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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Ehe und Familie - eine neue Balance

Andrea Przyklenk


Durch die Geburt des ersten Kindes wird aus einer Partnerschaft eine Familie. Die Zweierbeziehung wird zu einer Dreierbeziehung. Das heißt, dass sich neue Konstellationen ergeben, ein ganz neues Beziehungsgeflecht entsteht. Parallel dazu ist die bisherige Zweierbeziehung tief greifenden Veränderungen ausgesetzt - ebenso wie jeder der beiden Partner für sich. Das führt in vielen Fällen zu Problemen innerhalb der Partnerschaft und auch innerhalb der Dreierbeziehung. Lösen lassen sich die so entstandenen Probleme nur, wenn die Partner miteinander reden und sich mit der Situation des jeweils anderen vertraut machen. Tun sie es nicht, wird nicht nur die Partnerschaft darunter leiden, sondern auch das Kind.

Viele Paare gehen leider mit falschen Vorstellungen an die Elternschaft heran. Ist das Kind erst einmal da, müssen sie mühsam lernen, dass Eltern-Sein nicht die rosarote Idylle ist, die so mancher Erziehungsratgeber vorgaukelt. Ein Baby verlangt Präsenz, Aufmerksamkeit und auch Verzicht - besonders von der Mutter, denn sie ist es nun einmal, die es neun Monate im Leib getragen hat und es jetzt nährt. Sie muss zumindest in den ersten Lebensmonaten ihres Babys auf große Teile ihres gewohnten Lebens verzichten. Doch auch für den Vater ändert sich einiges. Er geht zwar in der Regel weiterhin arbeiten, doch wenn er nach Hause kommt, spielt er nicht mehr die erste Geige. Seine Partnerin ist vielleicht übernächtigt, genervt, überfordert und nicht mehr willens bzw. in der Lage, sich mit seinen Belangen zu befassen. Es wird von ihm verlangt, seinen Teil der Babypflege und später der Erziehungsarbeit zu leisten. Mann und Frau müssen sich also neu orientieren, müssen für sich selbst den Platz finden, der ihrem neuen Leben als Familie gemäß ist.

Das ist heutzutage schwieriger als früher, denn die gegenseitigen und gesellschaftlichen Anforderungen sind hoch. Frauen sollen treu sorgende Mütter und perfekte Hausfrauen sein, erfolgreich im Beruf und möglichst noch attraktive Geliebte für den Ehemann. Der Mann soll Karriere machen, erfolgreich sein, sich viel um seine Familie kümmern und ein verständnisvoller Partner sein. Klar, dass kaum jemand dazu in der Lage ist. Hinzu kommt, dass Familienfrauen, also Frauen, die zugunsten ihrer Familie auf eine berufliche Karriere verzichten, kaum gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Ganz zu schweigen von den finanziellen Einbußen, die ein Kind mit sich bringt.

Ein weiterer Problempunkt nach der Geburt eines Kindes ist die Sexualität bzw. das sexuelle Verhältnis der Eltern. Das existiert nämlich in den meisten Fällen zunächst einmal nicht mehr. Frauenärzte schätzen, dass etwa 30 Prozent aller Paare nach der Geburt eines Kindes massive Probleme im sexuellen Bereich haben. Bei Umfragen haben 25 Prozent der Befragten eine vorübergehende Krise ihrer sexuellen Beziehung eingestanden, 14 Prozent sogar eine länger andauernde Krise. Die Gründe dafür sind vielfältig. Körperliche Probleme spielen dabei nur selten eine Rolle. Oft sind die Mütter übernächtigt und erschöpft. Oder sie fühlen sich von dem Kind und seiner Versorgung so in Anspruch genommen, dass sie, wenn sie schon einmal eine Stunde Zeit für sich haben, diese Stunde auch wirklich für sich nutzen möchten. Oft staut sich auch Groll über den Partner an, denn er kann ja weiterhin arbeiten, Leute treffen, raus gehen, - während die Frau selbst das Gefühl hat, sozial und intellektuell zu verkümmern, weil sie nur noch mit dem Baby zusammen ist. Der angestaute Groll führt dazu, dass auch die Lust auf der Strecke bleibt.

Zusätzlich plagen sich viele junge Mütter mit einem schlechten Gewissen, weil sie das Leben mit dem Baby nicht so glücklich macht, wie es nach Meinung aller anderen sein sollte.


