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Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP)www.familienhandbuch.de

Wenn es ein hörgeschädigtes Kind in der Familie gibt ... was nun?

Gabriele Hollweck und Cornelia von Pappenheim


Wird ein gehörloses Kind in eine gehörlose Familie hineingeboren, so wird es hauptsächlich mit gebärdensprachlicher Kommunikation aufwachsen. Es erlernt dann auch die Deutsche Schriftsprache und den Umgang mit Hörbehinderten und Hörenden. Ferner wird die Lautsprache gefördert.

Bei einer hörenden Familie ist die Situation anders: "Mein Kind ist hörbehindert! Was nun?" Die hörenden Eltern sind zuerst schockiert, was verständlich ist. Da können wir im Namen der Gehörlosen betroffene Eltern beruhigen: Diese Situation ist gut zu bewältigen, wenn man die Sache richtig anpackt!

Hörgeschädigte können, wenn sie gut gefördert werden, den gleichen Berufen wie Hörende nachgehen, Familien gründen, ein völlig selbständiges Leben führen. Nötig hierfür sind die Liebe und volle Unterstützung der Eltern. Hierzu möchten wir Betroffenen Informationen und Tipps geben (vgl. den Artikel "Wenn Kinder hörgeschädigt sind").


Hörbehinderte Kinder

Viele Eltern sind der Auffassung, dass das hörgeschädigte Kind in einer "Sonderschule" die bestmögliche Förderung erhält. Leider ist das eine große Illusion, denn genau wie die hörenden Kinder brauchen die hörgeschädigten Kinder eine möglichst reibungslose bzw. stressfreie Kommunikation im Kreise der Familie. Das heißt, die Eltern sollten sich bemühen, Frühförderer mit Gebärdensprachkompetenz so früh wie möglich in Anspruch zu nehmen. Möglichst früh heißt schon im Babyalter!

Die Frühförderer werden Eltern und ihre hörbehinderten Kinder bis zur Kindergartenzeit begleiten. Die ersten Jahre des Kindes müssen genützt werden, um eine stabile Basis bzw. Grundlage der Sprache schaffen zu können. Mit Hilfe von Frühförderern lernen Eltern, mit ihren Kindern richtig umzugehen und zu kommunizieren.

Außerdem ist es sehr wichtig, schon frühzeitig diesen Kindern das Fingeralphabet und die Wörter in Schriftsprache beizubringen sowie die Freude am Lesen zu vermitteln. Hier sind das Vorlesen in Gebärdensprache sowie später das gemeinsame Lesen der Texte und das Erklären in Gebärdensprache von noch größerer Wichtigkeit als bei hörenden Kindern, die das Gesprochene so beiläufig hören. Denn alle gehörlosen Kinder, egal ob von gehörlosen oder hörenden Eltern, brauchen eine direkte visuelle Zuwendung. Es können auch Logopäden hinzugezogen werden, aber hier empfehlen wir dringend solche mit Gebärdensprachkompetenz und guten Kenntnissen in der Gehörlosenkultur - was leider noch sehr selten ist.

Auch sollten Eltern möglichst früh Kontakt mit örtlichen Gehörlosenverbänden aufnehmen, um Informationen z.B. über Freizeitangebote zu erhalten, damit die hörbehinderten Kinder die Schicksalsgenossen in allen Altersstufen kennen lernen bzw. immer wieder sehen können, was sehr wichtig für ihre Identifikation bzw. Entfaltung ihrer Persönlichkeit ist. Kontakte zwischen gehörlosen, schwerhörigen und ertaubten Kindern sowie CI-Träger/innen (CI=Cochlear Implantat) untereinander sind dringend notwendig. Nur so kann ein vollständiges Sozial- und Kommunikationsverhalten erworben werden.

Leider kann man die oben genannten Informationen bis jetzt kaum in Beratungsstellen, Gehörlosen- und Schwerhörigenschulen erhalten.


Gehörlose Kinder von hörenden Eltern

Bekommen hörende Eltern ein gehörloses Kind, ist es sehr zu empfehlen, mit einem Gehörlosenverband in Ihrer Nähe Kontakt aufzunehmen. Man wird Sie dann zu einem Gespräch einladen. Bei dieser Gelegenheit werden Sie auch die ersten Kontakte mit erwachsenen Gehörlosen haben, die den Verband leiten. Das hilft Ihnen sicherlich, eine Vorstellung von Gehörlosen zu bekommen und zu sehen, wie unproblematisch und harmonisch ein Miteinander ist.

Außerdem gibt es in vielen Städten Selbsthilfegruppen. Diese bieten eine gute Möglichkeit, der Isolation hörbehinderter Kinder vorzubeugen und mit anderen Eltern Erfahrungen auszutauschen. Oft gibt es auch spezielle Angebote wie eine Krabbelgruppe oder Kinderturnen mit gehörlosen/ hörenden Kindern und Eltern.

