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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Von der Partnersuche zur Ehe

Martin R. Textor        Martin R. Textor


In den beiden ersten Phasen des Familienzyklus lernen die Partner einander kennen und bilden eine intensive Paarbeziehung aus. Dementsprechend wird unterschieden zwischen: Dies ist natürlich eine eher "klassische" bzw. "traditionelle" Unterteilung. In vielen Fällen endet heute die Phase der Partnersuche nicht mehr mit der Heirat, sondern mit dem Zusammenziehen der Partner - also mit der Gründung einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Und dementsprechend gibt es dann nicht "die ersten Ehejahre", sondern die "ersten Jahre des Zusammenlebens". Diese enden oft mit einer Hochzeit: Viele Paare heiraten, wenn sie eine Familie gründen wollen bzw. die Frau mit dem ersten Kind schwanger ist.

Die meisten der im Folgenden beschriebenen Charakteristika der beiden ersten Phasen des Familienzyklus gelten aber sowohl für "traditionelle" Beziehungen als auch für nichteheliche Lebensgemeinschaften.


Partnersuche und Heirat

Bevor Erwachsene eine Beziehung eingehen, die zu Ehe und Familiengründung führt, haben sie heute in der Regel bereits viele Erfahrungen mit verschiedenen Partnern gesammelt. So ist in den vergangenen Jahrzehnten das Alter immer mehr gesunken, in dem junge Menschen ihr erstes sexuelles Erlebnis haben. Zugleich ist die Zahl der Sexualpartner vor der Ehe stark angestiegen.

Bei der Partnersuche lassen sich Menschen von einer Vielzahl bewusster und unbewusster Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche leiten. So glauben viele Personen an die "große Liebe" oder sind der Meinung, dass es einen "idealen" Männer- bzw. Frauentyp gäbe. Die "ideale" Frau wird zumeist als attraktiv, charmant, häuslich, gefühlsbetont, freundlich, intelligent, gebildet, tolerant und als gute Hausfrau, der "ideale" Mann als groß, schlank, kräftig, treu, zuverlässig, fleißig, sportlich und attraktiv beschrieben.

Die Partnersuche erfolgt in verschiedenen kleinen, voneinander abgegrenzten Partnermärkten, zu denen Individuen in unterschiedlichem Maße Zugang haben. In dem jeweiligen "Markt" treffen sich in der Regel nur Personen mit ähnlichen sozialen Merkmalen, die also derselben Altersgruppe und Schicht angehören, eine vergleichbare Schul- und Berufsausbildung genossen haben und hinsichtlich ihrer Werte, Einstellungen, Interessen und Hobbys weitgehend übereinstimmen. Dementsprechend treffen in der Phase des Kennenlernens zumeist zwei Personen aufeinander, die sich hinsichtlich ihrer sozialen Merkmale ähneln. Sie bewerten Aussehen, Kleidung, Geschmack, Umgangsformen, Lebensstil und Freizeitverhalten, stellen viele Übereinstimmungen fest, finden einander sympathisch und fühlen sich zueinander hingezogen.

In der Phase der ersten Paarbeziehung beginnen die Verliebten, eine enge Beziehung aufzubauen, Partnerrollen zu übernehmen und eine Paaridentität zu entwickeln. Sie öffnen sich selbst immer mehr und lernen einander immer besser kennen. Auch erleben sie, dass Gespräche leichter und intensiver werden. So wachsen Liebe, Zuneigung und Zufriedenheit, passen sich die Partner mehr und mehr einander an, stimmen sie Einstellungen, Werte, Interessen und Verhaltensweisen ab. Zumeist verklären sie den Partner und zeigen einander bloß ihre besten Seiten. Dieses wird auch dadurch erleichtert, dass sie in der Regel nur ihre Freizeit gemeinsam verbringen und so einander nicht im Alltag erleben. Entwickelt sich die Beziehung nicht so positiv, kann sie in dieser Phase relativ leicht abgebrochen werden, da die Partner noch nicht viel in sie "investiert" haben. Auch haben Außenstehende wie Freunde, Bekannte und Eltern noch größere Einflussmöglichkeiten und mögen durch mehr oder weniger subtile Taktiken den Kontakt fördern oder schwächen.

