Hauptmenü

Hauptseite
Familienhandbuch-
Forum

Stichwortsuche

von A bis Z

Aktivitäten mit Kindern
Angebote/Hilfen
Behinderung
Elternschaft
Ernährung
Erziehungsbereiche
Erziehungsfragen
Familie und Beruf
Familienbildung
Familienforschung
Familienpolitik
Gesundheit
Häufige Probleme
Haushalt/Finanzen
Jugendforschung
Kindertagesbetreuung
Kindheitsforschung
Kindliche Entwicklung
Leistungen für Familien
Partnerschaft
Rechtsfragen
Schule
Teil- und Stieffamilien
Trennung/Scheidung

Verschiedenes

Impressum
Kontakt
Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Die Bedeutung des Vaters in der frühen Entwicklung des Kindes

Dieter Hinze


Vaterfiguren: Die Bedeutung des Vaters... in der Gesellschaft

Familienvater: Die Bedeutung des Vaters... in der Familie

Mannsbild: Die Bedeutung des Vaters... als Mann

Beziehung: Die Bedeutung des Vaters... als Partner

Papa: Die Bedeutung des Vaters... als Bezugsperson

Die Bedeutung des Vaters... als Erzieher

Die Bedeutung des Kindes in der frühen Entwicklung des Vaters

Resümee und Ausblick


Was bedeutet Bedeutung?

Das Wort "Bedeutung" hat verschiedene Bedeutungen. Bezogen auf den Vater heißt das: Was verstehen wir unter einem Vater? Wie haben wir ihn uns vorzustellen? Welche Wertvorstellungen verbinden wir mit der Vaterfigur? Hat der Vater viel oder wenig zu bedeuten? Hat er eine positive oder negative Bedeutung? Welche Stärken und Schwächen hat er? Wofür wird er gebraucht? Wofür ist oder soll er gut sein? Welche Stellung hat er in der Familie? Welche Rolle spielt er für sein Kind? Welche praktischen Aufgaben übernimmt er in der Pflege und Erziehung?

Ausgangspunkt

Spezifische Antworten auf die Frage, was der Vater in der frühen Entwicklung des Kindes faktisch bedeutet, gibt es nur wenige. Zudem sind die diesbezüglichen wissenschaftlichen Befunde spärlich, und ihre praktische Ergiebigkeit ist gering. Unter diesen Vorzeichen halte ich es für sinnvoll, die mögliche Bedeutung des Vaters aufzeigen.

Zu diesem Zweck stelle ich das Thema in einen größeren Zusammenhang und beschreite verschiedene Wege. Die Wege verbinden verschiedene Standorte miteinander, die der Vater hat. Auf jedem Standort hat er eine bestimmte Rolle inne. Und jede Rolle hat für die Bedeutung, die der Vater in der frühen Entwicklung des Kindes hat, etwas zu bedeuten.

Die Bedeutung des Vaters systemisch betrachtet

Wie die Abbildung zeigt, geht es im Einzelnen um die Bedeutung des Vaters ...
  • in der Gesellschaft
  • in der Familie
  • als Mann
  • als Partner
  • als Bezugsperson
  • als Erzieher
Darüber hinaus frage ich nach der Bedeutung des Kindes für die Entwicklung des Vaters.

Vaterfiguren: Die Bedeutung des Vaters... in der Gesellschaft

Die Vaterbilder, die die Geschichte über die Jahrhunderte hinweg gezeichnet hat, sind unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen das Spannungsfeld, in dem der Vater steht. Er ist bedeutsam oder bedeutungslos, selbstbewusst oder ohnmächtig, gut oder böse, autoritär oder gütig, kompetent oder unfähig.

Als Patriarch hat Vater die alleinige Verfügungsgewalt inne. Er steht über der Mutter und über dem Kind. Er entscheidet über Wohl und Wehe des Kindes. Von seiner Übermacht macht er nach Gutdünken Gebrauch.

Der Übervater wird mit Würde und Weisheit bedacht und verehrt. Er ist Gottvater, Heiliger Vater, Beichtvater, Landesvater und Hausvater. Als solcher ist er stark und beschützt einen. Er ist gütig und gnädig und meint es gut mit einem. Man schaut zu ihm auf, unterwirft sich ihm bereitwillig und leistet ihm Gehorsam.

