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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Phasen des Familienzyklus mit Kindern im Haushalt

Martin R. Textor        Martin R. Textor


Mit der Geburt des ersten Kindes beginnt im Grunde erst der Familienzyklus. Zumeist werden drei Phasen der "Familie mit Kindern" unterschieden - entsprechend den verschiedenen altersspezifischen Bedürfnissen und Verhaltensweisen: Im Folgenden werden diese Phasen detailliert beschrieben. Es wird herausgearbeitet, mit welchen Herausforderungen, Aufgaben und Problemen Eltern in der Regel konfrontiert werden.


Familie mit Kleinkindern

Die dritte Phase des Familienzyklus beginnt mit der ersten Schwangerschaft und endet mit der Einschulung des letzten Kindes. Bei Familien mit zwei und mehr Kindern überschneiden sich also dritte und vierte Phase - bei Familien mit vier und mehr Kindern, bei einem großen Geburtenabstand oder bei Stieffamilien, bei denen die Partner ältere Kinder mit in die Ehe bringen und dann ein gemeinsames Kind zeugen, können sich auch dritte, vierte und fünfte Phase des Familienzyklus überschneiden.

Im Verlauf der Schwangerschaft unterscheidet Gloger-Tippelt (1985) fünf Phasen:
  1. Sie beginnt mit einer Verunsicherungsphase, die etwa bis zur 12. Schwangerschaftswoche dauert.
  2. Es folgt die Anpassungsphase, die bis zur 20. Woche dauert. Sie ist in der Regel relativ konflikt- und belastungsfrei. Zumindest bei der ersten Schwangerschaft beginnen jetzt die Eltern, sich intensiv auf die Geburt ihres Kindes vorzubereiten: Sie besuchen zum Beispiel Kurse über Säuglingspflege, Kindererziehung und Methoden einer sanften Geburt oder lesen relevante Bücher.
  3. In der Konkretisierungsphase, die etwa bis zur 32. Woche dauert, wird das sich nun schon bewegende Kind als eigenständiges Wesen wahrgenommen. Die Ehepartner beginnen, sich als Eltern zu erleben und die entsprechenden Rollen zu übernehmen.
  4. Die Phase der Antizipation des Kindes und der Vorbereitung auf die Geburt ist eine Zeit großer physischer und psychischer Belastungen für die werdende Mutter. Sie leidet oft unter körperlichen Beschwerden und ermüdet leicht, hat Angst vor der Entbindung, zieht sich unter Umständen in sich zurück oder ist zeitweise depressiv. Ihr Mann ist jedoch in dieser Phase zumeist psychisch stabil und kann sie stützen.
  5. Mit der Geburtsphase endet die Schwangerschaft. Heute ist der Ehemann oft bei der Geburt im Kreißsaal anwesend, kann seine Frau unterstützen und bei der Versorgung des Neugeborenen helfen. Dieser Frühkontakt gilt als wichtig für den Aufbau einer positiven Eltern-Kind-Beziehung.
Nach der Geburt des ersten Kindes müssen die Ehepartner die Vater- beziehungsweise Mutterrolle übernehmen. Aufgrund ihrer Unerfahrenheit sind sie bei der Pflege des Säuglings in der Regel unsicher und übervorsichtig. Sie müssen eine Vielzahl neuer Verhaltensweisen erlernen und Empathie für die Reaktionen des Kindes entwickeln. So wird es zum "Sozialisator" seiner Eltern, die sich ihm anpassen müssen. Sein Aussehen und Verhalten bestimmen die Reaktionen und das Erleben der Eltern mit. Beispielsweise ist es ein großer Unterschied, ob der Säugling ruhig ist und viel schläft oder ob er ein schwer voraussagbares Verhalten zeigt und kaum zu beruhigen ist. Vor allem untröstbar schreiende Säuglinge, die so genannten "Schreibabys", werden für ihre Eltern oft zum Problem. Sie machen zwischen 10 und 15% aller Babys aus und leiden oft unter Allergien und Nahrungsunverträglichkeiten. Aufgrund ihres untröstbaren Schreiens fühlen sich ihre Mütter ohnmächtig und hilflos, entwickeln unter Umständen sogar Depressionen.

