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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Gelingende und mißlingende Kommunikation in Familien

Martin R. Textor        Martin R. Textor


In diesem Fachartikel geht es zunächst darum, was Kommunikation ist und dass man verschiedene Kommunikationsebenen unterscheiden kann. Anschließend wird skizziert, was unter "guter Familienkommunikation" verstanden wird. Danach werden verschiedene Kommunikationsfehler verdeutlicht und aufgezeigt, wie sie die Lösung von Konflikten verhindern und inwieweit sie mit Machtkämpfen in der Familie zusammenhängen.


Kommunikation und Interaktion

Zunächst ein wenig Theorie: Den Austausch von Botschaften (also von Informationen über sich selbst, den anderen, die Situation usw.) zwischen zwei (oder mehreren) Personen definieren wir als Kommunikation. Das eine Individuum wird als Sender bezeichnet, der bewußt oder unbewußt die Mitteilung kodiert (d.h. in Signale verschlüsselt) und auf dem akustischen, visuellen oder taktilen Kanal übermittelt. Die andere Person, der Empfänger, nimmt bewußt oder unbewußt die Signale über die Sinnesorgane auf und verarbeitet sie unter Hinzunahme von Erfahrungen, Wissen, Erwartungen, Einstellungen usw. Sie mag die Botschaft vollständig dekodieren, sich mit Vermutungen zufrieden geben oder sich vergewissern, ob sie die Mitteilung vollständig empfangen und richtig entschlüsselt hat (Feedback). Aus ihrem Verhalten läßt sich dann ersehen, inwieweit sie die Botschaft verstanden hat. Diskutieren beide Gesprächspartner darüber, weshalb sie bestimmte Mitteilungen gesendet oder eine besondere Art der Übermittlung ausgewählt haben, so sprechen wir von Metakommunikation.

Informationen werden jedoch nicht nur verbal übermittelt, sondern auch nonverbal - ja nahezu jede Reaktion einer Person kann von einer anderen als Botschaft verstanden werden. Fast immer kann dem Verhalten eines Menschen Hinweise auf dessen Stimmung, Ansprechbereitschaft, Position, Macht, Selbstwerterleben usw. entnommen werden. Eine Person kann es nicht verhindern, daß sie durch ihre Reaktionen Botschaften übermittelt, oder daß ihr Verhalten Rückschlüsse auf ihren inneren Zustand erlaubt: Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren.

