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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Bin ich jetzt nur noch Mutter?

Monika Maria Kuhn


Kinder halten uns den Spiegel vor die Nase, ohne Beschönigung, kritisch, lehren uns, unserer Vergangenheit ins Auge zu sehen. Kinder - eine unglaubliche Chance zum eigenen Wachsen, zum Erkennen, zum Lieben, zum Reden, zum Lernen.

Klischees

Der Beruf der Hausfrau und Mutter (1) ist mit Klischees wie mit Zuckerguss überzogen. Da hilft es auch nicht, den Guss abzukratzen, weil der Zucker in alles eingedrungen ist und den ganzen Begriff verseucht hat. Jedoch sollten wir lernen, zwischen Klischee und Realität zu unterscheiden, und wir sollten nicht gleich alles verwerfen, was missbraucht wurde (2). Es ist deshalb nicht unbrauchbar geworden. Wenn wir den Blickwinkel ändern, können wir andere Seiten sehen und entdecken.

Der Beruf der Hausfrau und Mutter hat sich gewandelt; Familie und Kinder zu haben ist nicht mehr selbstverständlich und im ständigen Wandel begriffen. Familienzusammenstellungen wechseln. Allein erziehende Mütter und Väter nehmen inzwischen in unserer Gesellschaft einen großen Raum ein.

Frauen gehen viel bewusster mit diesen Situationen um als noch vor einigen Jahren, ihr Selbstbewusstsein ist ein anderes geworden. Nur schade, dass es dazu geführt hat, den Mann als das "Maß aller Dinge" zu festigen. Viele Frauen versuchen sich zu emanzipieren, indem sie die Werte der Männer übernehmen und sich ihrem Weltbild anpassen. Die Angst vor der angeblichen Reduzierung (3) auf die drei K's, Kinder - Küche - Kirche, lässt inzwischen auch viele Frauen auf ihre "Schwestern" herabgucken, welche in diesen Bereichen ihren Lebensinhalt gefunden haben. Es ist gut, wenn Frauen ihre Möglichkeiten ausschöpfen und in alle bisher nur Männern vorbehaltenen Bereiche hineinströmen. Aber genau so wichtig ist es, ihr Selbstbewusstsein im weiblichen Bereich zu stärken und dort wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen, wo sie gerade (unbezahlt) arbeiten, nämlich in der Familie und im sozialen Umfeld.

Keine Mutter ist eine Nur-noch-Mutter. Frauen müssen sich davor hüten, Nur-noch-Mütter zu werden, auch wenn sie nicht zusätzlich erwerbstätig sind. Sie haben selbst Bedürfnisse, die sie nicht verleugnen und verdrängen sollten. Nur wenn sie auch für sich sorgen, sich ihre Wünsche eingestehen und sich für eigene Interessen Zeit nehmen, um wieder Kraft zu schöpfen, können sie auch ihren Kindern gerecht werden. Sind Frauen einmal Mütter, sind sie immer Mütter, aber Auch-noch-Mütter, zu allem anderen, was sie schon sind.

Nimmt jemand eine neue Tätigkeit auf, so wird diese üblicherweise als eine Erweiterung seines Horizonts angesehen. Bei Müttern, für die die Familienarbeit ebenfalls etwas Neues (4) ist, wird oftmals behauptet, dass ihr Horizont eingeschränkt werde. Das finde ich paradox. Mir ist aufgefallen, dass das Wörtchen nur immer nur für Frauen angewendet wird. Noch nie habe ich etwas von einem Nur-Hausmann, einem Nur-Vater oder einem Nur-Arbeiter gehört oder gelesen, auch wenn letzterer keinerlei Ausbildung hat und Hilfsarbeiter ist. Diese Abwertung der Frauen und ihrer Arbeit hat in unserer patriarchalischen Gesellschaft Methode und wird in der Sprache offensichtlich.

