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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Vater werden – Umbruchphase im Leben eines Mannes

Gabriele Peitz


Väter im Blickpunkt der Forschung

Das Erleben von Schwangerschaft und Entbindung

Die erste Zeit der Elternschaft

Zusammenfassung und Fazit


Die Gründung der eigenen Familie ist ein Ereignis, dessen Bedeutung und Reichweite häufig unterschätzt wird. Die kommende Elternschaft wird im Allgemeinen als „freudiges Ereignis“ angesehen und mit positiven Aspekten wie persönliche Erfüllung und Weiterentwicklung, Spaß und Freude sowie Bereicherung der Partnerschaft verknüpft. Schwierigkeiten werden meist nur dann erwartet, wenn zusätzliche Belastungen hinzukommen oder die Ausgangsbedingungen besonders ungünstig sind: wenn beispielsweise die Schwangerschaft unerwünscht ist oder sehr ungelegen kommt, wenn die künftigen Eltern sehr jung sind, eine Behinderung des Kindes droht oder auch wenn die finanzielle Situation der jungen Familie angespannt ist.

Gerade die werdenden Väter sind sich oftmals nicht bewusst, wie umfassend die Geburt ihres ersten Kindes auch „im Normalfall“ ihr Leben verändern wird. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich. Während für werdende Mütter eine Vielfalt von vorbereitenden Angeboten existiert und die Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft und kommenden Mutterschaft gesellschaftlich anerkannt und durch das soziale Umfeld gefördert wird, gilt dies nicht für werdende Väter. Angebote für diese Zielgruppe sind Mangelware. Werdenden Vätern wird so signalisiert, dass sie von diesem Ereignis kaum direkt betroffen sind und es für sie eigentlich nichts gibt, worauf sie sich vorbereiten müssten.

Väter im Blickpunkt der Forschung

Wie sieht es nun tatsächlich aus? Welche Veränderungen bringt die Familiengründung für Männer mit sich? Was sind ihre Sorgen und Ängste? Welche Erfahrungen machen sie? Und welche Veränderung nehmen sie in ihrer Partnerschaft wahr?

Diesen Fragen wird im Folgenden auf der Basis einer Reihe von psychologischen und soziologischen Studien nachgegangen. Zwar werden die Auswirkungen der Familiengründung auf junge Eltern und deren Partnerschaft bereits seit den 1960er Jahren von der Forschung in den Blick genommen. Jedoch wurde anfänglich auch in der Wissenschaft vor allem das Erleben und die Erfahrungen der Mütter fokussiert. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist in Deutschland auch die Sicht der Väter verstärkt ins Blickfeld gerückt. Eine aktuelle familienpsychologische Studie, die die Perspektive von Müttern und Vätern einbezieht, ist die LBS-Familien-Studie „Übergang zur Elternschaft“ (siehe Kasten). Die Ergebnisse dieser Studie bilden den Schwerpunkt der Darstellung. Dabei werden nicht nur die Erfahrungen der Väter dargestellt, sondern an vielen Stellen auch die der Mütter einbezogen, da sich im Vergleich der Perspektiven beider Geschlechter Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Wahrnehmung, im Erleben und Verhalten klarer herausstellen lassen.

In der LBS-Familien-Studie „Übergang zur Elternschaft“ (Fthenakis, Kalicki & Peitz, 2002) wurden, beginnend im letzten Drittel der Schwangerschaft, insgesamt 175 Paare, die zu Beginn der Studie ein gemeinsames Kind erwarteten (bei der Hälfte der Paare handelte es sich um das erste Kind), mit Hilfe von Fragebögen wiederholt zu zentralen Themen des individuellen Erlebens sowie der Partnerschafts- und Familienentwicklung befragt. Der gesamte Erhebungszeitraum umfasst nahezu neun Jahre. Erfragt wurden – neben demografischen Angaben und Daten zur äußeren Lebenssituation der Familie – Einschätzungen zu Schwangerschaft und Entbindung, die Erfahrungen in der Elternrolle, Aspekte der Paarbeziehung, Persönlichkeitsmerkmale und Befinden der Befragungsteilnehmer, aber auch Informationen zur Entwicklung des Kindes. Neben dem beachtlichen Zeitintervall und dem breit angelegten Themenkatalog der Befragungen ist diese Studie durch den Einbezug beider Partner gekennzeichnet. Die vorliegenden Daten ermöglichen daher Aussagen über die Situation und die Perspektiven der Väter, sowie über die Frage, unter welchen Bedingungen die Anpassung an die Vaterrolle gelingt.


