Gehorsam – eine Frage von Vertrauen und Struktur

Beatrice Bachmann
Bachmann
 

Das Thema Gehorsam gegenüber den Eltern ist heute in einer liberalen Gesellschaft fast tabuisiert: So wagt kaum noch jemand zu äußern, dass ihm der Gehorsam seiner Kinder wichtig ist. Wir müssen jedoch leider feststellen, dass bei dem Großteil der Eltern in der Erziehungsberatung das Problem des Ungehorsams die Ursache ihrer Erziehungsprobleme ist.

Häufig äußern Eltern in der Beratung, dass sie nicht so streng wie die eigenen Eltern sein wollen, aber keine bessere Methode kennen und anwenden können. Ihr Erziehungsstil bewegt sich abwechselnd zwischen Autorität und Nachgiebigkeit. Das sieht in der Praxis so aus: Man hat sich vorgenommen, nicht so streng zu sein wie die eigenen Eltern und den Kindern mehr Freiheit zu gewähren. Dies kann dazu führen, dass Eltern Verhaltensweisen ihrer Kinder hinnehmen, obwohl sie ihnen eigentlich missfallen. Sie beherrschen sich dennoch, weil sie “nicht so sein” wollen. Irgendwann platzt die angestaute Aggression, die sich durch das in Wahrheit störende Verhalten der Kinder in ihnen angesammelt hat, heraus. Eltern haben in diesem Moment das Gefühl, nun reiche es, man müsse mal wieder durchgreifen oder sie können ihren Ärger nicht mehr beherrschen und platzen mit ihren negativen Gefühlen heraus. In der Folge breiten sich Schuldgefühle aus: Die Eltern beschuldigen sich selbst oder gegenseitig, nicht besser zu sein als die eigenen Eltern, sich nicht beherrschen zu können, Ängste, das Kind falsch angefasst und traumatisiert zu haben, machen sich breit.

Auch für das Kind hat dieses zwischen Nachlässigkeit und übertriebener Strenge schwankende Erziehungsverhalten Folgen: Kinder fühlen sich verunsichert, wenn ihr Verhalten bei derselben Aktion einmal keine erkennbaren Gefühle bei den Eltern auslöst, ein andermal jedoch zu einem – für sie nicht nachvollziehbaren – Wutausbruch führt. In der Folge fühlen sie sich auf nicht nachvollziehbare Weise ungerecht behandelt und verletzt. Dies kann dazu führen, dass Kinder ihre Eltern nicht mehr ernst nehmen, sich innerlich distanzieren um nicht unberechenbar verletzt zu werden oder ihre Eltern “entlassen” , d.h. ihnen die Beziehung kündigen, da sie ihre Eltern-Funktion nicht kompetent, zuverlässig und kontinuierlich wahrnehmen. Das labile Erziehungsverhalten kann dazu führen, dass Kinder sich nach der Tagesform der Eltern richten, d.h. sie beobachten die Eltern, wie sie “gerade drauf sind” : Haben sie ihre lockere Phase oder droht ein Anfall von Strenge? Befinden sie sich in der Schuldgefühls-Phase, wo man sie leicht zu Zugeständnissen bringen kann? Auf dieser Basis werden Eltern leicht Opfer kindlicher Manipulationen.

Beispiele: Der siebenjährige Florian zu seinem Freund: “Heute können wir laut sein, meine Eltern haben gestern schon geschrieen, so dass wir jetzt erst mal wieder Ruhe haben!”

Die 13jährige Sabine:” Mami, ich hab dich trotzdem lieb, auch wenn du manchmal ausflippst! Schenkst du mir dafür dein rotes Sweatshirt?”

Jaquelin zu ihrer Schwester: “Heute sind sie mit den Nerven fertig, am besten, du fragst die Mama, dann sagt der Papa heute auch ´ja´!”

In der Beratung stärken wir verunsicherten Eltern die Rücken, was ihr Bedürfnis nach Gehorsam gegenüber den Kindern betrifft. Wir unterstützen sie, mögliche Schuldgefühle abzubauen, bestärken Sie darin, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse legitim sind und ihre Berechtigung haben – unabhängig von dem Urteil der Außenwelt. Als Aufgabe geben wir die Frage:” Was will ich und was will ich nicht? “, um persönliche Bedürfnisse und Grenzen zu klären.

