Wenn meinem Kind Angst zu schaffen macht

Beate Weymann

Angst – Definition und Einführung

Ein Gefühl von Unsicherheit, Erregung und Spannung, das teils mit der Vorstellung einer bedrohlichen, eventuell Schmerzen verursachenden Situation gekoppelt ist, nennt man im allgemeinen Sprachgebrauch Angst. Angst ist als zentrales Lebenssignal einzustufen, denn sie schützt vor sinnlosen Mutproben und Abenteuern, die eine Überforderung der Fähigkeiten und Fertigkeiten darstellen würden. In der Psychoanalyse wird Angst als die erste Erfahrung angesehen, die der Mensch bei der Geburt macht. Freud sah in dem “Trauma der Geburt” eine fundamentale Angstquelle (Fröhlich, W. -D., 1965, S. 518). Die Angstreaktion ist als sinnvolles Stück unserer biologischen Ausrüstung einzustufen. Wer keine Furcht vor Gefahren besitzt und ihre Wiederholung nicht vermeidet, hat geringere Überlebenschancen. Angst hat als Vermeidungsreaktion oder als Erwartung von unangenehmen, beeinträchtigen Ereignissen durchaus eine bedeutende und sinnvolle Warnfunktion.

Von dieser begründbaren, an realistisch gesehene Gefahren gebundenen Angst (Realangst, objektive Angst) muß die irrationale, neurotische Angst abgegrenzt werden. Wer sich ungehindert nahe an einem Abgrund fürchtet hinabzustürzen, wird durch diese Angst in seinen Überlebenschancen gefördert (weil er z.B. auf Klettertouren wahrscheinlich Wert darauf legt, sich rechtzeitig anzuseilen). Wer dagegen schon auf einer von einem starken, hohen Geländer gesicherten Brücke vor Angst kaum noch atmen kann, wird durch diese neurotische Angst stark behindert. Er muß weite Umwege in Kauf nehmen, um Brücken zu meiden.

Nach dem Erfahrungsstand der Psychoanalyse entsteht eine derartige neurotische Angst dann, wenn Angst vor einer äußerlich real nicht gefährlichen Situation benutzt wird, um eine tatsächlich bestehende, aber unbewußte (verdrängte) innere Gefahr auszudrücken und zu vermeiden. Neurotische Angst entsteht meist dann, wenn die Bezugspersonen des Kindes kein Verständnis für seine Neugieraktivität aufbrachten und – da diese Aktivität das Kind immer wieder in Angstsituationen führte – es schließlich dazu kam, daß die Neugieraktivität selbst, die ja die Ängste durch schrittweise Auseinandersetzung überwinden hilft, von dem Betroffenen mit Angst verbunden wurde. Hierdurch wird die Angst losgelöst von äußeren Reizen und innere Reize sind ausreichend, um Angst entstehen zu lassen. Diese Angst wiederholt eine ursprüngliche Angst, die Liebe und den Schutz der frühkindlichen Bezugspersonen zu verlieren. Neurotische Angst stellt also oft die schon dem Sprichwort nach bekannte “Angst vor der eigenen Courage” dar.

Eine Möglichkeit des Unterscheidens innerhalb der neurotischen Angstzustände ist die zwischen der in einer Phobie “gebundenen” und der “frei flottierenden” Angst. In der Phobie werden bestimmte Situationen gefürchtet, z.B. allein auf die Straße zu gehen, Plätze zu überqueren; Spinnen, Schlangen, Hunden zu nahe zu kommen. Die frei flottierende Angst demgegenüber überfällt das Opfer urplötzlich, ohne erlebbaren äußeren Anlaß. Erst die psychoanalytische Aufklärung könnte hier eventuell einen unbewußten Anlaß finden. Die “freie” Angst äußert sich oft als körperliches Unwohlsein, z.B. plötzliches Erbrechen, Anfall von heftiger Atemnot etc. Einzelne Abschnitte des Spektrums der körperlichen Begleiterscheinungen der Angst können ihrerseits wiederum soziale Ängste auslösen. Wer Angst hat, schwitzt mehr und muß öfter zur Toilette. Es kann nun vorkommen, daß er eine Angst entwickelt, in sozialen Situationen wie beim Vorstellungsgespräch z.B. zu schwitzen oder austreten zu müssen. Durch die Erwartung, daß es geschehen könnte, tritt es tatsächlich ein = eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Gedanken verfügen über eine immense Kraft. Positive wie negative Einstellungen ziehen positive oder aber negative Ereignisse nach sich. Mit positiven Gedanken kann man sich über Ängste hinwegsetzen.

