ZUM TEXTHauptmenüHauptseiteFamilienhandbuch-Forum Stichwortsuche von A bis ZAktivitäten mit KindernAngebote/Hilfen Behinderung Elternschaft Ernährung Erziehungsbereiche Erziehungsfragen Familie und Beruf Familienbildung Familienforschung Familienpolitik Gesundheit Häufige Probleme Haushalt/Finanzen Jugendforschung Kindertagesbetreuung Kindheitsforschung Kindliche Entwicklung Leistungen für Familien Partnerschaft Rechtsfragen Schule Teil- und Stieffamilien Trennung/Scheidung VerschiedenesImpressumKontakt | ZUM MENÜDer werdende VaterHarald Werneck Obwohl das Interesses am Thema "Übergang zur Elternschaft" in den letzten Jahren relativ stark gestiegenen ist - eine Übersicht über einschlägige Studien dazu findet sich etwa bei El-Giamal (1996) - existieren im deutschsprachigen Raum nur vereinzelt Forschungsarbeiten, die sich auf die Situation der (werdenden) Väter konzentrieren. Um dieses in den letzten Jahrzehnten bestehende Ungleichgewicht in der Elternforschung, welches nicht zuletzt auf Bowlbys (1951) Paradigma über die Exklusivität der Mutter-Kind-Beziehung zurückzuführen ist, ein wenig auszugleichen, analysiert der vorliegende Artikel vorwiegend das Erleben und Verhalten der Väter in der Zeit um die Geburt des Kindes. Die ihm zugrunde liegende Studie erfolgte im Rahmen bzw. in Weiterführung eines interkulturell konzipierten Forschungsprojektes zum Übergang zur Elternschaft. Die Idee bzw. Initiative zu diesem interkulturellen Forschungsprojekt geht zurück auf Prof. Dr. Horst Nickel, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (vgl. z.B. Nickel 1990, 1996), wobei sich der vorliegende Artikel auf die Analyse der österreichischen Stichprobe bezieht (Leiterin des österreichischen Teilprojektes: o.Univ.-Prof. Dr. Brigitta Rollett, Universität Wien). Kinder als Belastung bzw. WertIn den letzten Jahrzehnten läßt sich eine zunehmende Beteiligung der Väter an familialen Belangen, insbesondere auch während des Übergangs zur Elternschaft, feststellen. Dies zeigt sich z.B. in der in den deutschsprachigen Ländern auf ca. 90% gestiegenen Anwesenheitsrate der Väter bei der Geburt ihrer Kinder. Sowohl die belastenden als auch die angenehmen, mit Freude bzw. Befriedigung ("Gratifikationen") verbundenen Veränderungen durch die Geburt eines Kindes werden zunehmend unmittelbarer und intensiver erlebt.Das Ausmaß des subjektiv erlebten Anstiegs der Belastungen im Zuge des Übergangs zur Vaterschaft wird beispielsweise in Zusammenhang gebracht mit den Erfahrungen in der Herkunftsfamilie (Belsky & Pensky 1988), der sozialen Unterstützung (Brüderl 1989) oder dem Temperament des Kindes (Grossman 1988). Diese Variable gilt vor allem für die Väter als wichtiger Belastungsregulator (Reichle 1994). Die Unsicherheiten mit dem Kind werden großteils durch die mangelnde praktische Erfahrung der Väter im Umgang mit Säuglingen, die Individualität des Kindes, zu geringe Kenntnis über die Pflege und Entwicklung des Babys sowie zuviel widersprüchliche Information durch Ratgeberliteratur erklärt (Bartoszyk & Nickel 1986). Feldman (1987) fand fünf Faktoren, welche 69% der Varianz des väterlichen Belastungserlebens ein halbes Jahr nach der Geburt erklären konnten: allgemeiner Streß (während der Schwangerschaft der Partnerin), Änderungen im Selbstkonzept der Frau, Ungeplantheit der Schwangerschaft, negatives Erleben der Schwangerschaft durch den Mann und geringes Alter der Frau. Meyer (1988) weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf die entsprechende Berücksichtigung möglicher intervenierender Variablen für den subjektiven Belastungsanstieg der Väter hin, wie etwa seine berufliche Weiterentwicklung oder die erhöhte Belastung seiner Partnerin. Diesen als mehr oder weniger ausgeprägt erlebten Beschwernissen in der Zeit um die Geburt des Kindes stehen in der Regel positive, als angenehm empfundene Aspekte gegenüber. Hoffman und Hoffman (1973) entwarfen erstmals eine Systematik positiver Werte, die Kinder für ihre Eltern darstellen