Wie vor allem Familienhausarbeit entwertet wird, sehen wir daran, dass immer wieder behauptet wird, die Familienhausfrau arbeite nicht. Sie habe Erziehungsurlaub (5), mache Babypause. Als Arbeit wird nur das bezeichnet, was auch bezahlt wird. Familienhausarbeit ist nicht schlechter als irgendeine andere Arbeit, jedoch wird sie systematisch abgewertet, weil sie nicht bezahlt wird, und umgekehrt wird sie nicht bezahlt, weil sie angeblich nichts wert ist und weil das immer schon so war. Das ist ein Teufelskreis wie bei Obdachlosen, die Arbeit suchen, aber nur Arbeit finden, wenn sie eine Wohnung haben, und nur eine Wohnung finden, wenn sie Arbeit haben...

Bedingungen

Es liegt nicht an der Arbeit an sich, sondern an den Rahmenbedingungen, dass Frauen und Männer sich möglicherweise schlecht fühlen, wenn sie sich für die Familienhausarbeit entscheiden.

Die sozialen Bedingungen

Zur Abwertung habe ich mich schon geäußert, nun möchte ich noch auf die Isolation von Müttern eingehen. Isolierung ist für die Familienfrau nicht zwingend - allerdings muss sie viel mehr Eigeninitiative aufbringen, um Kontakte zu knüpfen, und sie muss aus einem beschränkten Haushaltsbudget die finanziellen Mittel dafür abzweigen. Und weil immer mehr Frauen erwerbstätig sind, gibt es natürlich auch weniger Möglichkeiten der Begegnung und des Austauschs.

Entscheiden sich Frauen dafür, mehrere Jahre in der Familie zu arbeiten, wird der spätere Wechsel in den Erwerbsberuf oftmals erschwert bzw. unmöglich gemacht. Zurzeit steigen die Arbeitslosenzahlen immer höher, und die Chance auf einen Erwerbsarbeitsplatz wird geringer, je älter die (bezahlte) Arbeit suchende Person ist.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass Frauen, die jahrelang in der Familie gearbeitet haben, abqualifiziert werden. Ihnen wird nicht mehr zugetraut, im Erwerbsleben bestehen zu können. Dabei ist der Arbeitsplatz Familienhaushalt vielen anspruchsvollen Erwerbsarbeitsplätzen ebenbürtig. Das ergab das Forschungsprojekt von Kerstin Költzsch Ruch "Das Qualifizierungspotential der Familien- und Hausarbeit und seine Bedeutung für den Beruf" (6). Diese Studie hat den Zweck, Müttern durch die Anerkennung ihrer Familienqualifikationen eine bessere Chance zu vermitteln, wieder in das Erwerbsleben zu kommen. Mütter "verdummen" nicht während ihrer Familienhausarbeit, wie immer noch sehr verbreitet unterstellt wird, sondern eignen sich vielerlei Kompetenzen an. Ihre Arbeit ist vielseitiger und abwechslungsreicher als viele andere Berufe, fordert Flexibilität, Eigeninitiative und Managerfähigkeiten und kann es in der Bewertung mit einem Bauingenieur oder Schulleiter aufnehmen.

Die finanziellen Bedingungen

Mütter (und auch Väter) bekommen kein Gehalt (7) für die Arbeit in der Familie. Sie sind somit von ihrem Partner bzw. ihrer Partnerin oder vom Sozialamt finanziell abhängig. Daran ändert oftmals auch die zusätzliche Erwerbsarbeit nicht viel, da Mütter meistens einen Halbtagsjob bzw. einen so genannten geringfügigen Job annehmen und somit selbst dadurch nicht finanziell unabhängig werden. Sie bekommen für doppelte Arbeit den halben Lohn.

Normalerweise bekommt ein Mensch, wenn er eine Erwerbsarbeit aufgibt, um eine andere aufzunehmen, keinen Lohnersatz für die aufgegebene Arbeit. Deshalb ist es absurd, ein Erziehungsgeld für Familienarbeit als Ersatz für die vorher ausgeübte Erwerbsarbeit zu zahlen und es am dafür gezahlten Gehalt zu messen. Das würde auch dazu führen, dass Männer, die die Familienarbeit übernehmen, ein höheres Entgelt dafür bekämen, nur weil sie im Erwerbsbereich durchgängig höhere Einkommen erzielen.

Sobald eine Mutter stirbt, wird ersichtlich, welchen Wert ihre Arbeit hat. Aber davon hat eine tote Mutter nichts mehr. Zu Lebzeiten braucht sie die Anerkennung und Sicherheit, die in unserer Gesellschaft nun einmal (noch) hauptsächlich durch Geldwert ausgedrückt wird. Sicher wäre ein Gehalt auch für Männer ein stärkerer Anreiz, die Familienarbeit zu übernehmen.

