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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wenn Teenager Eltern werden ...

Lebenssituation jugendlicher Schwangerer und Mütter sowie jugendlicher Paare mit Kind

Monika Friedrich


Die steigende Zahl der minderjährigen Schwangeren in Deutschland war der Anlass für eine Studie, beauftragt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln. Es sollte ein Bild über die Situation betroffener Jugendlicher gezeichnet werden, um geeignete Maßnahmen zur Unterstützung entwickeln zu können. Für die qualitative Studie von Monika Friedrich und Annette Remberg an der Universität Münster wurden 1998/99 bundesweit 47 jugendliche Schwangere mit einem Leitfadeninterview zu Aspekten ihrer Lebenssituation befragt. Innerhalb von zwei Jahren folgten zwei weitere Interviewwellen.An der zweiten Befragung nahmen 79 %, an der dritten noch 77 % der in der ersten Befragungswelle Befragten teil. Zusätzlich konnten im Rahmen der dritten Interviewserie 20 leibliche und soziale Väter zu vater- und partnerschaftsspezifischen Themen befragt werden.

In allen vier Interviewwellen wurden Fragen zu folgenden Themenbereichen gestellt: Die Analyse der erhobenen Daten ermöglichte u. a. Veränderungen in den Einstellungen aufzuzeigen sowie Vorschläge zur Unterstützung jugendlicher Schwangerer und Mütter zu erarbeiten.

Eine Auswahl markanter Ergebnisse

Eigenständige Berufstätigkeit als wichtiger Teil der Lebensentwürfe

Eine eigene Berufstätigkeit ist für die jugendlichen Schwangeren sehr wichtig. Fast alle Jugendlichen hatten während ihrer Schwangerschaft konkrete Vorstellungen, was sie später werden wollten und planten diese in Hinblick auf ihre künftige Mutterschaft.

Zum Zeitpunkt der dritten Interviewwelle hatten fast alle der jugendlichen Mütter ohne festen Partner ihre beruflichen Perspektiven gezwungenermaßen ändern müssen, da sich ihre Lebenssituation oder die beruflichen Möglichkeiten für junge Mütter so verändert hatten, dass sie nur weniger anspruchsvolle oder keine Aussichten hatten, ihre Pläne zu realisieren.

Bei den jungen Paaren sind die Veränderungen vielschichtiger. Wenn sie Unterstützung von außen erhalten oder sich gegenseitig entlasten können und wollen, gelingt es ihnen, ihre beruflichen Pläne weitgehend unverändert zu verfolgen. Bei einer kleinen Zahl der Paare entscheidet sich die junge Mutter für die traditionelle Rollenteilung und gibt ihre beruflichen Pläne auf. Bei einer ebenfalls geringen Zahl gelingt es den jungen Müttern nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten, ihre noch vorhandenen Pläne zu realisieren. Einige Paare verfolgen ihre beruflichen Pläne (noch) unabhängig voneinander. Es sind Paare, die sich erst kurz kennen und nicht zusammen leben, die sozialen Väter aber bereit sind, Verantwortung für das Kind zu übernehmen.

Verhütung und Sexualität: Schwanger - warum?

Weit weniger als die Hälfte der jugendlichen Schwangeren hatte mit dem Kindsvater verhütet (20 von 47). Aus den von ihnen genannten "Gründen" für die Schwangerschaft lassen sich folgende Erklärungsmuster erarbeiten:

"Pillen-Unfälle" bei Jugendlichen, die angeben, verhütet zu haben:
Sie finden Erklärungen nur außerhalb ihres Verantwortungsbereichs in medizinischen oder quasi-medizinischen Zusammenhängen: z. B. bei Einnahme von Antibiotika "versagte" die Pille, die Gegenanzeigen waren unbekannt;

Pillen-Unfälle" bei unregelmäßiger Verhütung:
Hier finden sie keine außerhalb ihres eigenen Verhaltens liegenden Gründe, sondern schildern ihre Reaktionen bei Bekanntwerden der Schwangerschaft: Fatalistische Hinnahme der Schwangerschaft, Verwirrung und Unsicherheit sowie Probleme in der Beziehung zum Kindsvater;

"Interims-Unfälle" bei schon geplanter Verhütung:
Bei überraschendem sexuellen Kontakt schliefen die Jugendlichen ungeschützt mit ihren Partnern, hatten aus verschiedenen Gründen keine Gelegenheit, die Pille zu besorgen, weil sie z. B. einen Arzttermin verpassten oder hatten zwar das Medikament, aber Geschlechtsverkehr vor dem vom Arzt empfohlenen Einnahmetermin.

