ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜAuf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft - die verlorene Hälfte der WeiblichkeitMartin R. Textor Ein Kind wurde geboren. Die erschöpfte Mutter schließt es in die Arme und strahlt es glücklich an. In den folgenden Wochen bildet sich eine enge Beziehung zwischen beiden heraus. Die Mutter nimmt dank zunehmender Sensibilität und Empathie immer schneller die Bedürfnisse ihres Kindes wahr und befriedigt sie angemessen. Das Kind fühlt sich in ihrer Anwesenheit sicher und geborgen. Es entwickelt sich in einem Kokon aus zärtlichen Berührungen und liebevollen Äußerungen. Jeder neue Entwicklungsschritt wird begrüßt und gewürdigt. Die Mutter empfindet intensive positive Emotionen in der Beziehung zu ihrem Kind. Sie fühlt sich so gebraucht wie noch nie in ihrem Leben. Die symbiotische Beziehung zu ihrem Kind erfüllt sie bis in die tiefsten Schichten ihres Wesens mit Glücksgefühlen. Aber darf eine Frau heute noch so empfinden? "Ach, du Ärmste, die Entbindung hat dich so mitgenommen! Du siehst so schlecht aus!" - "Willst du nicht endlich etwas gegen deinen schlaffen Bauch tun?" - "Was, dein Baby schläft nachts immer noch nicht durch? Das muss ja ein Stress sein!" – "Die Zeit mit dem Kind daheim muss doch sehr langweilig sein! Sehnst du dich nicht schon nach deiner Arbeit?" - "Willst du wirklich drei Jahre zu Hause bleiben? Da verblödest du ja!" – "Müsst ihr euch sehr einschränken, seitdem du nicht mehr arbeitest? Und ein Baby ist doch so teuer!" - "Was, ihr fliegt im Sommer nicht in den Süden? Willst du wirklich hier in Deutschland versauern?" - "Meinst du, dein Kind ist nicht viel besser in der Krippe oder im Kindergarten aufgehoben? Dort wird es doch schließlich gebildet!" Immer weniger Menschen in unserer Gesellschaft können sich noch vorstellen, dass man als junge Mutter wirklich glücklich sein kann. Frauen, die mit sechs Stunden Schlaf auskommen, weil sie nach der Arbeit oft Filme im Kino anschauen, Freunde besuchen, in Discos gehen oder lange fernsehen, beklagen den "Schlafentzug" durch das Baby - obwohl ein Säugling rund 16 bis 19 Stunden schläft und so auch die junge Mutter immer wieder die Gelegenheit zu einem "Nickerchen" hat. Das Baby wacht nur eben alle vier Stunden auf... Zweimal in der Nacht für jeweils eine halbe Stunde - ist das nicht schrecklich? Menschen, die wissen, dass die meisten Berufe stressig oder langweilig und eintönig sind, die sich wie viele Berufstätige kaum noch mit ihrer Arbeit identifizieren und nur "ihren Job" machen, bejammern, dass sich die junge Mutter nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz "selbst verwirklichen" kann. Menschen, die den zunehmenden Materialismus in unserer Gesellschaft und die sich immer weiter ausbreitende "Haben-Mentalität" beklagen, unterstellen jungen Eltern, dass sie wegen ihres Kindes und der Berufsunterbrechung der Frau nun an der Armutsgrenze "dahinvegetieren" und sich nichts mehr "leisten" können. Kaum jemand in unserer Gesellschaft kann sich noch vorstellen, dass ein junges Paar, das sich bewusst für ein Kind entschieden hat, damit auch freiwillig die damit verbundenen Einschränkungen in Kauf nimmt. Es scheint fast unvorstellbar zu sein, dass die Freude am Baby und an seiner Entwicklung, die intensiven Gefühle der Liebe und Zuneigung, die engen Bindungserfahrungen reichlich für Schlafentzug, Berufsverzicht und materielle Einschränkungen entschädigen können. Die junge Mutter macht sich fast schon lächerlich, wenn sie behauptet, sie könne sich in der Erziehung ihres Kleinkindes besser selbst verwirklichen als in ihrem Beruf, da ganz tiefe Schichten ihres Wesens angesprochen würden und sie nur hier intensive