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![]() In diesem Fachartikel geht es zunächst darum, was Kommunikation ist und dass man verschiedene Kommunikationsebenen unterscheiden kann. Anschließend wird skizziert, was unter "guter Familienkommunikation" verstanden wird. Danach werden verschiedene Kommunikationsfehler verdeutlicht und aufgezeigt, wie sie die Lösung von Konflikten verhindern und inwieweit sie mit Machtkämpfen in der Familie zusammenhängen. Kommunikation und InteraktionZunächst ein wenig Theorie: Den Austausch von Botschaften (also von Informationen über sich selbst, den anderen, die Situation usw.) zwischen zwei (oder mehreren) Personen definieren wir als Kommunikation. Das eine Individuum wird als Sender bezeichnet, der bewußt oder unbewußt die Mitteilung kodiert (d.h. in Signale verschlüsselt) und auf dem akustischen, visuellen oder taktilen Kanal übermittelt. Die andere Person, der Empfänger, nimmt bewußt oder unbewußt die Signale über die Sinnesorgane auf und verarbeitet sie unter Hinzunahme von Erfahrungen, Wissen, Erwartungen, Einstellungen usw. Sie mag die Botschaft vollständig dekodieren, sich mit Vermutungen zufrieden geben oder sich vergewissern, ob sie die Mitteilung vollständig empfangen und richtig entschlüsselt hat (Feedback). Aus ihrem Verhalten läßt sich dann ersehen, inwieweit sie die Botschaft verstanden hat. Diskutieren beide Gesprächspartner darüber, weshalb sie bestimmte Mitteilungen gesendet oder eine besondere Art der Übermittlung ausgewählt haben, so sprechen wir von Metakommunikation.Informationen werden jedoch nicht nur verbal übermittelt, sondern auch nonverbal - ja nahezu jede Reaktion einer Person kann von einer anderen als Botschaft verstanden werden. Fast immer kann dem Verhalten eines Menschen Hinweise auf dessen Stimmung, Ansprechbereitschaft, Position, Macht, Selbstwerterleben usw. entnommen werden. Eine Person kann es nicht verhindern, daß sie durch ihre Reaktionen Botschaften übermittelt, oder daß ihr Verhalten Rückschlüsse auf ihren inneren Zustand erlaubt: Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren. Bei Kommunikationsprozessen sind folgende drei Ebenen zu beachten:
Auch führt das Verhalten einer Person in der Regel zu Reaktionen einer anderen, die dann wieder Reaktionen des erstgenannten (oder eines dritten) Individuums hervorrufen. Beide beeinflussen und bedingen also einander Verhalten. Normalerweise glaubt jede Person, daß sie auf Stimuli der anderen reagiert, und betrachtet bzw. bewertet deshalb eine Ereignisfolge anders als das Gegenüber. Hingegen sind für einen Beobachter Ursache und Wirkung, Sender und Empfänger, Agierender und Reagierender in einem fortlaufenden Interaktionsprozeß identisch. Die meisten Interaktionen innerhalb einer Familie sind strukturiert, gewohnheitsmäßig und vorhersagbar. Diese immer wieder auftretenden und relativ konstanten Sequenzen von Handlungen, an denen zwei oder mehrere Individuen beteiligt sind, bezeichnet man als Interaktionsmuster. Sie wurden im Verlauf der Familiengeschichte erworben und laufen nun zumeist automatisch ab, wobei die Personen einander mehr oder minder unbewußt kontrollieren. Diese Interaktionsmuster, die in ihrer Anzahl unbegrenzt sind, entlasten einerseits die Familienmitglieder und erhalten etablierte Rollen und Beziehungen, schränken aber andererseits die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen ein und können so die Selbstentfaltung und Weiterentwicklung der Familie behindern. Gut kommunizierenEine Interaktion ist erfolgversprechend bzw. unproblematisch, wenn die Familienmitglieder Botschaften verständlich und gut kodieren, klar und vollständig übermitteln und widerspruchsfrei qualifizieren. Sie geben den Kontext von Erlebnissen und Vorgängen wieder, beachten die zeitliche Sequenz von Ereignissen und können ihre Botschaften klarifizieren, spezifizieren und begründen. Die Familienmitglieder sprechen andere Familienmitglieder direkt an, offenbaren ihre Emotionen und stellen die eigene Meinung unverhüllt dar. Zugleich sind sie neugierig und fragen nach den Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen ihrer