Die rechtlichen Bedingungen

Das geltende eheliche Güterrecht unterstützt die Abhängigkeit von Müttern noch, weil das während der Ehe erworbene Einkommen demjenigen gehört, der es verdient. Erst bei Scheidung findet ein Zugewinnausgleich statt. Die nicht erwerbstätige Person ist während der Ehe Unterhalts- und Taschengeldempfängerin. Und obwohl rechtlich gesehen die Haushaltsführung zum Unterhalt der Familie beiträgt (8), hat die Person, die diese Arbeit übernimmt, keinen Anspruch auf eine angemessene Bezahlung und Alterssicherung (9). Und sie ist nicht unfallversichert, obwohl im Haushalt viele Unfälle passieren.

Anstatt aber diese Bedingungen zu ändern, um Frauen und auch Männern zu ermöglichen, sich frei zwischen Familien- und Erwerbsarbeit entscheiden zu können (z.B. durch ein Entgelt für Familienarbeit), werden Erwerbstätigkeit und öffentliche Kinderbetreuung von der Politik als einzige erstrebenswerte und mögliche Lösung propagiert. Dass sich Frauen und auch Männer, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, eventuell wenigstens einige Jahre ganz für Familienarbeit entscheiden könnten, wird ignoriert bzw. verworfen oder sogar lächerlich gemacht.

Dabei werden in keinem anderen Beruf so viele verschiedene Tätigkeiten ausgeübt. Von der Säuglingspflege angefangen über die Kinderbetreuung, Raum- und Wäschepflege, Krankenpflege, Kochen und Backen, Herstellung von Kleidung bis hin zu psychologischen, therapeutischen und beratenden Aufgaben reichen die Leistungen einer Familienfrau. Und das ist noch lange nicht alles. Unter anderem haben viele noch einen Garten zu versorgen und bauen eigene Lebensmittel an. Sind die Kinder erwachsen und gehen aus dem Haus, kommen die Eltern oder Schwiegereltern in das Alter, wo sie mehr Hilfe und Unterstützung brauchen - bis hin zur Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Auch wenn sie nicht mehr zu Hause gepflegt werden, was immerhin auch noch vorkommt, muss für Betreuung und Versorgung Zeit investiert werden. Wie ist es möglich, dass das alles in unserer Gesellschaft nicht als Arbeit zählt und nicht genügt?

Mädchen für alles oder Familienmanagerin?

Wie ich schon am Anfang erläutert habe, kann mit Sprache ein Begriff ab- oder aufgewertet werden, je nachdem, was damit bezweckt wird. So können wir auch versuchen, mit positiven Begriffen darzulegen, was in der Familie alles geleistet wird. Mit "Mädchen-für-alles" wird vielleicht dasselbe ausgedrückt wie mit "Familienmanagerin" (10), jedoch ist ersteres eine Abwertung: Mädchen hat mit Unreife, mit Bevormundung zu tun, und der Begriff hört sich stark nach "Dienstmädchen" und Ausnutzung an. Im Prinzip werden Mütter auch ausgenutzt; sie sind für alles zuständig, aber gleichzeitig abhängig. Familienmanagerin assoziiert demgegenüber eine reife unabhängige Frau, die den Überblick behält und das Geschehen sowohl leitet als auch die Arbeit selber organisiert bzw. ausübt.

Wenn eine Frau sich das klarmachen kann und die Strategien der Abwertung durchschaut, hat sie die Möglichkeit, ihr Selbstbewusstsein auch als nicht erwerbstätige Familienfrau zu festigen. Es gibt viel mehr Gleichgesinnte, als auf Grund der Darstellung in den Medien zu vermuten wäre, da diese Stimmen oftmals nicht an die Öffentlichkeit gelangen oder mundtot gemacht werden.