Glücksgefühle empfinden würde. Mutterschaft als Teil der Weiblichkeit ist "out". Ihr Beitrag zur Selbstaktualisierung der Frau, zu ihrem gesellschaftlichen Ansehen und zu ihrer potenziellen Zufriedenheit wird nur noch als gering eingeschätzt. Der Beruf zählt viel, viel mehr, zumal er mit materiellen Gratifikationen verbunden ist. Und eine erwerbstätige Frau ist immer gut frisiert, chic gekleidet und körperlich "gut drauf"! Sie hat keinen so faltigen Bauch wie eine junge Mutter, die immer so "salopp" gekleidet ist und deren Pullover oft Spuren von Babybrei aufweist... Nun gut, es sei zugegeben, Mutterschaft ist noch nicht ganz "out": Ein oder zwei Jahre mit einem "süßen" Baby zu verbringen, ist ganz schön - selbst prominente Film- und Popstars genießen das ja. Aber spätestens nach drei Jahren sollte frau zurück an ihren Arbeitsplatz! Dann kann sie sowieso nicht mehr die Entwicklung ihres Kindes angemessen fördern. Ab mit den "Sprösslingen" in den Kindergarten - dort werden sie acht Stunden am Tag von professionellen Fachkräften erzogen und gebildet. Da kann keine Mutter mithalten! Genauso wie es ein Mythos ist, dass junge, nicht erwerbstätige Mütter sich nicht zu Hause selbst verwirklichen und zufrieden bzw. glücklich sein können, ist es auch ein Mythos, dass Fremdbetreuung generell besser als Familienerziehung sei:
Damit soll die Kindertagesbetreuung keinesfalls abqualifiziert werden: Für jedes Kind ist der Besuch einer Kindertagesstätte empfehlenswert, weil es hier viele neue (Lern-) Erfahrungen macht, gruppenfähig wird, kommunikative und Konfliktlösungsfertigkeiten entwickelt usw., sich also in der Regel positiv weiterentwickelt. Für Kinder aus unteren sozialen Schichten und aus Migrantenfamilien ist ein möglichst frühzeitig beginnender und langer Besuch besonders wichtig, da sie oft in ihren Familien nicht genügend sprachlich und intellektuell gefördert werden und insbesondere Migrantenkinder von den in nahezu allen Kindergärten angebotenen Sprachkursen profitieren können. Hier geht es um etwas anderes: die Abqualifizierung der familialen Erziehungs- und Bildungsfunktion. Müttern (und natürlich auch Vätern) wird seitens der Gesellschaft und Politik immer offensiver vermittelt, dass Kleinkinder in Kindertageseinrichtungen besser aufgehoben wären als in der Familie und so früh wie möglich dort angemeldet werden sollten. In der Bildungseinrichtung "Kita" würde ihre Entwicklung allseitig gefördert.
Und so ist es immer häufiger (und "normaler"), dass Eltern ihre Erziehungs- und Bildungsfunktion an die Kindertagesstätte delegieren. Dementsprechend verbringen sie auch immer weniger Zeit mit ihren Kindern: Laut Hochschild (2002) hatten amerikanische Eltern 1996 durchschnittlich 22 Stunden pro Woche weniger Zeit für ihre Kinder als 1969. Inzwischen wird die "Familienzeit" vermutlich noch weiter abgenommen haben. Ähnliches dürfte auch für Deutschland gelten. Viele Eltern beschränken sich heute auf Betreuungsaufgaben (Ernährung der Kinder, Waschen, An-/ Auskleiden, Schlaf) und Freizeitangebote (Fernsehen, Ausflüge, Versorgen mit Spielen, CDs, Spielsachen usw.). Die Mutter- und Vaterrolle wird somit auf Teilaspekte reduziert. Dazu trägt auch die weit verbreitete Erziehungsunsicherheit - oft in Verbindung mit mangelnden Erziehungskompetenzen - und die abnehmende Bereitschaft bei, sich auf die eigene Intuition im Umgang mit dem Kind zu verlassen. Es ist dann leichter, Erziehung an "Fachleute" zu delegieren... Wenn die Familie aber in höherem Maße als Kindertagesstätte und Schule den Schulerfolg von Kindern prägt, ist es sehr gefährlich, wenn Elternschaft auf Betreuung und Freizeitgestaltung der Kinder beschränkt wird. Diese Kinder sind - selbst wenn sie einen guten Kindergarten besuchen und das Glück haben, in der Grundschule gute Lehrer/innen zu haben - gegenüber Kindern aus Familien mit folgenden bildungsrelevanten Merkmalen benachteiligt:
Hinzu kommt, dass Elternschaft aufgrund der skizzierten Entwicklung auch zunehmend unbefriedigend wird. Die enge Beziehung zum Kleinkind wird sehr schnell locker, Konflikte werden häufiger, Eltern und Kind leben sich rasch auseinander. Eine der negativsten Ergebnisse der "PISA"-Studie war, dass in Deutschland Jugendliche viel weniger mit ihren Eltern sprechen als in anderen Ländern, und kaum über Themen, die sie wirklich interessieren. Die Elternrolle ist hier weiter reduziert worden: auf Ernährung und Wäschepflege sowie auf das Bereitstellen von Geld für die Konsumwünsche und Freizeitaktivitäten der Jugendlichen. Aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen und der kleinen Zahl von Kindern ist Mutterschaft im Vergleich zu früheren Jahrhunderten sowieso nur noch eine relativ kurze Phase im Leben einer Frau. Die frühzeitig beginnende Reduzierung der Mutterrolle um Erziehungs- und Bildungsfunktionen lässt Mutterschaft aber noch bedeutungsloser werden - und führt damit zum Verlust eines "klassischen" Bestandteils der Weiblichkeit. Das "gemachte" KindErziehungs- und Bildungsfunktionen werden von Eltern aber nicht nur an Kindertagesstätten und Schulen delegiert, sondern auch an eine Vielzahl weiterer Institutionen und Einzelpersonen: Musik-, Mal- und Ballettschulen, Sportvereine, Anbieter von Computer- und Sprachkursen usw.Tauchen auch nur kleine Abweichungen von der Norm auf, denken Eltern nicht wie früher "Das wird schon werden" oder "Das renkt sich von selbst wieder ein". Sie versuchen nicht mehr, selbst dem Kind zu helfen, sondern beanspruchen gleich beratende oder therapeutische Dienste. So hat jedes vierte Kind mit acht Jahren bereits eine (Ergo-, Logo-, Psycho-) Therapie hinter sich (STERN 39/2007). Entsprechen die Schulleistungen nicht den Erwartungen der Eltern, werden Nachhilfeinstitute und -lehrer genutzt; beispielsweise bekommt schon jeder fünfte Dritt- und Viertklässler in Bayern Nachhilfeunterricht (a.a.O.). Kinder werden also immer seltener sich selbst überlassen, haben immer weniger Freizeit, sind immer seltener draußen, können immer weniger mit Freunden spielen. Anstatt sich relativ frei und selbstbestimmt entwickeln zu können, werden sie von Fachleuten besonders gefördert. Viele Klein- und Grundschulkinder haben bereits einen vollen Terminkalender und wechseln im Verlauf eines Tages mehrfach die "Bildungsstätte". Sie sollen entsprechend der Vorstellungen ihrer Eltern von den beauftragten Professionellen "gemacht" werden. So fühlen sich Kinder in ihrer Familie nicht mehr wohl, weil sie nicht mehr so angenommen und akzeptiert werden, wie sie sind. Gemütlichkeit adeNoch ein anderer wichtiger Bestandteil der Frauenrolle neben der Mutterschaft wird immer unwichtiger: die Haushaltsführung. Zum einen ist diese Familienfunktion noch stärker von der Gesellschaft abgewertet worden wie die Elternschaft: Eine Hausfrau ohne Kinder zu sein heißt inzwischen, ganz am Ende der gesellschaftlichen Rangskala zu stehen. Wer mehrere Kinder hat, sollte die Hausfrauenrolle spätestens dann abstoßen, wenn das jüngste Kind eingeschult wird. Zum anderen fehlt Frauen aufgrund der zunehmenden Erwerbstätigkeit einfach die Zeit für die Haushaltsführung. Fertiggerichte aus dem Tiefkühlfach oder aus der Dose, der Besuch eines Fastfoodrestaurants bzw. einer Imbissbude, eine Breze aus der Hand oder Süßigkeiten bzw. Snacks ersetzen selbst gekochte Gerichte und tragen damit zu der sich in Deutschland immer mehr ausbreitenden Mangelernährung und Fettleibigkeit