthafte Ehe zu stabilisieren oder zu retten, der Wunsch, die eigenen elterlichen Qualitäten zu beweisen, die Suche nach Liebe oder einem Liebesobjekt, der Druck von Verwandten usw.Wollen sich Ehepaare um ein Adoptivkind bewerben, werden sie von den Adoptionsvermittlern zu einem ersten Informationsgespräch eingeladen (vgl. den Artikel "Adoptionsvermittlung"). Oft findet zuerst ein Versuch der Abschreckung statt: So werden die Ehepaare mit der Tatsache konfrontiert, daß Dutzende Bewerber auf einen zur Adoption vorgemerkten Minderjährigen kommen. Auch werden sie aufgefordert, sich gedanklich mit der möglichen Adoption eines älteren oder behinderten Kindes auseinanderzusetzen - eine Vorstellung, die der vielfach noch gehegten Erwartung widerspricht, einen gesunden, hübschen und intelligenten Säugling adoptieren und eine "normale" Familie gründen zu können. Manche Bewerber ziehen nach ausführlichen und intensiven Gesprächen dann aber auch die Adoption eines älteren oder behinderten Kindes in Betracht. Nach dem ersten Informationsgespräch wird die (generelle) Elternwürdigkeit der Bewerber überprüft. Sie erfahren somit eine zweite narzißtische Kränkung: Im Gegensatz zu leiblichen Eltern müssen sie ihre Eignung als potentielle Erzieher nachweisen. Nach Erteilung der Adoptionspflegeerlaubnis beginnt dann eine lange Zeit des Wartens, des Hoffens und der Ungewißheit. Die Bewerber wissen nicht, ob sie überhaupt ein Kind bekommen werden. Auch wird ihnen kein Zeitpunkt genannt, zu dem sie voraussichtlich ein Kind erhalten werden. Viele Bewerber entwickeln aufgrund dieser Situation bestimmte Strategien wie regelmäßige Telefonate mit den Adoptionsvermittlern, um ihre Chancen auf ein Kind zu verbessern. Das Angebot und die Annahme eines Adoptivkindes ist meist ein durch Belastung und Streß gekennzeichnetes Ereignis. Den Bewerbern wird plötzlich und unvorhersehbar per Telefon angekündigt, daß ein Kind für sie gefunden wurde. Dann müssen sie umgehend zum Adoptionsvermittler kommen, der das Kind und seine Lebensgeschichte beschreibt. Falls sie interessiert sind, wird ihnen das Kind vorgestellt. Dann müssen sie zumeist sofort eine Entscheidung bezüglich seiner Aufnahme fällen. Der Handlungszwang wird noch durch das Wissen um das geringe Angebot und die lange Wartezeit verschärft. Auch die im Verlauf der Zeit und aufgrund der vorausgegangenen Gespräche reduzierten Erwartungen können dazu führen, daß ein Kind angenommen wird, das nicht voll den Vorstellungen der Bewerber hinsichtlich Alter, Geschlecht, Aussehen, Anlagen, (psychischem) Gesundheitszustand usw. entspricht. Dabei wächst die Komplexität der Entscheidungssituation mit dem Alter des Kindes. Während der Anblick eines Säuglings meist Zuneigung, Hilfsbereitschaft sowie den Schutz- und Pflegeinstinkt auslöst und während ein Kleinkind seine physischen und sprachlichen Fertigkeiten zur raschen Herstellung eines Kontaktes einsetzen kann, sind ältere Kinder beim ersten Zusammentreffen meist nervös, angespannt und verkrampft. Sie bringen eine traurige Vorgeschichte mit, halten mehr Distanz und mögen körperlichen Kontakt ablehnen. Gerade in solchen Fällen stehen Bewerber vor dem Problem, ob sie ihnen gegenüber liebesfähig sein können. 5. Informationen über die Herkunft des KindesZum Zeitpunkt der Übergabe des Kindes sollten die "werdenden" Adoptiveltern so viel Informationen wie möglich über die Herkunft desselben sammeln, so daß sie später diesbezügliche Fragen möglichst umfassend beantworten können. Wichtig sind z.B. Informationen über Bildungsgang, Beruf, Gesundheitszustand, Aussehen, Begabungen, Einstellungen, Verhalten und Persönlichkeitscharakteristika der leiblichen Eltern, über deren Freigabegründe sowie über Geburtsverlauf und Gesundheitszustand des Kindes - bei älteren Kindern auch über deren Lebensgeschichte, Verhalten und Probleme. Jedoch erhalten werdende Adoptiveltern zum