10 Tipps, die Mütter und Väter vor der Krise bewahren

1. Verabschieden Sie sich vom rosaroten Traum

Das Leben mit Kindern kann wunderschön und bereichernd für alle sein, aber es gibt mit Sicherheit auch Momente, in denen Sie sich ärgern, nicht mehr weiter wissen und am liebsten wieder in trauter Zweisamkeit leben würden. Akzeptieren Sie, dass es solche Momente oder Zeiten gibt, und plagen Sie sich nicht mit Schuldgefühlen.

2. Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Kind

Alles, was Ihr Kind in den ersten drei Lebensjahren erfährt und lernt, bestimmt weitgehend sein weiteres Leben. Die ersten Jahre und ganz besonders die ersten Monate entscheiden darüber, ob aus Ihrem Baby ein glücklicher, erfolgreicher Erwachsener wird oder ein von Selbstzweifeln geplagter, unglücklicher Mensch. Nehmen Sie sich deshalb viel Zeit für Ihr Baby. Vermitteln Sie ihm in seinen ersten Stunden, Tagen und Monaten, dass es aufrichtig geliebt wird. Damit geben Sie ihm das Wichtigste mit auf den Weg, was Sie zu geben haben: Selbstvertrauen, das nur aus der Gewissheit, geliebt zu werden, erwachsen kann. Und nur wer sich geliebt weiß und sich selbst liebt, kann andere lieben und glücklich sein.

Deshalb ist es enorm wichtig, dass Sie Ihr Baby an Ihrem Leben teilnehmen lassen. Geben Sie es nicht ständig an andere Menschen oder gar in eine Kinderkrippe ab oder lassen Sie es stundenlang in einem Bettchen liegen, in dem es sich nur langweilt und einsam fühlt. Im Bauch seiner Mutter war es sozusagen ständig dabei, hatte 1.000 verschiedene Anreize - sorgen Sie dafür, dass es so bleibt. Nicht umsonst heißt es: neun Monate im Leib, neun Monate am Leib. Ein Baby ist nicht zerbrechlich - es kann Sie bei fast allen Tätigkeiten begleiten.

3. Lassen Sie sich nicht gehen

Auch wenn Sie als Mutter mit einem sabbernden Kleinkind zu Hause sitzen ist das kein Grund, sich gehen zu lassen. Sie fühlen sich dadurch nur schlecht. Es wird immer Tage geben, an denen Sie sich in Jogginghosen und Latschen am wohlsten fühlen, aber die Regel sollte es nicht werden. Dasselbe gilt auch für Ihre Hobbys. Behalten Sie sie bei. Wenn Sie gerne lesen möchten, dann schaffen Sie sich den Raum dafür, notfalls mit Hilfe anderer. Anfangs braucht ein Baby zwar seine Mutter möglichst oft, aber wenn dieses Grundbedürfnis ausreichend gestillt wird, wird es sich früher von seiner Mutter ablösen als Kinder, die zwar immer das neueste Spielzeug haben, aber oft auf ihre Mutter verzichten müssen.

4. Pflegen Sie Ihre Paarbeziehung

Achten Sie von Anfang an darauf, dass Ihre Beziehung als Paar bestehen bleibt. Schaffen Sie sich Freiräume, in denen Sie mit Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin gemeinsam etwas unternehmen oder einfach zusammen sind, ohne dass sich ständig einer um das Kind kümmern muss. Babysitter, Omas oder gute Freunde sind sicher einmal bereit, auf das Kind aufzupassen. Anfangs ist das schwierig, besonders für die Mutter, aber nach einigen Monaten erobert das Baby die Welt selbst und ist aufgeschlossener für neue Eindrücke und andere Menschen. Im Übrigen schläft ein Baby so oft, dass immer Zeit für Zweisamkeit bleibt.

Außerdem sollten Sie bedenken, dass Zweisamkeit viele Gesichter hat. Auch Zeit, die Sie gemeinsam mit dem Baby verbringen, ist Zeit für Sie als Paar. Vernachlässigen Sie lieber ein paar gesellschaftliche oder andere Verpflichtungen.

5. Bleiben Sie im Gespräch

Teilen Sie Ihrem Partner/ Ihrer Partnerin Ihre Gefühle, Ängste, Unsicherheiten, aber auch Ihren Ärger und Unmut mit. Ein anderer kann niemals genau wissen, was in Ihnen vor sich geht, auch wenn Sie sich noch so nahe stehen. Suchen Sie gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten, wenn einer von Ihnen überfordert und unzufrieden ist.