Der Vater hat einen schlechten Ruf. Er ist autoritär, hart, grob und strafend. Er kontrolliert, greift ein und greift durch. Er ist laut, streitsüchtig und unnachgiebig. Er ist gefühlskalt und gleichgültig. Er ist Wochenend- und Freizeitvater, abwesend oder gar nicht vorhanden. Er vernachlässigt sein Kind, missachtet dessen Bedürfnisse, vergreift sich an ihm und missbraucht es.

Das Bild vom Vater ist durch seine familienversorgende Berufsrolle geprägt. Der Vater ist der Geldverdiener und Ernährer. Für seine gesellschaftliche Anerkennung ist sein Berufserfolg entscheidend. Die Erziehung des Kindes ist sekundär und gilt als unmännlich. Der Vater steht im Hintergrund, ist nebensächlich und hat nicht allzu viel zu bedeuten. Wichtig ist ihm seine Rolle als Erzeuger, und auf sein Produkt ist er stolz.

Spätestens seit der gesetzlichen Festschreibung der gleichberechtigten Ausübung der elterlichen Gewalt (1957) sowie des gleichberechtigten Anspruchs auf das Sorgerecht (1998) gewinnt der Vater als Erzieher an Bedeutung.

Durch die Frauenbewegung und die vermehrte Berufstätigkeit der Frau, durch die günstigeren Lebensbedingungen der Familie, durch die auf das Kindeswohl ausgerichtete Familienpolitik und durch den Appell an den Vater von staatlicher Seite, mehr Verantwortung zu übernehmen, ist ein neues Vaterbild entstanden.

Der „neue“ Vater präsentiert sich als engagierter und innerlich gewandelter Erzieher. Er ist gefühlvoll und einfühlsam, zärtlich und fürsorglich, kooperativ und partnerschaftlich. Er übernimmt zunehmend mehr Aufgaben in der Pflege und Erziehung und übt sich im Karriereverzicht. Er nimmt Erziehungsurlaub und wird zum Hausmann.

Dennoch besteht das alte Vaterbild fort und entfaltet nahezu ungebremst seine Wirkkraft. Die „Trendwende“ erweist sich als Leitbild mit Wunschbildcharakter. Der neue Vater lebt vor allem in dessen Kopf. In der Praxis wird der neue Vater nach wie vor von seinem „Alten“ bestimmt. Auch die Mutter unterliegt der Neigung, es lieber doch beim alten zu belassen.

Der Vater befindet sich in einer Krise. Er hat keinen festen Boden unter den Füßen. Er schwebt in Unsicherheit. Er weiß nicht, wo er dran ist. Er ist sich über seine Rolle nicht im Klaren. Muss er noch mehr Gefühl, Einfühlung und Fürsorglichkeit entwickeln? Muss er sich zur „besseren Mutter“ entwickeln? Und was passiert mit seiner Männlichkeit? Es hat den Anschein, als wäre weder der autoritäre Vatertyp aus den patriarchalischen Zeiten von einst noch der Softie-Vater, der Allesversteher und Einfühler erwünscht. Der neueste Trend heißt denn auch: nicht Herrscher aber kräftig; stark, aber zärtlich.

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Um als Vater gut zu sein, muss der Vater mehr als gut sein. Immer noch sieht sich der Vater mit dem Vorurteil konfrontiert, als Erzieher weniger geeignet zu sein. Nach wie vor sind die Rechte des Vaters eingeschränkt. Im Abtreibungsrecht hat allein die Frau zu entscheiden. Für sein Besuchsrecht hat der Vater immer noch hart zu kämpfen. Und das Sorgerecht zu bekommen ist für ihn immer noch schwierig.

Der Wandel der ökonomischen Verhältnisse durch Arbeitsplatzunsicherheit und Arbeitslosigkeit tut ein übrigens, um die Lage des Vaters zu erschweren.