Der Säugling steht nun im Mittelpunkt des Familienlebens und verlangt ein Höchstmaß an Arbeits- und Zeitaufwand, an Aufmerksamkeit und liebevoller Zuwendung, an taktiler, visueller und akustischer Stimulation. Zunächst lebt er in "Symbiose" mit seiner Mutter und ist von ihr total abhängig. Diese muss erst lernen, die Signale ihres Kindes zu verstehen. Im Gegensatz zu früher beteiligen sich heute bereits viele Väter an der Säuglingspflege - sie können ihr Kind genauso gut wie ihre Frauen versorgen. Sie freuen sich an ihrer zunehmenden Kompetenz im Umgang mit dem Baby, entdecken neue Befriedigungen und erleben eine beglückende emotionale Beziehung zum Kind. So leisten sie von Anfang an einen eigenständigen Beitrag zur Entwicklung des Kindes, bewerten die Familientätigkeit positiv und sind eher motiviert, sich auch in Zukunft an der Erziehung zu beteiligen.

Die Geburt des ersten Kindes bringt eine Vielzahl von radikalen Veränderungen mit sich. So wandelt sich die Familienstruktur, entsteht nun ein mehrgenerationales System mit zwei Subsystemen. Auch kommt es zu einer großen Umstellung im Lebensstil der erwachsenen Familienmitglieder: Sie müssen immer sofort auf die Bedürfnisse des Säuglings reagieren, was zu einer Zerstückelung des Tagesablaufs führt und ein ungestörtes Arbeiten daheim unmöglich macht. Dieses bedeutet auch eine drastische Einschränkung persönlicher Freiheitsräume, den Verzicht auf die Befriedigung vieler Bedürfnisse, ein Zurückstellen eigener Interessen und die Behinderung des Strebens nach Selbstverwirklichung. Vielfach nehmen das subjektive Wohlbefinden und die eigene Leistungsfähigkeit ab, da die fortwährende nächtliche Ruhestörung Schlafmangel, ständige Müdigkeit und Nervosität bewirkt. Auch führen die Belastungen der Säuglingspflege und die hormonelle Umstellung bei der Frau leicht zu körperlicher und psychischer Erschöpfung. Diese Situation kann noch dadurch verschärft werden, dass den Eltern zunächst die Anpassung an die Bedürfnisse des Kindes misslingt, weil sie zum Beispiel unzureichend auf die Elternrolle vorbereitet sind. Ähnliches gilt für den Fall, dass der Säugling krank oder behindert ist. Größere Belastungen sind natürlich auch bei Zwillingen, Drillingen oder gar Vierlingen zu bewältigen.

Die durch die Erfordernisse der Säuglingspflege bedingte ständige Anwesenheitspflicht bringt eine große Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Eltern mit sich. Es bleibt weniger Zeit für Freunde und Bekannte, muss auf viele Arten der außerhäuslichen Freizeitgestaltung verzichtet werden und kommen viele Urlaubsziele nicht mehr in Frage. Diese Situation kann vor allem für solche Mütter zum Problem werden, die nach der Geburt des Kindes auf eine weitere Berufsausübung verzichten. Sie verlieren viele berufsbedingte Kontakte - die Aufnahme von Beziehungen zu Frauen in derselben Lage gelingt in der Regel erst dann, wenn sie diese auf dem Spielplatz oder im Kindergarten kennen lernen, also wenn das Kind schon älter ist. So fühlen sie sich oft isoliert und einsam, vermissen die Befriedigungen des Berufslebens, sind kognitiv unausgelastet und leiden unter dem geringen Ansehen der Mutterrolle. Hinzu kommt, dass sich in diesen Fällen auch die finanzielle Situation der Familie sehr stark verschlechtert, da einerseits das Einkommen der Frau wegfällt und nur zum Teil durch das Erziehungsgeld wettgemacht wird und weil andererseits das Kind Ausgaben von mehr als 300 EUR im Monat verursacht. Dies gilt vor allem für Familien, in denen der Mann noch recht wenig verdient, da er erst am Anfang seiner beruflichen Karriere steht.