Das Lesen von Erziehungs-Ratgebern löst nicht selten Schuldgefühle aus, wenn Eltern befürchten, sich mit ihren Bedürfnissen und Eigenheiten den Kindern zuzumuten. Schuldgefühle können auch entstehen, wenn Eltern sich einen bestimmten Erziehungsstil vornehmen, ihn aber – aufgrund der eigenen Prägung oder weil er auf Dauer nicht praktikabel ist – nicht durchhalten können. Schuldgefühle und Ängste hindern Eltern, von den Kindern Aufgaben einzufordern und sich gegen unerwünschtes Verhalten zur Wehr zu setzen sowie von ihnen zur Wahrung ihrer eigenen Bedürfnisse Kompromisse zu verlangen. Stattdessen erfinden sie allerlei Entschuldigungen und Vorwände für die Kinder, um deren Verhalten vor sich selbst zu rechtfertigen. So enthalten sie ihren Kindern die Entwicklung lebensnotwendiger sozialer Fähigkeiten vor: Das Teilen materieller Dinge mit anderen Personen, Zurückstecken oder Verzicht und die damit verbundenen Fähigkeiten, mit Enttäuschung fertig zu werden und Durchhaltevermögen (Frustrationstoleranz) zu entwickeln.

Folgen der Verunsicherung

In der Praxis erweist sich, dass der Alltag mit Kindern zum Diskussions-Schlachtfeld werden und einen hohen Einsatz von Zeit und Energie kosten kann, wenn Eltern ihr persönliches Bedürfnis nach dem Gehorsam ihrer Kinder nicht leben.

Beispiel: Frau O. zum Berater:” Meine Kinder machen mir so viel Stress, da gebe ich sie lieber zur Tagesmutter. Ich würde aber lieber mehr Zeit mit ihnen verbringen. “Sie erarbeitet, dass sie Schuldgefühle hat, ihre Kinder” zu etwas zu zwingen “wie sie sich ausdrückt. In Wirklichkeit steht dahinter das Bedürfnis, dass die Kinder ihr gehorchen, sie hat jedoch Schuldgefühle, da sie als Kind durch überfordernde Forderungen ihrer Eltern entmutigt wurde. In der Folge erarbeitet sie das Bewusstsein, ihre persönliche Geschichte nicht auf die Kinder zu übertragen, die dadurch Schaden nehmen würden und entwickelt Strategien, wie sie Gehorsam bei ihren Kindern erreichen kann.

Die westliche Industriegesellschaft redet Eltern ein, man dürfe sein Kind zu nichts zwingen und Gehorsam wird als etwas Negatives dargestellt. Kinder hingegen haben grundlegend andere Erwartungshaltungen und Bedürfnisse.

Beispiel: Die fünf Kinder von Frau H. waren aufgrund ihrer Anzahl streng erzogen, da sie keine Zeit hatte, auf alle ihre Wünsche Rücksicht zu nehmen. Frau H.s Enkel sind bei ihren Eltern nur schwer zu einer Aufgabe zu bewegen, was diese sich mit ein oder zwei Kindern leisten können. Doch auch die Kinder, die bei ihren Eltern stets diskutieren und ihren Willen durchzusetzen suchen, tun bei Oma H. sofort und ohne Widerworte, worum sie sie bittet.

Aus Beispielen wie diesen schließen wir, dass Kinder von sich aus ein geringeres Bedürfnis nach Wahl- und Diskussions-Freiheit haben als viele Erwachsene unserer Gesellschaft vermuten. Sie scheinen sich vor allem nach den Erwartungen des Erwachsenen auszurichten, bei dem sie sich aufhalten.

Beispiel: Geschiedene Eltern erwähnen häufig, dass sich das Kind bei jedem Elternteil anders benimmt. Während ihr Sohn bei Frau G. ordentlich ist, seufzt Herr G. über den Verhau, den er bei ihm hinterlässt.

Gehorsam gründet auf Vertrauen. Ohne Vertrauen kann kein Gehorsam entstehen und wachsen. Hinter dem Bedürfnis der Eltern nach Gehorsams steckt ein tieferes Bedürfnis der Eltern: Sie wünschen sich, dass ihre Kinder ihnen vertrauen. Damit ist klar, dass es nicht um” Kadavergehorsam “geht, sondern um einen Gehorsam aus erlerntem und praktisch erfahrenem Vertrauen in die Eltern aufgrund ihrer als vertrauenswürdig und zuverlässig erfahrenen Handlungen.

Die Folgen aus einem Mangel an der Fähigkeit zum Vertrauen, Ungehorsam und Rebellion können sehr negativ für die körperliche und seelische Gesundheit, die geistige Entwicklung, die Selbstverwirklichung und den gesamten Lebensweg sein.