Zeitpunkt der Übernahme des Kindes oft nur Informationen über die leibliche Mutter; wenig wird ihnen in der Regel über den leiblichen Vater, die Großeltern, Geschwister, Onkeln und Tanten mitgeteilt. Manchmal sind diese Informationen oberflächlich oder geschönt. Da in der Übergabesituation viele Ereignisse, Probleme und Fragen auf die Adoptiveltern einstürzen und diese sicherlich mehr prospektiv auf die eigene Elternschaft als retrospektiv auf die Herkunft des Kindes ausgerichtet sind, dürften manche Informationen auch dem Vergessen oder der Verdrängung anheim fallen. Deshalb sollten wichtige Informationen schriftlich festgehalten werden.Adoptiveltern tendieren dazu, die Vergangenheit ihrer Kinder zu rekonstruieren, um bestimmte Verhaltensweisen derselben zu erklären. Meist wird die Frage nach ihrer Herkunft unter dem Druck eines Gegenwartsproblems gestellt. Die Antwort soll bei dessen Lösung helfen oder die empfundene Fremdheit der Kinder erklären. Aufgrund des mangelhaften Wissenstandes kann jedoch eine mögliche Vergangenheit der Kinder nur spekulativ erschlossen werden, sind die Eltern auf Vermutungen und Annahmen angewiesen. Oft werden die leiblichen Eltern und ihre Motive typisiert, wird die Vergangenheit als traurige Zeit entworfen, kommt es zur Schwarz-Weiß-Malerei. Manchmal wird die kurze bei den leiblichen Eltern verbrachte Zeit noch Jahre nach der Adoption als Erklärung für Probleme verwendet und auf diese Weise die gemeinsame Familiengeschichte sowie die Erziehung der Adoptiveltern entwertet. Es ist offensichtlich, daß ein derartiges Verhalten die Bewältigung der doppelten Elternschaft und die Lösung von Problemen behindert. 6. Die EingewöhnungszeitDie meisten Adoptiveltern übernehmen aufgrund der fehlenden Vorbereitungszeit die Verantwortung für einen adoptierten Säugling mit Unsicherheit und Angst. Die Eingewöhnungszeit wird generell als sehr anstrengend erlebt. Mütter gehen in der Regel leichter auf das Kind zu, da sie mit verschiedenen Segmenten der Mutterrolle bereits vertraut sind und somit eine gewisse Handlungskompetenz besitzen. Zudem entwickeln sie schnell Muttergefühle; manche berichten auch von Phantasien einer biologischen Elternschaft. Oft beobachten sie ihre emotionalen Reaktionen und ihr Verhalten, wobei sie z.B. nach inneren Widerständen gegenüber dem Kind suchen. Männer nehmen hingegen die Vaterrolle zumeist weniger schnell und spontan an, benötigen mehr Zeit für die Statuspassage. Viele behalten zunächst eine gewisse Distanz bei oder müssen sich erst an das Kind "herantasten". Nach einem mehr oder minder langen Zeitraum wird der adoptierte Säugling aber von beiden Eltern wie ein eigenes Kind gesehen.Die Wahrnehmung des Säuglings als Adoptivkind verblaßt also, es kommt zu einer "emotionalen Identifikation". So gleichen sich familiale und adoptivfamiliale Beziehungsqualität einander an. Vielfach kann jetzt der Sonderstatus der Adoptivfamilie geleugnet werden, was bis zur Aufklärung des Kindes über seine Herkunft bzw. bis zum Beginn der Reflexion dieses Wissens durch dasselbe ohne größere Schwierigkeiten beibehalten werden kann. Viele Adoptiveltern reflektieren jedoch auch die emotionale Erfahrung der Bindung, nehmen bewußt die Bereicherung ihres Lebens durch das Kind wahr. Nur in wenigen Ausnahmefällen gelingt es Adoptiveltern nicht, ein echtes Elterngefühl zu entwickeln. Bei der Adoption älterer Kinder dauert es zumeist sehr viel länger, bis eine emotionale Normalisierung erreicht und eine enge Eltern-Kind-Beziehung aufgebaut wird. Obwohl hier weniger die Notwendigkeit besteht, den eigenen Lebensstil grundlegend zu ändern, wird doch auch deren Ankunft als Unterbrechung eines etablierten Beziehungssystems erfahren. Der Normalisierungsprozeß wird vor allem dadurch erschwert, daß ältere Kinder bereits eine eigene Persönlichkeit haben, durch eine zumeist "traurige" Lebensgeschichte geprägt