Bleibt die Frau jedoch berufstätig, so ist die Familie in der Regel auf die Hilfe von Verwandten angewiesen, da es nur wenige Einrichtungen der öffentlichen Kleinstkinderbetreuung gibt. Bei einer Betreuung durch Verwandte leiden die Eltern oft unter Schuldgefühlen oder erleben es als problematisch, diesen gegenüber zu Dank verpflichtet zu sein. Häufig wagen sie auch nicht, Verwandte auf Erziehungsfehler hinzuweisen, weil sie deren Hilfe zu verlieren befürchten. Ferner kann es trotz der Entlastung durch Dritte zu einer Überforderung der berufstätigen Mutter kommen, wenn sie nach der Arbeitszeit die Säuglingspflege übernehmen und mehr oder minder alleine den Haushalt versorgen muss.

Der Übergang zur Elternschaft wird also oft als Krise erlebt. Das Auftreten oder Ausbleiben des "Erst-Kind-Schocks" ist von einer Vielzahl verschiedener Variablen abhängig. Zumeist ist er weniger stark ausgeprägt, wenn das Kind ein Wunschkind ist sowie wenn die Partner länger als drei Jahre vor der Geburt zusammenlebten, eine gute Ehebeziehung aufgebaut haben und Techniken für die Lösung von Problemen beziehungsweise die Bewältigung kritischer Familienereignisse besitzen. Ferner ist von Bedeutung, ob die Ehepartner Vorerfahrungen im Umgang mit Kleinstkindern haben, inwieweit sie sich auf das Kind vorbereitet haben und wie viel Unterstützung sie durch Dritte erfahren. In der Regel bewältigen Eltern aber die meisten Anforderungen, Veränderungen und Probleme innerhalb von drei Monaten nach der Geburt ihres Kindes.

Natürlich ist der Übergang zur Elternschaft nicht nur mit Schwierigkeiten verknüpft, sondern hat auch viele positive Seiten. So berichten nach der Geburt eines Kindes viele Eltern von zunehmender Reife sowie von mehr Verantwortungsbewusstsein, Ruhe und Ausgeglichenheit. Sie erleben einen Zugewinn an Lebensinhalt, Freude, Glück und Zufriedenheit. Auch sprechen sie der Familie einen größeren Wert zu, werden häuslicher und fühlen sich einander noch mehr zugehörig. Oft berichten sie von einem persönlichen Wachstumsschub, da sie eine Vielzahl neuer Anforderungen und Aufgaben erfolgreich bewältigten. Zudem erfahren sie in der Regel positive Reaktionen von Verwandten und Freunden. Meistens stehen den überdurchschnittlichen Belastungen also überdurchschnittlich viele emotionale Gratifikationen gegenüber.

Nach der Geburt des ersten Kindes wandeln sich zumeist auch die Machtstruktur und Arbeitsteilung in der Familie in Richtung auf traditionelle Geschlechtsrollenbilder. Während die meisten Männer nach der Geburt des Kindes wohl ihre Frauen zu entlasten versuchen und ihnen helfen, ziehen sie sich mit der Zeit immer mehr aus den Bereichen der Hausarbeit und Kindererziehung zurück. Die Geburt des ersten Kindes führt ferner zu einem Wandel und einer Neuinterpretation der Ehebeziehung. Oft verliert diese an Bedeutung, da die Partner aufgrund der aus der Säuglingspflege resultierenden Belastungen weniger gemeinsam unternehmen und häufiger alleine ausgehen. Auch wird vielfach der Mann für die Frau weniger wichtig und muss deren Liebe und Zuneigung mit dem Kind teilen. Oft wendet er sich dann mehr dem Beruf, seinem Freundeskreis oder seinen Hobbys zu, was zur Entfremdung der Partner führen kann. Während direkt nach der Geburt in der Regel ein Anstieg der ehelichen Zufriedenheit und eine große Harmonie im sexuellen Bereich erlebt werden ("Baby-Flitterwochen"), kommt es dann aufgrund der zuvor beschriebenen Entwicklungen häufig zu einer Verschlechterung der Ehequalität. Vielfach werden Spannungen, eine erhebliche Beeinträchtigung der partnerschaftlichen Interaktion sowie ein im Gegensatz zu früher nicht mehr so zärtlicher Umgang miteinander erlebt.