Insgesamt lässt sich folgendes feststellen. Der Vater hat eine wechselvolle Geschichte mit Höhen und Tiefen. Seine Bedeutung ist eine Frage des Ansehens. Gutes Ansehen erreicht er im Laufe seiner Geschichte eher wenig. Seine Stellung ist ungesichert, in der Gesellschaft, der Familie und (neuerdings) auch im Beruf. Der Vater hat einen eher schlechten Stand.

Die eigenen Eltern, die Partnerin und die Verwandtschaft, die Kollegen, Freunde und Nachbarn..., alle tragen sie Vaterbilder mit sich, projizieren die daraus entstehenden Vorurteile auf den realen Vater, geben positive und negative Beurteilungen über ihn ab und erwarten viel oder wenig von ihm.

Der in Frage stehende Vater hat natürlich auch ein Bild von sich. Es ist durch sein Bild vom eigenen Vater und der Geschichte seiner Vorväter ebenso geprägt, wie vom eigenen Wunschbild. Von den real erlebten, vorgestellten und gewünschten Vaterbildern hängt ab, ob er sich als Vater wichtig nimmt oder unwichtig, ob er sich gut findet oder nicht viel von sich hält.

Familienvater: Die Bedeutung des Vaters... in der Familie

Die Familie ist ein aus Mutter, Vater und Kind bestehendes Ganzes. Die Beziehungen in der Familie sind wechselseitig. Sie beruhen auf Wechselwirkungsprozessen. Ihre Qualität wird durch die persönlichen Eigenarten von Mutter, Vater und Kind bestimmt. Vater, Mutter und Kind sind an allem beteiligt, was in der Familie vorgeht, und zwar unabhängig davon, wann, wie und wie stark sie tatsächlich beteiligt sind und ob sie an- oder abwesend sind.

Die Regeln der Familie sind mit Erwartungen verbunden. Die gegenseitigen Erwartungen von Mutter und Vater können übereinstimmen, sich ergänzen oder einander widersprechen. Ebenso können die Erwartungen seitens der Umwelt mit den Erwartungen der Eltern übereinstimmen oder auch nicht. Bei übereinstimmenden Erwartungen hält die Familie zusammen und ist „glücklich“. Bei gegensätzlichen Erwartungen entstehen Spannungen und Belastungen.

Die Beziehung zwischen Mutter und Vater kann als elterlich-partnerschaftliches Teilsystem betrachtet werden. Die Beschaffenheit dieses Systems wird im Wesentlichen durch das Verhältnis von Familie und Beruf bestimmt. In der traditionellen Familie ist das Hauptmerkmal des Vaters seine familienversorgende Berufsrolle. Das Hauptmerkmal der Mutter ist ihre Erziehungsrolle.

Die moderne Familie zeigt unterschiedliche Konstellationen. Beide Eltern sind berufstätig und als Eltern tätig. Die Mutter vertritt die Berufsrolle, der Vater ist Hausmann. Die Mutter ist allein erziehend, zuweilen auch der Vater. Oder: Die Erziehung des Kindes wird weitgehend von außenstehenden Erziehungspersonen übernommen. Oder: Zwei Frauen oder zwei Männer bilden mit dem Kind eine Familie. Die Kleinfamilie wird zur Wohngemeinschaft erweitert. In der Patchwork-Familie lebt der Stiefvater und sein Kind mit seiner Partnerin und ihrem Kind zusammen.

Insgesamt gesehen ist die Familie im Umbruch begriffen. Orientierungslosigkeit macht sich breit. Die ehemals „heile“ Familie scheint in ihre Bestandteile zu zerfallen. Familienglück wird zwar nach wie vor ersehnt. Es zu finden ist aber schwierig geworden. Unter diesen Vorzeichen wird die Bedeutung des Vaters zu einer wechselvollen und unsicheren Angelegenheit. Je nach Konstellation hat der Vater eine große, kleine oder keine Bedeutung. Selbstverständlich ist auch die Mutter vom Umbruch betroffen bzw. daran beteiligt. Ihre Exklusivität als primäre Erziehungsperson steht in Frage.