Bei Kommunikationsprozessen sind folgende drei Ebenen zu beachten:
  1. Auf der verbalen Ebene werden Botschaften gewöhnlich durch Symbole und Zeichen wie Wörter (Sprache) und andere Lautäußerungen übermittelt. Dabei sollten Sender und Empfänger denselben Kode benutzen, d.h. sie müssen die Signale (Semantik) und die Regeln ihrer Verknüpfung (Syntax) verstehen. Problematisch ist, daß die gleichen Wörter für verschiedene Personen unterschiedliche Bedeutungen haben, andere Vorstellungen hervorrufen oder aufgrund ihrer Abstraktheit schwer verständlich sein können. Auch lassen sich viele Erfahrungen schlecht beschreiben. Zudem kann eine Botschaft mehrere Bezugspunkte hat, also in ein ganzes Geflecht von Aussagen eingebettet ist. Aus diesen Gründen können leicht Mißverständnisse zwischen Familienmitgliedern auftreten.
  2. Auf der nonverbalen Ebene werden Botschaften durch Lautstärke, Tonfall, Mimik, Gestik und Körperbewegungen übermittelt, wessen sich eine Person gewöhnlich nicht bewußt ist. So mag beispielsweise eine Mutter negative Gefühle ihrem Sohn gegenüber haben und diese aus ihrem Bewußtsein verdrängen, aber unbewußt auf der nonverbalen Ebene ausdrücken. Dann kann das Kind ihr Verhalten (bewußt oder unbewußt) als ablehnend erleben. So sind nonverbale Botschaften die Sprache des Unbewußten. Aber auch Selbstwertgefühle, Charakterzüge, Einstellungen, Erwartungen usw. können sich im nonverbalen Verhalten zeigen, ohne daß Bewußtheit darüber besteht. Es ist offensichtlich, daß in einer Familie viele Informationen auf dieser Ebene ausgetauscht werden, wobei die Ausdrucksformen je nach Familie und Kulturkreis unterschiedlich sein können.
  3. Jede Botschaft muß auch in ihrem Kontext gesehen werden. So kann dieselbe kritische Äußerung des Vaters für den Sohn ganz unterschiedliche Bedeutungen haben und dementsprechend verschiedene Reaktionen hervorrufen, je nachdem, ob sie unter vier Augen oder in Anwesenheit von Freunden erfolgt. In diesem Zusammenhang ist auch die Art der Beziehung zum Kommunikationspartner von besonderer Bedeutung (z.B. die Machtverhältnisse). Alle Kommunikationspartner sollten dieselbe Sicht vom Kontext haben, die einer Mitteilung vorausgehenden und nachfolgenden Botschaften beachten und die Wirkung des eigenen Verhaltens berücksichtigen.
Jede Person sendet und empfängt also immer eine Vielzahl verbaler und nonverbaler Botschaften. Dieses aufeinander bezogene Verhalten bzw. dieses Miteinanderhandeln von zwei oder mehreren Personen wird als Interaktion bezeichnet. In sie fließen Erwartungen an das Verhalten des Interaktionspartners ein, aber auch die eigenen Bedürfnisse, Emotionen, Einstellungen, Selbstwertgefühle usw. Zudem werden in der Regel die Erwartungen, Wünsche, Motive und Ziele des Interaktionspartners vorbewußt oder bewußt berücksichtigt und die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf denselben beachtet. Dementsprechend unterscheiden sich die Interaktionsmuster eines Individuums voneinander - je nachdem, mit wem es kommuniziert (z.B. dem Vater, dem Kind, dem Ehepartner). Immer stehen beobachtbare Interaktionsprozesse in Wechselwirkung mit intrapsychischen Vorgängen, soziokulturellen Normen und Rollenerwartungen.

Auch führt das Verhalten einer Person in der Regel zu Reaktionen einer anderen, die dann wieder Reaktionen des erstgenannten (oder eines dritten) Individuums hervorrufen. Beide beeinflussen und bedingen also einander Verhalten. Normalerweise glaubt jede Person, daß sie auf Stimuli der anderen reagiert, und betrachtet bzw. bewertet deshalb eine Ereignisfolge anders als das Gegenüber. Hingegen sind für einen Beobachter Ursache und Wirkung, Sender und Empfänger, Agierender und Reagierender in einem fortlaufenden Interaktionsprozeß identisch.

Die meisten Interaktionen innerhalb einer Familie sind strukturiert, gewohnheitsmäßig und vorhersagbar. Diese immer wieder auftretenden und relativ konstanten Sequenzen von Handlungen, an denen zwei oder mehrere Individuen beteiligt sind, bezeichnet man als Interaktionsmuster. Sie wurden im Verlauf der Familiengeschichte erworben und laufen nun zumeist automatisch ab, wobei die Personen einander mehr oder minder unbewußt kontrollieren. Diese Interaktionsmuster, die in ihrer Anzahl unbegrenzt sind, entlasten einerseits die Familienmitglieder und erhalten etablierte Rollen und Beziehungen, schränken aber andererseits die Bandbreite möglicher Verhaltensweisen ein und können so die Selbstentfaltung und Weiterentwicklung der Familie behindern.


Gut kommunizieren

Eine Interaktion ist erfolgversprechend bzw. unproblematisch, wenn die Familienmitglieder Botschaften verständlich und gut kodieren, klar und vollständig übermitteln und widerspruchsfrei qualifizieren. Sie geben den Kontext von Erlebnissen und Vorgängen wieder, beachten die zeitliche Sequenz von Ereignissen und können ihre Botschaften klarifizieren, spezifizieren und begründen. Die Familienmitglieder sprechen andere Familienmitglieder direkt an, offenbaren ihre Emotionen und stellen die eigene Meinung unverhüllt dar. Zugleich sind sie neugierig und fragen nach den Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen ihrer Gesprächspartner. Reden diese, so können sie zuhören, die Bedeutung von Symbolen ermitteln und Aussagen an der Realität überprüfen. Sie halten Blickkontakt, gebrauchen passende Gesten und zeigen eine den Aussagen entsprechende Mimik.