Ein niedriger Grad von Angst kann die Leistungen in manchen Situationen erhöhen: Man denke an Prüfungen; Theaterspielen, wo Lampenfieber dazugehört. Ohne ein gewisses Maß an Streß ist keine Leistung möglich. Das Vorhandensein von einem bestimmten Maß an Streß ist lebensnotwendig. Sofern die Angst einen mittleren Grad nicht übersteigt, scheint sie sich im allgemeinen durchaus vorteilhaft auf das Verhalten des Kindes auszuwirken, u.a. auch auf das Lernen, wie Amen u. Renison (1954) bei Vorschulkindern feststellten und wie auch einige Untersuchungen für das Schulkindalter bewiesen (Gärtner-Harnach 1972). Man muß aber dazu sagen, daß es sich hier in erster Linie um einfache Lernvorgänge handelt.

In komplexen Situationen, wie sie z.B. bei den meisten Unterrichtsvorgängen gegeben sind, wird das Lernen durch Angst eher eine Behinderung erfahren, besonders wenn ein verhältnismäßig hohes Angstniveau vorherrscht.

Besonders bedenklich ist aber, daß in unserer tradierten Erziehungspraxis das Angstmotiv in der Regel eine viel größere Rolle einnimmt als etwa angenehme, lustbetonte Emotionen. Es scheint oft einfacher und leichter, ein gewünschtes Verhalten dadurch zu erwirken, daß das Unerwünschte mit Strafe bedroht und dadurch mit Angst besetzt wird, die eine Vermeidungsreaktion zur Folge hat, als das angestrebte Verhalten positiv zu bekräftigen. Dieses kann leicht dazu führen, daß das Angstniveau einen in Grenzen noch positiven Grad ordentlich übersteigt.

Eine frühe Quelle unlustbetonter und angstbesetzter Erfahrungen bildet oft schon die Sauberkeitserziehung, besonders dann, wenn sie von den Eltern zu einem Zeitpunkt angepeilt wird, zu dem die notwendige physiologische Funktionsreife – z.B. die Ausreifung der Nervenbahnen, die die Schließmuskeln betätigen noch nicht ausreichend gegeben ist. In diesem Falle bleibt den Erziehern meistens nur die Möglichkeit einer mehr oder weniger massiven Bedrohung und damit der Einführung des Angstmotivs, die aber, abgesehen davon, daß der Erfolg zu diesem frühen Zeitpunkt fragwürdig und meistens unvollständig ist, leicht eine Angstbesetzung des gesamten Vorgangs nach sich zieht. Auf der anderen Seite ist nach hinreichender Funktionsreifung, die in der Regel erst im dritten Lebensjahr vorausgesetzt werden darf (Metzger, W. 1961), durch positives Bekräftigen des gewünschten Verhaltens meist verhältnismäßig schnell ein dauerhafter Erfolg zu erreichen. Ähnliches gilt grundsätzlich für jede Art des Vermittelns von notwendigen Verhaltensnormen im frühen Kindesalter.