Wichtig für die Bedeutung des Vaters ist die Einstellung der Partnerin. Ist sie egalitär eingestellt, wird sich der Vater stärker beteiligen bzw. beteiligen müssen. Sie wird dem Vater mehr zutrauen und ihm bereitwilliger das Kind überlassen. Sind beide Eltern egalitär eingestellt, dann kann es aber auch passieren, dass die Familie auf eher wackeligen Beinen steht. Die gegenseitigen Erwartungen sind unklar und die notwendige gegenseitige Abgrenzung ist erschwert. Der Vater hat zwar einen großen Stellenwert, aber an innerem Halt mangelt es ihm.

Ist die Mutter berufstätig und der Vater nicht, dann wird der Vater mehr Bereitschaft entwickeln bzw. entwickeln müssen, sich zu beteiligen. Sind Mutter und Vater berufstätig und das Kind wird außerhäuslich betreut, dann ist die Frage, wer für das Kind da ist, keine so große Frage mehr. Sind beide Eltern traditionell eingestellt, dann sind Wunsch und Wirklichkeit nahe beieinander. Dann dürfte die Familie relativ stabil sein. Und die Bedeutung des Vaters mag dann zwar geringer sein, dafür aber qualitativ besser.

Mannsbild: Die Bedeutung des Vaters... als Mann

Der Mann gibt sich stark, standhaft und durchsetzungsfähig. Er ist aktiv, konkurrenz- und machtorientiert und auf Erfolg aus. Er gibt sich sachbetont und selbstbeherrscht und zeigt keine Schwächen. Als Mann betont der Vater seine Leistungsfähigkeit. Er setzt auf das Machbare. Er identifiziert sich am meisten mit seinem Beruf. Es ist ihm wichtig sich selbst und anderen zu zeigen, was er alles kann und schafft und wie viel Stress er hat. Er identifiziert sich gerne mit Schwierigkeiten und Problemen, die er gemeistert hat.

Seine Körperkraft hat für den Mann eine wesentliche Bedeutung. Er lässt gerne seine Muskeln spielen und imponiert damit gerne. Körperbezogene Aktivitäten sind ihm wichtig. Er entfaltet gerne eine kämpferische Attitüde, setzt auf Sieg und geht dafür Risiken ein.

Der Mann hat es gerne sachlich. Er beschäftigt sich mit der Technik, er handwerkelt gerne, versucht alles in den Griff zu bekommen und ist erst zufrieden, wenn er den Durchblick hat.

Der Mann geht nach außen. Zu seinem Innenleben steht er auf Distanz. Seine Gefühle sind ihm eher fremd und er empfindet sie häufig als störend. Schwach zu werden ist ihm peinlich. Probleme will er nicht wahrhaben, und wenn er welche hat, dann macht er sie am liebsten mit sich selber aus.

Der Mann trägt eine Seite in sich, die zu zeigen seine Männlichkeit nur unter besonderen Umständen zulässt. Oder auch dann, wenn er sich auf den Weg macht, ein neuer Mann zu werden. Seine Innerlichkeit und Besinnlichkeit, Gefühlsnähe und Fürsorglichkeit, Einfühlsamkeit und Mitgefühl, Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit fördern eine Kehrseite zutage, die einen fragen lässt: Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer nehmen in den Arm
Männer geben Geborgenheit
Männer weinen heimlich
Männer brauchen viel Zärtlichkeit
Ohh Männer sind so verletzlich
Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich
 
Männer kriegen keine Kinder
Männer kriegen dünnes Haar
Männer sind auch Menschen
Männer sind etwas sonderbar
Ohh Männer sind so verletzlich
Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich
 
Männer haben´s schwer, nehmen´s leicht
Außen hart und innen ganz weich
Werden als Kind schon auf Mann geeicht
 
Wann ist ein Mann ein Mann ? ...
 
(Auszug aus dem Songtext Männer von Herbert Grönemeyer)

Durch seine männliche Eigenart und seine grundsätzliche Andersartigkeit ist die Bedeutung, die der Vater für sein Kind hat, mit Sicherheit eine andere als die der Mutter. Das heißt auch, dass seine Aufgabe darin besteht, sich dem Kind mit seinen besonderen Eigenarten zu vermitteln, um letztendlich die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau, Vater und Mutter im Kind zu implementieren, dessen Ablösung von seiner Mutter in Gang zu setzen und seine eigene Geschlechtsrolle vorzubereiten.