Wird ein zweites Kind geboren, nimmt die Komplexität des Familiensystems weiter zu. So gibt es bei einem Kind nur drei Beziehungen (zwischen Mutter und Kind, Vater und Kind sowie Ehemann und Ehefrau), während bei zwei Kindern sechs und bei drei Kindern zehn Beziehungen zu unterscheiden sind. Auch bildet sich das Geschwistersystem als drittes Subsystem der Familie aus. Ferner wird es für die Erwachsenen immer schwerer, den Bedürfnissen aller Familienmitglieder zu entsprechen: Mit der Zahl der Kinder wachsen also die Belastungen, sind größere Anstrengungen nötig, fällt mehr Arbeit an. Zumeist ist aber auch eine Zunahme positiver und beglückender Aspekte des Familienlebens zu verzeichnen. Hinzu kommt, dass sich die Geschwister mit zunehmendem Alter immer mehr miteinander beschäftigen, sodass der Betreuungsaufwand bald nicht mehr sehr viel größer als bei Einzelkindern ist.

Während der Schwangerschaft und nach der Geburt des zweiten Kindes sind die Eltern weniger unsicher und ängstlich als beim Erstgeborenen. Sie gehen routinierter und gelassener mit ihm um, beschäftigen sich zumeist weniger intensiv mit ihm und schenken ihm weniger Aufmerksamkeit und Zuwendung. Das zweitgeborene Kind macht also andere Erfahrungen mit seinen Eltern, da es von ihnen anders als das erstgeborene behandelt wird. Zudem findet es eine unterschiedliche Situation vor, da sich in der Zwischenzeit die Familiencharakteristika verändert haben. Hinzu kommt die Stimulation durch ein nur wenig älteres Geschwisterteil.

Vor allem wenn die Geburten sehr schnell aufeinander folgten, fällt es Eltern oft schwer, den Bedürfnissen beider Kinder gerecht zu werden. So fühlen sie sich häufig überfordert, sind erschöpft und erleben ein weiteres Absinken der Ehezufriedenheit. In der Regel ändert sich auch ihr Verhalten dem erstgeborenen Kind gegenüber: Sie beschäftigen sich plötzlich sehr viel weniger mit ihm, machen häufiger von Anweisungen Gebrauch und schränken seinen Bewegungsraum mehr durch Verbote ein. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass etwa die Hälfte der Kinder auf die Geburt eines Geschwisterteils mit negativen Verhaltensänderungen reagiert, wobei Jungen sich eher zurückziehen, während Mädchen eher ein abhängiges Verhalten zeigen. Vieles hängt aber davon ab, wie die Eltern das erstgeborene Kind an das Zweite heranführen. Sobald sich Letzteres selbständig fortbewegen kann, greift es jedoch häufig ausgesprochen störend in die Sphäre des Geschwisters ein. Dieses reagiert dann (wieder) negativ - und muss erfahren, dass die Eltern das jüngere Kind ihm gegenüber in Schutz nehmen.

Aber nicht nur bei der Geburt eines zweiten (oder weiteren) Kindes kommt es zu neuen Veränderungen, sondern auch mit zunehmendem Alter der Kinder. So wird die Familie wieder umgeformt, wenn die Kinder zu laufen oder zu sprechen beginnen. Sie trennen ihr Selbst zunehmend von dem ihrer Eltern ab, bauen Ich-Grenzen auf und entwickeln einen eigenen Willen. Auch werden sie selbständiger und nehmen von sich aus Kontakt zu anderen Erwachsenen und Kindern auf. In diesem Zeitraum lernen sie außerordentlich viel, wobei sie hohe Anforderungen an die erzieherischen und bildenden Fähigkeiten ihrer Eltern, an deren Vorbild und Geduld stellen. So möchten sie über die Natur, die Technik, die Kultur und die Mitmenschen belehrt werden. Auch müssen sie Kulturfertigkeiten und Techniken des Problemlösens lernen sowie ihre kognitiven und sozialen Fähigkeiten ausbilden.

Einen weiteren Einschnitt in diese Phase des Familienzyklus bringt der Kindergarteneintritt mit sich. Heute machen fast alle Kleinkinder ab dem dritten Lebensjahr die Erfahrung des Kindergartenbesuchs, wobei sich vor allem die Integration in eine größere altersgemischte Gruppe, die dort erworbenen sozialen Kompetenzen, die Sprachförderung und die Vielzahl kognitiver und emotionaler Lernerfahrungen auf die kindliche Entwicklung positiv auswirken. Auch können sich ihre Gestaltungsfreude und ihr Bewegungsdrang im Kindergarten besser als in der Familie entfalten, können die Kinder ihre Kräfte an denen der Gleichaltrigen messen, werden sie auf die Schule vorbereitet.