Das Erleben von Schwangerschaft und Entbindung

Vaterschaft beginnt nicht erst mit der Geburt des Kindes. Die Auseinandersetzung mit der künftigen Vaterrolle setzt bereits lange zuvor ein: mit Überlegungen, ob man überhaupt Kinder haben will und ob man sie mit der gegenwärtigen Partnerin haben will, wann es soweit sein soll und was für eine Art von Vater man sein will. Ist dann die Schwangerschaft eingetreten, intensiviert sich die Auseinandersetzung und geht häufig mit intensiven Gefühlen einher: mit Freude, Stolz und Glücksgefühlen, aber auch mit Zweifeln, Ängsten und Gefühlen der Überforderung.

Gefühle der Väter mit Blick auf die Schwangerschaft der Partnerin

In der LBS-Familien-Studie wurden die werdenden Väter (und auch die werdenden Mütter) im letzten Schwangerschaftsdrittel nach ihren Gefühlen mit Blick auf die Schwangerschaft und die bevorstehende Elternschaft befragt. Sie sollten das Ausmaß ihrer Freude über die Schwangerschaft und den Stolz auf die Schwangerschaft einschätzen, aber auch die Bedrohlichkeit dieses Ereignisses und ihren Ärger über die Schwangerschaft. Dabei sollten sie zum einen eine Einschätzung ihrer aktuellen Haltung („Wie sehr freuen Sie sich heute über die Schwangerschaft?“ „Wie bedrohlich ist es für Sie heute?“ etc.) vornehmen. Zum anderen sollten sie – im Rückblick – ihre emotionale Reaktion auf die Nachricht von der Schwangerschaft („Wie sehr haben Sie sich über die Schwangerschaft gefreut, als Sie davon erfuhren?“ „Wie bedrohlich war es für Sie seinerzeit?“ etc.) einschätzen.

Abbildung 1 beinhaltet die Einschätzungen für die vier Emotionen „Freude“, „Stolz“, „Ärger“ und „Bedrohlichkeit“. Dabei handelt es sich (wie auch bei den folgenden Darstellungen) um Durchschnittswerte aus den Einschätzungen aller Teilnehmer. Diese Durchschnittswerte kennzeichnen somit einen allgemeinen Trend, wobei die individuellen Einschätzungen nach oben und unten variieren.

Positive Gefühle überwiegen

Die Abbildungen zeigen deutlich, dass das Erleben der werdenden Väter stark durch die positiven Emotionen Freude und Stolz geprägt wird. Negative Emotionen, wie Bedrohungsgefühle oder Ärger werden demgegenüber sehr selten genannt. Die positiven Emotionen Freude und Stolz nehmen während der Schwangerschaft weiter zu, negative Gefühle der Bedrohlichkeit und des Ärgers über die nahende Elternschaft nehmen hingegen ab.

Kaum Unterschiede zwischen werdenden Vätern und Müttern

Der Vergleich der Angaben der werdenden Väter mit denen der werdenden Mütter zeigt, dass das Erleben der werdenden Väter in dieser Hinsicht kaum von dem der werdenden Mütter abweicht; nur die Zunahme der positiven Emotionen fällt bei den Frauen etwas stärker aus als bei den Männern.

 Bewertung der Schwangerschaft zu Beginn und gegen Ende bei Frauen und Männern


Abbildung 1: Emotionale Bewertung der Schwangerschaft zu Beginn (rückblickende Einschätzung: schwarze Balken) und gegen Ende der Schwangerschaft (momentane Einschätzung: graue Balken) bei Frauen und Männern (Antwortskala jeweils von 0/„überhaupt nicht“ bis 8/„äußerst“) – Ergebnisse der LBS-Familien-Studie


Ängste und Befürchtungen der Männer mit Blick auf die Entbindung

Mit dem Fortschreiten der Schwangerschaft und dem Näherrücken des Geburtstermins intensiviert sich zwar einerseits Freude und Stolz, werden andererseits häufig aber auch Ängste und Befürchtungen vor der Entbindungssituation wach. In der LBS-Familien-Studie wurden die werdenden Väter zwei bis drei Monate vor der Entbindung zu ihren Ängsten befragt. Thematisiert wurden hierbei drei Facetten: die Angst um die Gesundheit von Frau und Kind; die Angst vor Kontrollverlust und die Angst, die Situation selbst nicht durchstehen zu können. Die Männer sollten jeweils angeben, wie sehr sie vor den einzelnen Situationen Angst haben (Antwortmöglichkeiten: „gar nicht“, „etwas“, „stark“, „sehr stark“).