Kindliche Ängste

Kinder empfinden Furcht oft vor denselben Situationen wie ihre Mütter (Spinnen, Gewitter, Höhe…). Das neugierig- aktive Kind fürchtet sich zunächst vor allen starken, unvertrauten Reizen. Eine Bewältigung der Angst kann stattfinden, falls ihm ein Erwachsener mit Einfühlsamkeit zur Seite steht (das Kind auf dem Arm der Mutter getraut sich, einen Hund zu streicheln, vor dem es zuvor floh). Auch der Psychotherapeut gibt seinem Klienten diesen Rückhalt in der aktiven Angstbewältigung. Hierdurch wird der Klient in die Lage versetzt, sich mit bisher angstvoll gemiedenen Situationen auseinanderzusetzen.

Das Heranwachsen ist mit einer ganzen Reihe von Erlebnissen und Erfahrungen verbunden, die Verunsicherungen, Zweifel und Ängste auslösen. Eine der bedeutendsten Entwicklungsaufgaben zwischen dem 3.- und 10. Lebensjahr ist der Umgang mit der Angst; sich seiner Angst bewußt zu werden und sie mit selbst ausgedachten Methoden zu bewältigen. Das Kind lernt, daß Ängste zum Leben dazugehören. Wenn diese Angstüberwindung gelingt, entsteht Selbstvertrauen. Das Gefühl der Angst kann sich genauso wie das Gefühl der Freude, der Geborgenheit und Zufriedenheit auf das Kind übertragen. Eine positive, sichere Grundstimmung beim Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern vermittelt Geborgenheit. Kinder benötigen bei der Angstbewältigung die Hilfe der Eltern, damit sie sich sicher und geborgen fühlen können. Man sollte seinem Kind die Angstbewältigung zutrauen, denn je mehr Vertrauen es zu sich selber hat, desto kreativer begegnet es der Situation.

Ein Problem ist es, wenn das Kind das Gefühl hat, daß die Ängste von den Eltern nicht ernst genommen werden, darüber lachen und folglich auch nichts zu seinem Schutz unternehmen. Kinder, die sich nicht auf ihre Eltern, auf deren Nähe und Trost verlassen können, werden oft zu unsicheren Menschen mit gestörten Sozialkontakten. Dies tritt vor allem dann auf, wenn die Eltern Angst als Druckmittel benutzen: Drohen mit bösen Geistern, Einsperren in dunklen Raum. Überdramatisierungen (Angst wird aufgebauscht) oder Herunterspielungen (Du brauchst keine Angst zu haben) sind fehl am Platz. Überbehütung und Überdramatisierungen lösen Ohnmachtsgefühle, Angst vor der Angst und ein wenig situations- und altersangemessenes Vermeidungsverhalten aus.

Zuhören, Anteilnehmen, Verständnis bewirken etwas Positives. Es sollte Wert darauf gelegt werden, daß das Kind bei der Angstverarbeitung Lösungsvorschläge mit einbringt. Das Problem kann auch nur vom Kind selbst gelöst werden, da Eltern oft nur mit ihren eigenen Möglichkeiten aufwarten, d.h. zu gesprächs- und vernunftbetont. Elterliche Lösungsvorschläge werden auch oft mit Widerstand und Blockaden aufgenommen. Das Kind hat aber gerade andere, ihm besser angepaßte Möglichkeiten zur Verfügung: Spiel, Magie und Ritual. Diese ureigensten Verarbeitungsfähigkeiten sollten genutzt werden. Eine gelungene Angstverarbeitung ist dann gegeben, wenn Kinder sich konstruktiv beteiligen und wenn sie in ihren Problemlösungskompetenzen Forderung, Förderung, Ermutigung und Stärkung erfahren.

Kinder, denen nichts daran liegt, die Angst zu reduzieren bzw. abzubauen, benutzen die Angst unbewußt, um etwas anderes zu erreichen: z.B. um mehr Aufmerksamkeit zu erzielen, Schuldgefühle oder Ohnmachtsgefühle zu produzieren. Es ist leider so, daß Ängste schnell entstehen und teilweise langsam vergehen. Auf die Schnelle wird man die Angst nicht loswerden. Jedes Kind besitzt seine eigene Geschwindigkeit (Temperament hat sehr viel Einfluß) und seine spezifische Vorgehensweise, was akzeptiert werden sollte. Geduld und Nachsicht sind erforderlich. Das Kind muß in seiner ganz speziellen Eigenart akzeptiert und geliebt werden. Sobald Kinder fühlen, daß sie trotz ihrer Schwierigkeiten, die sie den Eltern machen, geliebt werden, entwickeln sie Selbstbewußtsein und Urvertrauen.