Der Eintritt in den Kindergarten und die damit verbundene längerfristige Trennung mag zunächst sowohl den Kindern als auch den (nichtberufstätigen) Müttern schwer fallen. Beide Seiten müssen lernen, sich voneinander abzulösen und autonomer zu werden. Nun treten die Erzieherinnen als neue Autoritäten und Vorbilder in das Leben der Kinder ein und werden manchmal von den Eltern als Konkurrenz erlebt. Dies macht es erforderlich, dass Erziehungsziele und -stile zwischen Eltern und Erzieherinnen abgestimmt werden und diese zur Partnerschaft finden, damit innere Konflikte beim Kind vermieden und seine Entwicklungsbedürfnisse auf einheitliche Weise befriedigt werden. Die Eltern bleiben weiterhin die wichtigsten Bezugspersonen der Kinder und unterstützen sie bei den nun anstehenden Entwicklungsaufgaben, also zum Beispiel bei der Übernahme der Geschlechtsrolle, der Identitätsfindung, der Ausbildung eines Gewissens und der Internalisierung von Normen.


Familie mit Schulkindern

Mit der Einschulung des erstgeborenen Kindes beginnt eine neue Phase des Familienzyklus, die zwischen acht und zwölf Jahren lang ist. Die Kinder werden unausweichlich mit gesellschaftlichen Leistungsanforderungen und der Bewertung ihrer Kenntnisse, ihres Verhaltens und ihrer Fähigkeiten konfrontiert. Sie müssen sich bestimmten Regeln unterwerfen, vorab definierte Beziehungen zu Lehrern eingehen und sich in eine Gruppe Gleichaltriger integrieren. Auf jedem dieser Gebiete können sie versagen, wenn sie zum Beispiel zu früh eingeschult wurden, in ihrer kognitiven Entwicklung (noch) nicht den Stand ihrer Mitschüler erreicht haben, andere Erziehungsstile gewohnt sind oder aufgrund unzureichender interpersonaler Fertigkeiten nicht mit ihren Klassenkameraden zurechtkommen. Ferner kann es zu einem Bruch in der Entwicklung der Kinder kommen, wenn am Ende der Grundschulzeit falsche Entscheidungen bezüglich des weiteren Bildungsweges getroffen werden - wenn beispielsweise begabte Kinder in der Hauptschule unter Unterforderung oder zu wenig intelligente Kinder im Gymnasium unter Überforderung leiden und mit Verhaltensauffälligkeiten, Indifferenz und anderen Problemen reagieren. Aber auch später können aufgrund der Unüberschaubarkeit des Bildungswesens noch Fehler bei der weiteren Planung der Schullaufbahn gemacht werden. So stehen Eltern in der Regel mehrmals während der Schulzeit ihrer Kinder unter einem großen Entscheidungsdruck.

Kinder verbringen etwa ein Drittel des Tages in der Schule, die einen großen Einfluss auf ihre kognitive, emotionale und soziale Entwicklung ausübt. Sie eignen sich in ihr eine Unmenge von Kenntnissen an und entwickeln eine Vielzahl von Fertigkeiten. Dabei stehen sie unter einem gewissen Qualifikationsdruck, müssen bestimmte Leistungen erbringen und miteinander konkurrieren (Schulstress). In der Schule werden Kinder aus der realen Welt ausgegliedert und dieser in mancherlei Hinsicht entfremdet. So wurden die ihnen vermittelten Kenntnisse über Natur, Technik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zuvor gefiltert, werden sie vielfach zerstückelt und zusammenhanglos dargeboten, sind sie oft wirklichkeitsfremd und wenig nützlich. Zudem haben Schüler wenig Kontakt zu Andersaltrigen, da sie in der Klasse immer nur mit einer Altersgruppe zusammen sind. Auch reagieren Lehrer selten auf sie als Person, werden kaum erzieherisch tätig und lassen wenig Raum für Spontaneität und Kreativität. Sie fördern kaum die Integration in Gleichaltrigengruppen und den Erwerb sozialer Fertigkeiten wie Empathie, Metakommunikation, Fähigkeit zur verbalen Konfliktlösung oder Vermittlung.