Ängste um Frau und Kind weit verbreitet

Tabelle 1 gibt anhand von Beispiel-Items einen Eindruck von den Ängsten der werdenden Väter. Weit verbreitet sind Ängste vor gesundheitlichen Schädigungen von Frau und Kind: so äußern 38 Prozent der Männer, dass sie „starke“ oder „sehr starke" Angst vor Missbildungen des Kindes haben und 32 Prozent, dass sie Angst vor Schädigungen des Kindes durch die Entbindung haben. Auch Ängste vor Kontrollverlust und der eigenen Hilflosigkeit werden häufig genannt: Beispielsweise haben 41 Prozent Angst davor, die Schmerzen der Frau hilflos mit ansehen zu müssen und 35 Prozent vor unvorhergesehenen Komplikationen. Relativ selten sind hingegen Befürchtungen, die Entbindungssituation selbst nicht durchstehen zu können.

Tabelle 1: Ängste von Männern angesichts der bevorstehenden Entbindung (Geburt des ersten Kindes) – Ergebnisse der LBS-Familien-Studie (Angaben in Prozent)

Wie sehr haben Sie Angst...gar nicht etwas stark sehr stark
Angst um Frau und Kind 
vor Missbildungen des Kindes 11 51 21 17
dass das Kind bei der Entbindung zu Schaden kommt 15 53 20 12
vor ärztlichen Kunstfehlern 21 58 12 10
dass die Frau die Entbindung nicht durchsteht 47 31 14 8
dass die Frau bei der Entbindung sterben könnte 50 26 10 4
Angst vor Kontrollverlust  
die Schmerzen der Frau hilflos mit ansehen zu müssen 15 43 32 9
vor unvorhergesehenen Komplikationen bei der Entbindung 7 57 25 10
der Frau nicht richtig beistehen zu können 20 58 18 3
die Klinik nicht rechtzeitig zu erreichen 44 48 6 2
Angst, die Situation selbst nicht durchzustehen 
vor dem Anblick von viel Blut 53 33 77
vor medizinischen Geräten wie Spritzen oder Skalpellen 58 30 8 5
selbst nicht durchzuhalten 69 23 6 2
dass mir schlecht wird 65 27 5 3
selbst in Ohnmacht zu fallen 79 15 2 3

Ängste sind zum Teil begründet

Die Ängste der werdenden Väter sind zu einem gewissen Grad begründet und realistisch. Dies wird deutlich, wenn man den Zusammenhang zwischen ihren Ängsten und den Angaben der Frau zu gesundheitlichen Problemen während der Schwangerschaft betrachtet: Je schwieriger die Schwangerschaft verlaufen ist und je mehr physische und psychische Beschwerden die Partnerin in dieser Zeit hatte, desto mehr Angst hat der Mann vor der anstehenden Entbindung. Die Ängste der Männer spiegeln aber auch das Selbstvertrauen der werdenden Eltern wider: Je mehr sich der Mann den Anforderungen der Vaterrolle gewachsen fühlt und je mehr Vertrauen er in die Fähigkeiten seiner Partnerin als Mutter hat, desto gelassener blickt er auch der Entbindungssituation entgegen. Väter, die Zweifel an den eigenen Kompetenzen für den Umgang mit einem Kind haben und auch wenig Vertrauen in die diesbezüglichen Fähigkeiten ihrer Partnerin äußern, haben mehr Angst vor der anstehenden Entbindung. Die Ängste der werdenden Väter spiegeln schließlich auch ihre Haltung gegenüber ihrer Partnerin wider. Sie äußern umso mehr Sorgen, je glücklicher sie in ihrer Partnerschaft sind. Die starke Verbundenheit mit der Partnerin führt offenbar zu sehr hoher Anteilnahme und hoher Besorgnis angesichts der bevorstehenden Geburt (Fthenakis et al., 2002).