sind und oft aus einem anderen gesellschaftlichen Milieu kommen. Sie kennen ihren Geburtsnamen, wissen von ihren leiblichen Eltern und Verwandten, fühlen sich häufig an diese gebunden und vermissen sie. Aber auch die Trennung von Pflegeeltern, Heimerziehern und Freunden fällt oft schwer. So bringen sie ihre Lebensgeschichte, ihre früheren Erfahrungen und die in anderen Lebenswelten gelernten Verhaltensmuster in die Adoptivfamilie mit. Manchen älteren Kindern fällt es schwer, sich in die Adoptivfamilie zu integrieren. Sie weinen, sind depressiv, ziehen sich zurück, streiten sich mit den Adoptiveltern oder laufen weg. Einige sind zunächst unsicher und mißtrauisch, fürchten eine erneute Zurückweisung und testen durch auffällige Verhaltensweisen, ob sie wirklich als Person angenommen werden. Andere regredieren hingegen und verlangen nach der Nähe, Zuneigung, Liebe und Zärtlichkeit, die sie zuvor entbehren mußten. Viele ältere Kinder reagieren auch aufgrund neuer Verhaltensanforderungen und -normen verwirrt. Es fällt ihnen nicht leicht, sich an eine mittelschichtsorientierte Familienkultur anzupassen, Tischsitten zu erlernen, auf Schimpfworte zu verzichten, anderen Menschen gegenüber höflich zu sein. So werden sie länger als ein Fremdkörper empfunden. Die Adoptiveltern müssen sehr viel mehr an Interpretationsarbeit bezüglich des kindlichen Verhaltens leisten, ihren eigenen Lebensstil erklären und den Kindern ihre Normen und Erwartungen vermitteln. So dauert es oft länger als ein halbes Jahr, bis Vertrautheit hergestellt worden ist. Vereinzelt führen die Andersartigkeit der Kinder, ihr Testen der Liebe der Adoptiveltern und/oder ihre Verhaltensauffälligkeiten auch zu einem Scheitern des Adoptionspflegeverhältnisses. 7. Eltern-Kind-BeziehungWie bereits erwähnt, tendieren Adoptiveltern dazu, emotionale Normalität in ihrer Beziehung zum Kind herzustellen und dasselbe gefühlsmäßig mit einem leiblichen Kind gleichzusetzen. Aber auch die Adoptivkinder fühlen sich zumeist in Familie und Verwandtschaft wie ein Kind angenommen. Oft haben sie - ihren Aussagen nach - ein besseres Verhältnis zu ihren Eltern als Gleichaltrige. Auch scheint die Eltern-Kind-Beziehung nur selten weniger tragfähig, belastbar, sicher und stabil zu sein als in biologischen Familien.Ein interessantes Phänomen in Adoptivfamilien ist die "Konstruktion von Ähnlichkeit" (Hoffmann-Riem 1984): Die Adoptiveltern suchen nach Gemeinsamkeiten in Aussehen, Wesensart, Verhalten usw. zwischen sich und dem Kind. Entdeckte Ähnlichkeiten erleichtern es ihnen, das Adoptivkind zur Familie zu rechnen, sich mit ihm verbunden zu fühlen und sich im Kind wiederzufinden. Erleben sie einander als im Wesen und Charakter (sehr) ähnlich, entstehen meist "bessere" Eltern-Kind-Beziehungen (z.B. mehr Offenheit, weniger Konfliktneigung, größerer Zusammenhalt). Beide Elternteile nehmen dann großen Anteil an der Entwicklung ihrer Kinder und kümmern sich intensiv um sie. Bei einer schlechten Eltern-Kind-Beziehung werden hingegen weniger Ähnlichkeiten zwischen Adoptiveltern und -kindern empfunden, ist die Identifikation miteinander schwächer ausgeprägt. Die "biogenetische Fremdheit" wird manchmal auch im Zuge einer Problembewältigung betont, da sie als Erklärung für die Ursachen der Schwierigkeiten und als Legitimation von Beziehungsproblemen dienen kann. Dann werden vereinzelt Ähnlichkeiten zwischen Kind und leiblichen Eltern auf der Grundlage der wenigen vorhandenen Informationen und von Vermutungen konstruiert. In solchen Fällen mag das Kind sehr negativ gesehen werden, z.B. als ein Individuum mit "schlechtem Blut". Dieses mag zu einer gewissen Distanzierung der Eltern oder zur Provokation bestimmter Verhaltensweisen führen, die von dem Kind aufgrund seiner Herkunft erwartet werden ("sich selbst erfüllende Prophezeiungen"). Aber auch mit zunehmendem Alter können Unterschiede in Wesen, Charakter und Verhalten von Adoptiveltern und -kindern stärker auffallen. So mag sich beispielsweise ein adoptierter Jugendlicher bewußt als ein andersartiges Individuum definieren oder bei seiner Identitätsfindung stärker die Bedeutung der "anderen" Eltern berücksichtigen. Auf diese Weise versucht er, sich von seiner Familie abzulösen - ein für dieses Alter wichtiger Entwicklungsschritt. 