Wenn die Diagnose noch nicht eindeutig ist, d.h., die Eltern noch nicht wissen, ob ihr Baby wirklich schlecht hört oder nur "hörfaul" ist, empfehlen wir sehr, trotzdem sofort zu versuchen, mit dem Kind/Baby mit Gesten und Gebärdensprache zu kommunizieren. Bis die Diagnose sicher gestellt ist, vergehen oft Wochen und Monate - und dies ist verlorene Zeit! Am besten ist es, baldmöglichst mit Gebärden anzufangen. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und erfinden Sie passende Gesten.

Die Gebärdensprache können Eltern in vielen Volkshochschulen erlernen; aber auch die Gehörlosen-Landesverbände bieten Gebärdensprachkurse an (siehe Website des Gehörlosen-Bundes). Manchmal gibt es Intensivkurse (z.B. in Hamburger Landesverband) und Kurse für Eltern mit paralleler Kinderbetreuung.


Gehörlose Kinder von gehörlosen Eltern

Die vorgenannten Empfehlungen gelten auch für diese Kinder - mit folgendem Unterschied: Da die gehörlosen Eltern mit ihren gehörlosen Kindern gebärdensprachlich kommunizieren, klappt es in der Regel von Anfang an gut mit der Kommunikation und Wissensvermittlung in der Familie. Meistens sind solche Kinder bei der Einschulung auf dem gleichen Entwicklungs- und Leistungsniveau wie hörende Kinder, da die Kinder durch die gebärdensprachliche Kommunikation ab dem Babyalter keine Zeit verlieren.


"CodA"-Kinder

"CodA" heißt "Childrens of deaf Adults", also hörende Kinder von gehörlosen Eltern. Diese Kinder brauchen ebenfalls Freizeitkontakte in Gehörlosenverbänden, damit sie sehen, dass sie nicht die einzigen Kinder sind, die gehörlose Eltern haben. Meistens wachsen sie zweisprachig auf, also mit Laut- und Gebärdensprache. Auffallend ist es, dass diese "CodA"-Kinder sich zu anderen "CodA"-Kindern oft stärker hinzugezogen fühlen als zu hörenden Kindern von hörenden Eltern. Natürlich ist es wichtig, dass die Kinder in der "hörenden" Gemeinde eingebunden werden, wo sie wohnen. Zusätzlich ist aber hin und wieder ein Treffen im Familienclub, wo hörende und hörgeschädigte Eltern sowie hörende und hörgeschädigte Kinder untereinander gemischt sind, ganz wertvoll für alle! (z.B gibt es in Hamburg eine Selbsthilfegruppe für diese Kinder namens "Kigel", "Kinder von gehörlosen Eltern).


Schwerhörige Kinder und CI-Träger

Da beide Arten der Hörbehinderung im Grunde relativ ähnliche Auswirkungen haben, fassen wir sie hier zusammen. Schwerhörigkeit wird oft spät bemerkt, so dass durch "falsches" Hören Lautsprach- und Grammatikprobleme auftreten. CI-Träger (CI= Cochlear Implantat) sind in der Regel Gehörlose, aber auch immer mehr mittelgradig schwerhörige Kinder, denen eine Elektrode in die Gehör-Schnecke operativ eingeführt wurde - was zu besserem Hörvermögen führt, insbesondere in den höheren Frequenzen.

Es spricht im Prinzip nichts gegen eine Hörgeräteversorgung; es gibt mittlerweile tolle Hörgeräte (siehe Artikel "Wie erkennt und behandelt man Hörprobleme bei Kindern?"). Auch bei CI-Geräten wurden große Fortschritte gemacht. Jedoch gibt es Operationsrisiken, die man vorher gut bedenken muss. Manche Hörgeschädigten profitieren viel von der Technik, manche gar nicht. Es gibt auch Fälle, bei denen sich nach der Operation die Lebensqualität verschlechterte, z.B. durch ständige Kopfschmerzen, Verlust von Geschmackssinn oder Gesichtslähmung. Vorsicht ist auf alle Fälle geboten, da die Hörgeräte- und insbesondere die CI-Firmen eine starke Lobby haben. Ebenso wie manche Schulmediziner üben sie einen starken Druck auf viele Eltern und Betroffene aus. Dabei vergessen sie oder sind darüber nicht informiert, wie lebensnotwendig die Gebärdensprache und das soziale Umfeld mit Schicksalsgenossen für Hörbehinderte sind. Die Gebärdensprache wird häufig ignoriert; oft wird sogar den Eltern empfohlen, ihre Sprösslinge in eine Regelschule mit Hilfe eines Dolmetschers zu integrieren, was fatale Folgen für die kindliche Psyche und für ihre Entwicklung haben kann.