Die erste Zeit der Elternschaft

Der Übergang zur Elternschaft wird von den Eltern meist als ein sehr positives und willkommenes Ereignis erlebt, das das eigene Leben bereichert und ihm Sinn verleiht. Allerdings bringt dieses an sich positive Ereignis auch für Männer eine Reihe von Veränderungen, Einschränkungen und Belastungen mit sich (zum Überblick vgl. auch Fthenakis et al., 2002).

Die finanzielle Verantwortung lastet auf den Schultern des Mannes

Mit dem Ausstieg der Frau aus dem Beruf lastet die Verantwortung für die Sicherung des Familieneinkommens – zumindest vorübergehend, meist aber langfristig – ausschließlich auf den Schultern des Mannes. So waren die männlichen Teilnehmer der LBS-Familien-Studie knapp acht Jahre nach der Familiengründung fast ausnahmslos Vollzeit erwerbstätig (93 Prozent hatten eine berufliche Arbeitszeit von mindestens 30 Wochenstunden, 78 Prozent von mindestens 40 Wochenstunden), während ihre Partnerinnen in der Mehrheit nicht erwerbstätig oder maximal halbtags beschäftigt waren (Peitz, 2004). Dieses traditionelle Muster zeigt sich mit großer Regelmäßigkeit auch in anderen Studien (z.B. Eurostat, 2004; Holst & Trzcinski, 2003; Rosenkranz, Rost & Vaskovics, 1998).

Geringverdiener können dieser Verantwortung für das finanzielle Auskommen der Familie heutzutage oftmals kaum mehr gerecht werden. Junge Väter mit Hochschulabschluss weisen diesbezüglich zwar bessere Voraussetzungen auf. Eine besondere Belastung dürfte für sie jedoch darin bestehen dass sie die Rolle des Alleinverdieners oftmals gerade in ihrer beruflichen Aufbauphase übernehmen müssen, die in der Regel ein hohes zeitliches und psychisches Engagement abverlangt (Fthenakis et al., 2002).

Die Zeit für die Partnerschaft verringert sich

Sehr deutlich nehmen junge Väter wahr, dass sich die Zeit mit der Partnerin und für die Partnerschaft drastisch verringert. Exklusive Zeit für die Zweisamkeit mit der Partnerin bleibt nur wenig und die Gestaltung dieser Zeit ist aufgrund unterschiedlicher Bedürfnisse der Partner oftmals schwierig. In der LBS-Familien-Studie gaben beispielsweise drei Jahre nach der Geburt des ersten Kindes mehr als 90 Prozent der Väter an, dass sich seit der Geburt des Kindes die Zeit der Partner füreinander deutlich verringert hat, und 66 Prozent, dass die Aufmerksamkeit und Zuwendung von Seiten der Partnerin weniger geworden ist (Fthenakis et al., 2002).

Soziale Kontakte nehmen ab

Auch die Sozialkontakte reduzieren sich. Bereits im ersten halben Jahr nach der Familiengründung bemerken die jungen Väter eine deutliche Einschränkung des Freundes- und Bekanntenkreises und der Sozialkontakte. Deutliche Gefühle der Einengung und der Wunsch nach häufigeren Kontakten machen sich jedoch erst im Laufe der folgenden zwei bis drei Jahre breit (Werneck, 1997).

Die folgenden Aussagen der Teilnehmer der LBS-Familien-Studie geben einen Eindruck von den Veränderungen und Belastungen, die junge Väter erleben (Fthenakis et al., 2002). So sagten sechs Wochen nach der Geburt des Kindes…
  • 42 Prozent der erstmaligen Väter, dass ihre Bedürfnisse nach Zärtlichkeit und Erotik zu kurz kommen,
  • 38 Prozent, dass sie sich durch das Baby sehr angebunden fühlen,
  • 35 Prozent, dass ihre Partnerin seit der Entbindung nur noch für das Baby da ist,
  • 32 Prozent, dass sie nie gedacht hätten, dass das Leben mit kleinen Kindern so anstrengend sein kann,
  • 23 Prozent, dass sie sich häufig Sorgen machen, ob die Familie mit dem Geld auskommt,
  • 21 Prozent, dass sie es als Belastung erleben, alleine für das Einkommen zuständig zu sein .