8. Der ErziehungsstilDie meisten Adoptiveltern sind wenig autoritär und trachten nach einem partnerschaftlichen Verhältnis zu ihren Kindern. Jedoch tendieren viele zur Überforderung ihrer Kinder: Sie haben hohe Ansprüche hinsichtlich Schulleistung, Ordnung und Auftreten ihrer Kinder. Die großen und manchmal sogar unrealistischen Erwartungen mancher Adoptiveltern werden damit in Zusammenhang gebracht, daß sie unter einem gewissen Erfolgszwang stehen: Sie würden sich stärker von ihrer Umwelt beobachtet und kontrolliert fühlen.Adoptiveltern werden oft als ängstlicher, unsicherer und gewissenhafter als andere Eltern sowie als perfektionistisch beschrieben. Sie sind aber auch seltener gereizt und haben weniger das Gefühl, ein Opfer für ihre Kinder zu erbringen. Sie haben eine etwas engere Beziehung zu ihrem Kind, loben es häufig und zeigen viel Zuneigung und Wärme. Allerdings behüten und verwöhnen sie es auch mehr, wodurch sie seine Individuation behindern können. Viele Adoptiveltern haben Schwierigkeiten mit dem Ziehen van Grenzen und dem Setzen von Regeln. Manche scheuen auch Disziplinierungsmaßnahmen aus Angst, von ihren Kindern nicht mehr akzeptiert zu werden. Kommt es zu Erziehungsproblemen, so haben sie oft große Schuldgefühle, wenn sie sich selbst dafür verantwortlich machen. Ferner ist es für sie schwierig, mit dem Streben jugendlicher Adoptierter nach Unabhängigkeit fertigzuwerden. So würden Adoptiveltern oft eine Ablösung ihrer Kinder behindern. Aufgrund ihrer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Unfruchtbarkeit haben manche Adoptiveltern Schwierigkeiten mit der Sexualaufklärung. Wenn Kinder in die Pubertät kommen, reagieren einige Adoptiveltern problematisch auf deren erwachende Sexualität: So zögern sie, das Thema "Sexualität" anzusprechen oder diesbezügliche Fragen zu beantworten, informieren sie die Jugendliche nicht über Verhütungsmittel. Einige wenden den aus ihrer Unfruchtbarkeit resultierenden Ärger bzw. Neid gegen die Jugendlichen, was auf dem Wege der Reaktionsbildung zu Überbehütung führen kann. Manche "ermutigen" die Jugendlichen unbewußt zu sexuellen Abenteuern, um stellvertretende Befriedigung zu erlangen. In vielen Fällen kommt es aufgrund des niedrigeren Inzesttabus zu diesbezüglichen Phantasien und Ängsten, die zu einer Distanzierung der Eltern oder sogar zu einer Zurückweisung der Jugendlichen führen können, aber auch zu Gefühlen des Neids und der Eifersucht gegenüber heterosexuellen Freunden, die den Adoptiveltern ihr Kind "wegnehmen" könnten. Sind mehrere (miteinander biologisch nicht verwandte) Kinder in der Familie, setzen sich viele Eltern auch mit der Möglichkeit auseinander, daß es zwischen ihnen zu sexuellen Beziehungen kommen könnte. 9. Aufklärung des Kindes über seine AdoptionDie Aufklärung des Kindes über seinen Sonderstatus wird von den meisten Adoptiveltern als ein großes angsterzeugendes Problem gesehen. Viele machen sich von Anfang an Gedanken darüber, wann, wie und in welchem Ausmaß sie die Kinder über ihre Adoption und ihre Herkunft informieren sollen, welchen Stellenwert dieses Wissen in deren Leben haben wird und von welcher Relevanz die leiblichen Eltern sein werden. Auch fragen sie sich, wer außerhalb der engsten Familie über die Adoption unterrichtet werden sollte. Diese Schwierigkeiten werden teilweise durch die Furcht der Adoptiveltern verursacht, daß sie das Kind nach der Aufklärung verlieren könnten oder daß die Eltern-Kind-Beziehung darunter leiden könnte. Zudem