Gut kommunizierende Familienmitglieder reagieren in der Regel ganzheitlich und authentisch. Die von ihnen auf verschiedenen Kommunikationsebenen gesendeten Botschaften sind kongruent und der Realität der Situation und der jeweiligen Person angemessen. Empfangen sie miteinander unvereinbare Botschaften, so erkennen sie entweder bewußt oder unbewußt diesen Widerspruch. Im ersten Fall untersuchen sie die Inkongruenz genauer und versuchen, mit Hilfe von Erfahrungen und anderen Gedächtnisinhalten die Bedeutung der Botschaften herauszufinden, oder sie lenken die Aufmerksamkeit des Senders auf den Widerspruch und bitten um Hilfe bei dessen Auflösung. Im zweiten Fall bemerken sie die eigene Verwirrung und erforschen deren Ursachen. Sie sprechen dem Gesprächspartner gegenüber ihr Unbehagen aus und untersuchen mit ihm dessen Quelle. In beiden Fällen muß der Sender genug Selbstachtung besitzen, so daß er den Kommentar akzeptieren kann, ohne sich angegriffen oder in seinem Selbstwertempfinden verletzt zu fühlen.

So sind in gut funktionierenden Familien Feedback, Kritik und Metakommunikation funktionell, effektiv und wachstumsfördernd. Sie ermöglichen es allen Familienmitgliedern, mehr über sich selbst und die anderen zu lernen, offene und ehrliche Beziehungen aufzubauen und einander immer besser zu verstehen. Alle beteiligen sich an Entscheidungen und erreichen diese nach vielen kurzen Interaktionen, wobei sie die Situation, individuelle Bedürfnisse und die Bedingungen des Familiensystems berücksichtigen. Auf diese Weise benötigen sie wenig Zeit zum Lösen von Problemen. Die Interaktionsmuster sind nicht starr, sondern werden häufig an neue Gegebenheiten angepaßt.

Als Idealform von Beziehung gilt die persönliche Begegnung, die auch in Anlehnung an Martin Buber (1954) als Dialog oder Ich-Du-Beziehung bezeichnet wird. Hier trifft ein Familienmitglied mitsamt seiner persönlichen Welt auf ein anderes und dessen Welt. Es akzeptiert das andere und will es nicht verändern. Beide stellen einen intensiven Kontakt her, offenbaren ihr Selbst und sprechen über eigene Erlebnisse und Erfahrungen, persönliche Gefühle und Gedanken, subjektive Überlegungen und Sichtweisen. "Ich" und "Du" sind also die Hauptthemen, bei deren Behandlung die beiden Familienmitglieder fortwährend zwischen Subjekt- und Objektrolle, Selbstdarstellung und Einfühlung wechseln.

Dialogische Beziehungen gelten auch als "expressiv", sind also durch intensive Emotionen, menschliche Wärme und Zuneigung gekennzeichnet. "Diejenige Familie hat die besten Aussichten, zu einer entwicklungsfördernden Familie zu werden, deren Regeln freie Äußerung von allem erlauben, ob es nun schmerzlich, erfreulich oder sündig ist" (Satir 1975, S. 139). Sie sollte nach Virginia Satir (1976) folgende fünf Freiheiten garantieren:
  1. zu hören und zu sehen, was da ist;
  2. zu sagen, was man fühlt und denkt;
  3. zu fühlen, was man empfindet;
  4. zu erbitten, was man wünscht;
  5. zu wagen, was reizvoll ist.