Allerdings gab nur 1 Prozent der Väter an, dass ihnen manchmal der Gedanke käme, dass sie sich besser kein Kind angeschafft hätten. Und immerhin 97 Prozent stimmten der Feststellung zu, dass Fortschritte in der Entwicklung ihres Kindes für sie die größte Freude sind.

Die Pflege des Kindes als solche stellt für Väter im Übrigen ein eher geringes Belastungsmoment dar (Werneck, 1997). Dies überrascht kaum, zeigen doch nahezu alle Studien übereinstimmend, dass die Verantwortung für Pflege und Versorgung des Säuglings in der Regel bei den Müttern liegt während den Vätern meist eine unterstützende Funktion zukommt (zum Überblick Fthenakis et al., 2002).

Das psychische Wohlbefinden der Väter

Der Zeitraum der Schwangerschaft und die ersten Wochen der Elternschaft stellen für Männer insgesamt einen weniger belastenden Lebensabschnitt dar als für Frauen. Dies wird deutlich, wenn man die Entwicklung des Wohlbefindens von Männern und Frauen im Zeitraum vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis eineinhalb Jahre nach der Geburt des Kindes betrachtet (Abbildung 2). Als Indikator für das psychische Wohlbefinden wurden die in einem „Depressivitätsfragebogen“ (Hautzinger & Bailer, 1993) erzielten Werte herangezogen. Mit diesem Fragebogen wurden die Teilnehmer zu mehreren Zeitpunkten u.a. zu ihrer Stimmung, ihrem Selbstwert, ihrer Konzentration und ihrer Motivation befragt. Hohe Werte auf diesem Fragebogen indizieren ein schlechtes Wohlbefinden des Befragten.

Relativ hohe Stabilität des Wohlbefindens der Väter

Das Wohlbefinden der Väter bleibt über den betrachteten Zeitraum insgesamt relativ stabil und gut. In der „Depressivitätskurve“ der Mütter bildet sich hingegen ein deutlicher Ereigniseffekt ab. Bei ihnen kommt es in den ersten Wochen nach der Geburt zu einer vorübergehenden Verschlechterung des Befindens, was einen Hinweis auf ihre starke physische und psychische Belastung gibt. Auch hierbei handelt es sich im Übrigen um den „durchschnittlichen“ Verlauf, wobei die Verschlechterung des Befindens bei manchen Müttern stärker ausfällt, bei anderen weniger stark.

Dass die Männer durchgängig niedrigere Depressivitäts-Werte als die Frauen aufweisen, stellt im Übrigen ein „normales“ Phänomen dar, das sich auch in Bevölkerungsstatistiken zeigt. Verglichen mit der „Normalbevölkerung“ haben die teilnehmenden Eltern übrigens ein überdurchschnittlich gutes Befinden. Der Übergang zur Elternschaft stellt demnach trotz aller Herausforderungen und Belastungen eine positive Erfahrung dar.

Psychisches Wohlbefinden vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis 18 Monate nach der Fmiliengründung

Abbildung 2: Psychisches Wohlbefinden im Zeitraum vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis 18 Monate nach der Familiengründung – Ergebnisse der LBS-Familien-Studie

Die Entwicklung der Partnerschaft

Die weit reichenden Veränderung und Belastungen, die mit der Familiengründung verbunden sind, strahlen nicht nur auf die Zeit ab, die für die Partnerschaft zur Verfügung steht, sondern auch auf die Qualität der Paarbeziehung.

Der Partnerschaftsfragebogen

In der LBS-Familien-Studie sollten die teilnehmenden Väter und Mütter mit Hilfe eines Partnerschaftsfragebogens (Hahlweg, Schindler & Revenstorf, 1982) zu mehreren Befragungszeitpunkten drei Facetten der Qualität ihrer Paarbeziehung einschätzen: Die Häufigkeit und Destruktivität des Streitverhaltens z.B. („Wenn wir uns streiten beschimpft sie/er mich“), den Austausch körperlicher Zärtlichkeiten und den verbalen Ausdruck von Zuneigung (z.B. „Sie/er reagiert positiv auf meine sexuellen Wünsche“) und das Ausmaß an Gemeinsamkeit und Kommunikation (z.B. „Wir unterhalten uns am Abend normalerweise mindestens eine halbe Stunde miteinander“). Die Werte für diese drei Facetten lassen sich zu einem Gesamtindikator für die Partnerschaftsqualität zusammenfassen.