Es wäre erstrebenswert, wenn die Möglichkeit für Mütter oder Väter bestünde, sich stückchenweise von ihren Kindern lösen zu können und langsam einen (neuen) Tätigkeitsbereich für sich zu erschließen (11). Fasziniert haben mich die Berichte und Reflexionen über das Mütterzentrum in Salzgitter (12). Eine Utopie ist hier Wirklichkeit geworden: eine Zelle in der Gesellschaft, die den Mütter (und auch Vätern) die Möglichkeit gibt, mit ihren Kinder zusammen Kontakte zu knüpfen. Hier können sich Kinder langsam abnabeln, sich von ihren Müttern freiwillig lösen - jedes auf seine Art und nach seinen Bedürfnissen. Ihre Mütter finden Kontakt, Aussprache, gegenseitige Hilfe und ein Betätigungsfeld gegen Bezahlung. Hier sind Kinder nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht und integriert. Und hier ist alle Arbeit gleichwertig, Beziehungsarbeit eingeschlossen, und die Mütter lernen Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Lebensweisen.

Schein oder Wirklichkeit?

Unsere Gesellschaft krankt daran, dass der Mensch immer mehr in den Hintergrund gerät. Die (Erwerbs-) Arbeit an sich ist das Maß aller Dinge und wird bisweilen exzessiv betrieben. Hauptsache es bringt Geld, egal wie. Es genügt nicht mehr, gut zu leben und das Wichtigste zum Leben zu haben, es muss immer mehr sein. Es müssen nicht nur Gewinne erwirtschaftet werden, es müssen immer mehr Gewinne erwirtschaftet werden.

Dabei sagt einem doch der gesunde Menschenverstand, dass ein Wachstum nicht ins Unendliche gehen kann. Ich muss unwillkürlich an "Des Kaisers neue Kleider" denken (13). Hier machen zwei Betrüger allen Leuten weis, dass der Stoff, aus dem sie die Kleider für den Kaiser schneidern, so fein ist, dass nur kluge Leute ihn sehen können. Natürlich will niemand als dumm gelten und so tun alle so, als könnten sie die Kleider sehen, obwohl gar nichts da ist, bis ein Kind diesen Schwindel aufdeckt. Ist es in der Politik nicht genauso? Da behaupten auch so genannte Fachleute, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen kann und muss. Und dass die, die sich dagegen aussprechen, keine Ahnung haben. Aber nichts kann in alle Ewigkeit weiter wachsen. Das wirtschaftliche Wachstum geht auf Kosten der Umwelt und vieler Armer und wirtschaftlich Schwacher. Angeblich ist kein Geld da, wenn es um soziale Belange geht oder wenn ein Gehalt für Familienarbeit gefordert wird. Stattdessen fließt das Geld in viele andere Kanäle, und nicht zuletzt in die Taschen der Politiker und Politikerinnen und der "Spitzenkräfte". Zur Erhöhung der Diäten (14) reicht es seltsamerweise immer.

Nur für den Nachwuchs ist kein Geld da, weder für die Familien, noch für Kindergärten oder Schulen. Die Eltern sollen alle erwerbstätig sein, und die Kinder sollen schnell mit der Schule und dem Studium fertig werden, damit sie möglichst früh Geld verdienen können. Allerdings sind die Aussichten auf einen Erwerbsarbeitsplatz inzwischen so schlecht, dass junge Leute oft schon "arbeitslos" sind, bevor sie überhaupt eine Lehre angefangen haben.

Erwerbsarbeit contra Familienarbeit?

Die Meinungen darüber, was für Frauen gut ist, gehen weit auseinander. Und sie gehen ebenfalls auseinander bei den Bedürfnissen der Kinder. Und oftmals geht das eine mit dem anderen nicht zusammen. Was aber ist wirklich für Mütter und Kinder gut? Es gibt dafür keinen allgemein gültigen Weg, keine Lösung, die für alle gilt. Das wird allzu häufig vergessen. Diejenigen, die einen Weg für sich gefunden haben, glauben, dieser wäre für alle anderen ebenfalls richtig. Jede Gruppe sucht Argumente und versucht über Fachleute, diese Argumente zu untermauern, um den eigenen Standpunkt durchzusetzen, Recht zu bekommen. Die Meinungen, die über Medien und Politik vorwiegend propagiert werden, setzen sich durch, werden verinnerlicht und allgemein gültig.