Gesprächspartner. Reden diese, so können sie zuhören, die Bedeutung von Symbolen ermitteln und Aussagen an der Realität überprüfen. Sie halten Blickkontakt, gebrauchen passende Gesten und zeigen eine den Aussagen entsprechende Mimik.Gut kommunizierende Familienmitglieder reagieren in der Regel ganzheitlich und authentisch. Die von ihnen auf verschiedenen Kommunikationsebenen gesendeten Botschaften sind kongruent und der Realität der Situation und der jeweiligen Person angemessen. Empfangen sie miteinander unvereinbare Botschaften, so erkennen sie entweder bewußt oder unbewußt diesen Widerspruch. Im ersten Fall untersuchen sie die Inkongruenz genauer und versuchen, mit Hilfe von Erfahrungen und anderen Gedächtnisinhalten die Bedeutung der Botschaften herauszufinden, oder sie lenken die Aufmerksamkeit des Senders auf den Widerspruch und bitten um Hilfe bei dessen Auflösung. Im zweiten Fall bemerken sie die eigene Verwirrung und erforschen deren Ursachen. Sie sprechen dem Gesprächspartner gegenüber ihr Unbehagen aus und untersuchen mit ihm dessen Quelle. In beiden Fällen muß der Sender genug Selbstachtung besitzen, so daß er den Kommentar akzeptieren kann, ohne sich angegriffen oder in seinem Selbstwertempfinden verletzt zu fühlen. So sind in gut funktionierenden Familien Feedback, Kritik und Metakommunikation funktionell, effektiv und wachstumsfördernd. Sie ermöglichen es allen Familienmitgliedern, mehr über sich selbst und die anderen zu lernen, offene und ehrliche Beziehungen aufzubauen und einander immer besser zu verstehen. Alle beteiligen sich an Entscheidungen und erreichen diese nach vielen kurzen Interaktionen, wobei sie die Situation, individuelle Bedürfnisse und die Bedingungen des Familiensystems berücksichtigen. Auf diese Weise benötigen sie wenig Zeit zum Lösen von Problemen. Die Interaktionsmuster sind nicht starr, sondern werden häufig an neue Gegebenheiten angepaßt. Als Idealform von Beziehung gilt die persönliche Begegnung, die auch in Anlehnung an Martin Buber (1954) als Dialog oder Ich-Du-Beziehung bezeichnet wird. Hier trifft ein Familienmitglied mitsamt seiner persönlichen Welt auf ein anderes und dessen Welt. Es akzeptiert das andere und will es nicht verändern. Beide stellen einen intensiven Kontakt her, offenbaren ihr Selbst und sprechen über eigene Erlebnisse und Erfahrungen, persönliche Gefühle und Gedanken, subjektive Überlegungen und Sichtweisen. "Ich" und "Du" sind also die Hauptthemen, bei deren Behandlung die beiden Familienmitglieder fortwährend zwischen Subjekt- und Objektrolle, Selbstdarstellung und Einfühlung wechseln. Dialogische Beziehungen gelten auch als "expressiv", sind also durch intensive Emotionen, menschliche Wärme und Zuneigung gekennzeichnet. "Diejenige Familie hat die besten Aussichten, zu einer entwicklungsfördernden Familie zu werden, deren Regeln freie Äußerung von allem erlauben, ob es nun schmerzlich, erfreulich oder sündig ist" (Satir 1975, S. 139). Sie sollte nach Virginia Satir (1976) folgende fünf Freiheiten garantieren:
KommunikationsfehlerZwischenmenschliche Probleme entstehen schnell, wenn Familienmitglieder unfähig sind, Gedanken, Emotionen und Bedürfnisse auszudrücken. Oft fürchten sie, andere Menschen zu verletzen oder von diesen verletzt zu werden, falls sie ihre Wünsche und Meinungen verbalisieren. Diese Familienmitglieder tragen Masken, hinter denen sie die eigenen Emotionen und Gedanken verbergen. Zugleich fühlen sie sich vom Erleben der anderen ausgeschlossen und leiden unter einer gewissen Distanz in ihren Beziehungen. Sie stolpern leicht in Kommunikationsfallen, indem sie beispielsweise eigene Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse mit ein oder zwei Worten andeuten oder indem sie glauben, daß ein anderes Mitglied (z.B. aus Liebe) weiß, was sie wollen bzw. was in ihnen vorgeht. Auch meinen sie oft, daß sie sich in andere Personen hineinversetzen und deren Gedanken lesen können. Häufig können sie Kritik leichter als Wertschätzung ausdrücken, was dann die Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern weiter vergrößert.In problembelasteten Familien ist die verbale Kommunikation zumeist ineffektiv