Beispiel: Karen ist fast ohne Verbote aufgewachsen, da ihre beruflich engagierten Eltern wenig Zeit und Kraft für sie hatten. Sie gerät in einen Freundeskreis von Drogen-Konsumenten. Auf die Warnungen ihrer Eltern, denen sie aufgrund eines Mangels an Bindung und Beziehung nicht vertraut, hört sie nicht. Als Folge ihres Ungehorsams gerät sie in die Drogenszene, was zu immer größerer Abhängigkeit und schließlich zu einem frühen Tod führt.

An dieser Stelle wenden Eltern häufig ein, dass es doch wichtig sei, die Dinge kritisch zu hinterfragen. Kritikfähigkeit ist sicher eine erstrebenswerte Fähigkeit, die davor bewahrt, zum Spielball übler Machenschaften zu werden. Sie wird jedoch aufgrund unserer jüngsten Geschichte in unserer Gesellschaft von unseren Kindern unangemessen früh gefordert und gefördert. Indem statt Vertrauen Misstrauen gefördert wird, kann ein Mangel oder gar der Verlust der Fähigkeit, den Eltern und anderen Menschen zu vertrauen, eintreten. Die anerzogene Kritikfähigkeit wird sich als erstes gegen die Autoritäten in Form von Eltern und Bezugspersonen richten. Ein Mangel der Fähigkeit an Vertrauen in andere Menschen zieht in der Regel ein großes (Selbst-)Zerstörungspotenzial nach sich. Darüber hinaus kann es einen Verlust der Bindungs- und späteren Ehefähigkeit nach sich ziehen.

Der Wunsch nach Gehorsam gründet auf persönlichen Bedürfnissen

Wir möchten Ihnen bewusst machen, dass sich Grenzen und Regeln nicht nach aktuellen gesellschaftlichen Vorgaben und Erziehungs-Ratgebern, sondern allein nach Ihren persönlichen Bedürfnissen richten dürfen. Sehen wir uns die Bedürfnisse an, die Eltern gegenüber ihren Kindern haben können. Zahlreiche Seminar-Teilnehmer/innen machten uns folgende Angaben über ihre Bedürfnisse gegenüber ihren Kindern:
Beispiele für Bedürfnisse der Eltern oder Bezugspersonen und deren mögliche Verwirklichung:

  • Wohnung oder Ruheraum soll sauber bleiben => Schuhe ausziehen
  • Gemeinsame Mahlzeiten => Zeitpunkt festsetzen
  • Ruhe am Abend => Kinder dürfen nicht mehr toben
  • Erziehung zur Hygiene => morgens und abends Waschen und Zähne putzen
  • Mehr Zeit für mich => Kinder beschäftigen sich selbständig
  • Entlastung vom Haushalt => Verteilung von Aufgaben an die Kinder
  • Ordnung in den Spielsachen => Aufräumen vor Ausgabe neuer Spielsachen
  • Musikanlage soll intakt bleiben => Nur große Kinder dürfen sie bedienen
  • Lernziele sollen verwirklicht werden => Kinder müssen sitzen bleiben
  • Ich will morgens pünktlich zur Arbeit kommen => Morgens dürfen die Kinder nicht spielen

Beispiele für Bedürfnisse der Kinder (nach Umfragen):

  • Bedürfnis nach Sicherheit, Orientierung: ”Ich will wissen, woran ich bin!“
  • Bedürfnis nach Ruhe und Erholung: ”Man will sich nicht immer mit den Eltern herum streiten müssen.“
  • Bedürfnis nach einem Vorbild: ”Sie sollen es genauso machen, sonst kommt man sich ja blöd vor!“
  • Bedürfnis nach Ordnung: ”Wenn ich die Sachen nicht dahin lege, wo sie hin gehören, und die anderen auch nicht, dann müssen alle immer suchen!“
  • Bedürfnis nach Zeit und Bereitschaft zur Zuwendung von Eltern und Geschwistern: ”Man soll auch mal Zeit haben, was zusammen zu machen, ohne dass einer zum Telefon rennt.“
  • Bedürfnis nach Anerkennung: ”Ich will auch mal gelobt werden, wenn ich das immer richtig mache.“
  • Bedürfnis nach sozialer Integration: ”Unsere Lehrerin, die ist ganz streng. Ich finde das gut, man darf z.B. nicht spucken, das mag die nicht.“
  • Bedürfnis nach Lernen und Erfolgserlebnissen: ”Wenn alle Schüler herum schreien würden, kommt da nichts bei ´raus.“
  • Bedürfnis nach Anleitung, Führung, Schutz und Vertrauen: ”Mein Vater verbietet mir alles mögliche, er sagt das ist nichts und ich glaube ihm das dann auch.”