Passen die Partner hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsmerkmale und Eigenschaften zusammen, ergänzen sie sich bezüglich ihrer Bedürfnisse und Erwartungen und haben sie starke Bindungen und intensive Gefühle der Liebe, Zuneigung und Zusammengehörigkeit entwickelt, so treten sie in die Phase der gefestigten Paarbeziehung ein. Oft verloben sie sich nun oder ziehen zusammen und bilden eine nichteheliche Lebensgemeinschaft. Sie stimmen Beziehungsdefinitionen, Rollenvorstellungen, Interaktionsmuster und Erwartungen immer besser ab, entwickeln gemeinsame Positionen und klären unterschiedliche ab. So passen sie sich immer mehr einander an, "investieren" zunehmend in ihre Beziehung und binden sich auf Dauer. Sie treten jetzt als Paar nicht mehr nur in ihrem Freundeskreis auf, sondern auch in der erweiterten Familie. Problematisch ist, dass die Erwartungen an den Partner und die Beziehung oft weiter zunehmen: So soll der andere alle Sehnsüchte und Bedürfnisse befriedigen, einen glücklich und zufrieden machen, Geborgenheit, Sicherheit und Unterstützung bieten, die eigene Weiterentwicklung und Selbstentfaltung fördern, offen und verständnisvoll sein, sich hingeben und die eigene Gleichrangigkeit akzeptieren. Viele unrealistische Erwartungen werden auch durch die Medien geschürt.

Aufgrund der sinkenden Heiratsneigung und der zunehmenden Akzeptanz nichtehelicher Lebensgemeinschaften entscheiden sich viele Paare erst dann für eine Ehe, wenn sie sich ein Kind wünschen. In vielen Fällen ist die Frau zum Zeitpunkt der Hochzeit bereits schwanger oder wird das erste Kind noch vor der Eheschließung geboren. Hier wird deutlich, dass die Ehe einen Bedeutungs- und Motivationswandel erfahren hat: Während sie in der Vergangenheit in erster Linie das Zusammenleben von zwei Menschen legitimieren sollte, wird sie heute vor allem aus kindorientierten Gründen eingegangen. Natürlich spielen aber auch weiterhin Motive wie der Wunsch eine Rolle, durch die Eheschließung die wechselseitige Liebe und Zuneigung zu besiegeln und die Dauerhaftigkeit der Bindung zu bestätigen.

In der Regel wird mit der Heirat gewartet, bis zumindest eine Person beruflich selbständig ist; die Erwerbsdauer vor der Eheschließung tendiert bei Männern im Durchschnitt auf mehr als sieben Jahre, bei Frauen auf mehr als fünf Jahre. Generell steigt das Heiratsalter an, weil mehr Zeit für die eigene Ausbildung und den Aufbau der beruflichen Existenz benötigt wird. Insbesondere hoch qualifizierte Personen heiraten relativ spät - gut ausgebildete Frauen bleiben übrigens auch häufiger ledig. Ein anderer Grund für das Ansteigen des Heiratsalters liegt darin, dass viele Partner zunächst in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft leben, anstatt wie früher sofort zu heiraten.

Durch den Ehebund wird die Beziehung zwischen den beiden Partnern legalisiert und institutionalisiert, also Gesetzen, Normen und bestimmten Verhaltenserwartungen unterworfen. Auch werden ihr Ausschließlichkeitscharakter und ihre Dauerhaftigkeit betont. Die Trauung symbolisiert für die Partner einen Statuswechsel und bedeutet für deren Verwandte die Vereinigung von zwei Familiensystemen. Generell geht die Zahl kirchlicher Trauungen zurück, wobei diese Tendenz bei gemischtkonfessionellen Eheschließungen besonders stark ausgeprägt ist.


Die ersten Ehejahre

Wie in den anderen Phasen des Familienzyklus variieren auch in den ersten Ehejahren Verhaltensweisen und Erfahrungen von Paar zu Paar. Haben die Partner zum Beispiel vor der Hochzeit in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft gewohnt, dürften für sie die ersten Ehejahre wenig Veränderungen bringen. Haben sie geheiratet, weil die Frau schwanger war oder weil sie unverzüglich ihren Kinderwunsch realisieren wollen, schrumpft diese Phase des Familienzyklus auf wenige Monate zusammen und ist vor allem durch die Vorbereitung auf das Kind gekennzeichnet. Da wir hier nicht alle diese Variationen berücksichtigen können, werden wir uns im Folgenden vor allem auf Fälle beschränken, bei denen die Partner erst nach der Hochzeit zusammenziehen und nicht sofort Kinder zeugen.