sowie qualitativ und quantitativ unzureichend. Die Botschaften sind undeutlich, vage und amorph, enthalten viele Annahmen und Verallgemeinerungen und übermitteln oft fehlerhafte oder unvollständige Informationen. Sie werden manchmal an die falsche Person gerichtet oder es bleibt unklar, für wen sie bestimmt waren. Oft sprechen Familienmitglieder füreinander oder kommunizieren durch Dritte. Oft sind sie bestrebt, die Botschaften ihrer Angehörigen immer wieder zu disqualifizieren: Sie sind z.B. sarkastisch und rechthaberisch, nehmen Aussagen zu wörtlich oder argumentieren pseudowissenschaftlich. Folglich drücken viele Mitglieder ihre Gedanken, Wünsche und Gefühle nur noch indirekt aus und verneinen sie oft. Viele Probleme entstehen dadurch, daß Familienmitglieder unterschiedliche Kommunikationskanäle benutzen. Beispielsweise mag eine Person die Botschaft "Ich liebe dich" durch zärtliche Berührungen (taktil) zu übermitteln versuchen, während der Partner diese Nachricht vergeblich im visuellen (Gesichtsausdruck) oder auditiven (Verbalisierung des Gefühls, bestimmter Tonfall) Kanal sucht. Viele Kommunikationsprobleme werden auch dadurch verursacht, daß Familienmitglieder beim Senden oder Empfangen von Botschaften den Kontext unbeachtet lassen. Zudem fügen sie ihren Aussagen häufig Attribute wie "Ich kann nicht anders handeln, ich bin nun einmal so" oder wie "Er ist dumm und faul" hinzu, um das eigene Verhalten bzw. das einer anderen Person zu erklären. Vielfach verweisen sie aber auch auf unkontrollierbare äußere Faktoren als Ursache für die jeweilige Reaktion. In beiden Fällen wird keine Verantwortung für das Verhalten übernommen oder übertragen, bleibt es unverändert. Auch werden Wahrnehmungen verneint und Bilder von sich selbst und anderen beibehalten, die der Realität nicht entsprechen. Diese Kommunikationsprobleme werden häufig noch durch den Mangel an Feedback vergrößert. So sind die Familienmitglieder oft unfähig, zuzuhören - z.B. weil sie sich nicht konzentrieren können oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Häufig wird auch die Freiheit zum Kommentieren von Botschaften oder zur Metakommunikation durch Regeln eingeschränkt. Zudem werden vielfach Rückfragen und Kritik auf Seiten des Empfängers und/oder des Senders als angsterregend erlebt. So weisen Familienmitglieder die Kommentare zurück, weichen den Fragen aus, leugnen einen Teil oder die ganze Botschaft bzw. wiederholen sie nur. Aus diesen Kommunikationsschwierigkeiten resultieren Mißverständnisse und Konflikte. Auch werden die Erfüllung bestimmter Rollen, das Lösen interpersonaler Probleme und die Zusammenarbeit bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben erschwert. Eine in problembelasteten Familien sowie bei Krisen und Konflikten häufig beobachtete Kommunikationsstörung ist die Inkongruenz von Botschaften, d.h. der Widerspruch zwischen verbaler Aussage, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimmlage und/oder Kontext. Zu doppeldeutigen Botschaften kommt es, wenn der Sender einer kritischen Stellungnahme aus dem Weg gehen möchte oder eine Zurückweisung befürchtet. Vielfach hat er auch Angst, daß sich der Empfänger verletzt fühlen oder sich rächen könne, falls er ihm die eigentliche Botschaft offen übermitteln würde. In anderen Fällen nimmt der Sender nur einen Teil seiner selbst wahr und leugnet oder ignoriert einen anderen, drückt diesen aber unbewußt auf einer anderen Kommunikationsebene aus. Inkongruente Botschaften können in Familien auf zweierlei Weise zum Problem werden: So mag der Empfänger sie nicht kommentieren, sondern entweder den Sender als unehrlich, manipulativ bzw. boshaft betrachten oder versuchen, den Widerspruch durch "Gedankenlesen", durch die Interpretation der Botschaften oder durch Zuhilfenahme alter Erfahrungen zu lösen. Im ersten Fall mag es zu Feindseligkeit und Streit, im zweiten zu Mißverständnissen und falschen Reaktionen kommen. Oder der Empfänger inkongruenter Botschaften registriert nur die zusammenpassenden Informationen, indem er z.B. nur einen Empfangskanal bewußt benutzt (Die unbewußt empfangenen inkongruenten Botschaften führen aber gleichzeitig zu unerklärlichen Gefühlen der Verwirrung). Wenn er jedoch nur einen Teilaspekt wahrnimmt, verliert er einen Teil des Senders, und dieser verliert Kontakt zu einem Teil seiner selbst. Einige Psycholog/innen (Bandler/ Grinder/ Satir 1978; Satir 1975) unterscheiden vier problematische Kommunikations- bzw. Reaktionsformen, die sich vor allem in Konfliktsituationen zeigen. Sie werden in der frühen Kindheit gelernt und entsprechen der Persönlichkeitsstruktur und der Art des Selbstwerterlebens des jeweiligen Individuums:
FamilienkonflikteIn problembelasteten Familien spielen Konflikte eine große Rolle - nur wenige Menschen können eine Person so sehr ärgern oder verletzen wie ihre Angehörigen. In vielen Familien treten Konflikte zwischen zwei bestimmten Individuen (zumeist den Ehepartnern), zwischen einer Dyade und einer Einzelperson (vielfach zwischen Eltern und einem sich ablösenden Jugendlichen) oder zwischen zwei feststehenden Koalitionen (Männer versus Frauen, Eltern versus Kinder, Vater und Tochter versus Mutter und Sohn) auf. Oft sind aber auch Außenstehende (Großeltern, Freunde) in die Auseinandersetzungen verwickelt. Diese Konflikte können offen oder verdeckt, bewußt oder verdrängt, notwendig oder grundlos sein. Sie sind meist ritualisiert, d.h., sie nehmen trotz unterschiedlicher Anlässe immer wieder denselben Verlauf und führen zum selben Ergebnis. Vielfach werden Angreifer- und Verteidigerrolle regelmäßig gewechselt, kommt es zu einer schrittweisen Eskalation des Konfliktes.Familienkonflikte sind vor allem dann problematisch, wenn sie nicht oder nur unzureichend gelöst werden. Dies kann folgende Ursachen haben:
Problematisch ist ferner, daß manche Familienmitglieder nicht zur Selbstkritik bereit sind. Dann betrachten sie sich bei Konflikten immer als Opfer, weisen jede Schuld von sich oder klagen die anderen direkt bzw. indirekt an. Sie machen sich ein negatives Bild von ihnen, werfen ihnen ungerechtfertigt unangenehme Eigenschaften vor und bewerten ihre Handlungen nach moralischen Gesichtspunkten. Oft liegen Konflikten (verdeckte) Machtkämpfe zugrunde, die sich zwischen den Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder zwischen intergenerationalen Koalitionen abspielen. In diesen Kämpfen geht es um Aufrechterhaltung bzw. Veränderung der gegenwärtigen Machtverhältnisse oder um Zuneigung, Bemutterung und Gunst eines Familienmitgliedes. Dabei werden Drohungen, Versprechungen, passiver Widerstand, Sabotage, physische Gewalt und andere Manöver eingesetzt. Bei zahlreichen ungelösten offenen, verdrängten bzw. vermiedenen Konflikten werden die Familienmitglieder bald unter einer chronischen Unzufriedenheit und Feindseligkeit leiden, enttäuscht, entmutigt und bitter sein. Viele Rollen und Funktionen werden nur unzureichend oder gar nicht erfüllt, notwendige Veränderungen werden unterlassen. Die Familienmitglieder verbringen immer weniger Zeit miteinander (bei Gesprächen, Freizeitaktivitäten usw.) und haben nur noch wenig Freude aneinander. Häufig werden die interpersonalen Konflikte internalisiert (und äußern sich dann in intrapsychischen Konflikten und Symptomen) oder werden in der Form von Alkoholismus, Kriminalität, Kindesmißhandlung usw. ausagiert. In vielen Fällen kommt es schließlich zum Zerfall der Familie, zu Trennung und Scheidung. SchlußbemerkungDieser Beitrag verdeutlicht, wie wichtig eine gute Familienkommunikation ist. Junge Paare sollten möglichst frühzeitig lernen, "richtig" miteinander zu kommunizieren und Konflikte bzw. Probleme gemeinsam zu lösen. Hier kann z.B. der Besuch von Kommunikationstrainingsprogrammen oder anderen Angeboten der Ehe- und Familienbildung sinnvoll sein. Treten in einer Paarbeziehung oder Familie die beschriebenen Kommunikationsstörungen auf, sollte möglichst frühzeitig eine Eheberatungsstelle, eine frei praktizierende Psychologin oder ein anderer Fachmann konsultiert werden.Literatur
Bandler, R./Grinder, J./Satir, V. (1978): Mit Familien reden. Gesprächsmuster und therapeutische Veränderung. München: Pfeiffer Autor
Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am: | ||
Letzte Änderung: 29.12.2006 14:57:11 |