Es ist offensichtlich, dass Kinder ihre Unzufriedenheit mit der Schule, ihre negativen Erfahrungen mit Lehrern und ihre Leistungsprobleme mit in die Familie hineinnehmen und dass diese eine Vielzahl elterlicher Verhaltensweisen bestimmen. So steht die Schule oft im Mittelpunkt der familialen Interaktion. Die Eltern werden unmittelbar mit Schulschwierigkeiten konfrontiert und müssen helfend eingreifen, also zum Beispiel Kontakt mit Lehrern aufnehmen oder die Leistungsmotivation ihrer Kinder fördern. Vielfach erzeugen oder verstärken sie aber auch Probleme, wenn sie zum Beispiel einen starken Leistungsdruck ausüben - was besonders für hoch qualifizierte Eltern gilt - und so ihre Kinder überfordern. Sie bewerten oft Leistung und Erfolg zu hoch, sehen im Schulversagen eine Schande und bestrafen schlechte Noten schwer. So mögen sie die Schulprobleme ihrer Kinder nur noch verstärken, was zum Beispiel zu Leistungsverweigerung, Angst, Schulphobien, Nervosität und anderen Verhaltensauffälligkeiten führen kann. Andere Eltern fördern hingegen ihre Kinder zu wenig, helfen zum Beispiel nicht bei den Hausaufgaben.

In dieser Phase des Familienzyklus stehen Kinder nicht mehr so sehr im Zentrum des Familienlebens wie früher. Sie lösen sich immer mehr von ihren Eltern ab, werden unabhängiger, eigenständiger und selbstbestimmter. Auch wenden sie sich mehr und mehr der Gleichaltrigengruppe zu. So verlieren die Eltern an Bedeutung, können sich wieder mehr ihrer Partnerbeziehung und ihren Hobbys widmen. Oft wird nun die Frau wieder berufstätig, was große Auswirkungen auf den Tagesrhythmus und Lebensstil der Familie hat. Die Eltern müssen ihr Erziehungsverhalten mit dem Heranwachsen der Kinder verändern und ihnen mit zunehmendem Alter immer mehr Rechte und Pflichten zusprechen. Auch ist wichtig, dass sie ihre Ablösung und Individuation fördern.


Familie mit Jugendlichen

Im Mittelpunkt der fünften Phase des Familienzyklus, die sechs bis acht Jahre lang dauert, steht die Ablösung des Kindes von seiner Familie. Dieser Zeitabschnitt endet in der Regel, wenn der Heranwachsende von zu Hause auszieht, seine erste Arbeitsstelle antritt oder ein Studium beginnt. So dominieren noch die Schule beziehungsweise die Ausbildung im Leben des Jugendlichen, bestimmen einen großen Teil seines Tagesablaufs und spielen auch eine wichtige Rolle in der Familieninteraktion - mit dem Unterschied, dass im Gegensatz zur vierten Phase der Schüler immer mehr Verantwortung für seine Schulleistungen übernehmen muss und immer weniger auf die Hilfe seiner Eltern bei den Hausaufgaben zählen kann. Für viele Heranwachsende fällt in diesen Zeitabschnitt auch die betriebliche Berufsausbildung.

Die fünfte Phase des Familienzyklus beginnt mit der Pubertät des erstgeborenen Kindes. Dieses erlebt nun große Veränderungen im körperlichen, seelischen und intellektuellen Bereich. Es spürt das Erwachen des Sexualtriebes und übernimmt endgültig seine Geschlechtsrolle. Problematisch ist, wenn Heranwachsende Angst vor intimen Beziehungen haben.

Jugendliche verspüren in der Regel einen starken Drang nach Selbstdifferenzierung, Autonomie und Selbständigkeit. Sie möchten immer mehr Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens übernehmen - und müssen das auch, da sie wichtige Entscheidungen zum Beispiel über ihren weiteren Bildungsweg (Besuch der Hochschule, Berufsfachschule, Fachschule usw.) zu fällen sowie einen ihren Interessen und Fähigkeiten entsprechenden Beruf auszuwählen haben. Im Gegensatz zu früher werden ihnen sehr viel mehr Handlungskompetenzen zugesprochen. Sie können also zum Beispiel frei über den Kleidungskauf entscheiden, eine eigene politische Meinung gegenüber Erwachsenen vertreten oder alleine verreisen.