Zusammen gefasst haben Kinder das Bedürfnis nach:

  • Gefühl der Geborgenheit durch Schutz und Vertrauen
  • Förderung ihrer Anlagen und Fähigkeiten durch Orientierung, Führung und Anleitung
  • Prägung durch ein Vorbild und Bildung positiver Gewohnheiten zur leichteren Bewältigung von Aufgaben
  • Zeit und Bereitschaft der Eltern und Bezugspersonen für die Kinder
  • Störungsfreie Lernmöglichkeiten
  • Erfolgserlebnisse
  • Erlernen sozialer Integration

Werden Bedürfnisse von Erwachsenen durch das Einhalten von Regeln und Grenzen durch Kinder erfüllt, hat das positive Folgen auf die Beziehung zu den Kindern. Durch die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Eltern und Bezugspersonen fühlen diese mehr Zuneigung und Bereitschaft zur Zuwendung gegenüber den Kindern. Sie weisen eine höhere Zufriedenheit über die Verwirklichung von Erziehungs- und Lernzielen auf. Das Klima ist herzlich und angenehm, jeder geht gern an den Ort der Gemeinschaft (nach Hause, in Kindergarten oder Schule).

Fehlen hingegen Regeln und Grenzen, stellt sich bei Eltern oder Bezugspersonen unterdrückter Ärger über nicht berücksichtigte Bedürfnisse ein. Dies kann zu Ausbrüchen gegenüber der falschen Person oder zum falschen Anlass führen.

Beispiel: Da die Kinder mit ihrem erhöhten Lärmpegel die Nerven der Erzieherin Dina C. strapazieren, bekommt sie jeden Nachmittag einen, wie sie sagt, “unbegründeten Schreianfall” . In der Beratung arbeitet sie heraus, dass sie früher eingreifen und Grenzen setzen muss, wenn Kinder sich streiten, um ihrem Bedürfnis nach Struktur und geordneten Abläufen zu entsprechen.

Folgen eines Mangels an Struktur

Für die Kinder können all die aufgeführten Erziehungs-Methoden negative Folgen haben:

  • Verunsicherung durch widersprüchliche Handhabung von Erziehungsmaßnahmen und Senden doppelter Botschaften. Das bedeutet: Der Inhalt der Worte stimmt nicht mit dem Tonfall, der Mimik oder Gestik überein. Die Eltern lassen den Kindern aus Ängsten und Schuldgefühlen Verhaltensweisen durchgehen, die sie im Innersten nicht akzeptieren können. Daher senden sie Signale, die bedeuten, dass sie ein Verhalten akzeptieren, andererseits, dass sie es nicht akzeptieren.
    Beispiel: Die Kinder hüpfen auf dem Designer-Sofa, das sich die Mutter gekauft hat. Sie erlaubt es den Kindern zwar, ihr Gesicht drückt jedoch unbewusst ihre Abwehr aus, weil sie eine Beschädigung ihres Sofas befürchtet. Die Kinder fragen nach: ”Ist es o.k., wenn wir hüpfen?” Sie antwortet wiederum mit: ”Ja!”, zeigt aber in Mimik und Gestik, dass sie nicht wirklich einverstanden ist. Darauf hin fangen die Kinder an, sich auf dem Sofa zu schubsen und die Mutter zu einer Reaktion zu provozieren. Sie möchten emotionale Klarheit für sich herstellen, was jetzt zählt: Das verbale ”Ja” oder das ”Nein” in Mimik und Gestik.
  • Kinder verlieren Energien für die Entwicklung von Fähigkeiten und Anlagen und werden verwirrt, da sie ständig Grenzen austesten müssen.
  • Kinder können nicht von einem Vorbild profitieren. Einfache Lernprozesse durch Nachahmung werden verkompliziert durch allerlei ”verbessernde” Manipulationen (Erklärungen, Lernen durch die Konsequenzen, Überforderung durch zu früh erfolgte Anleitung zum eigenen Denken etc.).
  • Kinder geraten auf die Führungsebene, d.h. sie führen und leiten die Eltern statt umgekehrt.
  • Kinder nehmen die Eltern nicht ernst, beobachten und manipulieren sie.
  • Kinder erleben ihre Eltern als machtlos und identifizieren sich damit bzw. lehnen es ab, zu werden wie die Eltern.
  • Kinder leiden unter dem Gefühl der Überforderung, da sie durch einen lässigen Erziehungsstil und das veraltete Erziehungskonzept der “Konsequenz” ihrer Entwicklung unangemessen viel Verantwortung übernehmen müssen. Symptome dafür können Jammern über Schmerzen, Quengeln, Weinerlichkeit, Ängste und das Ablehnen neuer Aufgaben sein.
  • Symptome für Überforderung und Verunsicherung können sein: Regression in die Baby-Zeit, Einnässen, Daumenlutschen u.a., Rückzug, Unterwerfung (sofort alles hergeben), Resignation, Depression, (verlangsamtes Verhalten, verminderte Auffassungsgabe, Verträumtheit) Autoaggression (Angriffe auf wesentlich Größere, Unfallpersönlichkeiten, Haare-Ausreißen, sich Schnittwunden zufügen), Ausbildung von Kompensationsrollen, z.B. Klassenkasper oder besondere Leistungen in bestimmten Gebieten auf Kosten der seelischen Entwicklung und Fähigkeiten zur Selbständigkeit, erhöhtes Bedürfnis an Aufmerksamkeit (Provokatives Verhalten, sozial auffälliges Verhalten, “verhaltensauffälliges Kind”, ADS-Syndrom).
  • Kinder ziehen ein Pseudo-Selbstbewusstsein aus dem Erfolg ihrer Diskussionen mit den Eltern, statt echtes Selbstbewusstsein durch erfolgreich abgeschlossene Handlungen zu erlangen. Sie wachsen mit der Idee auf, Reden allein führe zum Erfolg, bauen auf ihre Eloquenz und scheitern an den praktischen Anforderungen, die im Schul- und Arbeits- und Alltagsleben gestellt werden, da es ihnen an Praxis, Tatkraft und Durchhaltevermögen (Frustrationstoleranz) fehlt.
  • Zweifel statt Vertrauen: Erwachsene werden in ihrer Kompetenz angezweifelt, Mangel an Vertrauen führt zu Unsicherheit und Ängsten. Dies macht sich bemerkbar an einem ängstlichen Suchen des Blickes der Bezugsperson, auch noch in einem Alter wo eigene Sicherheit über bestimmte Verhaltensweisen bestehen sollte. Kinder fühlen sich im Stich gelassen, sind beherrscht von Verlust- und Verlassensängsten.
  • Kinder bekommen Schuldgefühle durch Unsicherheit über Ge- und Verbote, da es keine verlässlichen Regeln und damit keine Klarheit gibt, was nun wirklich verboten und erlaubt ist.
  • Kinder können durch Macht über Erwachsene an Größenwahn und Selbstüberschätzung leiden, was sich in angeberischem, großspurigem Verhalten zeigt.
  • Kinder fühlen sich von noch nicht nachvollziehbaren Konsequenzen überfordert, ungeschützt und ausgeliefert. Sie lernen nicht aus Erfolgen, sondern lernen, dass das Leben eine Aneinanderreihung von Misserfolgen ist. Eine Folge davon kann die Verweigerung des Kindergarten- oder Schulbesuchs sein.
  • Kinder sind als Erwachsene nicht fähig, Verantwortung zu übernehmen und stoßen durch ihren Mangel an Fähigkeiten zu einem angemessenen Benehmen und sozialer Integration auf Ablehnung.
  • “Keiner liebt mich “-Außenseitergefühl (die Rücksichtslosigkeit auf Bedürfnisse anderer Menschen führt zu sozialer Ausgrenzung)
  • Unterdrückte oder offene Aggression gegen Eltern, Bezugspersonen und andere Kinder, was sich in Wutausbrüchen, Trotz, Uneinsichtigkeit zeigen kann.
  • Sie leben mit Energie-Verlust durch ständiges Ausprobieren-Müssen und Diskutieren, was sich zeigen kann in Blässe, Augenringen, Nervosität, Rastlosigkeit, emotionaler Unausgeglichenheit, Atemlosigkeit (”Schnappen“beim Sprechen) und Tics, ADS-Syndrom.
  • Sie leiden an einem Mangel an Selbstdisziplin und Konzentration, haben geringe Ausdauer und Frustrationstoleranz und kämpfen mit Versagensängsten.
  • Ablehnung von Erwachsenen und dem Erwachsen-Werden, Entwicklungshemmung (”Berufsjugendlicher“) durch ”innere Schwüre“, das sind Festlegungen wie: "Ich werde nie wie meine Eltern“,”Ich werde nie erwachsen“u.ä.
  • Disziplinlosigkeit (mangelnde Frustrationstoleranz) verbunden mit Rebellion gegen jede Autorität von Erwachsenen aufgrund von Mangel an Vertrauen und Ablehnung der Eltern führt zu Arbeitsunfähigkeit.