Kommunikationsfehler

Zwischenmenschliche Probleme entstehen schnell, wenn Familienmitglieder unfähig sind, Gedanken, Emotionen und Bedürfnisse auszudrücken. Oft fürchten sie, andere Menschen zu verletzen oder von diesen verletzt zu werden, falls sie ihre Wünsche und Meinungen verbalisieren. Diese Familienmitglieder tragen Masken, hinter denen sie die eigenen Emotionen und Gedanken verbergen. Zugleich fühlen sie sich vom Erleben der anderen ausgeschlossen und leiden unter einer gewissen Distanz in ihren Beziehungen. Sie stolpern leicht in Kommunikationsfallen, indem sie beispielsweise eigene Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse mit ein oder zwei Worten andeuten oder indem sie glauben, daß ein anderes Mitglied (z.B. aus Liebe) weiß, was sie wollen bzw. was in ihnen vorgeht. Auch meinen sie oft, daß sie sich in andere Personen hineinversetzen und deren Gedanken lesen können. Häufig können sie Kritik leichter als Wertschätzung ausdrücken, was dann die Entfremdung zwischen den Familienmitgliedern weiter vergrößert.

In problembelasteten Familien ist die verbale Kommunikation zumeist ineffektiv sowie qualitativ und quantitativ unzureichend. Die Botschaften sind undeutlich, vage und amorph, enthalten viele Annahmen und Verallgemeinerungen und übermitteln oft fehlerhafte oder unvollständige Informationen. Sie werden manchmal an die falsche Person gerichtet oder es bleibt unklar, für wen sie bestimmt waren. Oft sprechen Familienmitglieder füreinander oder kommunizieren durch Dritte. Oft sind sie bestrebt, die Botschaften ihrer Angehörigen immer wieder zu disqualifizieren: Sie sind z.B. sarkastisch und rechthaberisch, nehmen Aussagen zu wörtlich oder argumentieren pseudowissenschaftlich. Folglich drücken viele Mitglieder ihre Gedanken, Wünsche und Gefühle nur noch indirekt aus und verneinen sie oft.

Viele Probleme entstehen dadurch, daß Familienmitglieder unterschiedliche Kommunikationskanäle benutzen. Beispielsweise mag eine Person die Botschaft "Ich liebe dich" durch zärtliche Berührungen (taktil) zu übermitteln versuchen, während der Partner diese Nachricht vergeblich im visuellen (Gesichtsausdruck) oder auditiven (Verbalisierung des Gefühls, bestimmter Tonfall) Kanal sucht. Viele Kommunikationsprobleme werden auch dadurch verursacht, daß Familienmitglieder beim Senden oder Empfangen von Botschaften den Kontext unbeachtet lassen. Zudem fügen sie ihren Aussagen häufig Attribute wie "Ich kann nicht anders handeln, ich bin nun einmal so" oder wie "Er ist dumm und faul" hinzu, um das eigene Verhalten bzw. das einer anderen Person zu erklären. Vielfach verweisen sie aber auch auf unkontrollierbare äußere Faktoren als Ursache für die jeweilige Reaktion. In beiden Fällen wird keine Verantwortung für das Verhalten übernommen oder übertragen, bleibt es unverändert. Auch werden Wahrnehmungen verneint und Bilder von sich selbst und anderen beibehalten, die der Realität nicht entsprechen.

Diese Kommunikationsprobleme werden häufig noch durch den Mangel an Feedback vergrößert. So sind die Familienmitglieder oft unfähig, zuzuhören - z.B. weil sie sich nicht konzentrieren können oder zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Häufig wird auch die Freiheit zum Kommentieren von Botschaften oder zur Metakommunikation durch Regeln eingeschränkt. Zudem werden vielfach Rückfragen und Kritik auf Seiten des Empfängers und/oder des Senders als angsterregend erlebt. So weisen Familienmitglieder die Kommentare zurück, weichen den Fragen aus, leugnen einen Teil oder die ganze Botschaft bzw. wiederholen sie nur. Aus diesen Kommunikationsschwierigkeiten resultieren Mißverständnisse und Konflikte. Auch werden die Erfüllung bestimmter Rollen, das Lösen interpersonaler Probleme und die Zusammenarbeit bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben erschwert.

