Kinder brauchen Flexibilität

 Petra Stamer-Brandt
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Flexibilität gehört schon heute zu den Schlüsselqualifikationen und sie wird in Zukunft immer größere Bedeutung gewinnen. In unserer schnelllebigen Welt, in der innerhalb eines Jahres 20 neue Berufe “geboren” werden und ebenso viele wieder vom Markt verschwinden, in der Menschen deswegen nicht nur einen Beruf, sondern zwei oder drei erlernen müssen, in einer Welt die zusammenwächst und das Erlernen mehrerer Sprachen erfordert, wird Flexibilität fast zu einem Zauberwort.

Unsere Kinder müssen auf ein wechselhaftes Leben eingestellt sein. Sie werden, wie es schon jetzt bei fast 50% der Großstädter der Fall ist, von Scheidung betroffen sein, den Job wechseln, in eine andere Stadt umziehen und vom Arbeitgeber zum Sprachkurs oder in Arbeitslosigkeit geschickt werden. Ein Wandel dieser Entwicklung ist bei zunehmender Globalisierung und Technisierung nicht in Sicht. Schon heute ist ein einjähriger Auslandsaufenthalt für Schüler und Schülerinnen fast ein Muss und der Zweitjob keine Seltenheit mehr.

Matthias Horx spricht von einer Pachtwork- Identität, bei der sich der Lebensentwurf durch viele kleine Puzzelteile, wie Nebenjob, nebenberufliche Fortbildung, Engagement in Ehrenämtern, Sportvereinen …, zusammenfügt. Die Puzzelsteine können, je nach Bedarf und Notwendigkeit, ausgetauscht und ergänzt werden. Heute geht Hannes noch engagiert seinem Beruf nach und Tina bekleidet eine Halbtagsstelle. Morgen ist Hannes Hausmann, weil Tina besser verdient und mit einem Ganztagsjob die neu gegründete Familie besser ernähren kann. Malte lernt drei Jahre einen IT-Beruf und glaubt, damit das große Los gezogen zu haben. Nach der Ausbildung bekommt er keinen Arbeitsplatz, er muss eine weitere Berufsausbildung machen und vorher sein Englisch verbessern.

Eine OECD-Studie von 2004 weist darauf hin, dass Ausbildung nach momentanem Bedarf keine Zukunft mehr hat. Wer heute eine betriebliche Lehre absolviert und in seinem Beruf weiter arbeitet, gilt, so der OECD-Bericht, als unflexibel und schwer vermittelbar. Das Risiko einer drohenden Arbeitslosigkeit ist relativ hoch. Was heute Bedarf ist, kann morgen längst vom Markt verschwunden sein. Die hier erwähnten Beispiele haben keinen Seltenheitswert und zeigen, dass sich insbesondere unsere Kinder auf ein wechselhaftes Leben einstellen müssen. In Schweden ist die Neigung, später den Beruf noch ein oder mehrere Male zu wechseln relativ hoch. Das wird damit begründet, dass die Schweden schon in der Schule das Lernen und Umlernen üben. Sie sind flexibler, als die deutschen Schulkinder. Auch in anderen Ländern ist ein Paradigmenwechsel nicht selten: “Wer etwa in Australien eine Ausbildung als Krankenpfleger gut beendet hat, kann als Mediziner weitermachen. Wer als Programmierer glänzt, schließt daran Informatik oder vielleicht Physik an, häufig nach einem Zwischenspiel im Beruf” , heißt es in der Zeit im September 2004.

Hinzu kommt, dass die Welt nicht nur immer schneller zusammenwächst und Unternehmen zunehmend weltweit agieren lässt, was nicht nur eine hohe Sprachkompetenz erfordert, sondern auch eine gehörige Portion Flexibilität. Wer heute in Hamburg arbeitet, kann schon morgen in Peking eingesetzt werden oder muss ein Projekt in Polen organisieren. Das Teams aus Mitarbeiterinnen zusammengesetzt sind, die unterschiedlichen Nationalitäten angehören, ist in unserer multikulturellen Gesellschaft längst selbstverständlich. Und das ist nicht nur in der Arbeitswelt so. Unser Gemüse holen wir beim Türken nebenan, den Wein vom Italiener. Das Spielzeug unserer Kinder ist Made in Hongkong, unsere Kleidung wird in China produziert und Opas Zigarren kommen aus Kuba.