Bei Jugendlichen, die nicht verhüteten, ergaben sich folgende Erklärungsmuster:

Vorrang sexuellen Genusses und Mythen:
Hier verweisen die Jugendlichen darauf, dass Verhütungsmittel den Genuss beeinträchtigten und dass man in so jungem Alter noch nicht schwanger werden könne;

Wunsch, den Partner mit dem Kind an sich zu binden:
Aus Angst, verlassen zu werden, gehen einige Jugendliche "bewusst" das Risiko einer Schwangerschaft ein, z. B. durch Verschweigen der unregelmäßigen Einnahme oder des Absetzens der Pille;

Überforderung und eingestandene "Bequemlichkeit":
Diese Jugendlichen sind entweder mit der notwendigen Planungsstrategie überfordert oder, wie sie bekennen zu bequem, sich um Verhütung zu kümmern.

Die Analyse der Erklärungsmuster zeigt auf, wie wichtig solche Erklärungen für die jungen Mädchen als Bewältigungsstrategien ihrer Situation sind. Sie möchten sich und anderen erklären und rechtfertigen, warum sie so früh schwanger geworden sind. Die meisten Erklärungsmuster verdeutlichen, dass es für sie entlastend ist, wenn sie Gründe außerhalb ihres zu verantwortenden Handelns finden, weil sie mit dieser Verantwortung (noch) überfordert sind.

Medizinische Versorgung und professionelle Unterstützung: Behörden - "Beistand und Kampf"

Jugend- und Sozialamt sind Behörden, mit denen die Jugendlichen wegen der Schwangerschaft - teilweise zum ersten Mal - in Kontakt kommen.

Die Jugendlichen mit Erstkontakt zum Jugendamt schildern überwiegend positive Erfahrungen mit dem Personal. Sie nehmen entweder eigenständig Kontakt auf und erschließen sich die Hilfsangebote oder nehmen angebotene Hilfe dankbar an.

Bei den "amtserfahrenen" Jugendlichen hingegen revidieren einige ihre vorher negativen Erfahrungen, während andere sich wie zuvor vertrauensvoll an die Behörde wenden.

Dagegen schildern die Interviewpartnerinnen häufig auf der emotionalen, der prozessualen und/oder der sachbezogenen Ebene negative Erfahrungen mit dem Personal des Sozialamts. Hier werden Abweisen der Leistungsansprüche und herabwürdigende Behandlung, lange Wartezeiten, komplizierte Antragsabwicklung und Gleichgültigkeit des Personals, aber auch zu knappe Leistungsbemessung und unangemessene Berechnungsgrundlagen genannt.

Anwendungsbezogene Schlussfolgerungen aus der Analyse

Das Jugendalter ist durch die Bewältigung bestimmter Entwicklungsaufgaben gekennzeichnet. Da die Jugendlichen schwanger wurden, ehe sie diese lösen konnten, wird von den Autorinnen analytisch aufbereitetes Grundlagenwissen für die Beratungspraxis geboten, das die Sicht der Jugendlichen und ihre Interpretationen ihrer Lebenssituation zur Verfügung stellt. Dieses Grundlagenwissen bietet eine Basis für lebensweltlich relevante Unterstützung und Hilfe.


Literatur

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hg.): Wenn Teenager Eltern werden... Lebenssituation jugendlicher Schwangerer und Mütter sowie jugendlicher Paare mit Kind. Köln 2005
Bestellung: BZgA, D-51101 Köln; E-Mail: oder@bzga.de
Bestellnummer: 133 000 00


Autorin

Dr. Monika Friedrich
Institut für Soziologie an der Universität Münster
E-Mail: Dr. Monika Friedrich


Quelle

Dieser Beitrag erschien in beziehungsweise 13/05, dem Informationsdienst des Österreichischen Instituts für Familienforschung (www.oif.ac.at)
Abdruck mit freundlicher Genehmigung




Letzte Änderung: 11.08.2005 13:08:43Zum Seitenanfang