erinnert sie die Aufklärung an die eigene Infertilität und an ihren Sonderstatus - daß sie eben keine "normale" Familie sind. Ferner mögen sie über die Herkunft des Kindes unglücklich sein oder dessen Stigmatisierung befürchten. Schließlich wird die Aufklärung als eine Art "Doppelbindungssituation" gesehen: Die Eltern sollen dem Kind mitteilen, daß es ihr Kind ist, aber auch nicht ihr Kind ist - sie sollen es in ihre Familie integrieren, ihm aber zugleich einen Sonderstatus geben.Dennoch entscheiden sich heute nahezu alle Adoptiveltern für eine Aufklärung, da sie darin ein Recht des Kindes sehen, die damit verbundenen Informationen für außerordentlich wichtig halten und nicht wollen, daß es von Dritten aufgeklärt wird (Vermeidung eines Vertrauensbruchs). Bei einer Befragung von 30 deutschen Adoptivfamilien fand Hoffmann-Riem (1984) heraus, daß die Aufklärung zumeist mit der Frage "War ich auch in Deinem Bauch?" eines etwa dreijährigen Kindes beginnt, wobei dieses die verneinende Antwort zumeist mit großer Gelassenheit hinnehmen würde. Die Freigabe durch die leibliche Mutter wird meistens als unvermeidbare Notwendigkeit dargestellt und dann wird auf die liebevolle Aufnahme durch die Adoptiveltern übergeleitet. Dabei bleibe aber die Vorgeschichte im Dunkeln, würden die leiblichen Eltern nicht als Personen konkretisiert werden. Die weitaus meisten Adoptiveltern stellen nach der Aufklärung keine Verhaltensänderungen bei den Kindern fest. Dennoch scheuen sich viele Eltern, später von sich aus erneut über die Adoption zu sprechen. Kein Wunder, daß manche Adoptierte ihrer Aussage nach damit unzufrieden sind, daß das Thema "Adoption" in ihrer Familie tabuisiert wird/wurde. Vereinzelt greifen sie dann dieses Thema in Auseinandersetzungen mit ihren Eltern auf, um diese zu verletzen. Oft warten Adoptiveltern auch auf Fragen der Kinder, während diese auf Erklärungen der Eltern warten. Deshalb sollte die Adoption immer wieder angesprochen werden - auch "indirekt", indem den Kindern im Verlauf ihrer Entwicklung immer wieder altersgemäße Bilder-, Kinder- und Jugendbücher zu diesem Thema gegeben werden. Eine offene Kommunikation über die Adoption steht oft in Beziehung mit einem besseren wechselseitigen Vertrauensverhältnis, einer höheren Empathie der Eltern, einem größerer Zusammenhalt, einer geringere Konfliktneigung und einer größeren Anerkennung der Unterschiede zwischen biologischen und Adoptivfamilien. Eine ausführliche Information des Kindes über seine Herkunft kann jedoch auch zu einem immer größer werdenden Interesse und zu immer mehr Fragen führen. Viele Adoptiveltern sind aufgrund ihrer Haltung, daß Adoptivfamilien ganz normale Familien seien, auf ein derartiges Verhalten nicht vorbereitet und fühlen sich oft in ihrer Rolle und Eignung als Eltern in Frage gestellt. Sie glauben, irgendwie versagt zu haben und die Liebe ihres Kindes zu verlieren. Dieser Konflikt um die doppelte Elternschaft kann noch dadurch verschärft werden, daß das Kind auch von seinen leiblichen Eltern als Vater und Mutter spricht und diese eventuell sogar treffen will. Wenn ein Kind auf Konkretisierung der "anderen" Herkunft drängt, stellt sich für Adoptiveltern die Frage, welche weiteren Informationen sie preisgeben sollen. Auch hier reagieren sie auf höchst unterschiedliche Weise: Sie mögen die leiblichen Eltern wahrheitsgetreu beschreiben oder Informationen verschweigen, beschönigen bzw. verzerren. Auch können sie Vorurteile, negative Einstellungen oder Gefühle gegenüber den biologischen Eltern entweder zeigen oder zu verbergen suchen. Oft scheuen sie sich, negative Details weiterzugeben, belügen das Kind oder täuschen Unwissen vor, um ihm ein akzeptables Bild von seinen leiblichen Eltern zu vermitteln. Dabei leisten sie vielfach aber nur Phantasien, Illusionen und Tagträumen Vorschub. Auch wurde festgestellt, daß Adoptiveltern bei einer guten