Außerdem müssen wir damit rechnen, dass die Mobilisierung, Medialisierung und Technisierung ständig fortschreitet. Mit meinem Computerkurs von 1999 kann ich heute schon nichts mehr anfangen.

Unsere Kinder leben schon jetzt in einer Welt, in der ihnen alle Informationen zugänglich sind. Durch die Medien und über das Internet können sie an alle Informationen gelangen auch an die, die früher nur Erwachsenen zugänglich waren. Mit diesen Informationen müssen sie umgehen, sie filtern und verwenden lernen. Dabei werden sie auch mit Widersprüchen konfrontiert werden, die es zu verarbeiten gilt.

Unsere Kinder müssen darauf gefasst sein, dass sich ihre Welt ständig weiter entwickelt und die Halbwertzeit ihre Kenntnisse in manchen Bereichen immer kürzer wird. Deswegen ist es wichtig, dass Kinder

  • neugierig sind und ihre Neugier gefördert wird,
  • offen sind und neue Erfahrungen als lohnenswert betrachten, in ihnen eine Bereicherung sehen,
  • nicht ängstlich sind, sondern neue Ideen als Herausforderung betrachten,
  • keine Scheu davor haben mit Wissen und Lernerfahrungen zu experimentieren und dabei auch Fehler zu machen. Denn sie erleben, dass sie aus Fehlern lernen und durch eigene Erfahrungen ihr Wissen erweitern können,
  • bereit sind zu akzeptieren, dass das Lernen ein lebenslanger Prozess ist,
  • einen optimistischen Blick in die Zukunft richten,
  • körperlich und geistig beweglich bleiben,
  • sich in kritischer Anpassung, statt in Starrsinn üben,
  • in der Lage sind, sich in andere Menschen einzufühlen,
  • Multikulturalität als etwas Positives empfinden,
  • gerne mit anderen Menschen zusammen sind, im Team “arbeiten” und spielen können,
  • sich schnell in neue Situationen hineindenken und spontan handeln können,
  • Rollenflexibilität entwickeln.

Wie sich Flexibilität fördern lässt

Zunächst einmal ist es wichtig, dass Sie selbst bereit sind, über den Tellerrand hinweg zu schauen und Ihre geliebte Komfortzone (das ist die, in der alles klappt, weil man alles kennt, alles eingespielt und sicher ist und nichts passieren kann), bereit sind, ab und zu zu verlassen. Auch Sie sollten Neugier zeigen, den Dingen auf den Grund gehen und Ihr Kind mit Ihrer Neugier und Begeisterungsfähigkeit mitreißen. Italienische Pädagogen aus der Region Emilia Reggio sagen: “Es gibt nichts auf der Welt, was für ein Kind nicht von großem Interesse wäre” . Wenn es stimmt, was die “Reggianer” sagen, dann ist es Aufgabe von Eltern, das Interesse der Kinder wach zu halten und sie ständig zu ermutigen, ihrer Neugier und Ihrem Interesse nachzugehen. Aber das allein reicht nicht aus. Ein kurzes aufflammendes Interesse verlöscht wieder, wenn es nicht mit Erfolgserlebnissen verbunden ist oder die Tätigkeit nicht zumindest lustvoll erlebt wird. Wer jahrelang Klavierspielen übt und keinen erkennbaren Fortschritt macht, wird spätestens aufgeben, wenn der elterliche Druck nicht mehr da ist. Deswegen ist es wichtig, gemeinsam nach Bereichen zu suchen, in denen ein Versagen nicht von vornherein vorprogrammiert ist. Der zarte Leo, der sich in großen Gruppen nicht wohl fühlt und robusten Körperkontakt gar nicht mag, ist wahrscheinlich im Fußballverein nicht so gut aufgehoben. Der fußballfanatische Papa kann Leo stärken, indem er ihm anbietet, sich den Schwimmverein anzuschauen oder an einen Reitkurs teilzunehmen.