Im Mittelpunkt dieser Phase des Familienzyklus stehen die Ausbildung des Ehesubsystems, die Entwicklung einer Identität als verheiratetes Paar, die Festigung der Partnerrollen und die Regelung der Rollenausübung. So müssen die Ehepartner festlegen, wer welche Rechte, Pflichten und Entscheidungsbefugnisse hat, wie die Macht in der Ehebeziehung verteilt wird und wer welche Aufgaben im Haushalt übernimmt. Generell sind Arbeitsteilung und Autoritätsstruktur schwächer ausgeprägt als in den nachfolgenden Phasen. Ferner entwickeln die Ehegatten Regeln über die Art des Umgangs miteinander, das wechselseitige Geben und Nehmen, die üblichen Kommunikationsinhalte, die Zeitplanung und das Freizeitverhalten. Sie gleichen die in der Herkunftsfamilie oder in anderen Systemen erlernten Interaktionsmuster, Kommunikationsstile, Denkweisen, Werte und Einstellungen einander an. Dabei lassen sie sich entweder vom Vorbild der Ehebeziehung ihrer Eltern leiten (falls sie diese positiv erlebten) oder versuchen, die eigene Ehe ganz anders zu gestalten als die eines oder beider Elternpaare. Auch lernen sie den Umgang mit Konflikten, wobei Nachgeben, Verzichten und Kompromissbereitschaft durch die zwischen ihnen bestehende Liebe gefördert werden.

Die Ehebeziehung ist in dieser Phase des Familienzyklus durch intensive positive Gefühle, starke sexuelle Empfindungen und ein hohes Maß an gegenseitiger Bedürfnisbefriedigung gekennzeichnet. Jedoch kommt es oft zu einer gewissen Desillusionierung: So erlebt ein Partner nun den anderen im Alltag, entdeckt weniger wünschenswerte Züge an ihm und stellt fest, dass viele (übersteigerte oder unrealistische) Erwartungen nicht erfüllt werden. Auch steht er jetzt im Gegensatz zur "Werbungsphase" weniger im Mittelpunkt des Lebens seines Partners, sondern muss mit dessen Beruf, Hobbys, Freunden und Eltern konkurrieren. Zugleich verliert er an Autonomie und an Befriedigungen im Netzwerk, da sich zum Beispiel die Ehedyade von der Herkunftsfamilie abgrenzt und Kontakte zu unverheirateten (insbesondere gegengeschlechtlichen) Freunden abnehmen. Nach der Heirat verändert sich das Verhalten der Partner in verschiedenen (außerfamilialen) Lebensbereichen, reagieren Verwandte, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen anders auf sie. So müssen extrafamiliale Rollen modifiziert und mit der Partnerrolle in Einklang gebracht werden.

Zumeist sind in den ersten Ehejahren beide Partner berufstätig. Sie stehen am Anfang ihrer Karriere, sodass sie viel Energie in die Existenzgründung und berufliche Weiterbildung investieren. Zudem müssen sie einen großen Teil ihres Einkommens und ihrer Ersparnisse für ein gemeinsames Heim und die eigene Wohnungseinrichtung ausgeben, wozu sie sich oft auch verschulden.

Diese Phase des Familienzyklus ist von Fall zu Fall unterschiedlich lang. Während einige Ehepaare sie sehr schnell durchschreiten und eine Familie gründen, bleiben andere zehn Jahre und länger in ihr verhaftet, bevor sie ein oder zwei Kinder zeugen. Manche Ehepaare verzichten aber auch auf Kinder - sie durchleben die nächsten drei Phasen des Familienzyklus nicht, aber auch die Übrigen gestalten sich für sie anders: So schrumpft zum Beispiel ihr Netzwerk im Alter stärker zusammen. Sie können keine Großelternrolle übernehmen und sind bei Pflegebedürftigkeit eher auf Heime angewiesen als Ehepaare mit Kindern.

In dieser Phase kommt es häufig zu Problemen, wenn die Ehepartner von ihren Herkunftsfamilien her sehr unterschiedliche Interaktionsmuster, Regeln, Werte und Arten der Rollenausübung gewöhnt sind. Dann mag es zu Machtkämpfen, Verunsicherung, Missverständnissen und Enttäuschungen kommen, wobei die eigentlichen Ursachen oft unklar und unbewusst bleiben. Ähnliches gilt für den Fall, wenn ein Partner eine eher traditionelle und der andere eine egalitäre Arbeitsteilung im Haushalt durchsetzen möchte. Enttäuschungen können aber auch aus Diskrepanzen zwischen dem idealen Bild von sich selbst beziehungsweise dem Partner und der Realität resultieren, insbesondere wenn das Wunschbild sehr übersteigert ist. Andere Schwierigkeiten können sich aus Rollenzuschreibung, Kommunikationsstörungen, mangelnder wechselseitiger Anpassung, unzureichenden Problem- und Konfliktlösungsfähigkeiten oder fehlender Kompromissbereitschaft ergeben. Manchmal wird auch ein Partner von dem Anderen überfordert, unterdrückt, ausgebeutet oder in symbiotische Beziehungen verstrickt.


Autor

Dr. Martin R. Textor
Staatsinstitut für Frühpädagogik
Eckbau Nord
Winzererstraße 9
D - 80797 München


Letzte Änderung: 29.12.2006 14:51:58Zum Seitenanfang