können, und führten hier etwa folgende Gesichtspunkte an: das Erreichen sozialer Identität durch eigene Kinder (Erwachsenenstatus), Selbstverwirklichung, die Erweiterung der Erlebnisdimensionen, Kinder als Bereicherung, das Weiterleben in den eigenen Kindern, das Fortbestehen der eigenen Familie, religiöse Aspekte, emotionale Bindung an die Kinder, Anregung und Freude, die eigene Jugend erneut aufleben lassen, Kinder als neue Herausforderung oder als Gelegenheit zur Machtausübung. Olbrich und Brüderl (1986) nennen ergänzend dazu den ökonomischen Nutzen durch Kinder (z.B. Arbeitskraft, Alterssicherung), den Statusgewinn bzw. das Prestige sowie Kinder als Zeichen von Fruchtbarkeit/ Potenz. Eine Zweiteilung der positiven Werte von Kindern in emotionale und funktionale nimmt Grant (1992) vor und führt als Beispiele an: Kinder machen Freude und Spaß, erweitern die Persönlichkeit, die eigene Kompetenz und das Selbstwertgefühl, machen glücklich bzw. stolz, gehören einfach zu einer Familie dazu (emotionale Werte). Kinder gelten als Bereicherung für die Ehebeziehung, als Ehekitt, als Alterssicherung, Brücke zur Herkunftsfamilie, Quelle sozialer und gesellschaftlicher Anerkennung sowie dienen zur Vorbeugung gegen Einsamkeit (funktionale Werte). Das Ausmaß bzw. die Gewichtung der einzelnen positiven Wertkategorien schwankt interkulturell, aber auch innerhalb eines Kulturkreises und von Einzelfall zu Einzelfall teilweise beträchtlich (vgl. z.B. Fawcett 1988; Werneck 1996). Umso interessanter und dringlicher erscheinen Studien, die sich eine genaue Analyse der Wertvorstellungen und Einstellungen werdender Eltern, speziell der Väter, unter Berücksichtigung der jeweiligen Umweltgegebenheiten zum Ziel setzen. Diskussion der Resultate des Forschungsprojekts "Familienentwicklung im Lebenslauf"Hinsichtlich belastender bzw. belohnender Aspekte des Übergangs zur Vaterschaft lassen sich - von notwendigen Differenzierungen bzw. Relativierungen abgesehen - doch gewisse Regelmäßigkeiten feststellen. Eine wichtige Erkenntnis betrifft den hohen Einfluß der Partnerschaftsqualität auf die Bewältigung des Übergangs zur Vaterschaft. Die Art und Weise, wie die Eltern miteinander umgehen, reguliert in beträchtlichem Ausmaß das Erleben der Vaterschaft. Auch wenn hier realistischer Weise von Wechselwirkungen ausgegangen werden muß, so legen Kausalanalysen doch auch direkte ursächliche Zusammenhänge nahe, etwa zwischen stark ausgeprägtem Streitverhalten sowie gering empfundener Zärtlichkeit der Partnerin einerseits und dem Belastungserleben des Vaters andererseits. Umso bedenklicher scheinen in diesem Zusammenhang die allgemein als negativ einzuschätzenden Entwicklungen im Partnerschaftsbereich (speziell bei Erstvätern) - wobei nicht geklärt ist, inwieweit es sich hier um einen reinen Zeiteffekt im Sinne eines Desensibilisierungs- oder Gewöhnungseffektes handelt (vgl. z.B. Cowan & Pape Cowan 1993; Huwiler 1995) und inwieweit um ein kausal auf das Ereignis der Geburt eines Kindes bzw. die Familienerweiterung zurückzuführendes Phänomen (vgl. z.B. Gloger-Tippelt et al. 1995).Ein spezieller Aspekt betrifft hier den Bereich der Sexualität, der sich im Untersuchungszeitraum weitaus ungünstiger entwickelt, als vor der Geburt des Kindes erwartet. Dieser Tatsache gilt es insofern besondere Beachtung beizumessen, als - wie aus anderen Studien hervorgeht (z.B. Reichle 1994) - eine Einschränkung in der partnerschaftlichen Sexualität bei Männern am höchsten mit der Partnerschaftsunzufriedenheit korreliert. Bei Frauen finden sich hingegen Zusammenhänge der Partnerschaftszufriedenheit mit Einschränkungen in den Bedürfnissen nach Wohlstand, nach Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit dem Partner, nach Respekt des Partners, Verständnis des Partners und gemeinsamen Unternehmungen mit dem Partner, nicht aber mit der partnerschaftlichen Sexualität (Reichle 1994, S. 283). Ein zweiter potentieller Risikobereich für die Väter ergibt sich durch die häufig