Nicht nur für die Kinder, auch für Eltern und weitere Bezugspersonen hat der Mangel an Struktur negative Auswirkungen. Wenn Eltern und Bezugspersonen ihre Erziehungs- und Lernziele nicht erreichen, da durch Mangel an Grenzen und Regeln Störungen das Klima beeinträchtigen, kann das zu Enttäuschung, zu Überanstrengung, zum Schwinden von Selbstwertgefühl und Selbstachtung, zu Resignation, Kündigungs- und Fluchtgedanken führen. Das Klima kann so schlecht sein, dass weder Kinder noch Erwachsene gern den Ort der Gemeinschaft (Zuhause, Kindergarten, Schule) aufsuchen. Wenn Sie unter diesen Symptomen leiden, kann es sein, dass Sie zu wenig Gehorsam erwarten und die unangenehmen Folgen tragen.

Folgen von Struktur

Kinder empfinden Regeln und Grenzen als positive Zuwendung, wenn sie auch immer wieder dagegen angehen. Im Kampf gegen die Regeln und Grenzen der Eltern können sie feststellen, dass sie starke Eltern haben, denen sie wichtig und nicht gleichgültig sind. Kinder die im Alltag in eine Struktur von Regeln und Grenzen eingebunden sind, erleben positive Folgen:

  • Bessere Orientierung
  • Fester Halt durch Einbindung in einen von Regeln und Grenzen strukturierten Alltag
  • Gefühl der Verlässlichkeit auf die Eltern, Vertrauen, Sicherheits- und Geborgenheitsgefühl
  • Eltern und Bezugspersonen werden als starke Beschützer empfunden
  • Kindliche Bedürfnisse werden berücksichtigt
  • Kinder erhalten ihre Konzentrationsfähigkeit und Energien für Bewältigung von Aufgaben, da sie nicht ständig Grenzen testen müssen
  • Sie erleben ein entwicklungsgemäßes Maß an Eigenverantwortung
  • Sie weisen ein hohes Selbstwertgefühl auf
  • Sie haben einen hohen Grad an Beliebtheit durch Fähigkeiten sozialen Verhaltens
  • Kinder achten (nehmen Rücksicht auf) ihre Bezugspersonen und ernten deren Zuneigung
  • Kinder empfinden Liebe und Zuneigung für ihre Bezugspersonen

Eltern und Bezugspersonen erleben die Folgen von Struktur und Regeln im Alltag ebenfalls positiv.

Beispiel: Roland B.: Seit uns die Kinder gehorchen, haben wir nicht nur weniger Ärger mit ihnen und miteinander, sondern ich fühle auch wieder echte Zuneigung zu ihnen!”

Übung: Um in meinem persönlichen Einflussbereich Grenzen zu setzen frage ich mich selbst:

  • Ist dieses Verhalten für mich akzeptabel? Oder lehne ich es ab und muss eine Grenze ziehen?
  • Welches Verhalten stört mich?
  • Welches Verhalten will ich abstellen?
  • Welches Verhalten kann ich ertragen, welches nicht?
  • Wie und wo kann ich den Tagesablauf mit den Kindern vereinfachen?
  • Was brauche ich? Was ist mir wichtig, weniger wichtig, unwichtig?
  • Wo ist es mir zuviel? Analysieren Sie die Situation: An welchem Punkt genau?
  • Wo habe ich keine klare Meinung, sondern wo überdecken übernommene Ideale anderer Menschen (Herkunftsfamilie, Schwiegereltern, Freunde, Nachbarn etc.) meine Bedürfnisse?

Übung: Erstellen Sie eine Liste mit allen Punkten, wo Sie ein Verhalten anderer Personen stört. Nehmen Sie sich einen Punkt nach dem anderen vor und beginnen Sie, die Menschen auf ihr störendes Verhalten hin anzusprechen.

In meiner Eigenschaft als Eltern oder Bezugsperson habe ich Verantwortung für die mir anvertrauten Kinder.