Eltern-Kind-Beziehung die leiblichen Eltern eher positiv, ansonsten mehr abwertend darstellen. Bei der Adoption älterer Kinder wird jedoch in der Regel ein negativeres Bild von ihnen gezeichnet, wozu ihr Verhalten (z.B. Vernachlässigung, Mißhandlung, sexueller Mißbrauch) ja auch Anlaß gibt. Die meisten Adoptivkinder haben nur sehr spärliche Informationen über ihre leiblichen Eltern, insbesondere über ihre Väter. Zumeist sind sie überhaupt nicht über ihre Großeltern, eventuell vorhandene Geschwister und andere Verwandte informiert. So sind sie in der Regel darauf angewiesen, ihre eigene Vorgeschichte zu rekonstruieren, wobei Phantasien, Vermutungen, Wünsche und Ängste eine große Rolle spielen. Ältere Kinder und Jugendliche sind sich auch bewußt, dass die Adoptiveltern eine gewisse Informationspolitik betreiben. Sie sind hellhörig für Widersprüche in den Aussagen der Adoptiveltern und nehmen deren Einstellungen gegenüber den leiblichen Eltern mehr oder weniger bewußt wahr. Generell ist ein großes Interesse von Adoptierten an ihrer Herkunft festzustellen, das sich manchmal schon im Alter von vier oder fünf Jahren zeigt und besonders stark in Pubertät und Jugendalter ausgeprägt ist. Ihr Interesse ist in der Regel sehr viel stärker, als viele Adoptiveltern meinen. Es wird zumeist aus Liebe zu ihnen nicht gezeigt, da die Adoptierten spüren, daß Fragen nach ihrer Herkunft Ängste und Besorgnis auslösen. Häufig soll auch nicht die von allen Seiten aufrechterhaltene Illusion zerstört werden, daß Adoptivkinder wie leibliche Kinder seien. Wird das Thema "Herkunft" doch einmal seitens der Adoptiveltern angesprochen, dann bricht oft zu deren Überraschung eine wahre Flut von Fragen und Gefühlen über sie herein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird deutlich, daß die Vorgeschichte ein wichtiger Bestandteil der Lebenswirklichkeit von Adoptivkindern ist - und von großer Bedeutung für deren Identitätsentwicklung und Persönlichkeitsintegration. 10. Einstellung gegenüber den leiblichen ElternGenerell ist festzustellen, daß die meisten Adoptiveltern Sympathie, Verständnis und Mitleid für die leiblichen Mütter ihrer Kinder empfinden, aber nur selten den Vätern positive Gefühle entgegenbringen. Solche Einstellungen und Empfindungen können auch ihr Verhalten gegenüber dem Kind bestimmen, wenn sich dieses nach seiner Herkunftsfamilie erkundigt. Viele Adoptiveltern fühlen sich bedroht, wenn das Kind Fragen nach der leiblichen Mutter stellt. Sie haben Angst, daß das Adoptivkind sie ablehnen und die biologischen Eltern ihnen vorziehen könnten. Adoptiveltern, die ein älteres Kind aufnehmen, haben auch Angst vor dem Wettbewerb mit den leiblichen Eltern - ein verständliches Gefühl, wenn man bedenkt, daß die Kinder diese ja gekannt und geliebt haben oder noch lieben. In den Fällen, in denen die leiblichen Eltern sehr kritisch gesehen werden, kann folgendes Problem auftreten: Bestimmte, negativ beurteilte Charakterzüge des Kindes, die real oder nur in der Einbildung der Adoptiveltern vorhanden sind, werden dann dem von "schlechten" leiblichen Eltern erhaltenen Erbgut zugeschrieben.Adoptivkinder empfinden ebenfalls eher positive Gefühle für die leiblichen Mütter als für die Väter. Eine kleine Minderheit verspürt aber auch der Mutter gegenüber Zorn, Unverständnis und Rachegefühle. In diesen Fällen erleben die Adoptierten wahrscheinlich die Freigabeentscheidung als narzißtische Kränkung und Zurückweisung. Aufgrund der mangelnden Informationen und des fehlenden persönlichen Kontaktes sind die leiblichen Eltern oft geheimnisumwittert, ranken sich positive und negative Phantasien um sie. In der Vorstellung können die Eltern z.B. positiv als Adlige, als reiche, bezaubernde und junge Personen oder negativ als Prostituierte, Verbrecher oder psychisch Kranke dargestellt werden. Bei unbefriedigenden Familienverhältnissen erscheinen sie in der Vorstellung oft auch als Retter. So können Adoptivkinder gute und schlechte Eigenschaften jeweils verschiedenen Elternpaaren zuschreiben, die einen idealisieren und die anderen verdammen. Vereinzelt treten Probleme auf, wenn sie sich dann mit derartig idealisierten leiblichen Eltern identifizieren und von den Adoptiveltern distanzieren. 