beobachtbare Einschränkung der Sozialkontakte, vor allem in den ersten Monaten nach der Geburt des Kindes, was sich wohl am plausibelsten mit dem erhöhten Zeitaufwand für das Baby erklären läßt. Zeitmangel muß generell als wichtiger Erklärungsfaktor für das Belastungserleben (zumindest teilweise) in Betracht gezogen werden - in der Regel geht die Phase der Familiengründung bzw. -erweiterung auch einher mit einer vergleichsweise zeitintensiven beruflichen Aufbauphase. Die Reduktion des Freundeskreises bzw. der Treffen mit Freunden, Bekannten und Kollegen kommt in weiterer Folge oft mit zeitlicher Verzögerung, beim dritten Befragungstermin (ca. drei Jahre später), insofern zum Tragen, als sie dann erst als echte Einschränkung empfunden wird. Die Außenorientierung der Väter scheint zuzunehmen, auch wenn der Familie noch immer grundsätzlich höhere Bedeutung beigemessen wird als beruflichen Werten, was sich auch in dem Wunsch der Väter nach mehr Zeit für die Familie ausdrückt. Dies ist auch insofern bemerkenswert, als Mütter eher divergierende Prioritäten äußern - nämlich das Bedürfnis bzw. den Wunsch, öfter alleine zu sein -, woraus sich wiederum auf eine potentielle Konfliktquelle im Partnerschaftsbereich schließen läßt. Das Kind selbst bzw. dessen Pflege stellt durchschnittlich ein relativ geringes Belastungsmoment für Väter - ihren eigenen Angaben entsprechend - dar, was damit zusammenhängen dürfte, daß die Hauptlast der Arbeit mit den Kindern überwiegend von den Müttern geleistet wird. Bestätigt wird dies durch jene Ergebnisse, wonach Väter sich dann verstärkt durch Kinder belastet fühlen, wenn sie mehr Verantwortung für sie übernehmen. Positiv auf das Erleben der Vaterschaft wirkt sich in erster Linie die Freude am Umgang mit Kindern aus. Gemeinsame Aktivitäten mit dem Kind - Väter nützen die ihnen mit dem Kind verfügbare Zeit überwiegend für spielerische Tätigkeiten - sind demnach in der Lage, väterliche Belastungserlebnisse zumindest anteilsmäßig zu kompensieren. Eine wesentliche Regulatorfunktion hinsichtlich der subjektiven Qualität des Übergangs zur Vaterschaft ist den grundsätzlichen Einstellungen zur Elternschaft und zu Kindern beizumessen. So erweist sich etwa eine hohe Wertschätzung der Familie allgemein und von (eigenen) Kindern im speziellen als förderlicher für eine positive Bewältigung der spezifischen Anforderungen an den Vater als soziodemographische Parameter, wie z.B. hohes Einkommen, ein hoher Bildungsgrad oder der Faktor Alter. Ausgehend von einer biographisch früh anzusetzenden Beeinflussung der entsprechenden Einstellungen (etwa hinsichtlich der Rollenverteilungen zwischen Vätern und Müttern, vor allem nach dem Prinzip des Modellernens), lassen sich dementsprechend die Wurzeln für das spätere Vaterschaftserleben zu einem relativ hohen Anteil bereits in der Kindheit bzw. Jugend vermuten. Neben diesen Einstellungsdimensionen üben einzelne Einflußgrößen, wie die Geplantheit bzw. Erwünschtheit des Kindes oder dessen Geschlecht, ebenfalls einen beträchtlichen, häufig unterschätzten Einfluß auf die Qualität des Übergangs zur Vaterschaft aus. In Abwägung der vorliegenden Angaben zu den beschriebenen subjektiven Belastungsfaktoren bzw. Gratifikationen der Väter läßt sich trotz spezifischer Risikobereiche zusammenfassend auch für Väter jenes Resümee vergleichbarer Studien an Müttern (z.B. Huwiler 1995) bestätigen, wonach die mit Kindern verbundenen "Gewinne" die "Kosten" überwiegen. Literatur
Bartoszyk, J. & Nickel, H. (1986). Teilnahme von Vätern an Säuglingspflegekursen und ihr Betreuungsverhalten in den ersten Lebenswochen des Kindes. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 35, 254-260. QuelleGekürzte und überarbeitete Fassung eines Artikels in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 1997, 44, 276-288. AutorUniv.-Ass. Mag. Dr. Harald Werneck, Klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe Adresse
Dr. Harald Werneck | ||
Letzte Änderung: 12.08.2005 12:45:14 |