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![]() Die Veränderungen in der Lebensmitte werden als „bedrohlicher“ empfunden als alle körperlichen Umschwünge vorher. Denn sie kratzen an drei „Problemzonen“ der Gesellschaft: an Fruchtbarkeit, Gesundheit und Schönheit. Die Umstellung von einem Lebensabschnitt zum anderen ist ein lebenslang natürlicher Prozess. Er beinhaltet, dass ein Mensch allmählich Fähigkeiten verliert, die in Lebensphasen zuvor wichtig waren – aber auch neue dazugewinnt. Da verwirrt es, wenn mancher Titel aus der Ratgeberliteratur davon spricht, dass die Menopause (letzte Regelblutung der Frau) von „Symptomen“ begleitet sei. „Symptome“ – die kennt man vom Scharlach oder einer Grippe. Zeigen Hitzewellen also eine „Krankheit“ an? Die Ethnologin und Autorin Ulrike Krasberg eröffnet eine hilfreiche Perspektive: Sie deutet Begleiterscheinungen der Wechseljahre in der Lebensmitte als „Wachstumsschmerzen“, wie sie auch andere Lebensumstellungen begleiten. Manchen Eltern mögen sie noch bekannt sein aus der Zeit, als ihre Kinder zu Jugendlichen heranwuchsen. Gerade die Begegnung von jugendlichen Kindern und älter werdenden Eltern kann in der Lebensmitte spannungsreich sein – während Kinder Spiegel und Hautwässerchen für sich entdecken, sorgen sich die Älteren, ob sie wohl auch mit Falten „noch“ schön sind. Solche Konflikte haben ihren Hintergrund in einer Gesellschaft mit Jugendwahn, die es Menschen nicht leicht macht, nicht mehr jugendlich zu sein. Denn das gängige Schönheitsideal ist immer noch vom knackig-frischen Menschen bestimmt. Die Älteren stellen die Überzahl der Bevölkerung; Wirtschaft wie Politik suchen nach Wegen, einer älter werdenden Gesellschaft gute Lebensbedingungen zu schaffen. Menschen in Medien und Werbung aber bleiben beharrlich gleich jung, während sie eine Grundstimmung lohnenswerten Lebens „verkaufen“, in dem sich Schönheit und Jugendlichkeit wie untrennbar miteinander verbünden. Nur langsam holt Deutschland den Mangel an professionellen Senioren-Models auf, wie es sie in Amerika schon lange gibt. Weitgehend tabuisiert ist in diesem Zusammenhang, ob ältere Menschen einander auch noch körperlich anziehend finden (dürfen). Ältere Menschen erzählen über erfüllende Sexualität, in der sie sich weder mit einem unerfüllten Kinderwunsch noch mit Angst vor ungewollter Schwangerschaft auseinander setzen müssen. Und doch ist Sexualität im Alter von gesellschaftlichen Vorurteilen belegt, wie die Psychologin Kirsten von Sydow beschreibt. Schönheit und Fruchtbarkeit gehen eine schwierige Allianz ein: Der Fall einer 63-jährigen Italienerin, die dank künstlicher Befruchtung noch Mutter wurde, zeigt, wie schwer es sein kann, die Einbuße der Fruchtbarkeit zu akzeptieren. Frauen verlieren sie endgültig, Männer nur „vielleicht“: Ob Männer noch zeugungsfähig sind, wird jedenfalls nicht in dem Maß zum Thema gemacht wie die Fortpflanzungsfähigkeit älterer Frauen, die messbar den Abschied vom Jungsein markiert. Wie aber diesen Abschied gestalten? Die Hebamme und Medizinethnologin Babette Müller-Rockstroh beschreibt im Buch „Regel-lose Frauen“, dass unter anderem in Ratgebern der Pharmaindustrie für diesen Übergang „umgekehrte Übergangsrituale“ propagiert werden. Geht es in jüngeren Jahren darum, mithilfe von Festen (z.B. Firmung oder Konfirmation), neue Reifestufen des Lebens zu bejahen, ist es jetzt Ziel der postulierten „Riten“, den Alternsprozess zu stoppen, Jugend zu erhalten – und sei es mit dem „Beschneidungsritual“ der Schönheitsoperation. Dagegen wären andere „Rituale“ denkbar, die in eine Form gießen, inwiefern sich die eigene Rolle verändert und auf welche Weise sich der Wechsel zu dieser neuen Rolle bewusst annehmen lässt: Die Psychotherapeutin Diana Ecker erzählt in ihrem Buch „Sexualität und Partnerschaft im Lebenszyklus“ beispielsweise von einer Frau, die gemeinsam mit ihrer Tochter nach der letzten Periode einen Spaziergang machte – so, wie sie es bei der ersten Blutung der Tochter taten. Eine Möglichkeit, um auf die plötzliche Unabhängigkeit vom monatlichen Rhythmus zu reagieren ist, einen eigenen Zyklus aus Pausen und Aktion festzusetzen. So könnte man immer noch zu einer bestimmten Zeit jeden Monat einen „Wüstentag“ einlegen, an dem weniger Termine angenommen werden, mehr Muße gelebt und vielleicht auch einmal der Seele eine „Streicheleinheit“ mehr gegönnt werden darf. Dies wäre möglich in Form einer Massage, einer Meditation oder eines besonderen Gottesdienstangebotes. Darüber hinaus kann sich eine Entschleunigung des Lebens vollziehen. Julia Onken, die mit ihrem Buch „Feuerzeichenfrau“ einen sehr persönlichen Bericht