Die magische Phase

Realtitätswissen ist teilweise vorhanden, auf der anderen Seite werden große Wissenslücken mit eigener Phantasie und selbstgestalteten Überlegungen angereichert. Das magisch- phantastische Denken stellt nichts Anormales dar, es ist vielmehr eine altersentsprechende Form von Intelligenz, mit der Kinder schöpferisch tätig sind, um ihre Umgebung, ihre Nah- und Umwelten zu verstehen. Das magische Denken stellt einen Strukturierungsversuch dar. Viele der Entwicklungsaufgaben zwischen dem 4. und 9. Lebensjahr sind von Ängsten durchzogen und können aufgrund des magisch-mystischen Denkens besser ausgehalten und produktiver bewältigt werden. Beispiel: Ein Pullover der Mutter mit ihrem typischen Geruch kann einem Kind im Kindergarten eine Hilfestellung sein.

Kinder glauben an die Macht der Phantasie und an ihre Zauberkraft. Kann die Phantasie die Monster und Räuber hervorbringen, so kann sie sie auch vernichten. Das Kind schafft sich seine innere und äußere Wirklichkeit selbst. Magie und Mythen bestehen schon im Kind, Medien verstärken nur vorhandenes Potential. Die Kraft kindlicher Kreativität, das Schöpfungspotential von Phantasie sollte genutzt werden. Man sollte sein Kind fördern in Bezug auf das Auseinandersetzen mit Bildern und Symbolen aus dem Innersten. So kommt es auch, daß in der magischen Phase Märchen, Zauber- und Zeichentrickgeschichten wichtig werden. Zwischen den formalen Strukturen dieser Produkte und der psychischen Verfassung von Kindern zwischen dem 4. und 8. Lebensjahr bestehen Übereinstimmungen. Es sieht so aus, als würden diese Produkte den Kinder bei ihren Aufgaben Unterstützung zukommen lassen.

Märchen haben diese Struktur:

  • Eindimensional. Es ist nichts Außergewöhnliches, wenn leblose Gegenstände oder Tiere sprechen. Autos, Tiere und Pflanzen besitzen menschliche Eigenschaften und helfen den Helden stets. (Frosch spricht und hilft = Froschkönig)
  • Alles ist machbar: Raum und Zeit, Naturgesetze, Logik – alle Gesetze können ausgeschaltet sein. Ständig geschieht Unerwartetes, jedoch ist das Ende klar von Anfang an: Der Held siegt. Langeweile kommt nicht vor. (Schneewittchen wacht wieder auf; aus dem Bauch des Wolfes klettern Großmutter und Rotkäppchen gesund = Der Wolf u. d. 7 Geißlein;
  • Vertrautheit wird durch bestimmte Sprüche ausgelöst: “Es war einmal; und wenn sie nicht gestorben sind.”
  • Der Held kämpft allein und einsam. Hilfe von außen erfährt er nur in allergrößter Not. (Schneewittchen im Wald; Hänsel u. Gretel im Wald)
  • Polare Gegenüberstellungen tauchen auf: gut – böse (Aschenputtel u. d. Stiefschwestern), klein – groß, stark – schwach, häßlich – schön, dumm – schlau, faul – fleißig (Goldmarie u. Pechmarie in Frau Holle) etc.
  • Die abstrakte Botschaft umfaßt dieses: Streng dich an, du wirst geprüft! Reifung, Identitätssuche, Entwicklung als zentrale Begriffe.