11. Die Entwicklung von AdoptivkindernDie meisten Untersuchungen über die Intelligenzentwicklung und schulischen Leistungen von Adoptivkindern kamen zu dem Ergebnis, daß sich diese kaum von anderen Kindern unterscheiden. Zumeist schneiden Adoptivkinder eher etwas besser ab. Auch bei den meisten Untersuchungen über die Entwicklung des sozialen Verhaltens wurden keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu leiblichen Kindern ermittelt, was sowohl für die Auswertung von Persönlichkeitsfragebögen und projektiven Tests als auch für Befragungen gilt. Nur bei adoptierten Jungen wurden vereinzelt Tendenzen in Richtung auf mehr Aggressivität gegenüber Mitschülern, häufigere interpersonale Konflikte, niedriger Status in der Gruppe, Rückzug von anderen, größere Ängstlichkeit, Empfindlichkeit gegen Kritik und stärkere Abhängigkeit von der Anerkennung durch Dritte festgestellt. Die weitaus meisten Adoptivkinder haben aber gute Freunde und sind in Gleichaltrigengruppen integriert.Jedoch gibt es auch Fachleute, die von großen Minderwertigkeitsgefühlen, geringer Selbstachtung und mangelndem Selbstbewußtsein bei Adoptivkindern berichten. Ferner werden Identitätsstörungen und die Ausbildung einer negativen Identität erwähnt, insbesondere während der Pubertät bzw. Adoleszenz. Viele Adoptivkinder hätten das Gefühl, nirgendwo wirklich hinzugehören, würden sich andersartig und unvollkommen erleben. Als mögliche Gründe für diese Identitätsprobleme gelten z.B. die fehlende biologische Bande und genealogische Verankerung, die mangelnde lebensgeschichtliche Kontinuität, der Informationsmangel über die Zeit vor der Adoption, die weniger stark ausgeprägten Zusammengehörigkeitsgefühle, Ängste wegen des Erbguts und die Schwierigkeit, zwei Genealogien in einer Identität zu integrieren. Aufgrund der doppelten Elternschaft haben Adoptivkinder die Möglichkeit, sich entweder mit den realen Adoptiveltern oder mit den in ihrer Phantasie ausgestalteten leiblichen Eltern zu identifizieren, mögen sie eine negative Identität aufgrund der Identifikation mit den "schlechten" biologischen Eltern entwickeln, kann es in ihrem Inneren zur Teilung zwischen einer Welt der Realität und der Phantasie oder zu deren Vermischung kommen. Bei anderen Untersuchungen wurden jedoch keine Identitätskonflikte bei Adoptierten ermittelt. So werden die negativen Befunde oft damit zu erklären versucht, daß diese zumeist von Psychotherapeuten und Psychiatern an klinischen Stichproben gewonnen wurden oder auf der Befragung Freiwilliger beruhten, unter denen unter Umständen unzufriedene oder psychisch gestörte Adoptierte stärker vertreten waren. Allgemein akzeptiert dürfte aber sein, daß die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung von Adoptivkindern positiver verlaufen, wenn sie möglichst jung adoptiert und frühzeitig über ihren Status aufgeklärt wurden, wenn die Adoptiveltern eine akzeptierende Haltung zu ihrer Vorgeschichte einnehmen, wenn über die Adoption offen diskutiert werden kann und wenn die Eltern-Kind-Beziehung gut ist. Ähnliches gilt für die vielen wissenschaftlichen Untersuchungen zu der Frage, ob Adoptivkinder häufiger unter psychischen Problemen und Verhaltensstörungen leiden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Überblickt man die Untersuchungen, denen nichtklinische Stichproben von Adoptierten zugrunde lagen, so läßt sich nicht eindeutig sagen, ob Adoptivkinder mehr als Gleichaltrige unter psychischen Problemen und Verhaltensstörungen leiden oder ob die Abweichungen vom Durchschnitt nur