bei. Gut kochen zu können wird immer weniger zu einem Teil der Frauenrolle - und die wirklich guten Köche sind sowieso Männer...Die mangelnde Wertschätzung und die geringe Zeit für die Haushaltsführung bedingen aber auch die in immer mehr Familien fehlende "Gemütlichkeit". Dieser Begriff wirkt schon fast wie ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert, als treusorgende Bürgerfrauen das traute Heim mit Pflanzen, selbst gepflückten Blumensträußen und selbst gehäkelten Deckchen ausstatteten, den Ehemann abends liebevoll empfingen, ihm auf dem Klavier vorspielten und dazu sangen, den Tisch geschmackvoll deckten, selbst gekochte Speisen auftrugen, mit ihren Kinder malten und Plätzchen backten, ihnen am Ofen sitzend Märchen erzählten usw. Viele Wohnungen sind heute rationell ausgestattet, wirken kühl und unwohnlich. Oft sind sie nur noch Durchgangsstationen von der Arbeit zur Arbeit oder von der einen außerhäuslichen Freizeitaktivität zur nächsten. Selbst wenn Kinder im Haushalt leben, sehen sich die Familienmitglieder nur selten, da sich das Leben des Einzelnen in "seinem" oder "ihrem" Raum bzw. außerhalb der Wohnung abspielt und gemeinsame Aktivitäten (selbst das Fernsehen miteinander) die Ausnahme sind. Die mangelnde Gemütlichkeit, für die traditionell die Ehefrauen zuständig waren, trägt zu der schon erwähnten frühzeitigen Lockerung der Mutter-(Eltern-)Kind-Beziehung bei: Es ist einfach nicht mehr schön, zu Hause zu sein. Die Wohnung ist nicht mehr das "traute Heim", der "ruhige Pol" oder der "Hort der Geborgenheit". Es hält einen nichts mehr zu Hause - und dieser eine ist oft auch der (Ehe-) Partner, dem das Ausziehen nicht schwer fällt, wenn ein neuer Partner lockt oder die Beziehung zu problematisch geworden ist. Wenn zwei vollerwerbstätige Menschen mit separaten Berufsverläufen und eigenen sozialen Netzwerken zusammenleben und sich dieses Zusammenleben auf gelegentliche Freizeitaktivitäten beschränkt, ist eine Entfremdung oft vorprogrammiert... SchlusswortDieser Artikel ist keinesfalls als ein Plädoyer "Zurück zur bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts!" zu verstehen. Er ist auch nicht als Schuldzuweisung an Frauen gedacht. Zum einen ist er eine Zustandsbeschreibung: Die Frauenrolle hat sich geändert, wichtige Bestandteile haben an Bedeutung verloren, andere sind hinzugekommen (z.B. eigene Berufsausbildung, außerhäusliche Erwerbstätigkeit, Emanzipation). Zum anderen sollte verdeutlicht werden, dass negativen Entwicklungen dringend entgegengewirkt werden sollte: Insbesondere sind Mutter- und Vaterschaft sowie die Bildungs- und Erziehungsfunktion von Familien aufzuwerten, sind Eltern entsprechend zu unterstützen. Mütter und Väter sollten motiviert werden, sich bei der Erziehung mehr auf ihre Intuition zu verlassen, den Selbstzweck des Kindes zu respektieren und ihm mehr Freiraum für die selbstbestimmte Entwicklung zu lassen sowie sich von der Vorstellung zu lösen, ein Kind könnte "gemacht" werden. Aber auch das Bewusstsein ist (wieder) zu wecken, dass die Wohnung ein gemütliches Heim sein sollte, wo Menschen sich wohl und geborgen fühlen, häufig miteinander kommunizieren und Zeit gemeinsam aktiv gestalten. Und hierfür sollten alle Familienmitglieder verantwortlich sein - nicht mehr nur die Frauen!Zum WeiterlesenTextor, M.R.: Die Familie in Gegenwart und Zukunft. Positionen, Provokationen, Prognosen. Norderstedt: BoD 2009 Literatur
Burns, J.: The Correlational Relationship between Homeschooling Demographics and High Test Scores. Manuskript 1999, http://www.eric.ed.gov/ERICDocs/data/ericdocs2sql/content_storage_01/0000019b/80/16/1a/f9.pdf Autor
Dr. Martin R. Textor | |||
Letzte Änderung: 11.11.2009 10:24:02 |