Eine sehr empfehlenswerte Vorbeugemaßnahme wäre, wenn Schwerhörige und CI-Träger zusammen mit gehörlosen Kindern gleich von klein auf die deutsche Gebärdensprache und das Ablesen vom Mund im Kindergarten und in der Schule lernen würden (zweisprachige Erziehung, Bilingualismus). Denn zum ersten verbindet die Gebärdensprache das Sozialwesen, die Gemeinschaft Hörgeschädigter. Zum Zweiten kommt öfters vor, dass Schwerhörige während der Kindheit Hörstürze erleiden - mithin sogar mit völligem Hörverlust verbunden -, so dass sie dann sehr froh sind, dass sie das Absehen vom Mund und die Gebärdensprache beherrschen. In diesem Punkt ist leider noch ein großes Umdenken bei vielen Pädagogen, Medizinern, Therapeuten u.a. erforderlich.

Für alle Hörgeschädigte ist das Verstehen-Werden nicht das Hauptproblem, sondern das Verstehen-Können in einer hörenden Gesellschaft, wo es oft schnell hin und her geht (wie z.B. bei einer Diskussion) oder wo es sehr laut zugeht. Denn wenn man alles vom Mund absehen muss, erfasst man den Inhalt - wenn es recht gut geht - durchschnittlich nur zu 30 Prozent. Zum Glück gibt es jetzt immer mehr Gebärdensprachdolmetscher, die die Integration Hörgeschädigter in die hörende Gemeinschaft und umgekehrt ermöglichen. Für die Hörgeschädigten ist eine "stressfreie Kommunikation" in der Gebärdensprache gegeben, wo das Verhältnis "Verstehen werden - Verstehen können" stimmt.


Buchempfehlungen

  • Die Welt mit den Augen verstehen - eine Sammlung der Erfahrungen von Gehörlosen, Schwerhörigen, CI-Trägern und von Eltern; von Liane Boy und Uwe v. Stosch, GIB ZEIT-Verlag (auch über Internet http://www.gibzeit.de zu beziehen).
  • Auf Pfaden gehen - Perspektiven und Alternativen für Familien mit einem gehörlosen Kind. Eine Zusammenstellung von Texten und Gedanken von Liane Boy und Uwe v. Stosch GIB ZEIT-Verlag (auch über Internet http://www.gibzeit.de zu beziehen).
  • Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V.: Hörgeschädigte Kinder - gehörlose Erwachsene. Informationen und Empfehlungen. Hamburg: Signum 1998, 64 Seiten, EUR 5,10 (http://www.deutsche-gesellschaft.de ).
  • Deutsche Gesellschaft zur Förderung der Gehörlosen und Schwerhörigen e.V.: Hörgeschädigte Kinder - schwerhörige Erwachsene. Kommunikation mit schwerhörigen und ertaubten Menschen. Hamburg: Signum 2000, 80 Seiten, EUR 5,10.
  • Prillwitz, Siegmund (Hg.): Zeig mir beide Sprachen!. Elternbuch Teil 2: Vorschulische Erziehung gehörloser Kinder in Laut- und Gebärdensprache. Hamburg: Signum 1991, 220 Seiten, EUR 7,66.
  • Prillwitz, Siegmund und Hubert Wudtke: Gebärden in der vorschulischen Erziehung gehörloser Kinder. Zehn Fallstudien zur kommunikativ-sprachlichen Entwicklung gehörloser Kinder bis zum Einschulungsalter. Hamburg : Signum 1988, 380 Seiten, EUR 7,15.
  • Wisch, Fritz-Helmut: Lautsprache und Gebärdensprache. Die Wende zur Zweisprachigkeit in Erziehung und Bildung Gehörloser. Hamburg : Signum 1990, 291 Seiten, EUR 17,90.
Weitere Literatur- und Videoangebote finden Sie unter http://www.signum-verlag.de


Internet-Adressen


Autorinnen

Gabriele Hollweck ist Leiterin der Selbsthilfegruppe Familientreff in München.

Cornelia von Pappenheim ist Präsidentin des Bay. Interessenverbands zur Anerkennung der Gebärdensprache sowie Pressereferentin des Gehörlosenverband München und Umland e.V.


Adressen

Gabriele Hollweck
Gehörlosenverband München und Umland e.V.
Lohengrinstraße 11
81925 München
Tel.: Telefonvermittlung Telelink/Procom: 01805/835311
Schreibtelefon privat: 089/7409006
Email: ghollweck@hotmail.com

Cornelia von Pappenheim
Email: c.vpappenheim@glvmu.de


Letzte Änderung: 07.04.2004 14:11:10Zum Seitenanfang