über die Wechseljahre verfasst hat, betont, dass in der Regel die meisten Ziele in die erste Lebenshälfte gesteckt werden: Manche konnten erreicht werden, andere seien, so werde deutlich, eben nicht mehr zu schaffen. Sich von den Zielen zu verabschieden, mache gelassen, nach innen zu sehen und zu hören. Außer den Menschenfrauen überleben nur die weiblichen Orka-Wale die Menopause. Also: „Wenn es die Wechseljahre gibt, dann haben sie einen Sinn“, so Julia Onken. Um diese Bedeutung zu erkennen, empfiehlt es sich, über den eigenen Kulturkreis hinauszublicken. Das hat Ulrike Krasberg getan: Am Beispiel Griechenlands stellt sie dar, wie das Altern in anderen Kulturen mit einem „Anstieg geistiger und spiritueller Potenz“ verbunden ist. Besonders die Weisheit um Geburt und Tod ist der Besitz der Alten, in erster Linie der Frauen – Wechseljahresbeschwerden werden dort übrigens mit keinem Wort erwähnt. Der Sinn der Wechseljahre liegt also nicht nur darin, die eigene Rolle als älterer Mensch, als Mitglied der Generation „in vorderster Linie“ zu finden, sondern auch darin, die eigenen Positionen nun deutlicher zu vertreten. „Ich geh mit dir, wohin du willst“, sang Popsängerin Nena 1983. 2005 klingt sie kompromissloser: „Ich geh einen Schritt nach vorne … Wenn du nicht mit mir gehen willst, dann nehm’ ich dich nicht mit.“ Das soll keine Aufforderung sein, eine gelingende Partnerschaft mit den Wechseljahren zu beenden. Doch besingt Nena, dass ältere Frauen zielstrebiger werden. Es fällt auf, wie viele erfolgreiche Frauen im öffentlichen Leben bereits Großmütter sind. Nachdem es nun keine Möglichkeit mehr für sie gab, eine leibliche Elternschaft zu leben, haben sie sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt. Julia Onken kam zu folgendem Ergebnis: „Mir war, als ob sich die Schwingen meiner Seele weit ausspannten, und mit jedem Flügelschlag prägte sich die Antwort in mich hinein: Die Zeit der körperlichen Mutterschaft ist beendet; die geistige Mutterschaft beginnt!“ Die Bibel liefert übrigens eine Leitfigur für diesen Wandel: Am Lebensende des leiblichen Sohnes Jesus wird Maria unter seinem Kreuz zur geistigen Mutter des Johannes. Wie wäre es, einmal behutsam bedacht, wenn bei Maria „Mutter und Jungfrau“ nicht als Benennung zweier auseinander strebenden Pole, sondern als Beschreibung der lebenslangen Aufgabe der Frau in körperlicher und geistiger Mutterschaft gelesen würde? Der Sinn der Wechseljahre liegt schöpferisch darin, Elternschaft nicht länger nur körperlich zu verstehen: „Das heißt also“, so Julia Onken, „anstelle der Leibesfrucht Gedanken, Ideen zeugen, austragen, gebären, bewahren, gewähren, umsorgen, fürsorgen, dass sich das neu Gestaltete entfalte und entwickle.“ Buchtipps„Wir wissen kaum etwas darüber, wie Frauen in anderen Kulturen den Prozess der Wechseljahre durchleben.“ Die Ethnologinnen Godula Kosack und Ulrike Krasberg haben Frauen nach den Wechseljahren in Georgien, Griechenland, Indien, Japan, Kamerun und Neuseeland betrachtet und mit europäischen Frauen in Beziehung gesetzt.Godula Kosack und Ulrike Krasberg (Hg.) Regel-lose Frauen. Wechseljahre im Kulturvergleich Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 2002, 252 S., 18,90 Euro. Wie für viele Frauen, so war es auch für die Psychologin Julia Onken eine Überraschung, als Ihre Frauenärztin ihr den Beginn ihrer Wechseljahre bescheinigte. Weil sie in der gängigen Literatur kaum Hilfestellung dafür fand, sich in diesem Umstellungsprozess zu orientieren, schrieb sie ihren „Bericht über die Wechseljahre“: Engagiert, doch immer auch mit einer kleinen Portion Humor und Selbstironie. Die Autorin leitet heute in der Schweiz Kurse zum Thema und bildet Frauen zu Kursleiterinnen aus. Julia Onken Feuerzeichenfrau Ein Bericht über die Wechseljahre Beck Verlag, 2003, 207 Seiten, 9,90 Euro „Die Liebe hat weder mit dem Geburtsdatum noch mit Schönheit oder Gesundheit zu tun. Mit achtzig Jahren kann man lieben wie mit sechzehn. Die Falten graben sich ins Gesicht ein, aber nicht ins Herz oder ins Geschlecht“, sagte die Dichterin Claire Goll (1890-1977) nach ihrem 80. Geburtstag. Mit diesem Zitat belegt Kirsten von Sydow, dass Sexualität älterer Menschen kein Tabuthema sein muss. Kirsten von Sydow
Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen
Reinhardts Gerontologische Reihe,
Ernst Reinhardt Verlag, 2. Auflage 1992, 125 Seiten, 16,90 Euro Quelleerschienen in LiMa (Liborius Magazin), August 2005 AutorinAngela M. T. Reinders, Jahrgang 1965, Dipl.-Theologin, Redakteurin beim Bergmoser + Höller Verlag AG, Aachen Anschrift
Angela M. T. Reinders | ||
Letzte Änderung: 24.07.2006 14:23:16 |