Praktische Tipps

Der Schweizer Ethnologe Franz Renggli (1976) bemerkt, daß der Körperkontakt für Kleinkinder (nicht nur für sie) das “universelle Beruhigungsmittel” ist. Leider wird heutzutage einem ängstlichen Kind oft kein Körperkontakt geschenkt. Stattdessen werden sie auf rationaler Ebene allein gelassen (Du brauchst keine Angst haben!). Ist das familiäre Klima hauptsächlich von Vertrauen, Geborgenheit, Bindungssicherheit und Konfliktfähigkeit bestimmt, so leisten die Eltern “Angstprophylaxe” und stärken Kinder für den vor ihnen liegenden Lebensweg. Nicht immer aber sind es Fehlhandlungen oder Versäumnisse, die die Familie zum Ort unbewältigter Angst werden lassen. Schwerwiegende Erkrankungen, die sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit oder etwa ein Unfall mit Todesfolge oder etwas ähnliches können zu Anlaß und Auslöser werden, ohne daß dies auf ein Fehlverhalten der Eltern zurückzuführen ist. Und trotzdem trägt auch in diesen Fällen das familiäre Klima, das fehlende oder vorhandene Verständnis für die Not des Kindes entscheidend dazu bei, ob sich die Furcht verfestigt oder mit der Zeit bewältigen läßt.

Bei Angst vor Fremden sollte man die Kinder in ihrer Vorsicht ernst nehmen. Bleiben die Fremden erst mal auf Distanz, so kommen die Kinder irgendwann von alleine und freiwillig. Eltern müssen diese Entwicklungsphase unbedingt respektieren!!! Kinder schützen sich mit diesem Verhalten. Ihr Körper und ihr Instinkt signalisieren ihnen, erst mal Abstand zu halten. Aus der Distanz heraus können sie dann ein selbstbestimmtes Neugierverhalten ausprobieren. Falls man seine Kinder in ihrem Schutzverhalten bestärkt, verfügen sie über einen notwendigen Selbstbehauptungs- und Überlebensmechanismus, wenn man nicht bei ihnen ist. Wenn man dieses Verhalten des Kindes anerkennt, so erfährt es, daß Erwachsene Respekt und Achtung vor seinem Körper aufbringen.

Die meisten Ängste verlieren sich schon dadurch, daß das Kind älter wird. Auslachen und Bloßstellen vor anderen Leuten ist fehl am Platz, da man damit verletzt. Viel angebrachter ist ein Hinausführen aus der angstauslösenden Situation. Es ist ratsam, dem Kind zu erlauben, eine Weile die angstauslösende Situation zu vermeiden. Später kann man vorsichtig eine Gewöhnung an die angstauslösende Situation versuchen. Zwang sollte niemals angewendet werden. Ungeduld kann nicht von Nutzen sein. Man kann mal wenige Minuten darüber nachdenken, welche “irrationalen” Ängste man selbst als Kind hatte, und welche Ängste man selbst heute noch mit sich herumschleppt. Daß man als Erwachsener noch Ängste hat, ist beruhigend für das Kind, denn so fühlt es sich nicht so allein und klein. Man kann auch erzählen, wie man seine Angst in den Griff bekommt (Vorbildfunktion).

Bei Angst vor Hunden helfen Hundegeschichten vorlesen; einen Hund bei Verwandten, Freunden etc. beobachten lassen; Stofftier- Hund schenken; Hundefilme wie “Lassie” ansehen, um Mitgefühl für einen Hund entstehen zu lassen.

Angst vor Dunkelheit kommt am meisten vor. Sie tritt mit ca. 2 Jahren auf und verschwindet in den meisten Fällen bis zum 10. Lebensjahr. Tür offen stehen lassen, dezentes Licht brennen lassen, hilft meistens schon.

Bei Angst vor Wasser (Meer, Schwimmbad) kann man zuhause schon mit der Wassergewöhnung anfangen: mit dem Kind zusammen baden oder duschen, mit Spielsachen im Wasser spielen etc. Im Schwimmbad, am Strand kann man mit Wassereimern hantieren, Sandburgen bauen, Sandformen und Gießkanne gebrauchen. Ein aufblasbares Gummitier kann auch nützlich sein, um eine spielerische Gewöhnung an das Wasser zu erreichen.