Bei all dem werden Kinder am allerwenigsten gefragt, was sie wollen. Wenn sie klein sind, können sie dazu auch gar nichts sagen. Alles dreht sich in unserer Gesellschaft um die Erwerbsarbeit - um das Geld. In der Familie muss alles so gemanaged werden, dass die Erwerbsarbeit reibungslos klappt. Kinder sind dabei meist im Weg und müssen wegorganisiert werden.

Aber Kinder sind unsere Zukunft. Sie benötigen Zuwendung, brauchen die Bindung an eine Bezugsperson, die sich um sie kümmert, alle Zeit für sie hat - vor allem in den ersten Lebensjahren. Babys fordern ohne Ende. Viele Eltern kommen dabei an ihre Grenzen, vor allem, wenn sie isoliert sind oder sich zwischen Erwerbs- und Familienarbeit fast zerreißen. Da in unserer Gesellschaft die Erwerbsarbeit als das Wichtigste im Leben eines Menschen propagiert wird, sind auch immer weniger Frauen bereit, einige Jahre lang ihre Kinder zu Haus zu betreuen. Gleichzeitig reicht die Erwerbsarbeit nicht für alle. So bleiben immer mehr Frauen und inzwischen auch Männer finanziell und sozial auf der Strecke.

Es ist schade, dass Erwerbsarbeit und Familienarbeit konkurrieren. Besser wäre es eine Balance zu finden, denn beides ist gleich wichtig (15). Beides muss bezahlt werden. Wenn Frauen neben ihrer Familienarbeit noch Erwerbsarbeit tun wollen, sollten sie auch für beides bezahlt werden. Wenn Menschen zwei Erwerbsberufe ausüben, werden sie auch für beide bezahlt. Und wenn sie die Familienarbeit an eine andere Person delegieren, sollte diese Person von diesem Gehalt bezahlt werden.

Ausbildung zur Familienmanagerin?

Es wird oft gesagt, dass es zu schade ist, wenn eine Frau mit einer guten Ausbildung ihren Beruf nicht weiter ausübt, sobald sie Kinder bekommt. Ich behaupte umgekehrt, es ist unverantwortlich, wenn Frauen ohne Ausbildung Mutter werden. Wie soll eine Mutter Wissen an ihre Kinder weitergeben, wenn sie selber nicht genügend weiß? Kindergärten und Schulen können nicht alles vermitteln und sind teilweise sogar ungeeignet und überfordert oder setzen zu spät an. Warum sonst versagen viele Kinder?

Was uns fehlt, ist ein Schulfach Haushaltmanagement an allen allgemein bildenden Schulen für Jungen und Mädchen. Und eine Aus- und Weiterbildung für Mütter und Väter. Es wird vorausgesetzt, dass eine Frau (und auch ein Mann) schon weiß, was sie tun muss, wenn sie Mutter wird. Sie wird mit allem alleine gelassen, und wenn sie versagt, ist sie schuld - dann ist sie eine "schlechte" Mutter. Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, sollte eine Grundausbildung erhalten, die ihn befähigt, einen Haushalt mit Kindern zu führen. Dazu gehören neben hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, umweltfreundlichen Methoden der Raum- und Wäschepflege und gesunde Ernährung, auch Kinderpsychologie und Kommunikationstraining (16). In der Familienphase sollten dann regelmäßig Fortbildungen und Gesprächskreise zum Erfahrungsaustausch stattfinden.

Und wenn Frauen bzw. Männer wieder erwerbstätig sein wollen, um ihre gute Ausbildung zu nutzen, sollten sie trotzdem die Möglichkeit haben, sich um ihre Kinder zu kümmern, wenn diese krank sind oder ihre Hilfe brauchen. Kinder brauchen das Gefühl, dass sie geliebt werden, dass jemand Zeit für sie hat. Gerade auch in dem Alter, wo sie sich abnabeln, brauchen sie Aussprache und Stütze. Aber sie bitten nicht darum - wir müssen von uns aus auf sie zu gehen und ihnen immer wieder versichern, dass sie wichtig sind und wir uns Zeit für sie nehmen.

Ja, sicher, viele Frauen, oder sogar die meisten, bewältigen das Muttersein, wachsen in ihre Aufgabe hinein und eignen sich vielerlei Kompetenzen an. Und trotzdem wäre der Start leichter und die Unterstützung größer bei einer Ausbildung und begleitenden Weiterbildung. Frauen wären schon durch den Austausch nicht mehr so alleingelassen und isoliert, und der Beruf der Hausfrau und Mutter hätte einen ganz anderen Stellenwert.