Als Mann präsentiert sich der Vater insbesondere seinem Sohn gegenüber als Vorbild. Er zeigt ihm, was er alles kann und wie stark er ist und versucht, ihm auf verschiedene Weise klar zu machen, dass es wichtig für ihn ist, so groß und stark zu werden wie der Papa. In gefährlichen Situationen steht der Vater seinem Kind bei, verteidigt und beschützt es.

Der Vater engagiert sich insbesondere bei körperlichen Aktivitäten. Er spielt mit seinem Kind, zeigt ihm verschiedenste Dinge und Vorgänge, führt ihm vor, wie man dieses oder jenes macht und hält es dazu an, bestimmte Dinge selbst zu tun. Auf diese Weise fördert er das Wahrnehmungs- und Koordinationsvermögen des Kindes und stärkt dessen körperliches Geschick.

Ist der Vater ein „neuer“ Mann, wird er sich vielleicht anstrengen, dem Kind seine „Mütterlichkeit“ zukommen zu lassen und sich mehr von seiner inneren als seiner äußeren Seite zeigen.

Beziehung: Die Bedeutung des Vaters... als Partner

Als Mann und Frau bilden Vater und Mutter ein Paar. Der Vater ist für die Mutter bedeutsam, weil er ein Mann ist. Und die Mutter ist für den Vater bedeutsam, weil sie eine Frau ist. Beide haben, was dem anderen fehlt und beiden fehlt, was der andere hat. Beide ergänzen sich durch ihre Unterschiedlichkeit und bestärken sich durch ihre Gemeinsamkeit.

Die Beziehung zwischen den Partnern ist wechselseitig. Wie sich die Frau verhält, wird durch das Verhalten des Mannes mitbestimmt. Und wie sich der Mann verhält, wird durch das Verhalten der Frau beeinflusst. Die Partnerschaft wird durch bestimmte Rollenvorstellungen geprägt. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind dabei ebenso von Bedeutung wie gesellschaftliche Wertvorstellungen, Normen und Regeln.

Der Mann ist grundsätzlich anders als seine Frau. Sie kann ihn immer nur in begrenztem Maße verstehen ebenso wie er sie nur begrenzt verstehen kann. Und was der eine tatsächlich erlebt, kann der andere nie wirklich in Erfahrung bringen. Die Verschiedenheit der Partner kann die gegenseitige Zuneigung stärken, aber genauso auch Abneigung hervorrufen. Die Andersartigkeit des Partners erfordert es, die eigenen egoistischen Grenzen zu erweitern. Das heißt: die Eigenart des anderen tolerieren, ihm entgegen kommen und auf seine Belange Rücksicht nehmen. Dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen ist allerdings schwierig.

Die Partnerschaft steht im Spannungsfeld zwischen Liebe und Hass, Zuneigung und Abneigung, Wertschätzung und Geringschätzung, Verstand und Gefühl, Hoffnung und Verzweiflung, Anteilnahme und Gleichgültigkeit, Vertrauen und Misstrauen, Einvernehmen und Konflikt, Friedfertigkeit und Aggressivität, Austausch und Stillstand, Zustimmung und Ablehnung, Festhalten und Loslassen. Bewahrung und Veränderung, Verbundensein und Getrenntsein.

Als Partner hängt die Bedeutung des Vaters vor allem von der Qualität der Partnerschaft ab. Ist die Beziehung zwischen Mutter und Vater liebevoll, stabil und harmonisch, dann wird der Vater leichten Zugang zum Kind haben und Freude im Umgang mit ihm haben. Die Mutter wird dem Vater vorbehaltlos Zugang gewähren, das Engagement des Vaters gutheißen, auf den Vater stolz sein und dem Kind seinen Vater als guten Vater präsentieren.