Angst vor Gefühlen: Macht sich das Kind wegen seiner Gefühle, z.B. seiner Ängste Sorgen, dann kann ihm klarmachen, daß jeder Mensch in gewissen Situationen Angst hat. Andererseits kann derjenige in anderen Situationen sehr viel Mut besitzen. Dem Kind seine guten, starken Eigenschaften in Erinnerung rufen und ihm zeigen, daß man Stolz ihm gegenüber empfindet, stellt eine Hilfe dar. Gefühlsuhr: Manche Kinder haben größere Schwierigkeiten, über die eigenen Gefühle zu reden, v.a. über Ängste. In dem Falle kann man sich über eine gebastelte Gefühlsuhr problemlos verständigen. Ein rundes Stück Karton wird in verschiedene Segmente eingeteilt. Jedes Segment erhält eine andere Farbe und entspricht einem bestimmten Gefühlszustand. Schwarz = traurig, Gelb = fröhlich, Rot = Wut und Ärger, Grün = Angst etc. In der Mitte der Gefühlsuhr wird mit einem Versandtaschenclip ein Zeiger befestigt; an der Zimmertür ist ein guter Platz für dieses Kommunikationsmittel.

Magische Kräfte: Kuscheltiere zu verzaubern, mit magischen Fähigkeiten auszustatten, kann zur Abwehr von Monstern geeignet sein. Schimpfen: Seinem Kind sollte man ruhig erlauben, mindestens 10 Minuten lang zu schimpfen, falls eine Angstattacke zuvor stattgefunden hat. Hier darf es mal auf diese Weise die ganze Anspannung loswerden, bis aus dem Schimpfen automatisch ein Lachen wird. Angst zu überwinden bedeutet für Kinder zunächst: mit den unterdrückten Gefühlen in Berührung kommen, dorthin spüren, wo der Konflikt herrührt. Denn wenn entsprechende Vorstellungen, Gefühle und Gedanken nicht länger im Innersten festgehalten werden müssen, kann auch die Angst losgelassen werden.

“Je mehr wir loslassen und aufgeben können, um so mehr Kontrolle, Gleichgewicht und Mitte erfahren wir”, behauptet die Gestalttherapeutin Violet Oaklander (1987). Malen kann dabei eine große Hilfe darstellen, denn während des Gestaltens löst das Kind, was es zuvor tief im Inneren fest- und zusammenhalten mußte. Wenn sich das Kind nicht so einfach öffnen kann, helfen einstimmende Geschichten und Bilder. Kunstwerke, Geschichten und Märchen, die Spannungsmomente beinhalten, Fragen aufwerfen oder die kindliche Phantasie durch ein offenes Ende beflügeln, sind geeignet. Erzählstrukturen dieser Art motivieren in Wort und Bild zum Innehalten, zum Nachdenken darüber, wie es sein und weitergehen könnte, und erleichtern ein Sich-Einfühlen in das vorgegebene Thema. Geht es zudem in den angebotenen Geschichten in erster Linie um fremde Orte und Menschen, so kann das malende Kind nicht umhin, mit persönlichen Vorstellungen zu antworten. Der eigentliche Nutzen derartiger “Malspiele” resultiert aus dieser Art unbewußter Stellungnahme. Die hervorgelockten Inhalte sind auf diesem Umweg öfter in der Lage, ungehinderter an die Oberfläche zu treten, da die bewußte Kontrollinstanz hierbei teilweise außer Kraft gesetzt wird. Kinder benutzen Schnuller oder Daumen in Streßsituationen, um Gefühlsspannungen abzubauen, denn Nuckeln und Lutschen dienen der Entspannung. Wenn Nuckeln und Daumenlutschen ein leeres Ritual geworden ist, das Kind an andere Entspannungstechniken gewöhnt ist, hört es bald mit diesen Verhaltensweisen auf.