minimal und unbedeutend sind. Ähnliches gilt für Untersuchungen mit klinischen Stichproben. Hier wurde allerdings festgestellt, daß der Anteil der Adoptierten etwa doppelt so hoch war, wie anhand des prozentualen Anteils von Adoptivkindern an der Bevölkerung zu erwarten war. Dieses Ergebnis läßt sich aber auch dadurch erklären, daß Adoptivkinder in der Regel in Mittelschichtsfamilien aufwachsen und diese überproportional unter den Klienten von Erziehungsberatungsstellen, Polikliniken und ähnlichen Einrichtungen vertreten sind, daß Adoptiveltern eventuell unsicherer und ängstlicher als andere Eltern sind und deshalb eher zum Besuch derartiger Institutionen tendieren oder daß die Tatsache der Adoption unter Umständen Eltern eher zur Konsultation eines Therapeuten veranlaßt. Man kann jedoch sagen, daß psychische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten eher bei gestörten frühkindlichen Beziehungen, später Adoption, traumatischer oder später Aufklärung über den Adoptivstatus, Tabuisierung der Adoption, psychischer Erkrankung der Adoptiveltern (insbesondere der Mütter), konfliktreicher Ehebeziehungen bzw. Ehescheidung, Überforderung, Überbehütung, starker Kontrolle, Erziehungsunsicherheit, unzureichendem Setzen von Grenzen oder Zurückweisung auftreten. 12. AdoptionserfolgAufgrund der vielfältigen Belastungen von Adoptivfamilien scheitern manche Adoptionen, oft schon während der Adoptionspflegezeit. Nach neun Untersuchungen, die sich auf mehr als 34.000 Adoptionen sehr junger, weißer und nichtbehinderter Kinder bezogen, liegen die Abbruchquoten in diesen Fällen bei 2%. Nach sieben anderen Studien muß bei Adoptionen älterer, behinderter oder zusammen mit Geschwistern plazierter Kinder jedoch von Quoten in Höhe von circa 13% ausgegangen werden (Meezan/ Shireman 1982; Festinger 1986). Bei diesen schwierigen Fällen wirkten sich vor allem ein höheres Alter zum Zeitpunkt der Plazierung, ein längerer Heimaufenthalt, größere psychische Probleme bzw. Verhaltensstörungen und die Trennung von Geschwistern negativ aus.Eine Auswertung von 21 Untersuchungen über 3.636 Adoptivkinder, bei denen der Adoptionserfolg bzw. die Zufriedenheit der Adoptiveltern mit dem Kind ermittelt wurden, ergab, daß etwa 85% der Adoptionsverhältnisse positiv beurteilt wurden (Jungmann 1980). Die Eltern sind meistens mit den Erfolgen und Fortschritten des Kindes zufrieden, aber auch mit der eigenen Elternschaft, der Eltern-Kind-Beziehung, dem Kind als Person und der Situation der Adoption an sich. Positiv wirken sich auf den Adoptionserfolg ein frühes Plazierungsalter, eine frühzeitige Aufklärung des Kindes über die Adoption, Offenheit über seine Vorgeschichte sowie über die leiblichen Eltern, eine gewisse Sympathie ihnen gegenüber und eine durch die Adoptiveltern abgeschlossene Verarbeitung ihrer Infertilität aus. Von besonderer Bedeutung ist auch die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung. Zudem scheinen mehr Eltern, die ein Mädchen adoptiert haben, mit der Adoption zufrieden zu sein. 13. SchlußbemerkungIn diesem Artikel wurde viel über die Probleme, Konflikte und Belastungen von Adoptiveltern berichtet. Es ist aber auch zu bedenken, daß sich viele dieser Aussagen nur auf Einzelfälle beziehen. Das Leben in einer Adoptivfamilie und das Erziehen eines Adoptivkindes sind sicherlich nicht leichter als das Leben in einer biologischen Familie und die Erziehung eines selbst gezeugten Kindes, aber wahrscheinlich auch nicht sehr viel schwerer. Die letzten Ausführungen zeigten deutlich, daß für die meisten Adoptiveltern die Adoption eine erfolgreiche, zufriedenstellende und vielfach auch beglückende Erfahrung ist.14. Literatur
Hoffmann-Riem, C. (1984): Das adoptierte Kind. Familienleben mit doppelter Elternschaft. München: Fink Autor
Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am: | ||
Letzte Änderung: 30.12.2006 13:00:13 |