Verschlechterung der Beziehungsqualität

Abbildung 3 (links) zeigt die Entwicklung der Beziehungsqualität im Zeitraum vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis vier Jahre nach der Geburt des ersten Kindes anhand dieses Gesamtindikators. Die Abbildung verdeutlicht, dass sowohl die Väter als auch die Mütter in diesem Zeitraum eine deutliche Verschlechterung der Beziehungsqualität feststellen. Diese Verschlechterung beschränkt sich nicht auf die ersten, besonders anstrengenden Monate mit dem Säugling, sondern setzt sich auch längerfristig fort. Die von jungen Eltern oftmals geäußerte Hoffnung, die Beziehung werde sich schon wieder von selbst „erholen“, wenn die ersten Monate überstanden sind, bestätigt sich somit nicht.

Veränderung der Partnerschaftsqualität

Abbildung 3: Veränderung der Partnerschaftsqualität vom letzten Schwangerschaftsdrittel bis 4 Jahre nach der Geburt des ersten Kindes – Ergebnisse der LBS-Familien-Studie (links) & Vergleich mit Beziehungsqualitäts-Werten von „glücklichen“ und „unglücklichen“ Paaren (Hahlweg, 1979) (rechts)

Ähnlichkeiten und Unterschiede im Erleben der Beziehungsqualität

Die einzelnen Facetten der Partnerschaft werden von Männern und Frauen zum Teil unterschiedlich erlebt. Die an der Studie teilnehmenden Väter nehmen die Verschlechterung der sexuellen Beziehung deutlich stärker wahr als die Frauen (ein ähnlicher Befund zeigt sich auch bei von Sydow, 1999; Werneck, 1997). Derartige Einschränkungen in der partnerschaftlichen Sexualität scheinen bei Männern (weniger bei Frauen) mit einer generellen Unzufriedenheit mit der Partnerschaft verknüpft zu sein (Reichle, 1994). Männer beobachten allerdings in gleichem Ausmaß wie ihre Partnerinnen eine Abnahme der Paarkommunikation und eine Zunahme von Streit und Konflikten im Übergang zur Elternschaft.

Verschlechterung der Beziehungsqualität im Übergang zur Elternschaft als stabiler Befund

Der Befund einer Verschlechterung der Beziehungsqualität im Übergang zur Elternschaft zeigt sich in zahlreichen Studien aus dem deutschsprachigen und angloamerikanischen Sprachraum (zum Überblick Peitz, 2002). Zwar tritt in Partnerschaften generell über die Zeit ein Trend in Richtung einer Abnahme der Beziehungsqualität auf: die Begeisterung der Anfangsphase legt sich, Routinen stellen sich ein, im Beziehungsverlauf sich ansammelnde negative Erfahrungen und ungelöste Probleme belasten die Partnerschaft. Die Abnahme der Beziehungsqualität im Übergang zur Elternschaft fällt jedoch deutlicher aus, als der allgemeine Erosionseffekt bei kinderlosen Paaren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass zuvor glückliche Paare nach der Geburt ihres Kindes durchweg unglücklich sind. Zum einen stellen die skizzierten Verläufe durchschnittliche Trends dar, wobei Einzelfälle einen davon abweichenden Verlauf nehmen können. Zum anderen liegt das mittlere Niveau der Beziehungsqualität auch in den ersten Jahren mit Kind (noch) im Wertebereich „glücklicher“ Paare (Gloger-Tippelt & Huerkamp, 1998), was auch ein Vergleich der eigenen Ergebnisse mit Populationsnormen (Hahlweg, 1979) (Abbildung 3, links) verdeutlicht.

Zusammenfassung und Fazit

Der Übergang zur Elternschaft ist nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter mit einer Reihe von Veränderungen und Herausforderungen verbunden. Werdende Väter erleben in der Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft der Partnerin und der herannahenden Elternschaft sowohl positive Gefühle, aber auch Ängste und Sorgen, die sich sowohl auf die Geburt als auch auf die Zeit danach beziehen. Zwar erweist sich das Befinden von Vätern in den ersten Monaten der Elternschaft stabiler als das der Mütter. Jedoch erfahren auch sie eine Reihe von Einschränkungen und Belastungen: eine verringerte Zeit für die Partnerschaft, ein Mangel an Aufmerksamkeit von Seiten der Partnerin, das Angebunden-Sein durch das Kind, eine Abnahme sozialer Kontakte, die Zunahme der Verantwortung für das finanzielle Auskommen der Familie und Sorgen mit Blick auf ihre Rolle als Brotverdiener. Außerdem erleben sie im Übergang zur Elternschaft – ebenso wie ihre Partnerinnen – Einbußen mit Blick auf die Beziehungsqualität.