Eine in problembelasteten Familien sowie bei Krisen und Konflikten häufig beobachtete Kommunikationsstörung ist die Inkongruenz von Botschaften, d.h. der Widerspruch zwischen verbaler Aussage, Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Stimmlage und/oder Kontext. Zu doppeldeutigen Botschaften kommt es, wenn der Sender einer kritischen Stellungnahme aus dem Weg gehen möchte oder eine Zurückweisung befürchtet. Vielfach hat er auch Angst, daß sich der Empfänger verletzt fühlen oder sich rächen könne, falls er ihm die eigentliche Botschaft offen übermitteln würde. In anderen Fällen nimmt der Sender nur einen Teil seiner selbst wahr und leugnet oder ignoriert einen anderen, drückt diesen aber unbewußt auf einer anderen Kommunikationsebene aus.

Inkongruente Botschaften können in Familien auf zweierlei Weise zum Problem werden: So mag der Empfänger sie nicht kommentieren, sondern entweder den Sender als unehrlich, manipulativ bzw. boshaft betrachten oder versuchen, den Widerspruch durch "Gedankenlesen", durch die Interpretation der Botschaften oder durch Zuhilfenahme alter Erfahrungen zu lösen. Im ersten Fall mag es zu Feindseligkeit und Streit, im zweiten zu Mißverständnissen und falschen Reaktionen kommen. Oder der Empfänger inkongruenter Botschaften registriert nur die zusammenpassenden Informationen, indem er z.B. nur einen Empfangskanal bewußt benutzt (Die unbewußt empfangenen inkongruenten Botschaften führen aber gleichzeitig zu unerklärlichen Gefühlen der Verwirrung). Wenn er jedoch nur einen Teilaspekt wahrnimmt, verliert er einen Teil des Senders, und dieser verliert Kontakt zu einem Teil seiner selbst.

Einige Psycholog/innen (Bandler/ Grinder/ Satir 1978; Satir 1975) unterscheiden vier problematische Kommunikations- bzw. Reaktionsformen, die sich vor allem in Konfliktsituationen zeigen. Sie werden in der frühen Kindheit gelernt und entsprechen der Persönlichkeitsstruktur und der Art des Selbstwerterlebens des jeweiligen Individuums:
  1. Der "Beschwichtiger" fühlt sich für alle Probleme verantwortlich, stimmt jeder Kritik über sich zu, klagt sich selbst an und entschuldigt sich fortwährend. Er ordnet sich unter, fordert nie etwas für sich selbst, ist gehorsam, hilfreich und dienstbereit (Karikatur von Gefälligkeit und Märtyrertum). In der Regel nimmt er eine gebückte, bittende oder versöhnlich stimmende Körperhaltung ein. Dieser Kommunikationsform liegen Ängste, Zweifel, Depressionen und Gefühle der Wertlosigkeit zugrunde. Die Person ist von anderen abhängig und trachtet immer nach deren Anerkennung.
  2. Der "Ankläger" kritisiert alles, sucht nach Fehlern, versetzt in Angst und wird leicht wütend. Er ist überheblich und fordernd, weiß alles und befiehlt gerne (Karikatur von Macht). Für eigene Fehler übernimmt er keine Verantwortung, sondern sucht nach einem Sündenbock. Der Ankläger hat eine angespannte und fordernde Körperhaltung und spricht laut. Seinem Verhalten liegen Aggressionen, ein generelles Mißtrauen, ein starkes Streben nach Unabhängigkeit sowie Gefühle der Einsamkeit und Feindseligkeit zugrunde.
  3. Der "Rationalisierende" versucht immer, vernünftig, ruhig, kühl und gelassen zu reagieren. Er ist sehr korrekt, zeigt keine Gefühle und besitzt nur wenig Sensibilität. Oft betrachtet er Menschen wie Maschinen, hält leidenschaftslose Vorträge und ist in der Theorie besser als in der Praxis (Karikatur von Intellekt). Der Rationalisierende gebraucht gern lange und abstrakte Wörter sowie viele Substantivierungen. Aufgrund seines unbewegten, gespannten Körpers wirkt er oft wie versteinert. Er spricht mit einer trockenen und manchmal monotonen Stimme. Dieser Reaktionsform liegen Perfektionismus und das Streben nach ständiger Selbstkontrolle zugrunde. Auch hat das Individuum Angst vor engen interpersonalen Kontakten, da es sich dann den anderen Menschen ausgeliefert fühlt.
  4. Der "Ablenker" unterbricht oft Gespräche, wechselt häufig das Thema, verneint Probleme, ignoriert Fragen oder beantwortet sie nur indirekt. Er ist impulsiv, aktiv und oberflächlich, engagiert sich nur selten und besitzt wenig Selbstkontrolle und Verantwortungsbewußtsein (Karikatur von Spontaneität). Der Ablenker verwendet beziehungslose, belanglose und sinnlose Wörter. Er bewegt fortwährend den Kopf, die Augen und alle Glieder, hat eine sehr lebhafte Mimik und Stimme. Meist fühlt er sich unbedeutend und einsam, fehlen ihm ein fester Bezugspunkt und innere Ziele.
Durch die Verwendung einer dieser Kommunikationsformen möchte ein Individuum seine schwachen Selbstwertgefühle stärken und vor Bedrohung schützen. In der Regel bringen die beschriebenen Verhaltensweisen es aber anderen Menschen nicht näher, sondern führen nur zur Ablehnung. So fühlt sich das Individuum ungeliebt und unerwünscht. Zudem ruft jede Kommunikationsform voraussagbare Reaktionen hervor, so daß festeingefahrene Kommunikationszyklen entstehen. Das problematische Verhalten wird aber beibehalten, da es mit Macht verbunden ist - so zwingt beispielsweise der Ankläger andere Menschen zu bestimmten Reaktionen, indem er in ihnen Schuldgefühle hervorruft, während der Beschwichtiger dieses durch seine Hilflosigkeit erreicht.