Je älter das Kind ist, desto besser helfen Gespräche. Einen Versuch wert ist folgende Methode, die der amerikanische Kinderarzt und -psychiater Jeffrey L. Brown “Imaginationstraining” betitelt: Er geht von der Annahme aus, daß Kinder bis zu 10,12 Jahren über eine unbegrenzte Phantasie verfügen und diese auch dazu gebrauchen können, die “bösen Geister des Alltags” zu beherrschen. Angst entsteht in erster Linie durch das Gefühl, die Kontrolle über eine Situation zu verlieren, folglich liegt die Lösung des Problems in der Wiedererlangung der Kontrolle. Falls ein Kind Angst vor einem bestimmten Ereignis wie dem Stuhlkreis im Kindergarten oder einer Klassenarbeit hat, so empfiehlt Brown, ihm einen verzauberten Talisman als Kraftspender zu geben. Das kann ein Pfennig, ein Stein, ein Bleistift, ein Kuscheltier, ein Taschentuch oder sonst was sein, mit dessen Hilfe die Situation auf alle Fälle bewältigt werden kann ( im Falle der Klassenarbeit natürlich nur, wenn man auch gelernt hat). Der Talisman kann durch ein einfaches Ritual verzaubert werden: Das Kind reibt ihn dreimal über den Ellenbogen, und schon wird er zum “Kraftspender”. Das Kind muß lediglich überzeugt sein, daß die Eltern dem Kind helfen wollen und können. Wer den christlichen Hintergrund vorzieht, wird sich wohl lieber auf Gott als Beschützer und Helfer berufen. Wichtig ist, daß das Kind Hoffnung bekommt, sich eine Vorstellung davon macht, es schaffen zu können, und nicht mehr das Gefühl hat, der Situation ohnmächtig gegenüber zu stehen bzw. alleine zu sein.

Kinder sind heutzutage in den großen anonymen Städten zahlreichen Gefahren ausgesetzt. In Australien werden aus diesem Grunde mehr und mehr Kurse in den Schulen angeboten, die ein sogenanntes “Protective Behaviour Training” beinhalten (Biddulph, 1994). Im Rahmen dieses “Schutzverhaltens-Trainings” lernen Kinder, wie und wo sie Hilfe sich holen können im Falle eines Falles. Es ist eine traurige Tatsache, daß Kinder vielfach in ihrer eigenen Familie bedroht sind (meist von sexuellem Mißbrauch). Das Schutzverhaltens-Training besteht aus 2 sehr bedeutenden Regeln: 1. “Nichts ist so schlimm, als daß man nicht mit jemandem darüber reden könnte” und 2. “du hast das Recht, dich jederzeit sicher zu fühlen und dich zu wehren, wenn du dich unsicher fühlst”. Das Hauptaugenmerk der Aufklärungsarbeit liegt jedoch auf Gefahren des Alltags. Was soll z.B. ein Kind tun, das nach Hause kommt und vor verschlossener Tür steht? Wie soll es sich verhalten, wenn es den falschen Bus erwischt hat? Das Kind soll nicht ängstlich gemacht werden, sondern aufgeklärt werden. Das Ziel besteht darin, dem Kind die Hilflosigkeit in gewissen Situationen zu nehmen, was am besten gelingt, wenn man über mögliche Fälle vorher in aller Ruhe schon mal nachdenken konnte. Auch Eltern können bei derartigen Kursen lernen, welchen Rat man den Kindern für zweifelhafte Situationen geben kann.

Bei Trennungs- und Verlustängsten ist es wichtig, Vertrauen und positive Erfahrungen zu vermitteln. Papp-Uhr: Da die Zeit oft für Kinder unendlich langsam vergeht, vor allem dann, wenn sie auf etwas warten, ist es eine Hilfe, wenn sie wissen, wann man zurück ist. Auf einer Papp-Uhr kann man die Zeit einstellen, wann man wieder zurück ist. Stunden- und Minutenzeiger mit einer Versandtaschen- Klammer befestigen. Das Kind kann nun die Zeiger auf der Papp-Uhr mit denen auf der richtigen Uhr vergleichen. Man kann dem Kind klarmachen, das man ganz sicher zu der eingestellten Uhrzeit wieder da ist. Pünktlich sein!