Kinder, Kinder

Was können wir unseren Kindern noch bieten? Welche Zukunft erwartet sie? Es wird Zeit, eine andere Richtung einzuschlagen, das Leben wieder in den Mittelpunkt zu rücken - also eine menschen- und umweltfreundliche Umgebung zu schaffen. Da kann jede/r Einzelne mithelfen, bei sich selbst anfangen: das eigene Bewusstsein schärfen und das eigene Leben daran ausrichten.

Wir haben die Aufgabe, unseren Kindern bei ihrer Entwicklung und ihrer Bewusstwerdung zu helfen. Allerdings lernen die Kinder nicht nur von uns, sondern wir lernen auch von ihnen. Wir können lernen, alles in Frage zu stellen, unser Leben zu überdenken, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, die Welt mit den staunenden Augen des Kindes zu betrachten. Wir können lernen, dass wir nicht immer Recht haben, auch wenn oder gerade weil unsere Lebenserfahrung eine andere ist als die unserer Kinder. Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, auch wenn das für beide Seiten schmerzlich ist. Wir lernen uns selber und unsere Grenzen, Fehler und Schwächen kennen, müssen aber auch unsere Bedürfnisse wahrnehmen lernen und dadurch den Kindern Grenzen setzen. Das Schwere am Mutter- oder auch Vaterberuf ist, sich ständig darauf einstellen zu müssen, was Kinder gerade brauchen, ihre Entwicklung zu begleiten, aber trotzdem sich selbst dabei nicht zu vernachlässigen, die eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.

Kinder sind nicht unser Eigentum (17), und sie haben ein Recht darauf, als Person ernst genommen zu werden und Antworten auf ihre vielen Fragen zu bekommen. Sie haben ebenfalls ein Recht darauf, ihr Leben zu leben. Wenn wir sie sich entfalten lassen, können wir zusehen, wie sie langsam flügge werden. "Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln, wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel" (18).

Wir dürfen uns im Muttersein nicht verlieren, so dass wir nicht mehr in der Lage sind, die Kinder ihren Weg gehen zu lassen, weil wir den eigenen verpasst haben. Das bedarf eines ständigen Jonglierens und einer ständigen Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Wir müssen lernen, dass wir nur eine begrenzte Zeit Wegbegleiter/innen der Kinder sein können. Irgendwann gehen sie ihre eigenen Wege. Wir dürfen sie nicht zwingen, in unsere Fußspuren zu stapfen, denn dann werden sie uns nie überholen können. Genauso wenig dürfen wir den Fußspuren der Kinder folgen, wenn sie uns überholt haben, denn wir haben einen anderen Weg. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, den nie ein anderer Mensch vor ihm gegangen ist und keiner nach ihm gehen wird.

Anmerkungen

(1) Männer sind hier immer mit gemeint, auch wenn sie nicht ausdrücklich genannt werden. Jedoch sind sie in diesen Bereichen noch eine Minderheit.

(2) Missbraucht in dem Sinn, dass Frauen als "Heimchen am Herd" und als "Gebärmaschinen für Kanonenfutter" betitelt und benutzt wurden. Dass ihnen Mitspracherecht und Selbstbestimmung abgesprochen wurde. Und dass sie finanziell abhängig gehalten werden, weil sie nie für ihre Arbeit (angemessen) bezahlt wurden und werden.

(3) Wieder eine Abwertung, die durch ständige Wiederholung in Fleisch und Blut übergegangen ist.

(4) Auch wenn Frauen schon vorher einen Haushalt geführt haben, ist das mit Kindern ganz anders. Alles muss neu organisiert und gestaltet werden.

(5) Inzwischen im Gesetz umgeändert in Elternzeit; umgangssprachlich wird der Begriff "Erziehungsurlaub" aber noch häufig verwendet.

(6) Költzsch Ruch, 1997; siehe auch Quelle.

(7) Die dhg, ehemals Deutsche Hausfrauengewerkschaft e.V., seit September 2000 dhg-Verband der Familienfrauen und -männer, setzt sich seit 25 Jahren für die Anerkennung und Bezahlung der Familienarbeit ein. Siehe auch Quellenangaben und Literaturverzeichnis.