Familienkonflikte

In problembelasteten Familien spielen Konflikte eine große Rolle - nur wenige Menschen können eine Person so sehr ärgern oder verletzen wie ihre Angehörigen. In vielen Familien treten Konflikte zwischen zwei bestimmten Individuen (zumeist den Ehepartnern), zwischen einer Dyade und einer Einzelperson (vielfach zwischen Eltern und einem sich ablösenden Jugendlichen) oder zwischen zwei feststehenden Koalitionen (Männer versus Frauen, Eltern versus Kinder, Vater und Tochter versus Mutter und Sohn) auf. Oft sind aber auch Außenstehende (Großeltern, Freunde) in die Auseinandersetzungen verwickelt. Diese Konflikte können offen oder verdeckt, bewußt oder verdrängt, notwendig oder grundlos sein. Sie sind meist ritualisiert, d.h., sie nehmen trotz unterschiedlicher Anlässe immer wieder denselben Verlauf und führen zum selben Ergebnis. Vielfach werden Angreifer- und Verteidigerrolle regelmäßig gewechselt, kommt es zu einer schrittweisen Eskalation des Konfliktes.

Familienkonflikte sind vor allem dann problematisch, wenn sie nicht oder nur unzureichend gelöst werden. Dies kann folgende Ursachen haben:
  • Häufig bleiben Konflikte lange ungelöst, da die Verhandlung aufgeschoben wird, ein Mitglied Auseinandersetzungen aus dem Wege geht, oder die Probleme verneint, verdrängt, verschleiert, verschoben oder projiziert werden.
  • Viele Konflikte bleiben unbewältigt, weil sich die Familienmitglieder aufgrund von Kommunikationsstörungen nicht über das Problem einigen oder es auf sinnvolle Art und Weise besprechen können. Manchmal mangelt es auch an Kreativität, so daß mögliche Lösungen nicht gefunden werden. Häufig fehlen auch die für eine Konfliktlösung notwendigen Informationen und Techniken.
  • Oft sind Familienmitglieder unfähig, sich hinsichtlich der Interpunktion von Verhaltenssequenzen, also der Unterscheidung von Ursache und Wirkung, zu einigen.
  • In vielen Familien sind die Interaktionsmuster, Regeln und Rollen so starr, daß die zur Konfliktlösung notwendigen Veränderungen nicht vorgenommen werden können. Zudem zeigen die Mitglieder oft nur wenig Kompromißbereitschaft (z.B. bei zu absolut gesetzten Werten, Zielen und Plänen).
  • Häufig werden auch die von einem Familienmitglied verwendeten Konfliktlösungsstrategien für ein anderes zum Problem - und umgekehrt. So mag z.B. eine Jugendliche die Fragen der Eltern nach ihren abendlichen Aktivitäten als Einbruch in ihre Privatsphäre betrachten und ausweichend beantworten. Das wird die Eltern ärgern, noch besorgter machen und zu weiteren Fragen stimulieren. Meist wird das Mädchen dann noch weniger sagen. Diese Interaktionssequenz kann schließlich in einer heftigen Auseinandersetzung oder in der (ungerechtfertigten) Bestrafung der Jugendlichen enden.
Natürlich können auch bewältigte Konflikte pathogen wirken - wenn ihre "Lösung" erzwungen wurde. Das kann einerseits durch reine Machtausübung oder Strafandrohung geschehen, andererseits aber durch Aussagen wie "Wenn du mich liebst, mußt du so handeln, wie ich es wünsche".