Kleine Belohnungen: Belohnungen sollte man immer gezielt und sparsam einsetzen. Falls man auf diese Weise dem Kind helfen möchte, eine angsterfüllte Zeit des Wartens und der Trennung besser auszuhalten, dann ist ein kleines Mitbringsel das Mittel der Wahl. Man sagt seinem Kind, wie lange man weg sein wird und warum es nicht mitkommen kann, aber daß sich die Nachbarin z.B. freut, ein bißchen lustige Gesellschaft zu bekommen. Angst und Trennungsschmerz werden in den Hintergrund treten, wenn sich das Kind auf ein kleines Mitbringsel freuen kann (kann auch ein schöner Kieselstein etc. sein). Oft macht man so etwas bei Reisen. Man kann aber anstelle dessen auch einen Zoobesuch o.ä. in Aussicht stellen. Auf derartige Weise läßt sich die Angst vor Trennung ersetzen durch Erfahrungen und Erwartungen, die positiv besetzt sind.

Ausklang

Eigene Fähigkeiten: Manchmal ist es in einer Phase des Selbstzweifels hilfreich, wenn man sich seiner Fähigkeiten bewußt wird. Durch die Konzentration auf die positiven Seiten, auf das, was man gut kann, weiß, erscheint das Gesamtbild weniger negativ. Manch einer denkt ständig an diese Fehler (der Angst vor etwas z.B.) und verliert das Liebens- und Achtenswerte der eigenen Person aus den Augen.

Literaturempfehlungen

  • Stiefenhofer, M.: 55 Tipps … wenn ihr Kind Angst hat, Christophorus- Verlag GmbH, Freiburg im Breisgau, 2000

Literatur

  • Amen, E.W. and N. Renison: A study of the relationship between play patterns and anxiety in young children. Genet. Psychol. Monogr. 1954, 50, 3-41
  • Biddulph, S.: Das Geheimnis glücklicher Kinder, Bertelsmann Club GmbH, Rheda-Wiedenbrück, 1994
  • Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, Verlag Hans Huber, Stuttgart, 1987
  • Eltern – die richtige Erziehung von A-Z, VEMAG Verlags- u. Medien Aktiengesellschaft, Köln
  • Fröhlich, W.-D.: Angst und Furcht, in: Handbuch d. Psychol., Bd. 2, Hogrefe, Göttingen, 1965, 513-569
  • Gärtner-Harnach, V.: Angst und Leistung, Beltz, Weinheim, 1972
  • Metzger, W.: Erziehung zur Reinlichkeit, 2. Aufl., Verlag Kleine Kinder, Lindau 1961.
  • Nickel, H.: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Verlag Hans Huber, Stuttgart, 1982
  • Oaklander, V.: Gestalttherapie mit Kindern und Jugendlichen, Stuttgart 1987, S. 297.
  • Popp, M.: Einführung in die Grundbegriffe der Allgemeinen Psychologie, Ernst Reinhardt Verlag, München, 1983
  • Reichelt, S.: Verstehen, was Kinder malen, Kreuz Verlag AG, Zürich, 1996
  • Renggli, F.: Angst und Geborgenheit. Reinbek 1976. (rororo Nr. 16958)
  • Rogge, J.-U.: Ängste machen Kinder stark, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1999
  • Schmidbauer, W.: Psychologie – Lexikon der Grundbegriffe, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1991
  • Stiefenhofer, M.: 55 Tipps … wenn ihr Kind Angst hat, Christophorus- Verlag GmbH, Freiburg im Breisgau, 2000

Autorin

Beate Weymann, Diplom-Sozialpädagogin, Angestellte beim Land Niedersachsen
Schulstr. 2
37586 Dassel

Erstellt am 9. Juli 2001, zuletzt geändert am 16. Februar 2010