Das gilt übrigens auch für den sexuellen Bereich. Hier sind Geduld und Verständnis angebracht, besonders von Seiten der Männer. Sie sollten ihrer Partnerin Zeit geben, in die neue Situation hinein zu wachsen. Und bedenken Sie, Zärtlichkeit und auch Lust müssen nicht immer unbedingt im sexuellen Akt enden. Liebe und Sexualität sind vielfältig - Sie müssen nur den Mut aufbringen, über das bisher "Normale" hinaus zu gehen. Ein liebevolles Gespräch, in dem der Mann auf die Ängste und Bedenken seiner Partnerin eingeht, ist der Zärtlichkeit zuträglicher als ein verfrühter Wiedereinstieg in die Sexualität, der in Unbehagen oder gar Tränen endet. Setzen Sie sich nicht unter Erfolgszwang - es geht fast allen Paaren gleich: Nach der Geburt eines Kindes dauert es meistens einige Monate, bevor die Lust in ihrer gewohnten Form zurückkehrt.

6. Teilen Sie die Verantwortung und die Arbeit

Die Verantwortung für ein Baby liegt bei beiden Eltern. Natürlich trägt eine Mutter, die zu Hause ihr Baby versorgt, mehr davon als der Vater, der den ganzen Tag arbeiten geht. Logischerweise bleibt dadurch auch der Großteil der Arbeit, die das Baby verursacht, an ihr hängen. Trotzdem sollten Sie als Vater nicht unterschätzen, welche Anstrengung es für eine Frau bedeutet, ein Kind auf die Welt zu bringen und dann zu versorgen. Sie hat dafür ebenso wenig eine Ausbildung wie Sie selbst. Zudem sind die meisten Frauen durch den Geburtsvorgang, die hormonelle Umstellung und die ständige Bereitschaft, die das Baby und seine Ernährung erfordern, in den ersten Lebensmonaten des Babys ziemlich erschöpft. Wenn irgend möglich sollten Väter deshalb in den ersten Wochen, in denen Mutter und Kind zu Hause sind, Urlaub nehmen. Betrachten Sie es nicht als unangenehme Pflicht, sondern als Kür. Sie haben die Möglichkeit, Ihr Baby kennen zu lernen, an seiner Entwicklung Anteil zu nehmen.

Es gibt einige Mütter, denen es sehr schwer fällt, dem Vater Verantwortung zu überlassen bzw. ihm Zutritt zum Baby zu gewähren. Sie leben in der ständigen Angst, dass er etwas "falsch" machen könnte. Manchmal spielt auch ein bisschen Eifersucht mit, denn schließlich dringt er damit in die Domäne ein, die momentan das Leben der Mutter beherrscht und sozusagen das einzige Feld darstellt, in dem sie die uneingeschränkte Kompetenz hat. Den Vater vom Baby fernzuhalten, bedeutet jedoch, beiden Eltern und dem Baby Gemeinsamkeit vorzuenthalten. Wie so oft, hilft auch hier nur, miteinander darüber zu sprechen.

7. Haben Sie Geduld

Es kann nicht sofort alles optimal laufen. Sie und Ihr Partner/ Ihre Partnerin werden ins kalte Wasser geworfen. Keiner von Ihnen wurde ausreichend auf die Elternschaft vorbereitet. Es gilt sozusagen "learning by doing", was das Prinzip Versuch und Irrtum einschließt. Lassen Sie auch mal alle Fünfe gerade sein. Wem nützt es, wenn die Wohnung perfekt geputzt ist, aber das Baby Stunden geschrieen hat, weil sich niemand um es kümmerte und die Eltern völlig entnervt und erschöpft sind?

8. Sagen Sie Nein

Sobald ein Kind geboren wurde, setzt der Stress ein, und damit ist beileibe nicht der Stress mit dem Baby gemeint, sondern die Forderungen der Umwelt. Jeder will das neue Baby sehen. Allen voran die lieben Eltern und Schwiegereltern. Die Geschenke trudeln ein, jeder will eine Dankeskarte, möglichst mit Foto der glücklichen Familie. Behördengänge müssen erledigt, die Taufe soll vorbereitet werden. Vergessen Sie’s. Zuerst kommen das Baby und die Eltern. Zeigen Sie Egoismus.