Ist die Beziehung belastet und destruktiv, dann könnte die Mutter dem Vater den Zutritt zu versperren suchen, das Kind vom Vater fern halten und ihn als bösen Vater hinstellen. Sie könnte dafür sorgen, dass die Pflege und Erziehung des Kindes in ihren Händen bleibt und die Meinung vertreten, dass der Vater keine Rolle spielt. Der Vater seinerseits könnte sich zurückziehen und noch später von der Arbeit nach Hause kommen, das Kind der Mutter überlassen und sich ihm gegenüber gleichgültig verhalten.

Papa: Die Bedeutung des Vaters... als Bezugsperson

Grundsätzlich verfügen Väter wie Mütter intuitiv über alle wesentlichen elterlichen Verhaltensweisen gleichermaßen. Sie sind in der Lage, prompt und nahezu reflexartig in angemessener Weise auf ihr Kind zu reagieren. Sie können bestimmte Kindsignale zweckmäßig wahrnehmen und die Verhaltensweisen des Kindes in stimmiger Weise nachahmen. Sie können ihre Reaktionen in Abstimmung auf die Befindlichkeit des Kindes angemessen dosieren.

Das Kind bedarf der Responsivität seiner Bezugspersonen. Vater wie Mutter sind grundsätzlich gleichermaßen fähig, auf das Verhalten des Kindes angemessen zu antworten: zurück zu lächeln, die ausgestreckte Hand zu nehmen, den aufrechten Gang zu unterstützen, seinen Hunger zu stillen, es zu beruhigen, auf seine Wünsche einzugehen und auf seine Fragen zu antworten. Alles dies setzt Präsenz, körperliche Nähe, Feinfühligkeit, Einfühlung und Akzeptanz voraus.

Grundsätzlich sind Väter wie Mütter liebesfähig. Sie tragen die emotionale Bereitschaft in sich, ihr Kind zu akzeptieren und mit ihm zusammen zu leben. Sie sind von Grund auf geneigt, sich ihrem Kind gegenüber altruistisch zu verhalten, es in ihrem Denken und Handeln zu berücksichtigen und auf sein Wohl bedacht zu sein. Einfühlsamkeit und Fürsorglichkeit ist beiden zueigen. In Anbetracht seiner Qualifikation steht die Bedeutung des Vaters grundsätzlich außer Frage. Eine Frage ist es allerdings, was den Vater daran hindert, von seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten Gebrauch zu machen und seiner Bedeutung gerecht zu werden.

In dieser Hinsicht könnte die Mutter ein Hindernis sein. Denn für den Aufbau und die Pflege der für das Kind lebenswichtigen sozial-emotionalen Bindung und dem Urvertrauen hat sie nach wie vor Priorität. Sie gilt als die primäre Bezugsperson. Durch Schwangerschaft und Geburt sind Mutter und Kind für eine enge, symbiotische Bindung prädestiniert. In ihrer Zweisamkeit sind sich beide genug. Der Vater scheint dabei eigentlich überflüssig.

Ein zweites Hindernis könnte im Vater selbst liegen. Sein Mann-Sein kann es ihm schwerer machen, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen und sein Kind anzulächeln, zu drücken, zu wiegen, zu streicheln, mit ihm zu schmusen und es zu liebkosen.

Ein drittes Hindernis könnte im Alltagsleben des Vaters zu finden sein. Der Vater kann zu wenig Gelegenheit haben, sich mit seinem Kind vertraut zu machen, ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufzubauen. Und das Kind kann es folglich schwer haben, die Nähe des Vaters zu finden.

Die Bedeutung des Vaters... als Erzieher

Entwicklung bedeutet Reifen und Lernen. Daran ist das Kind ebenso beteiligt wie die Eltern. Das Kind entwickelt sich und die Eltern fördern seine Entwicklung. Die Entwicklung des Kindes beruht auf persönlichen, biologischen, sozialen und gesellschaftlichen Kräften. Vielfältige Reifungs- und Lernprozesse wirken zusammen. Biologische Grundlage für die Entwicklung sind die Erbanlagen. Wie gut diese ausreifen und was und wie viel das Kind lernt, hängt entscheidend von der Beziehung zu seinen Bezugspersonen ab.