Problematisch ist ferner, daß manche Familienmitglieder nicht zur Selbstkritik bereit sind. Dann betrachten sie sich bei Konflikten immer als Opfer, weisen jede Schuld von sich oder klagen die anderen direkt bzw. indirekt an. Sie machen sich ein negatives Bild von ihnen, werfen ihnen ungerechtfertigt unangenehme Eigenschaften vor und bewerten ihre Handlungen nach moralischen Gesichtspunkten.

Oft liegen Konflikten (verdeckte) Machtkämpfe zugrunde, die sich zwischen den Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern oder zwischen intergenerationalen Koalitionen abspielen. In diesen Kämpfen geht es um Aufrechterhaltung bzw. Veränderung der gegenwärtigen Machtverhältnisse oder um Zuneigung, Bemutterung und Gunst eines Familienmitgliedes. Dabei werden Drohungen, Versprechungen, passiver Widerstand, Sabotage, physische Gewalt und andere Manöver eingesetzt.

Bei zahlreichen ungelösten offenen, verdrängten bzw. vermiedenen Konflikten werden die Familienmitglieder bald unter einer chronischen Unzufriedenheit und Feindseligkeit leiden, enttäuscht, entmutigt und bitter sein. Viele Rollen und Funktionen werden nur unzureichend oder gar nicht erfüllt, notwendige Veränderungen werden unterlassen. Die Familienmitglieder verbringen immer weniger Zeit miteinander (bei Gesprächen, Freizeitaktivitäten usw.) und haben nur noch wenig Freude aneinander. Häufig werden die interpersonalen Konflikte internalisiert (und äußern sich dann in intrapsychischen Konflikten und Symptomen) oder werden in der Form von Alkoholismus, Kriminalität, Kindesmißhandlung usw. ausagiert. In vielen Fällen kommt es schließlich zum Zerfall der Familie, zu Trennung und Scheidung.


Schlußbemerkung

Dieser Beitrag verdeutlicht, wie wichtig eine gute Familienkommunikation ist. Junge Paare sollten möglichst frühzeitig lernen, "richtig" miteinander zu kommunizieren und Konflikte bzw. Probleme gemeinsam zu lösen. Hier kann z.B. der Besuch von Kommunikationstrainingsprogrammen oder anderen Angeboten der Ehe- und Familienbildung sinnvoll sein. Treten in einer Paarbeziehung oder Familie die beschriebenen Kommunikationsstörungen auf, sollte möglichst frühzeitig eine Eheberatungsstelle, eine frei praktizierende Psychologin oder ein anderer Fachmann konsultiert werden.


Literatur

Bandler, R./Grinder, J./Satir, V. (1978): Mit Familien reden. Gesprächsmuster und therapeutische Veränderung. München: Pfeiffer

Buber, M. (1954): Die Schriften über das dialogische Prinzip. Heidelberg: Schneider

Satir, V. (1975): Selbstwert und Kommunikation. Familientherapie für Berater und zur Selbsthilfe. München: Pfeiffer

Satir, V. (1976): Making contact. Millbrae: Celestial Arts


Autor

Dr. Martin R. Textor ist wissenschaftlicher Angestellter am:
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München


Letzte Änderung: 29.12.2006 14:57:11Zum Seitenanfang