Wenn Sie sich nicht in der Lage fühlen, Besuch zu empfangen, sagen Sie es laut und deutlich. Auch Eltern und Schwiegereltern müssen dafür Verständnis haben. Es ändert nichts, wenn sie das heiß ersehnte Enkelkind eine Woche später kennen lernen. Eine Taufe kann sehr schön sein, wenn das Kind schon etwas älter ist, und muss außerdem nicht in jedem Fall ein rauschendes Fest sein mit 50 Gästen, das einen Tag lang geht. Eine kleine Feier ist genau so schön und belastet Sie und Ihren Geldbeutel weit weniger.

9. Isolieren Sie sich nicht

Ein Kind zu haben, bedeutet nicht, am Leben nicht mehr teilzunehmen. Ein Baby ist auf neue Reize angewiesen, um sich entwickeln zu können. Sie können es nahezu überall hin mitnehmen. Wenn es müde ist, wird es in jeder Umgebung schlafen, besonders wenn es bei der Mutter ist, am besten so nah, dass es ihren Herzschlag fühlt.

Es ist wichtig, dass Sie den Kontakt zur Außenwelt behalten, denn das Baby kann Ihnen kein Gesprächspartner sein. Je häufiger Sie alleine sind, desto schlechter fühlen Sie sich. Besuchen Sie weiterhin Freunde, gehen Sie einkaufen, ins Restaurant etc. Suchen Sie sich Gleichgesinnte. Ist in Ihrem Freundeskreis niemand mit einem Kind, dann schauen Sie sich an Ihrem Wohnort nach anderen Müttern mit Babys oder nach einer Krabbelgruppe um. Außerdem können Sie sich so mit Personen in der gleichen Lebenssituation über Probleme austauschen und sich gegenseitig helfen. Früher standen den jungen Müttern und Vätern die anderen Mitglieder der Großfamilie dafür zur Verfügung. Heute müssen Sie sich selbst darum kümmern.

10. Nehmen Sie Hilfe an

Ein Baby zu haben ist keine Strafe. Im Gegenteil! Wenn es zur Strafe wird, sind die Eltern meist selbst schuld. Fühlen Sie sich also überfordert, dann suchen Sie Hilfe. Es ist keine Schande, die Hausarbeit in der ersten Woche nach der Geburt von Ehemann, Mutter oder Freundin erledigen zu lassen. Ihre Schwiegermutter möchte die Bügelwäsche übernehmen? Ihre Schwester fragt an, ob Sie Ihnen etwas einkaufen kann? Wenn Ihnen danach ist, nehmen Sie an. Sie erhalten dadurch freie Zeit, die Sie Ihrem Baby schenken oder für sich verwenden können.

Wollen Sie Ihr Baby nicht völlig einer anderen Person anvertrauen und trotzdem mal ein paar Stunden für sich haben, zum Beispiel um zu lesen oder etwas zu arbeiten, bitten Sie den Babysitter in die Wohnung, auch wenn Sie anwesend sind. Im Notfall sind Sie schnell an Ort und Stelle.

Dasselbe gilt, falls Sie Probleme mit dem Stillen, mit der Partnerschaft oder mit einer Erkrankung des Kindes haben. Stilltreffen und Selbsthilfegruppen, Ehe- und Familienberatung, Ärzte etc. sind für Sie da. Nehmen Sie die Angebote in Anspruch.


Schlussbemerkung

Sollte Ihnen einmal alles über den Kopf wachsen, treffen Sie sich mit einem vertrauten Freund oder einer Freundin und reden Sie sich einmal alles von der Seele. Achten Sie darauf, dass Sie sich einem Menschen anvertrauen, der Ihren Ausbruch richtig einzuordnen weiß, der nicht in Ihrem Ärger auf die Partnerin/ den Partner gleich die bevorstehende Scheidung wittert. Ab und zu tut es einfach gut, Ärger abzuladen, ohne Rücksicht nehmen zu müssen und dann auch darüber zu lachen. Dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen.


Autorin

Andrea Przyklenk ist freie Journalistin und Autorin und lebt in der Nähe von Stuttgart. Sie hat mehrere Bücher zu Familienthemen veröffentlicht - z.B. im Kösel Verlag: "Liebe und Sex junger Eltern. Ein Ratgeber für die Schwangerschaft und die Zeit danach", "Mit Lebenslust durch die besten Jahre. Genießen, handeln, Neues wagen" (mit Gisela Schnäbele) und "Ich mach mir nichts aus Mädchen. Wenn Jungs schwul sind" (mit Maximilian Geißler). Die Autorin ist erreichbar per Email unter: apmail@t-online.de


Letzte Änderung: 20.01.2004 13:28:52Zum Seitenanfang