Die Entwicklung des Kindes ist ein aktives Geschehen. Das Kind setzt seine Entwicklung selbsttätig in Gang und setzt sich mit seinem Erleben und seinen Erfahrungen aktiv auseinander. Das Kind ist Akteur seiner Entwicklung. Das Kind bringt bei der Geburt alles mit, was es für seine Entwicklung braucht. Es empfindet, beobachtet, bewegt sich, steht, geht, greift und tut.

Bei der Bedeutung des Vaters als Erzieher geht es um folgende Fragen: Wofür ist der Vater besonders kompetent? Was interessiert den Vater am stärksten? Wofür ist der Vater zuständig? Wofür trägt er Verantwortung? Welche Aufgaben hat er zu erfüllen? Welche soll er auf keinen Fall übernehmen? Wie wichtig ist der Vater? Ist er entbehrlich?

Allgemein gesprochen ist der Vater als Erzieher an bestimmte Erwartungen gebunden: er ist an seinem Kind interessiert. Er trägt Verantwortung für den Aufbau sozial-emotionaler Beziehungen und die Förderung der motorischen und geistigen Entwicklung. Der Vater trägt Verantwortung für die Schaffung angemessener Entwicklungs- und Lebensbedingungen. Für die Organisation des Alltags. Für die Bereitstellung angemessenen Spielmaterials. Für die Schaffung von Bewegungs- und Spielraum.

Im Besonderen stellt sich die Frage nach den besonderen Kompetenzen und Interessen des Vaters. Dazu gehört beispielsweise die Förderung der Grobmotorik durch Spiel, Beschäftigungen, Sport und Unternehmungen. Der Vater klettert mit seinem Sohn auf Bäume, spielt Fußball mit ihm, baut Sandburgen. Der Vater spielt mit seinem Kind, bewegt sich mit ihm. Im Weiteren ist es die Leistungsbereitschaft seines Kindes, die der Vater überwacht sowie die Einhaltung von Regeln und Geboten.

Die Bedeutung des Vaters als Erzieher wird maßgeblich von seiner Stellung im Familiensystem mitbestimmt. Aus traditioneller Sicht steht die Mutter im Mittelpunkt. Der Vater nimmt eine Randposition ein. Je mehr der Vater auch seinerseits im Hintergrund verharrt, umso mehr Erziehungsaufgaben wird die Mutter übernehmen.

Die Folgen, die daraus entstehen können, sind für Mutter wie Vater häufig negativ. Die Mutter ist überfordert, beklagt sich über die mangelnde Mitarbeit ihres Mannes und vermisst Anerkennung und Würdigung ihrer Leistung durch ihn. Der Vater seinerseits kritisiert die ausschließliche Beschäftigung der Mutter mit dem Kind und schreibt seine Randposition ihrem erzieherischen Alleinvertretungsanspruch zu, die im Grunde der Meinung sei, es mit dem Kind doch am besten zu können.

Die Bedeutung, die der Vater als Erzieher hat, wird von seiner beruflichen Situation und den wirtschaftlichen Verhältnissen seiner Familie bestimmt. Ist er voll im Stress, wird er als Erzieher entweder gar nicht in Erscheinung treten oder aber sich mit seinem schlechten Gewissen herumplagen. Ist die finanzielle Sicherheit durch schlechte Bezahlung, Teilzeitarbeit oder Arbeitslosigkeit gefährdet, wird der Vater mit seinen diesbezüglichen Sorgen genug zu tun haben.

Die Bedeutung, die der Vater als Erzieher hat, wird von den Erwartungen bestimmt, die andere an ihn haben: seine Frau, die Verwandtschaft, die Gesellschaft. Mehr Verantwortung soll der Vater tragen und mehr Verständnis für die Mutter zeigen. Seine Kompetenz soll er stärken und mehr Engagement entwickeln. Insbesondere in besser gestellten, jüngeren und städtischen Familien hat die faktische Beteiligung des Vaters deutlich zugenommen.

Die Bedeutung des Kindes in der frühen Entwicklung des Vaters

Wenn der Mann Vater wird, dann ist das ein bedeutsames Ereignis. Dann stellt sich die Frage, welchen Sinn und Zweck es hat, Vater zu geworden zu sein und welche Rolle das Kind dabei spielt.