Das Wissen um zu erwartende Veränderungen und Belastungen, die typische Begleiterscheinungen der Familiengründung darstellen, kann für (werdende) Väter in mehrfacher Hinsicht von Nutzen sein. Es kann ihnen helfen, sich auf die Veränderungen einzustellen, sich vorzubereiten und sie ein Stück weit antizipativ zu bewältigen. Das Wissen kann für Väter insofern Entlastung bieten, als es verdeutlicht, dass diese Veränderungen und Belastungen „normale“ Begleiterscheinungen darstellen und entsprechende Erfahrungen nicht Ausnahmeerscheinungen sind, die aus einem persönlichen Unvermögen resultieren. Und schließlich kann das Wissen um die Erfahrungen und Belastung von jungen Vätern auch zur Schärfung des gesellschaftlichen Bewusstseins beitragen und deren Unterstützung im aktiven Prozess der Vorbereitung auf die Vaterrolle weiter legitimieren.

Literatur

Eurostat (2004): How Europeans spend their time. Every day life of women and men. Luxembourg.

Fthenakis, W.E., Kalicki, B. & Peitz, G. (2002). Paare werden Eltern. Die Ergebnisse der LBS-Familien-Studie. Opladen: Leske + Budrich.

Gloger-Tippelt, G. & Huerkamp, M. (1998). Relationship change at the transition to parenthood and security of infant-mother attachment. International Journal of Behavioral Development, 22, 633-655.

Hahlweg, K. (1979). Konstruktion und Validierung des Partnerschaftsfragebogens PFB. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 8, 17-40.

Hahlweg, K., Schindler, L. & Revenstorf, D. (1982). Partnerschaftsprobleme: Diagnose und Therapie. Berlin: Springer.

Hautzinger, M. & Bailer, M. (1993). ADS. Allgemeine Depressionsskala. Weinheim: Beltz.

Holst, E. & Trzcinski, E. (2003): High satisfaction among mothers who work part-time. Economic Bulletin, 40, 327-332.

Peitz, G. (2002). Herausforderung Elternschaft: Die Bedeutung der Konvergenz von Selbst- und Fremdbild für die Entwicklung der Partnerschaft. Berlin: Logos.

Peitz, G. (2004). Partnerschaft und Elternschaft im Konflikt - Väter zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz (Hrsg.), 1. Europäischen Väterkonferenz (S. 126-136). Wien.

Reichle, B. (1994). Die Geburt des ersten Kindes. Eine Herausforderung für die Partnerschaft. Verarbeitung und Folgen einer einschneidenden Lebensveränderung. Bielefeld: Kleine.

Rosenkranz, D., Rost, H. & Vaskovics, L.A. (1998): Was machen junge Väter mit ihrer Zeit? Die Zeitallokation junger Ehemänner im Übergang zur Elternschaft. Bamberg: ifb-Forschungsbericht Nr. 2.

von Sydow, K. (1999). Sexualität nach der Geburt. In W.E. Fthenakis, M. Eckert & M. v. Block (Hrsg.), Handbuch Elternbildung. Band 1: Wenn aus Partnern Eltern werden (S. 395-412). Opladen: Leske & Budrich.

Werneck, H. (1997). Belastungsaspekte und Gratifikationen beim Übergang zur Vaterschaft. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 44, 276-288.


Autorin

Dr. phil. Gabriele Peitz war von 1995 bis 2004 Mitarbeiterin der LBS-Familien-Studie, München. Seit 2004 ist sie an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen (Italien) tätig. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Partnerschaftsentwicklung, Vaterschaft, sowie Themen der vorschulischen Bildung und Erziehung.


Adresse

Dr. phil. Gabriele Peitz
Fakultät für Bildungswissenschaften
Freie Universität Bozen
Bahnhofstrasse 16
I - 39042 Brixen

Tel: +39 0472 014131
e-mail: Dr. Gabiele Peitz
Homepage: www.unibz.it




Letzte Änderung: 13.02.2007 14:57:09Zum Seitenanfang