(8) BGB § 1360 Die Ehegatten sind einander verpflichtet, durch ihre Arbeit und mit ihrem Vermögen die Familie angemessen zu unterhalten. Ist einem Ehegatten die Haushaltsführung überlassen, so erfüllt er seine (=so genanntes "generisches Maskulinum", obwohl in der Regel immer noch ihre) Verpflichtung, durch Arbeit zum Unterhalt der Familie beizutragen, in der Regel durch die Führung des Haushalts.

(9) Eine Mutter müsste 35 Kinder großziehen, um eine Rente in Höhe der Sozialhilfe zu bekommen.

(10) Arn/Stump, 2004.

(11) Allerdings werden leider noch viel zu wenig qualifizierte Minijobs und Halbtagsstellen angeboten.

(12) Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hg.), 2000.

(13) Märchen von Hans Christian Andersen.

(14) Paradoxerweise hat Diät noch eine gegensätzliche Bedeutung, nämlich Einschränkung (im Essen). Bei den Diäten der Politiker/innen merkt man allerdings wenig von Einschränkung...

(15) Oder ist Familienarbeit angesichts des demografischen Fiaskos wichtiger?

(16) Gordon, 1972. Er hat eine Methode des aktiven Zuhörens entwickelt, die verblüffende Wirkung zeigt. Es geht bei ihm auch um die niederlagelose Methode, das heißt darum, sich auf eine Lösung zu einigen, mit der jede beteiligte Person zufrieden ist - sowohl Eltern als auch Kinder.

(17) "Deine Kinder sind nicht deine Kinder, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir und obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht, du kannst ihnen deine Liebe geben, aber nicht deine Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken, du kannst ihrem Körper ein Heim geben, aber nicht ihrer Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von morgen, das du nicht besuchen kannst, nicht einmal in deinen Träumen. Du kannst versuchen, ihnen gleich zu sein, aber suche nicht, sie dir gleich zu machen, denn das Leben geht nicht rückwärts und verweilt nicht beim Gestern. Du bist der Bogen, von dem deine Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Lass deine Bogenrundung in der Hand des Schützen Freude bedeuten" (Kahlil Gibran).

(18) Sprichwort oder Weisheit, Herkunft unbekannt.


Literatur

Christof Arn, Doris Stump, Von der Hausfrau zum Facility Manager? Strategien zur Entdiskriminierung der Haus- und Familienarbeit, eFeF-Verlag, 2004

Judy Chicago, Durch die Blume. Meine Kämpfe als Künstlerin, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt, 1984

Khalil Gibran, Der Prophet, Düsseldorf, Patmos, 2004

Thomas Gordon, Familienkonferenz. Die Lösung von Konflikten zwischen Eltern und Kind, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1972

Elisabeth Jünemann, Hans Ludwig, Vollbeschäftigung ist möglich! Makroökonomische Simulation der Wirkungen eines zusätzlichen Erziehungseinkommens, Merzig, Merziger Druckerei und Verlag, 2002

Kerstin Költzsch Ruch, Familienkompetenzen - Rüstzeug für den Arbeitsmarkt, Köniz, Edition Soziothek, 1997

Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e.V. (Hg.), Die Rückkehr des Lebens in die Öffentlichkeit. Zur Aktualität von Mütterzentren, Neuwied, Kriftel, Berlin, Luchterhand 2000


Quellen

Familienkompetenzen, in dhg-Rundschau 1/98, Seite 6/7

Erziehungsgehaltsmodelle, in dhg-Rundschau 4/98, Seite 5

Gehalt für Familienarbeit - Lösung oder volkswirtschaftlicher Unsinn?, in Familienarbeit heute 1/2003, Leitartikel


Autorin

Monika Maria Kuhn ist Geschäftsstellenleiterin des dhg-Verbands der Familienfrauen und -männer e.V.


Adresse

Monika Maria Kuhn
Hammanstr. 23
D-67549 Worms
Tel./Fax: 06241/55943
Email: geschaeftsstelle@dhg-vffm.de
Homepage: http://www.dhg-vffm.de



Letzte Änderung: 31.08.2004 15:30:24Zum Seitenanfang