Es ist keine Schande, eine einmal gefasste Meinung zu revidieren. Kinder können nicht wissen, ob es Spaß macht, jeden Tag Klavier zu üben oder ob es beim Ballett nicht nur die schicken Outfits sind, die so beeindrucken. Sie müssen die Dinge ausprobieren und sie müssen verschiedene Dinge ausprobieren. Ihre Aufgabe ist es allerdings, dafür Sorge zu tragen, dass Ihr Kind sich nicht selbst überfrachtet. Flexibel sein bedeutet nicht, ständig neue Dinge anzufangen und “auf allen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen” . Flexibilität bedeutet, sich auf neue Dinge, auf Veränderungen einstellen zu können. Das ist in erster Linie eine Frage der Einstellung. Sie macht sich manchmal schon an wenigen Worten fest. Wenn Lea völlig fasziniert bereits 10 Minuten vor der Spinne in der Efeuwand steht und es ihre Mutter in den Supermarkt drängt, kann diese sagen: “Lea, du hast schon tausend Spinnen gesehen, komm jetzt endlich, es wird sonst zu spät” oder “Lea, in finde es super, dass dich so für die Spinnen interessierst. Ich muss jetzt aber dringend zum Einkaufen, sonst wird es zu spät. Möchtest du hier auf mich warten, oder wollen wir nach dem Einkaufen wieder herkommen und nach den Spinnen schauen?” Im zweiten Beispiel erlebt Lea eine sie bestärkende Mutter, die außerdem auch noch unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten anbietet. Lea wird nicht in ihrem Forschungsdrang blockiert, sondern unterstützt.

Sie können Ihrem Kind auch ein Beispiel für Rollenflexibilität sein. Zeigen Sie Ihrem Kind, dass Rollen nicht auf immer und ewig festgeschrieben sein müssen. Bitten Sie Ihren Mann, häufiger mal den Abwasch zu erledigen und erinnern Sie sich daran, dass Sie in der Fahrschule gelernt haben, den Reifen zu wechseln. Wagen auch Sie sich mal an Dinge heran, die Sie sich bisher nicht unbedingt zugetraut haben. Sie werden wahrscheinlich entdecken, dass auch in Ihnen viel mehr steckt, als Sie bisher gewusst haben. Wollten Sie die neue Nachbarin nicht schon lange einmal ansprechen? Und wie war das mit dem Selbstverteidigungskurs? Warum gibt es bei Ihnen eigentlich jeden Tag Müsli? Viele von uns werden im Laufe der Jahre träge und eingefahren. Wir leben nach immer dem gleichen Muster. Das ist nicht unbedingt schlecht, da es Sicherheit verspricht. Und ein wieder kehrender Rhythmus und Rituale tragen dazu bei, dass Kinder sich wohl fühlen, nicht im Chaos versinken, sondern Geborgenheit erfahren. Dennoch dürfen sie nicht zu einem starren Korsett werden. Sie müssen die Basis sein, von der aus die Kinder unsere Welt erobern können. Stabilität in der frühen Kindheit und eine sichere Bindung machen Mut und erlauben dem Kind, neue Dinge auszuprobieren. Es weiß ja, es wird aufgefangen und geliebt