Übung: So frage ich mich, ob die Bedürfnisse meiner Kinder erfüllt sind:

  • Wo müsste ich zum Schutz und gegen Überforderung meiner Kinder engere Grenzen ziehen?
  • Wo müsste ich zur Förderung der Fähigkeiten zur Selbständigkeit und der sozialen Integration meiner Kinder engere Grenzen ziehen?
  • Wo könnte ich durch Einführung oder Veränderung von Regeln den Bedürfnissen der Kinder Rechnung tragen?
  • Wo oder wie behindern sich die Kinder gegenseitig, weil Regeln fehlen?
  • Wo kann ich durch Einführung oder Veränderung von Regeln den Tagesablauf der Kinder vereinfachen?
  • Wie schaffe ich durch Einführung oder Veränderung Freiräume oder Klima zum Spielen und Lernen?
  • Wie kann ich durch Einführung oder Veränderung von Regeln den Tagesablauf konfliktfreier gestalten um weniger zu schimpfen, meine Nerven zu schonen und ein besseres Klima zu schaffen?

Einhaltung von Regeln und Grenzen

Als Voraussetzung zur Einhaltung von Regeln und Grenzen sollte ich nur Regeln aufstellen, hinter denen ein Bedürfnis von mir steht und hinter denen ich wirklich stehen kann. Dazu muss ich wissen, welches Verhalten ich annehmen kann und welches ich ablehne. Gleichzeitig sollte ich Vertrauen in die Kinder setzen und meine Rolle als Eltern, nämlich die Führungsrolle übernehmen und keine um Zustimmung heischenden Blicke und Fragen (”Wir gehen jetzt, oder?“) an das Kind richten. Wichtig ist eine Vorbildhaltung: Reden und Handeln sollten in Einklang stehen, um falsches Nachahmen und daraus folgende Korrekturen zu vermeiden.

Die körperliche Berührung, vor allem bei kleineren Kindern, dient bei der Erfüllung von Aufgaben der Korrektur und Orientierung. Dabei wird das Kind nicht am Arm gerissen oder gezerrt, sondern ein Kind, das sich nicht die Zähne putzen will, wird zum Waschbecken geführt und wenn es selbst die Dinge nicht in die Hand nimmt, werden sie ihm kommentarlos und ruhig in die Hand gegeben. Wenn es weg laufen will, steht die Mutter hinter ihm und lässt es nicht gehen, sondern dreht es wieder zum Becken. Die non-verbale Botschaft lautet:” Du kommst hier nicht weg bis du deine Aufgabe erfüllt hast. “Durch die ruhige sichere Art der Erwachsenen, die niemals davon ausgehen, dass eine Aktion eines Kindes ein Angriff gegen sie ist, sondern stets annehmen, dass das Kind unwissend ist und Anleitung braucht, lernt das Kind von Anfang an, dass Erwachsene stark und kompetent sind und es sich auf sie verlassen kann.

Auch in verbal geäußerten Botschaften sollte man sich klar ausdrücken. Z.B. sollte man bei einem Bedürfnis nach Ruhe äußern: ”Ich brauche jetzt Ruhe!“und nicht: ”Geht draußen spielen!”

Wenn Regeln aufgestellt werden, sollte man auf ihre Einhaltung achten. Dazu ist Selbstdisziplin notwendig.

Beispiel: Wenn ich als Mutter meine Tasche in den Flur werfe, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass alle eintretenden Familienmitglieder ihre Sachen dazu werfen.

Zum Ziehen von Grenzen ist eine klare Entscheidung Voraussetzung: Wenn ein Verhalten auftritt, das man ablehnt, sollte man die Zeit und Energie aufwenden, den Konflikt anzugehen. Das bedeutet, dass man nicht ins Kinderzimmer hinüber schreit, die Kinder sollen ruhig sein, sondern zu den Kindern in Zimmer geht oder sie heran ruft, sie möglichst namentlich anspricht, Augen- oder Körperkontakt aufnimmt und eine klare Ich-Botschaft sendet, z.B.:”Ich habe Angst, dass du deinen Bruder verletzt, wenn du ihm das Auto auf den Kopf schlägst!”