Viele Jugendliche erfahren in dieser Phase des Familienzyklus eine Identitätskrise. Sie experimentieren mit extravaganter Kleidung und auffallenden Frisuren, sind empfindlich, sensibel und leicht zu verletzen, haben Schwierigkeiten im Umgang mit Autorität, Intimität und Abhängigkeit. Häufig suchen sie nach einer eigenen Wertorientierung, indem sie sich mit Philosophien, Religionsanschauungen und Ideologien auseinander setzen. Ferner zeigen sie vielfach ein großes Interesse an Bürgerinitiativen, Umweltschutzorganisationen und ähnlichen Verbänden, wobei sie sich aber nur selten in ihnen engagieren. Die Suche nach einer eigenen Identität, aber auch die Angst vor dem Erwachsenwerden, kann Jugendliche in Sekten und extreme Gruppierungen führen oder zum Experimentieren mit Drogen, Alkohol u. Ä. verleiten. Oft leben Konflikte aus früheren Entwicklungsphasen wieder auf und lassen sich nun endgültig bearbeiten. Die meisten Jugendlichen werden im Verlauf der Zeit mit diesen Schwierigkeiten und mit Problemen im schulischen Bereich, in der Berufsausbildung und bei der Arbeitssuche fertig. Sie erleben diese Phase als eine Zeit der positiven Persönlichkeitsentwicklung und zunehmenden Reife.

Jugendliche engagieren sich vor allem in Gruppen Gleichaltriger, verbringen viel Zeit in ihnen und passen sich ihren Normen an. Durch das Befolgen bestimmter Modetrends symbolisieren sie die Zugehörigkeit zu der jeweiligen Gruppe. Diese übt einen starken Einfluss auf sie aus und erleichtert ihnen die Ablösung von den Eltern, die Individuation und Selbstfindung.

Nahezu alle Jugendliche wohnen noch mit ihren Eltern zusammen. Oft gestaltet sich das Zusammenleben in der Familie recht schwierig. So kommt es zu einer gewissen Entfremdung, hervorgerufen durch andere Lebensbezüge, Werte und Einstellungen. Auch tendieren Jugendliche dazu, die Unterschiede zwischen sich selbst und den Eltern zu betonen, während Letztere eher Ähnlichkeiten herausstellen. Immer wieder kommt es zu Konflikten. Diese entzünden sich diese vor allem an Unordentlichkeit, schlechten Schulleistungen, Schwindeleien, der Dauer des abendlichen Ausgehens, der Kleidung, dem Fernsehkonsum, dem Umgang mit Geld, dem Schminken und den Esssitten. Jungen berichten häufiger von Konflikten aufgrund ihrer Schulleistungen, Umgangsformen und mangelnden Ordnung, während Mädchen sie in erster Linie wegen gegengeschlechtlicher Freundschaften und der Dauer abendlicher Aktivitäten erleben.

In dieser Phase des Familienzyklus nimmt der Einfluss der Eltern immer mehr ab. Sie gestehen ihren Kindern mehr und mehr Rechte zu, bis diese schließlich die Position eines nahezu gleichberechtigten jungen Erwachsenen erreichen. Schließlich bleibt den Eltern nur noch eine Beraterfunktion. Sie müssen die Ablösung der Jugendlichen und die daraus resultierenden Gefühle des Verlustes und der Trauer psychisch verarbeiten. So mögen sie manchmal die unbewusste Versuchung verspüren, diesen Ablösungsprozess zu behindern und die Kinder an sich zu binden. Vereinzelt beschleunigen sie ihn aber auch, indem sie die Jugendlichen zum Beispiel aus Angst vor Inzest aus der Familie ausstoßen.


Literatur

Gloger-Tippelt, G.: Der Übergang zur Elternschaft. Eine entwicklungspsychologische Analyse. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie 1985, 17, S. 53-92.


Autor

Dr. Martin R. Textor
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München


Letzte Änderung: 12.12.2009 14:04:48Zum Seitenanfang