Flexibilität konkret,

  • Ermutigen Sie Ihr Kind, wenn es außergewöhnliche Dinge ausprobieren möchte. Bieten Sie Hilfe an und lästern Sie nicht, wenn Ihre Tochter die Fingernägel mit roten Sternen beklebt und den grässlichen Pullover mit den Silberfäden von Tante Maren anzieht.
  • Verabschieden Sie sich von Killerphrasen wie: “Das tut man nicht!” “Das haben wir noch nie so gemacht!” “Das kannst du sowieso nicht!” “Dafür bist du noch zu klein!” Ersetzen Sie diese Phrasen durch: “Das finde ich spannend!” “Toll, dass du das ausprobieren möchtest!”
  • Schaffen auch Sie sich Freiräume: Gehen Sie alleine ins Kino, zum Essen oder laden Sie doch mal spontan Freunde ein.
  • Laden Sie Ihre Kinder zum gemeinsamen Schlafen in lauer Sommernacht auf den Balkon ein oder fahren Sie abends noch mal gemeinsam mit dem Rad zum Baden raus an den See.
  • Sprengen Sie zwischendurch mal Ihren eingefahrenen Tagesablauf. Lassen Sie Ihre Kinder“Bestimmer” spielen, holen Sie das Essen aus dem Imbiss und verordnen Sie sich eine fernsehfreie Woche.
  • Betrachten Sie die Dinge mal aus einer neuen Perspektive. Versetzen Sie sich bei anstehenden Entscheidungen in die Lage eines Kindes, schlüpfen Sie für einen Moment in die Rolle der Fliege an der Wand, die Sie bei Ihrem Tun beobachtet. Ermutigen Sie auch Ihre Kinder, das zu tun.
  • Sprechen Sie viel mit Ihren Kindern. Vermeiden Sie es aber, ständig Antworten parat zu haben, stellen Sie lieber Fragen?
  • Diskutieren Sie mit Ihren Kindern aktuelle Ereignisse. Egal ob es sich dabei um weltbewegende Dinge handelt, wie der Terrorangriff in Beslan oder um den Streit zwischen den Geschwistern im Kindergarten.
  • Beteiligen Sie Ihr Kind an möglichst vielen Entscheidungen, soweit es seinem Alter entspricht. Dabei geht es nicht unbedingt darum, zwischen 50 Fernsehkanälen zu wählen, sondern vielleicht zu entscheiden, ob es ein gemeinsames Spiel am Abend oder den Fernsehfilm geben wird. Kleine Kinder brauchen nicht viele Vorschläge, möchten aber auch gerne wählen. Große haben ihre eigenen Vorstellungen, mit ihnen sollte man mehrere Alternativen diskutieren. Sie können den Essensplan für die Woche gestalten, bei der Planung der nächsten Reise helfen und Vorschläge für eine gemeinsame Freizeitgestaltung unterbreiten.

Praktische Tipps

Kultur und Trödel

Nutzen Sie die kulturellen Angebote in Ihrer Region. Durchstöbern Sie mit gemeinsam Flohmärkte, suchen Sie beim nächsten Sperrmüll gemeinsam nach brauchbarem Trödel. Vielleicht entsteht daraus ein Kunstwerk für Garten oder Balkon. Gehen Sie mal wieder ins Kindertheater oder besuchen die Kinderangebote in den Museen.

Den Alltag umkrempeln

Jedes Familienmitglied nennt eine Situation, die zur Familienroutine gehört, z.B.: Samstags wird Oma besucht. Nun findet jedes Familienmitglied zwei Vorschläge, die von der Routine abweichen: Oma wird Sonntag zu einer Kutschfahrt eingeladen. Die Mama wird mit Oma ins Kino geschickt …

Spielregeln ändern

Nehmen Sie ein klassisches Spiel, wie z.B. “Mensch ärgere dich nicht” . Gemeinsam krempeln Sie die Regeln völlig um und erfinden so ein neues Spiel. Sie können auch ein Spiel selbst erfinden und auf einer Pappe einen Spielplan malen. Jedes Familienmitglied kann dazu seine Ideen einbringen.

Rollentausch

Tauschen Sie für ein paar Stunden am Wochenende mal die Rollen. Maria ist der Papa. Tim die Mama … Anschließend sollten Sie sich über Ihre Erfahrungen unterhalten.

Ich trau mich!

Jedes Familienmitglied erzählt, was es schon lange gerne einmal tun wollte, sich aber nicht getraut hat. Gemeinsam wird ein Zeitplan festgelegt, indem möglichst jeder zumindest versucht hat, sich zu trauen. Wenn alle Bescheid wissen und vielleicht sogar dem Ereignis beiwohnen und Mut machen, gelingt vielleicht so manches.

Umzug in der eigenen Wohnung

Wie wär`s mit einem Zimmertausch? Das elterliche Schlafzimmer wird zum Kinderzimmer, die Garage zum Werkraum. Auch innerhalb eines Zimmers können sich gerne mal Veränderungen ergeben. Kinder räumen gerne um und renovieren gerne.

Autorin

Petra Stamer-Brandt ist Mutter von vier Kindern, Pädagogin und Fachjournalistin. Sie ist ausgebildete pädagogische Organisationsberaterin, Coach (Advanced Studies Universität Kiel) und hat zahlreiche Fachbücher und Elternratgeber geschrieben.

Erstellt am 21. September 2004, zuletzt geändert am 22. Februar 2010