Zunächst einmal kann das Kind seinen Vater dazu bringen, sein Selbstverständnis zu erweitern. Seine soziale Identität kann eine neue Dimension bekommen. Zur Berufsrolle kommt die Eltern-Rolle. Zur Erfüllung von Leistungsanforderungen kommt die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse. Auf diese Weise kann der Vater lernen, seine Leistungs- und Erfolgsansprüche zu relativieren, dem eigenen Gefühlsleben mehr Beachtung zu schenken und dem Mitmenschlichen mehr Raum zu geben.

Das Kind kann seinen Vater dazu auffordern, seine elterlichen Ressourcen zu mobilisieren, seine erzieherischen Fähigkeiten zu entwickeln und praktische Fertigkeiten zu erwerben. Das Kind kann seinen Vater vor die Aufgabe stellen, seine Sensitivität und Wahrnehmungsfähigkeit, seine Feinfühligkeit und sein Einfühlungsvermögen, seine Achtsamkeit und Rücksichtnahme zu stärken, sich in Geduld und Langsamkeit zu üben und seinen Verstand stärker mit seinen Gefühlen zu verbinden.

Das Kind kann seinem Vater die Möglichkeit bieten, seine Erlebnisfähigkeit zu erweitern, neue Erfahrungen zu machen und mehr Freude zu haben. Durch sein Kind kann er Stolz empfinden, sein Selbstwertgefühl stärken und seinem Leben einen anderen Sinn geben. Hat das Kind Schwierigkeiten in seiner Entwicklung, dann kann der Vater dazu kommen, nachdenklicher und problembewusster zu werden und mehr Verständnis und Hilfsbereitschaft zu zeigen.

Das Kind ermöglicht seinem Vater, sich an seine eigene Kindheit zu erinnern, sein inneres Kind zu reaktivieren und seine kindlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Durch sein Kind kann der Vater seine Kontakte erweitern. Im Gespräch von „Mann zu Mann“ mit anderen Vätern kann er sich über seine Erfahrungen austauschen, Unterstützung erfahren und die Erfahrung machen, dass persönliche Gespräche gewinnbringend sein können.

Resümee und Ausblick

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Mit diesem Spruch von Wilhelm Busch möchte ich ein kurzes Resümee ziehen und ein paar Aussichten entwerfen. Die Bedeutung des Vaters ist nach wie vor eher gering als groß. Und die zunehmend positive Bedeutung, die ihm zuteil wird, hat sein negatives Image bis jetzt nicht beseitigen können. Das hat viele Gründe.

Dass der Vater eine grundlegend andere Bedeutung erlangt, ist wenig wahrscheinlich. Dass er für die Entwicklung des Kindes wesentlich mehr bedeuten könnte, steht indessen außer Frage.

Der Vater ist herausgefordert, sein Bestes zu tun. Er steht vor der Aufgabe, sich seiner selbst so bewusst als möglich zu werden. Er muss sich anstrengen, seiner Verantwortung gegenüber seinem Kind besser gerecht zu werden. Er ist aufgefordert, eine seinen Fähigkeiten angemessene Rolle in der Entwicklung seines Kindes zu spielen. Und er muss alles daran setzen, ein zufriedener Vater zu werden.


Quelle

Veränderte Fassung eines Vortrags auf der 1. Fachtagung „Frühförderung bei Kindern mit psychosozialen Risiken“, München, 26.02.05


Autor

Dr. Dieter F. Hinze, Diplom-Psychologe, Supervisor, Psychotherapeut, ehem. langjähriger Mitarbeiter im Kinderneurologischen Zentrum Bonn, arbeitet freiberuflich im Bereich der Erwachsenenbildung und leitet u.a. Seminare und Workshops für Fachleute in der Behindertenhilfe sowie für Eltern behinderter Kinder.


Adresse

Dr. Dieter F. Hinze
Kronprinzenstraße 30
D-53173 Bonn

Tel./Fax: +49 (0)228/353547
Email: Dr. Dieter F. Hinze
Homepage: http://www.fuehrungsprinzip-achtsamkeit.de



Letzte Änderung: 11.08.2005 14:17:09Zum Seitenanfang