Mögliche Gründe für kindliche Regel- und Grenzverletzungen

Wenn Kinder immer wieder Grenzen verletzen, kann dies folgende Ursachen haben:

  • Ich gestehe mir keine Rechte zu.
  • Meine eigenen Bedürfnisse sind mir unklar, sie verschwimmen in der ”Grauzone“.
  • Ich erkenne nicht, welches Verhalten mich stört und” flippe “zum falschen Anlass oder bei der falschen Person” aus “(”Verzögerte Reaktion“).
  • Ich kann mich nicht mitteilen: Die Reaktion des Gesprächspartners ist nicht wie gewünscht, sondern ich ernte Trotz, Widerstand, Rebellion, Aggression oder Gleichgültigkeit.
  • Mein Bedürfnis nach Harmonie ist größer als der Wille, die Verantwortung mir und den Kindern gegenüber zu übernehmen.
  • Ich habe Angst vor Konflikten, durch mein ”Friedenslächeln“, mit dem ich Konfliktgespräche begleite, werde ich nicht ernst genommen.
  • Ich sende widersprüchliche Botschaften (Double-Binds): Ich möchte bewusst das Verhalten der eigenen Eltern vermeiden, weiß aber nicht, wie es richtig ist oder kann meine Vorsätze nicht durchhalten.
  • Ich strebe bestimmten Idealen nach (Supermutter, ”tolerante“ Erzieherin oder Lehrerin), habe in Wirklichkeit andere Bedürfnisse, nach denen ich nicht wage zu handeln
  • Die Erwartungshaltung: ”Kinder sind eben so!“hindert mich daran, meine persönlichen Grenzen zu ziehen.
  • Die unerwünschten Verhaltensweisen von Kindern geben mir Gelegenheit an Kindern Aggressionen abbauen.
  • Ich projiziere eigene Wünsche auf mein Kind (Stolz auf wilde Kinder, weil man selbst gern weniger brav wäre: ”Ich wäre auch gern mal so rücksichtslos“,”Er ist ein toller Bursche“,”dieses Kind ist eben was Besonderes/besonders schwierig/intelligent!“)
  • Ich erliege meinem Bedürfnis nach Unterhaltung, indem ich unakzeptables Verhalten niedlich finde und darüber lächle oder lache, was sich dem Kind mitteilt und dessen unerwünschtes Verhalten verstärkt.
    Beispiel:
    Frau A. beklagt sich, dass ihr Sohn schon mehrfach fast vor ein Auto gelaufen sei, da er ihr auf der Strasse weg renne. Bei einem Spaziergang mit Mutter und Kind zur Beobachtung stellt sich heraus, dass Frau A. mit Lachen reagiert, wenn ihr Sohn sich los reißt und weg rennt. Die Beraterin informiert Frau A., dass Lachen von Menschen als positive Aufforderung verstanden wird und ein Verhalten, auch ein unerwünschtes, verstärkt.
  • Ich rede viel, bin aber kein oder ein schlechtes Vorbild durch einen Mangel an Selbstdisziplin.
  • Ich habe Angst vor Liebesverlust und versuche, mit dem Hinnehmen von Grenzübertretungen Liebes-Punkte zu sammeln.
  • Ich brauche ein schwieriges Kind um mich auf Trab zu halten und eine unterschwellige Depression in Schach zu halten oder mich von anderen Konflikten, z.B. Eheproblemen abzulenken.
  • Das Selbstbild des Kindes ist durch mein Verhalten ihm gegenüber bereits fest in der Rolle des ”Bösen“,”Störenfriedes“,”Kaspers“ verankert.
  • Ich bin resigniert und kann die von mir gewünschten Grenzen nicht aufrechterhalten.

Übung: Wo erkenne ich mich wieder? Welche Punkte treffen auf mich zu? Machen Sie sich die Punkte bewusst und steuern Sie dagegen an.

Indem Sie sich bewusst werden, wo Sie Dinge durchgehen lassen, die Ihnen eigentlich missfallen und mit etwas Übung der gezeigten Verhaltensweisen können Sie dafür sorgen, dass Ihre Kinder Sie in der Führungsrolle akzeptieren. Ihre Kinder werden davon profitieren, indem sie integrations- und arbeitsfähig sein werden. Ihnen bleibt durch das Ausbleiben unnötiger Diskussionen und Gemaule mehr Kraft für ein harmonisches Familienleben.

Autorin

Beatrice Bachmann, M.A., leitet den Verein für Christliche Ehe- und Familienarbeit e.V. mit dem Ziel der Scheidungs-Prävention. Dieser bietet nach biblischem Konzept Ehe-Beratung, Ehe-Seminare und Seminare zum Ehe-Berater.

Bücher: „Handbuch der Ehe- und Familienberatung“, “Zeit-Management für die Familie” u.a.

Kontakt

Beatrice Bachmann, M.A.
Christliche Ehe- und Familienarbeit CEF e.V.
Schlossstr. 18
88441 Mittelbiberach

Tel. 07351/300 37 36
Fax: 07351/300 36 45

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Erstellt am 18. März 2005, zuletzt geändert am 19. Februar 2016